Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Januar 2012

Song of Realization by Dudjom Lingpa

AH – The whole of samsara and nirvana is groundless and rootless.
The Vajra Queen is great space.
The great emptiness of space is the Great Mother.
All phenomena are apparitions
Of reality-itself and the sole nature.
Everything is born from the unborn.
The emergence of arising apparitions ceases.
Causes and conditions are extinguished right where they are.
Thus, the Teacher and the Teaching, the path and its fruits,
In reality-itself are devoid of signs and words.
The many avenues of method and wisdom
Appear as the great, natural event and natural arising.
The space of no-object and great openness
Is limpid, clear, and free of contamination.
All displays of the buddha-field, Teacher, and retinue
Are nonexistent, but from nonexistence they appear as existent.
That we praise with great wonder!

by Dudjom Lingpa

Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Januar 2012

Der Nutzen ethischer Disziplin

Alle spirituellen Pfade behandeln die Regeln des ethischen Verhaltens. Auch im Buddhadharma sind die Gelübde oder Versprechen in den drei Yanas (Fahrzeugen) Richtlinien und Haltegriffe auf dem Pfad der Befreiung. Entsprechend dem Tripitaka – den drei Lehrkörben – wurden die Vinayas (wörtl. „der Korb der Disziplin“) von Buddha zu dem Zweck gelehrt, um den fühlenden Wesen eine Methode zu geben, die menschlichen Schwächen zu zähmen. Longchenpa meinte dazu: „Die Wurzel der Lehre ist bekannt als moralische Disziplin. Und die moralische Disziplin nicht zu beachten führt zum Übel. Ohne den Schutz und die Zügelung sich zu beschützen, wird die Wurzel der Dharmapraxis nicht wachsen. Moralische Disziplin wird als die Basis jeder guten Qualität verstanden, als Leiter, die zu höheren Daseinsformen führt, als Reittier, mit welchem man zur Befreiung reiten kann. Deshalb mache alle Anstrengung, das Bewachen der Disziplin zu schätzen.“
Die Pfade der Befreiung sind so zahlreich wie es fühlende Wesen gibt. Dennoch kann man die Pfade der Befreiung in den Pfad der persönlichen Befreiung (Pratimokshayana), in den der allumfassenden Befreiung (Bodhisattvayana) und in den der grundlegenden Reinheit (Vajrayana) enteilen. Jeder Pfad bringt seine ihm entsprechenden Resultate hervor. Daher sind in jedem Yana (Fahrzeug) bestimmte Formen der ethischen Disziplin besonders zu beachten. Gerade in den höheren Tantras, die oft als stufenloser Pfad bezeichnet werden, ist ethische Disziplin aufgrund der Wirksamkeit des Pfades besonders wichtig. Wie Lehrer immer wieder anmerken, sollen Schüler nach außen die strengen Regeln des Hinayana einhalten, auch wenn sie eigentlich Praktizierende des Dzogchen sind.

Persönliche Freiheit erlangen

Der Dharma wird gemäß Dzogchen in neun Fahrzeuge oder Pfade eingeteilt, die bloß Stufen auf dem Pfad sind. So wie die geistige Betätigung unaufhörlich ist, kann man sich auch nicht mit all der unfassbaren Anzahl von Fahrzeugen beschäftigen. Wie Aufenthaltsorte, die zum einzig wahren Pfad führen, besitzt ein jedes seinen eigenen zugehörigen Gipfel und sein Ergebnis. Obwohl diese als die individuelle Entsagung eines jeden Fahrzeugs erreichbar sind, welches Ergebnis erreicht man, wenn man nicht in den einen Pfad aller Fahrzeuge eintritt?
Daher hat S.H. Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe in seinem Kommentar „Vollkommenes Verhalten. Das Ermitteln der drei Gelübde“ die Merkmale der grundlegenden Fahrzeuge, die wie Aufenthaltsorte dienen, die die Schüler auf dem einzig wahren Pfad aufnehmen, dargelegt. Obwohl jedes Fahrzeug seine eigenen Ergebnisse bewirkt, dennoch wird das letztendliche Resultat der Buddhaschaft nicht erlangt, daher sollte man ins Vajrayana, eintreten und es praktizieren.
„Gemäß der Tradition der Großen Vollkommenheit sind das Sravakabuddhayana, das Pratyekabuddhayana und das Bodhisattvayana die drei ursächlichen Fahrzeuge mit Merkmalen. Das Kriyatantra, das Ubhayatantra und das Yogatantra sind die drei äußeren Tantras und das unübertreffliche Vater-Tantra des Mahayoga, jenes, das als Mutter-Tantra (Anuyoga) und die nonduale tantrische Klasse des Atiyoga sind die drei inneren Tantras, (die die neun Fahrzeuge vervollständigen).“
Das Sravakayana wird allgemein als der Pfad bezeichnet, bei dem man sich auf die Worte des Lehrers stützt, die dann, wenn man sie verstanden hat, wiederum anderen gelehrt werden. Das Pratyekayana ist der Pfad, auf dem man sich ohne einen spirituellen Mentor bewegt. Hier versucht der Aspirant alleine das Ergebnis des Sieges über die zyklische Existenz zu erlangen.
Es gibt acht Arten der Pratimoksha, die in der Vinaya festgelegt sind: Gelübde für Laien, für Ordinierte und die Fastengelübde für einen Tag (skt. Upavasa). Die Pratimoksha Gelübde (Ordination) werden mit der Motivation der Entsagung, dem Wunsch Nirvana zu erlangen, genommen. Die Laiengelübde für die individuelle Befreiung sind: Sich vom Töten enthalten, sich enthalten vom Diebstahl, sich enthalten von unrechtem sexuellen Verkehr, sich der Lüge und sich von Rauschmitteln zu enthalten. In der Laien‐Pratimoksha kann man ein Gelübde, zwei, drei, vier oder alle fünf nehmen, im letzteren Fall kann man das dritte Gelübde auch als Zölibatsgelübde (Brahmacharya) nehmen. Wer keines der Gelübde nehmen kann, kann diese Laienordination auch nur mit der Zuflucht nehmen. Die Novizengelübde für die individuelle Befreiung gliedern sich in die Vermeidung der vier Arten des Tötens, Stehlen und sexuelles Fehlverhalten zu vermeiden, die 13 Arten der Lüge aufzugeben sowie die 14 Untugenden Kraft den Regeln Buddhas zu vermeiden. Damit die Ordination eines Mönchs oder einer Nonne nicht degeneriert sollte man nicht die Leben eines Laien beibehalten, die Gelübde der Mönche und Nonnen aufgeben oder dem eigenen Abt oder Lehrer Dienste verweigern.
Dies ist ein kurzer Überblick, die volle Anzahl der Regeln der Vollordinierten sehr umfangreich ist. So umfasst das Theravada Vinaya (in Burma, Kambodscha, Sri Lanka und Thailand): 227 Regeln für Bhikkhus (vollordinierte Mönche), 311 Regeln für Bhikkhunis (vollordinierte Nonnen); Dharmagupta Vinaya (in China und Teilen Japans und Koreas): 250 Regeln für Bhikkhus, 348 Regeln für Bhikkhunis. Mulasarvsaravada Vinaya (in Tibet, Indien und Teilen Japans): 253 Regeln für Bhikkhus; 364 Regeln für Bhikkhunis.

Die Freiheit, die anderen nützt

Ngulchu Thogme Zangpo formulierte in den „37 Übungen eines Bodhisattvas“ im Vers 26: „Wenn man ohne ethische Disziplin nicht einmal das eigene Wohl erreicht, Wäre es lachhaft, das Wohl der anderen erzielen zu wollen. Deshalb sollte ich die ethische Disziplin behüten, welche frei von Verlangen nach Weltlichem ist. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.“
Bodhisattvas streben danach, ohne Mutlosigkeit oder Befürchtungen, das vollständige Erwachen durch das Erfüllen der Bestimmung der anderen zu erlangen. Diese Art des mutigen Strebens und Bemühens bezeichnet solche Aspiranten als die „Tapferen“, dies ist die Bedeutung von Bodhisattva“.
Die Bodhisattva-Gelübde nimmt man mit der Einstellung von Bodhicitta. Im Bodhisattvayana gibt es 18 Wurzelgelübde sowie ein große Zahl an Nebengelübden. Die Essenz von allen ist anderen nicht zu schaden, sondern zu helfen, alle Handlungen mit Liebe und Mitgefühl und ohne selbstsüchtige Motivation ausführen.
Aryadeva in den Vierhundert Versen: „Das Geben von Spenden wird Menschen mit geringeren Fähigkeiten empfohlen, ethisches Verhalten Menschen mit mittleren Fähigkeiten, Und Weisheit denen mit großen Fähigkeiten.“
Die Resultate, die durch die Praxis dieser drei Fahrzeuge erlangt werden, sind dem Resultat der Buddhaschaft gleich, aber sie sind nicht das letztendliche Ergebnis. Daher sind sie auch als die Pfade bekannt, die „Merkmale“ besitzen (ähnlich jenen, die das Erwachen erzeugen). Sie werden auch als die drei Ursachenfahrzeuge bezeichnet, weil, obwohl jedes einzelne Fahrzeug seine ihm zugehörigen Ergebnisse hervorruft, diese nicht das Resultat der Buddhaschaft sind.

Frei ohne Anstrengung

Auch der große Lehrer Je Tsongkhapa betonte die Bedeutung der ethischen Disziplin für das Leben der Yogis: „Disziplin macht einen abgelenkten Geist unabgelenkt, Konzentration einen unbalancierten Geist balanciert und Weisheit einen unbefreiten Geist befreit. Sie bringen alle Aufgaben eines Yogis oder einer Yogini zur Vollendung.“
Das Kriyatantra richtet sich in erster Linie auf die Handung aus und das Upatantra (auch bekannt als Ubhayatantra) auf Sicht und Verhalten. Das Yogatantra hat seinen Schwerpunkt auf der inneren Meditation. Diese drei sind vergleichbar mit den drei Fahrzeugen unter ihnen, weil sie spirituelle Verwirklichung von einer äußeren Quelle zu erlangen suchen. Daher werden sie die drei „äußeren Tantras“ genannt. Obwohl es viele Wege gibt, in denen die inneren Tantras erhabener als die äußeren sind, liegt kurz zusammengefasst der Unterschied in der Sicht, Meditation und im Verhalten der inneren Tantras. Diese besitzen eine ungewöhnliche Macht, die sie als unübertroffene Tantras qualifiziert. Das erste innere Tantra ist das Vater-Tantra (Mahayoga), das sich hauptsächlich auf die Methode der Erzeugungsstufe richtet. Das Mutter-Tantra (Anuyoga) richtet sich auf die Weisheitsnatur der Vollendungsstufe. Das nonduale Tantra, Atiyoga (auch als binduyoga bekannt), richtet sich auf die Stufen des untrennbaren Klar-Licht. Jedes dieser drei Fahrzeuge verwirklicht die Sicht, die realisiert, dass Samsara und Nirvana von gleicher Natur sind. Deshalb werden spirituelle Errungenschaften nicht außen gesucht. Aus diesem Grund sind sie als die drei „inneren Tantras“ weithin bekannt.
Im Vajrayana gibt es die 19 Hauptverpflichtungen der fünf Buddha-Familien (6 Vairocana, 4 Akshobhya, 4 Ratnasambhava, 3 Amitabha, 2 Amoghasiddhi). Dann gibt es die 14 Wurzelgelübde des Tantra und die drei Nebengelübde. Die Wurzelgelübde sind: den Vajra-Meister verspotten oder herabwürdigen; die drei Ebenen der Gelübde (= das Wort des Sugata) übertreten; mit den Vajrageschwistern streiten; aus Ärger heraus an unseren Vajrabrüdern und Vajraschwestern Fehler suchen; die Liebe für die fühlenden Wesen aufgeben; den Erleuchtungsgeist – Bodhichitta – aufgeben; unsere eigenen Lehren oder jene, die sich darauf beziehen bzw. andere Lehren verspotten; unreifen (Menschen) vertrauliche Lehren enthüllen; die fünf Aggregate, die uranfänglich rein sind, verschmähen oder verachten; die Leerheit ablehnen bzw. Zweifel in die inneren Lehren der Tantras entwickeln; sich gegenüber Wesen, die beständig negativ handeln (gegenüber der Lehre), liebevoll verhalten; sich Vorstellungen (Konzepte) über die wortlose Natur machen bzw. nicht kontinuierlich über Leerheit meditieren; die, die Vertrauen haben, abschrecken; sich nicht korrekt auf die Substanzen stützen, die einen stark mit der tantrischen Praxis verbinden; sowie Frauen, die ihrer Natur nach Weisheit sind, verspotten oder herabwürdigen. Die drei Nebengelübde des Tantra lauten: die vier grundlegenden destruktiven Handlungen aufgeben, ebenso Alkohol und anderes Fehlverhalten, sich weisen spirituellen Lehrern anvertrauen/widmen und Dharmabegleiter ehren und respektieren; die zehn konstruktiven Handlungen kultivieren, die Ursachen vermeiden, den Mahayana aufzugeben und Gottheiten/Götter, Gegner der Götter, und niedere Geister herabzusetzen oder über ihre Objekte zu steigen.
Weiters gibt es acht bzw. zehn grobe Übertretungen im Tantra. Diese sind: Sich gewaltsam eine Weisheitsgefährtin anzueignen; gewaltsam auf ihren Nektar zurückzugreifen; Geheimnisse nicht vor denen zu verbergen, die ungeeignete Gefäße sind; kämpfen oder Streiten während eines Ganachakra Rituals, falsche Antworten auf Fragen von jemandem zu geben, der Vertrauen hat; sieben Tage mit einem Anhänger des Sravaka‐Fahrzeugs verbringen; sich falsch und arrogant als realisierten Yogi herauszustellen, ohne einer zu sein; ein Einweihungsritual durchzuführen, ohne ein Retreat usw. durchgeführt zu haben (gilt für Einweihung geben und Selbst‐Einweihung, wenigstens Annäherungsretreat und Feueropfer usw.) und ohne guten Grund die Pratimoksha oder Bodhisattva Gelübde übertreten (in der mündlichen Tradition wird hier noch zusätzlich erwähnt: „Entgegen dem Verhalten der Fünfzig Verse der Guru‐Hingabe zu handeln“.)
Weiters gibt es für spezielle Tantras oder Tantraklassen noch zusätzliche bzw. abweichende Gelübde. So hat das Kalachakra-Tantra etwas andere Gelübde, wobei die Grundlage jedoch dieselbe ist. Dabei gibt es auch 25 Handlungsverpflichtungen für das Kalachakra-Tantra. So gibt es für das Mutter-Tantra acht Verpflichtungen. Für das Chakrasamvara-Tantra gibt es weiters noch acht Arten des reinen Verhaltens, für das Hevajra-Tantra gibt es zusätzlich vier Verpflichtungen des Vajra-Verhaltens. Guru Rinpoche hat für die Nyingmapas ein weiteres Gelübde formuliert, nämlich alles als Manifestation des Gurus zu sehen. Weiters gibt es noch die sechs bindenden Praktiken der fünf Buddha-Familien.
Zusätzlich dazu gibt es noch eine Vielzahl an Gelübden, die von den verschiedenen Meistern formuliert wurden. Eine detaillierte Darstellung würde hier den Rahmen sprengen. Daher ist Praktizierende angeraten, die Samayas mit ihren jeweiligen Lehrern zu erörtern. Diese können aus ihrer Erfahrung auch auf etwaige Schwierigkeiten hinweisen und das Verständnis klären.

Alle Pfade, die zur Befreiung führen, finden sich in diesen neun Fahrzeugen. Praktizierende des höchsten Pfades müssen daher nicht nur jene Samayas beachten, die auf ihrer Praxisstufe formuliert wurden, sondern auch alle darunterliegenden Verpflichtungen. Dies zeigt sich auch im Praxistext der Gelübdenahme: „Ich werde niemals, nicht einmal in meinen Träumen, selbst das kleinste Training der Gebote, die meine Pratimoksha, Bodhisattva, und Tantra Gelübde rein halten, übertreten.“ Da es eben eine Vielzahl an Gelübden gibt, werden sie öfters auch in kleinen Merksätzen zusammengefasst. Wie schon der Buddha sagte, ethische Disziplin bestehe „Im Entschluss, keine negativen Handlungen mehr zu begehen.“

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Januar 2012

Ganachakra… – das rituelle Fest im Tantrayana

Tsog bedeutet Versammeln. Wir tragen gemeinsam die Dinge zusammen, die wir opfern werden und wir selbst versammeln uns zur Praxis. Versammelt mit anderen Übenden richten wir unseren Geist auf den gleichen Raum aus, geben uns gemeinsam Inspiration. Daher ist dies auch besser, als die Puja alleine im eigenen Zimmer zu machen. Dies ist eine weitere Bedeutung von Tsog. Daher ist es sehr gut, wenn viele Leute gemeinsam versuchen, mit einsgerichtetem Geist gemeinsam bei einer Zusammenkunft zu üben. Wenn sich der Geist von zehn, zwanzig oder gar hundert Leuten am selben Ort trifft, dann ist das sehr machtvoll.
Das Tsog-Opfer ist aber auch noch eine tiefgründige Methode der Reinigung, ein tiefgründiger Weg um Verwirklichung zu erlangen. Wenn man den Gebetstext für diese Praxis genau durchliest, sieht man, dass viele Themen der Realisation darin vorkommen. Es kann also vorkommen, dass man bei der eigenen täglichen Praxis keine sichtbaren Fortschritte macht, aber plötzlich während einer Puja geschieht es, weil man dabei auch noch eine förderliche Atmosphäre geschaffen hat. Wumms! – Und Verwirklichung entsteht im eigenen Geist. Viele Leute haben während einer Puja schon Verwirklichungen allein aufgrund der Atmosphäre gehabt. Normalerweise schieben wir uns an, um etwas zu erlangen, aber nichts geschieht, weil wir keinen Raum entstehen haben lassen, damit sich etwas ereignen kann. Bei einer Zusammenkunft um einen Tsog zu opfern, schaffen wir Raum. Wenn sich dann der richtige Raum öffnet, wird Verwirklichung wie von einem Magneten angezogen. Um wachsen zu können, braucht man auch die geeignete Umgebung. Wir brauchen als Praktizierende daher die richtige Atmosphäre. Deshalb ist es auch wichtig, dass man sich mit anderen Praktizierenden zur Übung versammelt und alle ihren Geist auf denselben Ort ausrichten.

Die Bedeutung der Zusammenkunft

Der Zweck eines Tsog-Opfers besteht darin, die Gelübde (samaya) zu erneuern und wieder herzustellen bzw. geschehen Vernachlässigungen oder Mängel in den heiligen Banden zu reparieren. Der Name „Tsog“ bedeutet „Versammlung“, „Vervielfachung“ oder „Ansammlung“. In diesem Fall ist dies auch ein Kurzbegriff für tsogs kyi ‘khor lo, der Kreis der Versammlung oder das Rad der Vervielfachung. Und dies bezieht sich sowohl auf die zusammengetragenen Opfergaben für das Fest wie auch für die Versammlung der Gottheiten und der Praktizierenden. Durch die tantrische Weihe und Opferung der Tsog-Substanzen wie auch dem rituellen Vereinigungsfest, das die Gottheiten und Praktizierenden gemeinsam feiern wird das Band (samaya) zwischen Praktizierenden und Gottheit wie auch zwischen der Gruppe der Praktizierenden wieder hergestellt und fest gemacht.
Die Praktizierenden sehen sich in ihrer erleuchteten Wesensnatur. Die verwendeten Opfersubstanzen in fester und flüssiger Form sind geschickte Mittel (essbare Nahrungsmittel) und Weisheit (Getränke). Durch die Praxis wird Hingabe und Mitgefühl angesammelt, wie auch jene Weisheit, die aus der Entwicklung dem Verweilen ohne Bezugspunkt entsteht. Die Opfersubstanzen sind in den verschiedenen Geschmäckern wie süß, sauer, salzig, bitter, scharf, aber auch Wein bzw. Alkohol, Blumen und Fleisch sind dabei. Diese Opfergaben sollten ohne Vorlieben oder Abneigungen genossen werden, ohne dabei die Meinung zu vertreten, dass jemand zu viel oder zu wenig bekommen hätte.

Das Ritual der Versammlung

Eine vollständige Tsog-Praxis ist niemals eine alleinstehende Übung. Sie ist immer in eine Gottheitenpraxis eingebunden. In einer langen Gottheitenpraxis nimmt der Tsog technisch gesehen den Hauptteil des untergeordneten Rituals ein, welches auf die Gottheitenmeditation und die Mantrarezitation folgt. Aber wie immer auch, wenn jemand regelmäßig Gottheitenmeditation ausführt und dies ins tägliche Leben (und während Retreats) integriert, so kann man jede Mahlzeit zu einem Tsog-Opferfest machen und die Lehrer weisen auch immer wieder darauf hin, dies zu tun.
Außer dass man den Text in einem solch täglichen Zusammenhang rezitiert, hat eine kurze Tsog-Opferpraxis zwei verschiedene alternative Verwendungen in einer formalen Ritualpraxis. Man kann dies auch in eine vollständige Tsog-Praxis mit vielen ausführlichen Abschnitten integrieren. Jedenfalls wird eine zusammengefasst Tsog-Opferung am Höhepunkt des Rituals verwendet. Der Text wird dabei wiederholt, während die Tsog-Substanzen zerteilt und ausgeteilt werden. Alternativ kann dies auch als eine vollständige Praxis selbst verwendet werden. Jedenfalls wird der Tsog nach der Hauptpraxis der Mantrarezitation der Gottheit (und der Anrufung an die Schützer, wenn angebracht) ausgeführt. Weiters ist es wichtig, dass der Tsog-Opferung eine Bekenntnispraxis voraus geht, um jedwede Samaya-Vernachlässigung vor dem Tsog angemessen zu bereinigen. Dazu gibt es zu diesem Zweck in der Tradition Dudjoms das „Unausdrückbare letztendliche Bekenntnis“ und ebenfalls die Bittgebete. Aber es gibt auch noch weitere Bekenntnisgebete, die zwischen diesen beiden erwähnten Gebeten gesprochen werden können. Man kann also je nachdem, wieviel Zeit man zur Verfügung hat, alle zusammen oder nur eines davon sprechen. Nachdem die Tsog-Rezitation fertig ist, kehrt man zur Hauptpraxis der Gottheit zurück, um die Auflösung des Mandalas, dann die Widmungs- und Wunschgebete zu rezitieren.
Da das Tsog-Ritual eine geschickte und wirkungsvolle Praxis ist, die sehr rasch zu Ansammlung und Reinigung führt, gibt es auch bestimmte Tage nach dem Mondkalender, an denen ein solches Ritual durchgeführt werden sollte. Der 10. und der 25. Tag des Mondkalenders sind am wirksamsten für diese Praxis. Am 10. Tag des Mondkalenders ist die männliche Energie am höchsten und am 25. Tag die weibliche. Daher wird am 10. Tag die Guru-Puja oder Heruka-Puja und am 25. Tag die Dakini-Puja durchgeführt.

Das Leben ist ein Fest

Eine Tsog-Praxis ist auch eine ausgezeichnete Möglichkeit, Verdienst anzusammeln. In der Philosophie des Sutrayana spricht man über Karma, indem man sagt: „Schaffe gutes Karma und du wirst dieses oder jenes gute Ergebnis erlangen.“ Beim Zusammenkommen für ein Tsog-Ritual wird durch das Prinzip des wechselseitig bedingten Entstehens für die unmittelbare Praxis Förderliches zusammengetragen, die Sicht von sich selbst als Gottheit und der Umgebung als Weisheitsmandala fördert die richtige Atmosphäre, in der Verwirklichung sich einstellt.
Eine weitere Bedeutung von Tsog ist „Fest“ oder „Party“ – ein Fest, bei dem alle Praktizierenden gemeinsam gleichzeitig entstandene Weisheit und Glückseligkeit austauschen. Die Praktizierenden erkennen sich in ihrer Buddha-Natur.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Januar 2012

Die Klinge aus Meteoriteisen

Der Namchak Putri oder die Belehrungen der Razierklinge aus Meteoriteisen zu Vajrakilaya

Rituelle Meditationen auf die tantrische Gottheit Vajrakilaya (= Dorje Phurba im Tibetischen) bilden eine der hauptsächlichen und zentralen Traditionen der Praxis im Vajrayana, da sie alle neun Fahrzeuge der Praxis und besonders die drei inneren Fahrzeuge (yanas) des Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga beinhaltet. Die Hervorbringung als Vajrakilaya kommt aus den Belehrungen des Mahayoga (Großer Yoga), bei der alle Erfahrungen in den erleuchteten Ausdruck verwandelt werden und das Verhalten ist in Übereinstimmung mit dem Mahayoga. Meditiert man auf Vajrakilaya als die natürlichen Eigenschaften der Natur des illusorischen Ausdrucks des Geistes, ist dies in Übereinstimmung mit dem Pfad des Anuyoga. Die Sicht in der Vajrakilaya-Praxis ist die Verwirklichung des Atiyoga, als die ungeborene, unaufhörlichen und ungekünstelte Erfüllung.
Die Vajrakilaya-Tantras bilden eines der 18 Hauptsysteme des Mahayoga, das früh in der Tradition der Älteren Überlieferung (ynga ‘gyur rnying ma) der Lehren des buddhistischen Tantra in Tibet etabliert wurde. Weiters ist Vajrakilaya eine der acht Hauptgottheiten (yidam) für die persönliche spirituelle Transformation (sgrub pa bka‘ brgyad), wobei dieser Yidam speziell mit der erleuchteten Aktivität verbunden ist. In der Praxis hat Vajrakilaya die am meisten lebendige spirituelle Tradition und ist die beliebteste unter all den tantrischen Gottheiten der Nyingmas. Tatsächlich wird oft gesagt, dass Vajrakilaya der Yidam aller Ningmpapas ist. Viele tantrische Linien von Vajrakilaya werden noch immer bewahrt. Jede Generation von Lehrern setzt fort, sowohl durch die Zeichen der spirituellen Verwirklichung als auch in den erleuchteten Eigenschaften des Meisters, ihre Verwirklichung zu zeigen, indem sie anderen mitfühlend helfen, ihre Hindernisse zu beseitigen und auf dem spirituellen Pfad voranzuschreiten.
Wie Kyabje Dudjom Rinpoche – Guru Padmasambhavas Inkarnation – im vollständigen Ritualhandbuch zum Namchak Putri schrieb: „(Vajrakilayas) höchste und gewöhnliche Siddhis (Verwirklichungen) werden sehr leicht erlangt und die Macht (seines) Mitgefühls ist, verglichen mit den anderen Yidams, besonders rasch. Daher ist (er) sicherlich die einzigartige geheime Herzensgottheit von all den verwirklichten Vidyadharas (Weisheitshaltern) von Indien und Tibet.“ (Gesammelte Werke, Band Tha; Seite 80).
Vajrakilaya ist eine zornvolle Form von Vajrasattva, der reinen Vajra-Natur der Erleuchtung. In diesem Symbolik wird das Mitgefühl der Buddhas kraftvoll ausgedrückt, um auf mächtige Weise die fest verwurzelte Unwissenheit und die emotionalen Störungen, die die Hindernisse verursachen,  die günstige Bedingungen überlagern und das Heraufdämmern der Verwirklichung verhindern, an der der Wurzel ausgerissen. Somit ist der Phurba oder Phurbu das Symbol des Mitgefühls, der Ritualdolch, der in die Hindernisse und die feindlichen Kräfte der Verkörperung der Unwissenheit gestoßen wird und ihr Bewusstsein in die Buddha-Felder übertragen wird. In den oftmals wiederholten Worten der Wurzelverse des Kilaya, „durchtrennt der Vajra-Zorn allen Haß“ (rdo je khros pas zhe sdang gcod). Das negativste und am meisten zerstörende emotionale Gift von Hass und Aggression wird gänzlich besiegt und durch den mitfühlenden erleuchteten Zorn der Gottheit, die unsere eigene reine innere Natur ist, unbefleckt von den Wirren der emotionalen Störungen, verwandelt. Daher ist diese Praxis einfach sehr wirksam im Unterwerfen aller Störungen von Ärger, Täuschung, Eifersucht, Stolz, Leidenschaft usw. Ebenso wie dies ein Pfad für die spirituelle Entwicklung ist, ist die Praxis des Vajrakilaya wirkungsvoll im Befrieden von gesellschaftlichen Konflikten und Störungen, und ebenso bei der Reparatur der Brüche in den tantrischen Samayas wie z.B. in den Beziehung in der Gemeinschaft der Dharma-Praktizierenden.
Neben den besonderen spirituellen Eigenschaften dieser Gottheit fand Vajrakilaya in der Nyingma-Praxis eine weite Verbreitung, da er berühmt dafür ist, die erwähle Gottheit von Padmasambhava, dem „kostbaren Lehrer“ – Guru Rinpoche – zu sein, der als der Gründer der Älteren Überlieferung in Tibet angesehen wird. In einer Übertragungslinie der tantrischen Hauptgottheiten übertrug die Khandro Lekyi Wangmo (las kyi dbang mo) – die Königin der Aktivität – auch bekannt als Dewä Khorlo (Kreis der Glückseligkeit) die acht Sadhana-Zyklen an die acht Vidyadharas (Wissenshalter). Sie war eine Schülerin der Gottheit Vajrakumara, dem jugendlichen Vajra, der Vajrakilaya selbst ist. Bei dieser Gelegenheit erhielt Guru Rinpoche an der Sitavana-Leichenstätte speziell die Übertragung von Vajrakilaya und nach dem Erhalt der Ermächtigung gab ihm Khandro Wangmo den Namen Padmasambhava. Er sagte auch, die Vajrakilaya-Lehren bei anderen Gelegenheiten von anderen Quellen erhalten zu haben.
Eine weiterer Bericht handelt davon, wie Padmasambhava die Texte des Vajrakilaya-Tantras, genannt „Vidyottama la ‘bum sde“ sammelte und durch die Praxis von Vajrakilaya in Yangleshö (Nepal) Verwirklichung erlangte und wie er dann diese Textsammlung in Tibet überlieferte. Diese Schilderung findet sich in vielen Texten und kürzlich wurde dies auch in einem handgeschriebenen Büchlein, das durch moderne Untersuchungen auf das späte 10. Jhdt. datiert wurde, gefunden.
Eine immer wiederkehrende Erzählung in der Literatur über Padmasambhava und Vajrakilaya ist, dass er die Übertragung vom indischen Meister Prabhahasti, zusammen mit Vimalamitra und dem Newari Shilamanu erhalten hat. Jeder von ihnen erlangte sein eigenes Verständnis, was sie dann in einem maßgeblichen Vajrakilaya-Zyklus kombinierten.
Jedoch nicht nur Guru Rinpoche und die Meister Indiens und der Newari sind mit Vajrakilaya besonders verbunden. Khandro Yeshe Tsogyal, berühmt in allen traditionellen Berichten als die tibetischen Hauptschülerin und Gefährtin von Guru Rinpoche, hat Vajrakilaya als ihren Haupt-Yidam genommen und durch diese Praxis in Kurteo, Senge Dzong (Bhutan), Erleuchtung erlangt. Einige der anderen nahen Schüler von Guru Rinpoche sind ebenfalls wegen ihrem Fokus auf Vajrakilaya und durch das Zeigen der Zeichen des meditativen Erfolgs als Ergebnis bekannt.
So bedeutend sind die frühen Vajrakilaya-Traditionen, das in der längsten Ausgabe der Älteren Tantra Sammlung (rNying ma‘i rguyd ‘bum) es ungefähr 70 Vajrakilaya-Texte mit insgesamt 4.000 Seiten gibt. Die Dudjom-Sammlung der historisch übermittelten Lehren (bKa‘ ma) hat 84 Vajrakilaya-Texte mit insgesamt 2.692 Seiten. Die spirituelle Wirksamkeit des frühen mündlichen Erbes mündete auch in Schlüsselpassagen der heiligen tantrischen Liturgien, die durch diese Texte bewahrt und innerhalb der weiterhin lebendigen Tradition der Vajrakilaya-Praxis verbreitet wurden.
Die Schatztexte (gter ma) des Vajrakilaya ergänzen die historisch überlieferten Vajrakilaya-Tantras und Kommentare. gTer mas oder Entdeckungen von Texten stellen eine direkte Verbindung zwischen berühmten Gruppe von Guru Rinpoche und seinen unmittelbaren Schülern mit den Meistern späterer Generationen, die den Text entdeckt haben, her. Der Entdecker wird als eine Wiedergeburt von jemandem aus dem ursprünglichen Kreis der erleuchteten Schüler angesehen, der bestimmt dafür war, sich zu erinnern und die Praxis zu spätererZeit, wenn sie am meisten gebraucht wird, wieder zu entdecken. Fast alle der vielen Meister, die Textentdeckungen gemacht haben, haben auch einen Vajrakilaya-Zyklus entdeckt. Daher hat die Tradition der Schatztexte noch eine weitere Zahl an Texten dazu bekommen. Eine Sammlung von Vajrakilaya-Texten wurde von Zenkar Rinpoche im Jahre 2002 veröffentlicht mit sowohl historisch übermittelten Werken wie auch Schatztexten und diese umfasst über 1.200 Texte in 41 Bänden. Dennoch beinhaltet diese Sammlung nur eine repräsentative Auswahl der gewaltigen Schriften zu Vajrakilaya.
Aus den vielen wunderbaren Überlieferungen zu Varjakilaya ist der Dudjom Namchak Putri (Die Razierkilinge aus Meteoriteisen, die Mara besiegt) eine der längsten und tiefgründigsten. Sie beinhaltet den vollen Segen der Praxislinie. Sie ist eine unmittelbare spirituelle Enthüllung der besonderen Kraft für unsere Zeit. In ihr verbinden sich die heiligen Worte aus den Vajrakilaya-Wurzeltantras mit Schlüsselteilen der Hauptlinien von Vajrakilaya und der erleuchteten Wissenschaft der Vajrakilaya-Kommentare.
Der Dudjom Namchak Putri (gNam lcags spu gri) wurde aus der Enthüllung des Heruka Dudjom Lingpa, dem ersten Dudjom Rinpoche (1835 – 1904) entwickelt. Heruka Dudjom Lingpa war ein erleuchteter Meister, der visionäre Begegnungen mit Guru Rinpoche und den Weisheitsgottheiten schon in früher Kindheit hatte, und der in der Tradition von Dudul Dorje (1615 – 1672) unterwiesen wurde. Er wurde als eine Wiedergeburt von Khye‘u-chung Lotsawa erkannt, der ein Herzensschüler von Guru Rinpoche war und er entdeckte viele Schatztexte. Seine Vajrakilaya-Entdeckung der Versiegelten Geheimen Herzenspraxis (Thugs sgrub gsang ba rgya can), der im Band Ca seiner gesammelten Werke enthalten ist, ist Teil seines berühmten Zyklus der Tiefgründigen Geheimen Herzessenz der Dakini (Zab gsang mkha‘ ‘gro snying thig). Diese Enthüllung wurde der Kern des Dudjom Namchak Putri, wie sie von der anerkannten Wiedergeburt des Heruka Dudjom Lingpas, dem Terchen Chökyi Gyalpo (Großen Schatzfinder, dem Dharma-König) Kyabje Dudjom Rinpoche Jigdrel Yeshe Dorje (1904 – 1987), vorgelegt wurde. Der Name „Namchak Putri“ leitet sich aus den Entdeckungen von Dudul Dorje ab.
Kyabje Dudjom Rinpoche, der der größter Tertön unserer Zeit ist, erhielt das Shokser (gelbe Schriftrollen, auf denen ein Tertön die Entdeckungen schreibt) in seiner Kindheit. Im Alter von 19 Jahren schrieb er Kommentare zu Dzogchen. Er erhielt seine eigenen Geist-Schätze einschließlich der Zyklen zu den drei Wurzeln des Vajrayana – dem Guru, der Yidam-Gottheit und der Dakini. Kyabje Dudjom Rinpoches Entdeckungen sind weithin bekannt auf die Tiefe ihrer Bedeutung und ihrer zusammengefassten Formulierungen. Mit einer Linie direkt von Guru Rinpoche her, enthalten sie enormen Konsekration und Segenswünsche. Sie sind umfassend im Wirkungsbereich mit vollständigen Zyklen sowohl der männlichen wie auch der weiblichen Aspekte der tantrischen Tradition. Gleichzeitig sind sie kurz und bündig, indem sie die wesentlichsten Punkte der riesigen vielbändigen Sammlungen der Vajrayana-Lehren zusammenfassen.
Kyabje Dudjom Rinpoche praktizierte intensiv den Vajrakilaya von Heruka Dudjom Lingpa und meisterte diesen. Und im Zuge dessen hatte er seine eigene Vajrakilaya-Entdeckung. Weiters meisterte Kyabje Dudjom Rinpoche viele andere Offenbarungen der Nyingma-Tradition und wurde ebenfalls ein bekannter Gelehrter des Erbes der Schriften und Kommentare. Als gewähltes Oberhaupt der Nyingma-Schule in der Zeit der größten Krise des tibetischen Buddhismus im 20. Jhdt., übernahm Kyabje Dudjom Rinpoche die Verantwortung für das Erhalten, Bearbeiten und Entwickeln der Nyingma-Schriften und des Korpus der Praxistexte. Diese Arbeit beinhaltete das Bearbeiten und das Verfassen neuer Texte für viele der Haupttraditionen von Vajrakilaya. Im Zusammenstellen des Dudjom Namchak Putri und im Verfassen seiner eigenen Beiträge dazu, bezog sich Kyabje Dudjom Rinpoche auf seine gewaltige erleuchtete Gelehrtheit und Praxiserfahrung in den Vajrakilaya-Traditionen, ebenso auch auf seine eigene Weisheit und die Vision der ursprünglichen Schatzenthüllungen. Kyabje Dudjom Rinpoche verfasste über zwei Textbände zum Namchak Putri, die ganzen Bände Tha und Da seiner gesammelten Werke, ebenso ein Teil des Bandes Za.
Der Dudjom Namchak Putri beinhaltet besonders ausführliche Belehrungen zu den vier Arten des Durchstechens mit Phurba (phur bu thal ‘byin bzhi), die die zusammengefasste Essenz aller Vajrakilaya-Überlieferungen sind. Der „Phurba des reinen Weisheitsgewahrseins“ (rig pa ye shes kyi phur bu) wird ausdrücklich in der Dzogchen-Sektion der Sammlung dargelegt. Der „Erschienene Phurba des Mitgefühls“ (thugs rje sprul pa‘i phur bu) wird im Ritualhandbuch und seinen langen Kommentaren. Kyabje Dudjom Rinpoche ist ausgesprochen bekannt für seine ausführliche Behandlung der Erzeugungsstufe in dieser Praxis. Der „Phurba des geheimen Bodhicitta“ (gsang ba byang sems phur bu) erstreckt sich in seiner gesamten Länge auf den Yoga der subtilen Kanäle und Energien (rtsa rlung). Diese drei Arten des Durchstoßens mit dem Phurba sind alle auf das Hauptritual (stod las) zum Erlangen der Erleuchtung gerichtet. Das letzte Durchstoßen mit dem „symbolischen materiellen Phurba“ (mtshan ma rdzas kyi phur bu) ist auf die Befreiung der feindlichen Kräfte und Hindernisse gerichtet und findet sich sehr detailliert im Abschnitt des Ergänzungsrituals (smad las) der Sammlung.

Diese Darstellung stammt ursprünglich vom Kloster Jangsa Dechen Chöling aus Kalimpong (2010). Freundlicherweise von Cathy Cantwell zur Verfügung gestellt.
Vom Ngak‘chang Rangdrol Dorje im Jahr des Eisen-Hasen ins Deutsche übersetzt.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Januar 2012

2011 in review

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

Das Sydney Opera House bietet Platz für 2.700 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 17.000 mal besucht. Das entspräche etwa 6 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Sydney Opera House.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. Dezember 2011

Große Leerheit

Obwohl  alle im Hinayana, Mahayana und Vajrayana dasselbe Wort – Leerheit oder große Leere (shunyata) – benutzen, hat dieses Wort in jedem Yana (Fahrzeug) eine verschiedene Bedeutung.

Hinayana

Entsprechend den Lehren der Vaibhasika und Sautantrika im Hinayana ist das „Selbst“ der Geist des Ich. Leerheit ist die „Ichlosigkeit des Selbst“.  Im Hinayana wird der Begriff „Pudgala-nairatmya“ (Ichlosigkeit des Selbst) anstelle von Leerheit benutzt, obwohl der Begriff in einigen der Shastras verwendet wird.

Mahayana

Alle Lehren des Mahayana umfassen die zwei Lehren der Yogacara oder der „Nur-Geist-Schule“ und des Madhyamika  oder des „Mittleren Weges“. Gemäß der Sicht der Yogacara ist Leerheit sowohl die Leerheit des „Objekts, nach dem gegriffen wird“ wie auch des „Geistes, der nach dem Objekt greift“. Innerhalb des Yogacara gibt es zwei Abteilungen; die Nur-Geist-Schule, die die Sinneswahrnehmung für wahr hält und die Nur-Geist-Schule, die die Sinneswahrnehmung für falsch hält. Entsprechend der ersten Abteilung sind all die verschiedenen äußeren Phänomene und das Bewusstsein wahre Aspekte des Geistes. Gemäß der zweiten Abteilung sind alle äußeren Phänomene verblendete Gewohnheiten und das Bewusstsein ist nicht wahr, da der Geist getäuscht ist; die Selbstnatur sowohl der Phänomene wie auch des Bewusstsein ist Täuschung.

Innerhalb des Madhyamika gibt es ebenfalls zwei Abschnitte: die Madhyamika -Sautantrika und die Prasangika-Madhyamika. Gemäß der Sautantrika sind sowohl die verschiedenen äußeren Phänomene wie auch der Geist, der diese Aspekte wahrnimmt nicht wahr, sondern einfach Erscheinungen. Absolute Realität ist das, dass es keine inhärente Essenz des Geistes gibt, die erkennt.

Entsprechend der Prasangika ist Leerheit die Leerheit von den „vier oder acht Extremen“. Gemäß diesem System erscheinen alle Phänomene aufgrund des „abhängigen Entstehens“ und sind „frei von den Aktivitäten der vier oder acht Extreme“. Die vier Extreme sind: unbeständig, nicht unbeständig, nicht existent, nicht nicht-existent. Die acht Extreme sind: ungehindert; ungeboren; unaufhörlich; unbeständig; nicht kommend; nicht gehend; Merkmale besitzend, die nicht ausgeprägt oder verschieden sind; Merkmale besitzend, die nicht nicht-ausgeprägt oder nicht-verschieden sind. Frei von diesen vier oder acht Extremen zu sein, ist Leerheit.

Vajrayana

Entsprechend der Vajrayana-Lehren der Nyingmapas gibt es drei Hauptübungen: Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga. Die Hauptpraxis des Mahayoga ist die Meditation auf die „große Leerheit untrennbar von Lichtheit“ in der Praxis der Erzeugungsstufe (Kyerim) und der Vollendungsphase (Dzogrim). Große Leerheit gemäß dem Mahayoga ist die große Leerheit der Lichtheit. Die Hauptpraxis des Anuyoga ist die Meditation auf die „große Leerheit untrennbar von Glückseligkeit“. Große Leerheit gemäß dem Anuyoga ist die große Leerheit der Wonne. Die Hauptpraxis des Atiyoga ist die Meditation auf die „große Leerheit untrennbar vom natürlichen Geist oder Gewahrsein (rigpa)“. Große Leerheit gemäß dem Atiyoga ist die große Leerheit des natürlichen Geistes oder Gewahrseins.

Diese Übersicht über die drei Fahrzeuge wurde von Thinley Norbu verfasst und entstammt dem Buch „The Small Golden Key“. Möge diese Übersicht für die Praktizierenden hilfreich sein.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. Dezember 2011

Weltliche und spirituelle Dharmas

Die Zahl der Wesen, die in Samsara umherwandern ist grenzenlos, genauso wie ihre Vorstellungen und diese Vorstellungen sind zahllos wie die Dharmas, aber alle diese Dharmas können in die beiden Kategorien der weltlichen und spirituellen Dharmas eingeteilt werden.
Weltliche Dharmas sind endlos, aber, wie der Buddha lehrte, sind sie alle in den „fünf Aggregaten“ (skandha) oder die „zwölf entstandenen und ausbreitenden Phänomenen“ enthalten. Die fünf Aggregate sind die Erlebnishaufen der Form, der Empfindung, der Unterscheidung, der Gewohnheitstendenzen und des Bewusstseins. Die zwölf entstandenen und ausbreitenden Phänomene sind die sechs Sinne und die Sinnesobjekte.
Spirituelle Dharmas sind endlos, aber sie alle in Buddhas Lehren des Hinayana, Mahayana und Vajrayana enthalten.
Entsprechend der traditionellen Überlieferung Buddhas entstehen alle positiven Eigenschaften der Phänomene, von den kleinen, momentan vorhandenen, substanziellen Qualitäten bis zu den riesigen, beständigen, ungreifbaren Eigenschaften, aus dem Dharma. Viele verschiedene Kategorien und Aspekte des Dharma bestehen, um allen Wesen zu nutzen. Jeglicher Dharma, ob Sutrayana oder Mantrayana, der sich direkt von den Dharmas des Buddha entstammt und von den Nachfolgern Buddhas offenbart wurde, wird Shastra genannt.
Die Shastras haben viele Eigenschaften, aber all diese können zu zwei kostbare Eigenschaften zusammengefasst werden. Wie Yig Ngen sagte: „Die Haupteigenschaften der Shastras dienen dazu, den Feind zu befreien oder zu reinigen, welcher die Leidenschaften sind und aus den niederen Bereichen hinauf zu Erleuchtung zu führen.“ Es gibt viele verschiedene Shastras, die von den zahllosen Nachfolgern Buddhas verfasst wurden. Aber wie Je Patrul Rinpoche sagte: „Selbst wenn hunderte der höchsten und intelligentesten Wesen zahllose Schriften und Lehren in dieser Welt ihrer Sicht gemäß hinterlassen hätten, würden alle Wesen, die einen kindlichen Geist haben, weiterhin Widersprüche in diesen Lehren erzeugen, anstatt einen Nutzen daraus zu ziehen – daher egal wie viel man auch schreiben mag, das Ergebnis wird immer das gleiche sein.“

Dieser Text ist eine Zusammenfassung aus „The Small Golden Key“ von Thinley Norbu Rinpoche.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Dezember 2011

Die Offenbarung des Dorje Drolod

Auf diese Weise erlangte ich nach langer Zeit ein endgültiges Ergebnis und kam zu einer eindeutigen Erfahrung hinsichtlich Unausweichlichkeit. Obwohl ich verstand, dass alle sinnlichen Erscheinungen des Universums in ihrer eigenen Berechtigung leer sind, gab es noch immer viele Schlussfolgerungen von Leerheit, die eine neutrale Konsequenz hatten. An einem bestimmten Punkt traf ich in einer Vision den höchsten und erhabenen Dorje Drolod, der das Lied des HUNG sang, das enthüllt, dass Samsara und Nirvana der Ausdruck von Leerheit sind.
Bei dieser Gelegenheit sagte ich: „Ah, meine besondere Gottheit (lha), ausgezeichnet und erhaben. Obwohl ich intellektuell verstehe, dass Samsara und Nirvana Leerheit sind, verbleibt diese Leerheit weder nutzbringend noch leidvoll. Was ist der Mangel dabei?“
Die Gottheit erwiderte: „Ah, Spiritueller, Herr des Raumes, erkenne die Auswirkung davon, dass alles in Samsara und Nirvana Leerheit (tong-pa-nyid) ist. Erkenne Leerheit als die Essenz (ngo-wo-nyid) selbst. Erkenne diese selbe Essenz als den Grund des Seins (zhi). Erkenne Samsara und Nirvana als den Ausdruck (röl-pa) dieses Grundes. Erkenne den allgemeinen Kontext von Samsara und Nirvana als diesen einen Grund (zhi-nyid).
„Die Spiegelung der Sterne und der Planeten im Ozean sind der Ausdruck des Ozeans. Raum ist die Matrix des Universums. Die wahre Natur der Phänomene durchdringt und verbreitet sich durch ganz Samsara und Nirvana. Verstehe die Natur dieser Metaphern und was sie erläutern. So wirst Du ein Yogi werden, der Samsara und Nirvana als Ganzes umfasst.“
Mit diesen Worte verschwand er.

Die „Offenbarung des Dorje Drolod“ entstammt dem Nang Jang des Dudjom Lingpa. Die weiteren direkten Unterweisungen verschiedener Lehrer, Gottheiten und Bodhisattvas finden sich in „Buddhahood without Meditation. – A visionary account known as ‘refining one’s perception’ (Nang Jang).“

Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Dezember 2011

Fünfzig Verse der Hingabe an den Guru

(Skt: Gurupancashika; Tib: Lama Nga-chu-pa)

Vom indischen Meister Ashvagosha

Diese Übungen sind ein besonderer Teil des tantrischen Pfades, wie dieser im Buddhismus ausgeübt wird.

  1. Auf angemessene Weise verneige ich mich vor den Lotusfüßen meines Gurus, der die Ursache für mich ist, den Zustand des glorreichen Vajrasattva zu erlangen. Daher werde ich alles zusammenfassen und kurz erklären, was in vielen makellosen tantrischen Texten über die Hingabe an den Guru gesagt wird. Daher hört respektvoll zu.
  2. Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in jedem Land in den zehn Richtungen verweilen, haben die tantrischen Meister, von denen sie die höchten Einweihungen erhalten haben, verehrt. Ist es daher notwendig zu bemerken, dass ihr dies auch sollt?
  3. Dreimal am Tag, mit höchstem Vertrauen, soll man dem Guru, der einem den tantrischen Pfad gelehrt hat, mit zusammengelegten Handflächen, einem Mandala-Opfer wie auch einem Blumenopfer und Niederwerfungen zu seinen Füßen, Respekt erweisen.
  4. Jene, die die Gelübde der Ordination halten, sollten, wenn ihr Guru ein Laie oder nachrangig ist, in der Öffentlichkeit sich vor solchen Dingen wie seinen Schriften verneigen, um weltliche Verachtung zu vermeiden. Aber in ihrem Geist verneigen sie sich vor ihrem Guru.
  5. Um dem Guru zu dienen und ihm Respekt zu zeigen, wie eben das befolgen, was er sagt, aufstehen wenn er kommt und ihm seinen Platz anweisen – dies sollte auch von jenen mit den Gelübden der Ordination ausgeführt werden deren Guru Laien oder nachrangig sind. Aber öffentlich sollte man Niederwerfungen oder unorthodoxe Handlungen wie das Waschen seiner Füße vermeiden.
  6. Gemäß den Vajra-Gelübden, die weder der Guru noch der Schüler vernachlässigen sollten, muss es eine gegenseitige Prüfung vorher geben, damit jeder sich entschließen kann eine anständige Guru-Schüler-Beziehung einzugehen.
  7. Ein Schüler mit Verstand wird nicht jemanden als seinen Guru annehmen, dem es an Mitgefühl mangelt oder der ärgerlich, lasterhaft oder überheblich, besitzergreifend, undiszipliniert oder prahlerisch mit seinen Kenntnissen ist.
  8. Ein Guru sollte beständig in seinen Handlungen sein, kultiviert in seiner Rede, weise, geduldig und ehrlich. Er sollte weder seine Fehler verheimlichen, noch vorgeben Eigenschaften zu besitzen, die er nicht hat. Er sollte ein Fachkundiger in der Bedeutung der Tantras sein und in den rituellen Abläufen der Heilkunst und dem Abwenden von Hindernissen. Ebenso sollte er über liebende Güte verfügen und ein vollständiges Wissen der Schriften.
  9. Er sollte ebenfalls die vollständige Erfahrung in den zehn Feldern haben, geschickt im Zeichnen von Mandalas sein, die vollständige Kenntnis darin, wie man Tantras erklärt, unübertroffenes Vertrauen und seine Sinne vollständig unter Kontrolle.
  10. Nachdem man ein Schüler eines solch beschützenden Gurus geworden ist, und falls man ihn von Herzen verachten würde, wird man beständiges Leiden ernten, als ob man alle Buddhas herabgesetzt hätte.
  11. Wenn man so dumm ist, den eigenen Guru zu verachten, wird man sich ansteckende Krankheiten zuziehen und auch solche, die von Quälgeistern verursacht sind. Man wird eines schrecklichen Todes sterben, verursacht von Dämonen, Plagen oder Gift.
  12. Man wird von niederträchtigen Königen oder von Feuer getötet, durch giftige Schlangen, Wasser, Hexen oder Banditen, durch Quälgeister oder Wilde und dann in einer Hölle wiedergeboren werden.
  13. Niemals soll man den Geist des Gurus stören. Sollte man wirklich so dumm sein und dies machen, dann wird man gewiss in einer Hölle kochen.
  14. Welch fürchterliche Höllen auch gelehrt wurde, wie die Avici-Hölle, die Hölle des ununterbrochenen Leidens, so wird klar erklärt, dass diejenigen, die ihren Guru verachten dort für eine sehr lange Zeit verbleiben werden.
  15. Deshalb sollte man sich von ganzem Herzen anstrengen, seinen tantrischen Meister niemals herabzuwürdigen, der keinen Aufwand in seiner großen Weisheit und Tugend macht.
  16. Wenn man aus einem Mangel an Gewahrsein respektlos seinem Guru gegenüber war, sollte man ihm ehrerbietig ein Opfer darbringen und ihn um Vergebung bitten. Dann werden einem solche Qualen und Plagen in Zukunft nicht befallen.
  17. Es wurde gelehrt, dass man dem Guru, dem man die Vajra-Gelübde geschworen hat ihn als Meditationsgottheit zu visualisieren, bereitwillig die eigene Frau, die eigenen Kinder und sogar das eigene Leben opfern sollte, obwohl dies nicht einfach wegzugeben ist. Besteht eine Notwendigkeit, den eigenen flüchtigen Wohlstand zu erwähnen?
  18. Solch eine Opferpraxis kann die Buddhaschaft an einen eifrigen Schüler sogar in einer einzigen Lebensspanne übertragen, welche ansonst möglicherweise selbst zahllosen Millionen von Zeitaltern schwierig zu erlangen ist.
  19. Die Vajra-Gelübde sollte man immer halten. Immer sollte man den Erleuchteten Opferungen darbringen. Man sollte seinem Guru ebenfalls immer opfern, da er allen Buddhas gleich ist.
  20. Jene, die den unerschöpflichen Zustand des Weisheitskörpers eines Buddhas zu erlangen wünschen, sollten ihrem Guru alles geben, was auch sie als erfreulich empfinden, von den unbedeutenden Objekten angefangen bis zu jenen von bester Qualität.
  21. Dem eigenen Guru zu opfern ist dasselbe wie allen Buddhas beständig Opferungen darzubringen. Durch solch ein Geben wird viel Verdienst angesammelt. Durch solche eine Ansammlung entsteht die höchst mächtige Verwirklichung der Buddhaschaft.
  22. Daher sollte ein Schüler mit den guten Eigenschaften des Mitgefühls, der Großzügigkeit, der ethischen Disziplin und der Geduld seinen Guru niemals verschieden von Buddha Vajradhara ansehen.
  23. Wenn man nicht einmal auf den Schatten des Gurus treten sollte, weil dies fürchterliche Folgen wie beim Zerstören eines Stupa hätte, ist es dann noch notwendig zu bemerken, niemals auf oder über seine Schuhe oder seinen Sitz zu steigen, oder auf seinem Platz zu sitzen oder auf seinem Reittier zu reiten?
  24. Ein Schüler mit großem Einfühlungsvermögen sollte die Worte seines Gurus freudig und mit Begeisterung befolgen. Wenn es einem an Kenntnis oder Fähigkeit mangelt, dies auszuführen, dann sollte man dies mit höflichen Worten erklären, warum man dem nicht nachkommen kann.
  25. Aufgrund des Gurus kommen alle machtvollen Verwirklichungen, höheren Wiedergeburten und alles Glück herbei. Daher sollte man von ganzem Herzen sich bemühen, niemals die Anweisungen des Gurus zu übertreten.
  26. Man soll die Gegenstände des Gurus wie das eigene Leben behüten. Selbst der geliebten Familie des Gurus begegnet man mit demselben Respekt wie ihm selbst. Man hat denselben Respekt vor jenen, die ihm nahe sind, als ob sie zur eigenen Verwandtschaft gehören würden. Einsgerichtet denkt man auf diese Art die ganze Zeit.
  27. Niemals soll man auf demselben Bett oder Platz wie der Guru sitzen, noch sollte man vor ihm hergehen. Bei den Belehrungen trägt man das Haar nicht hochgebunden, noch hat man einen Hut auf, Schuhe an oder trägt Waffen bei sich. Niemals berührt man einen Sitz bevor er sich niedergesetzt hat oder falls er sich auf den Boden niederlässt. Man steht nicht mit den Händen stolz auf die Hüften gestützt oder mit verschränkten Händen vor ihm.
  28. Niemals sitzt man oder lümmelt man herum, während der Guru steht, noch liegt man, während er sitzt. Man ist immer bereit aufzustehen und ihm geschickt in ausgezeichneter Weise zu dienen.
  29. In der Gegenwart des Gurus macht man niemals solche Dinge wie Spucken, Husten oder sich Schnäuzen ohne den Kopf zu bedecken. Niemals streckt man die Beine aus, wenn man sitzt, noch schreitet man ohne Grund vor oder hinter ihm oder streitet mit ihm.
  30. Niemals massiert oder reibt die eigenen Gliedmaßen. Man singt nicht, tanzt nicht oder spielt Musikinstrumente aus anderen Gründen als für religiöse Zwecke. Und niemals tratscht man eitel oder spricht übermäßig oder zu laut in Hörweite des Gurus.
  31. Wenn der Guru den Raum betritt, erhebt man sich vom Sitzplatz und verneigt sich leicht. In seiner Gegenwart sitzt man respektvoll. In der Nacht, bei Flüssen oder auf gefährlichen Pfaden kann man mit der Erlaubnis des Gurus vor ihm hergehen.
  32. Im unmittelbaren Blickfeld des Gurus sollte ein Schüler mit Verstand nicht verdreht mit seinem Körper dasitzen, noch sich gegen Säulen oder ähnliches lehnen. Niemals sollte man mit seinen Gelenken knacken, noch mit seinen Fingern spielen oder seine Nägel reinigen.
  33. Wenn man die Füße oder den Körper des Gurus wäscht, ihn abtrocknet, massiert oder rasiert, beginnt man dies mit drei Niederwerfungen und am Ende macht man dasselbe. Dann wendet man sich selbst zu so wie man mag.
  34. Sollte man den Guru bei seinem Namen nennen müssen, dann fügt man dahinter „Eure Gegenwart“ (= Ehrwürdiger) an. Um Respekt bei anderen für ihn zu erwecken, kann man weitere Ehrbezeichnungen verwenden.
  35. Wenn man den Guru um Rat fragt, bekundet man zuerst den Grund des Kommens. Mit zusammengelegten Händen am Herzen, hört man zu, was er sagt, ohne den Geist abschweifen zu lassen. Dann, wenn er gesprochen hat, sollte man antworten: „Ich werde es genauso machen, wie Ihr gesagt habt.“
  36. Nachdem man getan hat, was der Guru einem gesagt hat, berichtet man in höflichen, sanften Worten, was sich ereignet hat. Sollte man gähnen oder husten, sich räuspern oder in seiner Gegenwart lachen müssen, bedeckt man den Mund mit der Hand.
  37. Wenn man wünscht, eine bestimmte Belehrung zu erhalten, bittet man dreimal mit zusammengelegten Händen, während man auf dem rechten Knie vor ihm kniet. Bei seinen Ausführungen sitzt man demütig und respektvoll, trägt eine angemessene Kleidung, die ordentlich und sauber ist, ohne Schmuck, Juwelen oder Kosmetika.
  38. Was immer man auch macht, um dem Guru zu dienen oder ihm Respekt zu erweisen, sollte niemals mit einem überheblichen Geist gemacht werden. Stattdessen sollte man wie eine frisch verheiratete Braut, scheu, schüchtern und sehr unterwürfig sein.
  39. In Gegenwart des Gurus, der einem den Pfad lehrt, sollte man eitles, kokettes Gehabe beenden. Statt vor anderen zu prahlen, was man alles für seinen Guru getan hat, sollte man sein Verhalten überprüfen und all solches Gehabe verwerfen.
  40. Wenn man gebeten wird, eine Segnung durchzuführen, eine Einweihung in ein Mandala zu geben, eine Feuer-Puja auszuführen oder Schüler zu versammeln und einen Vortrag zu halten, sollte man dies nicht machen, wenn der Guru sich in der Gegend aufhält, außer man erhält vorher seine Erlaubnis.
  41. Welche Opferungen man durch das Ausführen solcher Riten wie die Segnung, die bekannt ist als das „Öffnen des Auges“, auch erhält, man sollte diese alle dem Guru darbringen. Wenn er sich dann einen bestimmten Anteil genommen hat, kann man selbst den Rest für was man immer auch möchte verwenden.
  42. In Gegenwart des Gurus sollte ein Schüler nicht wie ein Guru zu seinen eigenen Schülern verhalten und sie sollten sich nicht wie zu ihrem Guru verhalten. Daher sollte man vor seinem eigenen Guru die Schüler stoppen, einem Respekt zu zeigen, indem sie aufstehen oder Niederwerfungen machen.
  43. Wenn man dem Guru eine Opfergabe darbringt oder der Guru einem etwas schenkt, dann wird ein Schüler mit Verstand dieses Schenken und Erhalten machen, indem er beide Hände benutzt und seinen Kopf leicht beugt.
  44. In all seinen Handlungen ist man eifrig, wachsam und achtsam vergisst man niemals die Vajra-Gelübde. Wenn Schüler in ihrem Verhalten das übertreten, was angebracht ist, dann korrigiert man sich auf freundliche Weise.
  45. Wenn man aufgrund von Krankheit körperlich nicht in der Lage ist, sich vor seinem Guru zu verneigen und man etwas machen muss, was normalerweise verboten wäre, selbst ohne seine ausdrückliche Erlaubnis, werden keine unglücklichen Konsequenzen auftreten, wenn man einen tugendhaften Geist hat.
  46. Eigentlich müsste noch viel mehr gesagt werden. Man macht, was immer den Guru erfreut und vermeidet alles, was er nicht mag. In diesen beiden ist man eifrig.
  47. „Machtvolle Verwirklichungen erfolgen aus dem, was der Guru mag.“ Dies wurde von Buddha Vajradhara selbst gesagt. Dies wissend, versucht man den Guru mit allen Handlungen von Körper, Rede und Geist vollständig zu erfreuen.
  48. Nachdem ein Schüler Zuflucht zu den Drei Juwelen genommen und eine reine erleuchtete Absicht entwickelt hat, sollte er sich diesen Text zu Herzen nehmen, wie man von dem eigenen arroganten Ich-Streben ablässt und seinem Guru in seinen Fußstapfen entlang des Stufenpfades zu Erleuchtung folgt.
  49. Durch das Studieren der grundlegenden Übungen der Guru-Hingabe und des Stufenpfades, sowohl im Sutra als auch im Tantra, wird man ein geeignetes Gefäß werden, um den reinen Dharma zu halten. Man wird dann solche Belehrungen wie auch Tantra geben. Nach dem Erhalten der entsprechenden Einweihungen spricht man die 14 Wurzelgelübde laut aus und nimmt sie sich ernsthaft zu Herzen.
  50. Da ich nun nicht den Fehler gemacht habe, dieser Niederschrift meine persönliche Auslegung hinzuzufügen, möge dies von unendlichem Nutzen für alle Schüler sein, die ihrem Guru folgen. Durch den grenzenlosen Verdienst, den ich auf diese Weise angesammelt habe, mögen alle fühlenden Wesen rasch Buddhaschaft erlangen.

Diese 50 Verse der Guru-Verehrung (Skt: Gurupancashika; Tib: Lama Nga-chu-pa) wurden vom indischen Meister Ashvagosha im 1. Jhdt. vor unserer Zeitrechnung verfasst. Die Hingabe an den Guru ist die zentrale Praxis am Pfad zur Erleuchtung und daher von größter Bedeutung.

Die Übertragung dieser Verse aus dem Englischen ins Deutsche wurde vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) im Jahr des Eisen-Tigers (2010) in Ngakpa-Zentrum Lhündrub Chödzong nahe der drei Bergspitzen vorgenommen. Da der Text auch in Englisch vorliegt, können etwaige Verständnisprobleme rasch geklärt werden. Der Text ist frei von Fehlern, aber die Unklarheiten in der Übersetzung sind auf die mangelnden Sprachkenntnisse des Übersetzers zurückzuführen. Möge Nutzen für alle Wesen aus diesem Text entstehen.

Sarva Mangalam!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Dezember 2011

Der Lama im Vajrayana

Der Lama ist nicht einfach nur eine Person. Er oder sie verkörpert den Segen, das Mitgefühl und die Weisheit aller verwirklichten Wesen. Er oder sie spiegelt die eigene Erleuchtung, sodass der Kontakt und die Kommunikation mit der eigenen wahren Natur möglich ist. Die eigene wahre Natur ist identisch mit jener des Meisters und er oder sie wiederum mit jener aller anderen verwirklichten Wesen und in dieser Essenz sind alle gleich. Der Meister, oder der äußere Lehrer, lehrt einen, wie man mit der eigenen wahren Natur, dem Buddha, der diese innere Natur ist, Kontakt aufnimmt. Padmasambhava wird von den Nyingma-Linien als die Verkörperung aller Buddhas der Vergangenheit und Zukunft angesehen. Die Verbindung mit ihm geschieht durch den Lehrer, der einem zeigt, wie man ihn erkennt. Wie man Padmasambhava oder den eigenen Lehrer wahrnimmt, ist Dzogchen. Der absolute Zustand von Dzogpa Chenpo ist der Weisheitsgeist des Lehrers. Der Lama verkörpert die Verwirklichung, er oder sie inspiriert einen mit letztendlichem Weisheitsgeist. Er ist nicht verschieden von den Lehren, die er gibt. Er ist die Energie, Wahrheit und das Mitgefühl des Dharma. Aus diesem Grund wird dies nicht durch den Intellekt, sondern durch die Hingabe an den Lama erlangt.

Gemäß Longchenpa (1308-1363) sind die Merkmale eines „Mantra-Gurus“ folgende:

„Er hat reine Ermächtigungen, Verpflichtungen und Verbindlichkeiten erhalten und hält sich daran. Er hat das andere Ufer des Ozeans der Anweisungen hinsichtlich der Bedeutung der Tantras erreicht, er hat Meisterschaft über die charismatischen Handlungen, die mit dem Ritual und seiner Wirkung einhergehen, erlangt. Er hat Gefühlswärme, die in ihrer Größe durch die Erfahrung und durch das Verstehen der Vision kommt, durch das Beabsichtigen und Kultivieren der Vision, durch ihre Verfügung und durch die Kulmination (dieser drei) in der Fülle des Seins. Er ist sehr gütig und weise in angemessenen Handlungen und er führt den Anwärter auf dem Pfad der Reifung und Befreiung. Er ist eine verweilende Wolke beständiger spiritueller Nahrung…“

Er (Longchenpa) beschreibt auch die Tugenden eines würdigen Schülers:

„Tüchtige Schüler, vertrauensvoll und höchst scharfsinnig, fleißig, gewissenhaft, umsichtig und kenntnisreich, übertreten nicht die Worte (des Lehrers), überprüfen ihre Angelegenheiten und Verpflichtungen, kontrollieren Körper, Rede und Geist, mitfühlend und zutiefst mit dem Wohlergehen der Wesen befasst, handeln mitfühlend, großzügig und vorausschauend, standhaft und voller Hingabe, werden sie immer sich der Eigenschaften des Lehrers gewahr sein. Sie werden nicht nach Fehlern suchen, und selbst wenn sie welche finden, werden sie diese als (verborgene) Qualitäten würdigen. Indem sie im Grunde ihres Herzens erkennen, dass diese Fehler bestimmt ihre eigene (missverständliche) Sicht ist und nicht (im Lehrer) existieren, gestehen sie (sich ihre eigenen Mängel) und Beschränktheit als Gegenmittel (zu ihrem Fehler) ein.
Sie weisen alles zurück, was den Lehrer missfällt und sie unternehmen jede Anstrengung, um ihn zu erfreuen. Sie handeln niemals gegen die Worte des Lehrers und gegen jene um den Lehrer, selbst wenn der Lehrer mit diesen besser steht. Sie nehmen die Diener des Lehrers nicht als ihre Schüler, sondern bitten sie um Erklärungen und Einweihungen.
In der Gegenwart des Lehrers bändigen sie Körper, Rede und Geist von sich, sie sitzen mit unterschlagenen Beinen und kehren ihm nicht ihren Rücken zu. Sie lächeln freundlich und werfen ihm keine wütenden Blicke zu noch runzeln sie die Stirne.
Sie sprechen nicht unbedacht, noch reden sie über die Fehler der anderen oder verwenden unerfreuliche, harsche Worte, auch sprechen sie nicht gedankenlos oder wahllos.
Sie begehren nicht die Utensilien des Lehrers und sie geben jede Art leidvoller Gedanken auf, die wie Krallen sind. Sie bewerten die verschiedenen Handlungen des Lehrers nicht als Fehler oder Irrtümer, weil was man offensichtlich sieht,muss nicht der verborgenen Absicht entsprechen. Sie enthalten sich falscher Ansichten, die sie in allem Böses sehen und Fehler finden ließen, auch wenn sie noch so gering wären, indem sie denken, das dies unangebracht ist, aber er schon weiß, was er tut.
Wenn sie sich mit ihrem Lehrer überwerfen, werden sie gewiss ihre eigenen Fehler bemerken, sie zugeben und sich selbst zurückhalten, und indem sie ihren Kopf beugen, werden sie ernsthaft um Entschuldigung bitten. Dadurch werden sie ihn erfreuen und rasch ihr Ziel erreichen.
Wenn sie ihren Lehrer sehen, werden sie aufstehen und ihn grüßen, wenn er sich anschickt niederzusetzen, werden sie ihm einen bequemen Sitzplatz usw. anbieten. Sie werden ihn mit freudiger Stimme preisen und ihre Hände gefaltet halten. Wenn er herumgeht, folgen sie ihm aufmerksam und zeigen Respekt.
Immer achtsam und gewissenhaft und befasst, hingebungsvoll und sanft ehrfürchtig werden sie bei ihm bleiben. Nahe des Lehrers werden sie schüchtern mit Körper, Rede und Geist wie eine junge Braut sein, nicht stolzierend oder träge, nicht Partei ergreifend, nicht schmeichelnd, nicht hinterlistig, nicht scheinheilig, weder öffentlich noch privat zeigen sie Anziehung oder Ablehung gegenüber seinen nahen und entfernten Verwandten.
Wenn sie wohlhabend sind, machen sie ihrem Lehrer Gaben, oder durch Körper und Rede dienen sie ihm, würdigen ihn, respektieren ihn; oder entlassen ihr Vertieftsein in dieses Leben aus ihrem Geist, sodass sie ihn durch ihre persönlichen Leistungen erfreuen.
Wenn andere schlecht von ihm sprechen, werden sie ihre Anschuldigungen zurückweisen. Wenn sie nicht in der Lage sind, dies zu tun, denken sie immer wieder an seine Qualitäten, schließen ihre Ohren und geben ihm mitfühlende Unterstützung. Sie werden keine Worte verwenden, die ihm nicht zusagen.“

Die Beziehung zwischen einem tantrischen Lehrer und Schüler ist nicht unbedingt bequem. Der Lehrer ist leere Form. Es gibt keine Sicherheit in der Beziehung mit dem Lama. Obwohl er auf der Formebene Beständigkeit darstellt, ist es für die Herzensverpflichtung nicht notwendig, den Schüler mit der Möglichkeit der Erfahrung der Nondualität zu unterstützen. Der Schüler wird leer durch den persönlichen Ausdruck des Lehrers. Der Lehrer erscheint als die Formeigenschaft der Leerheit und der Schüler manifestiert sich als die Leerheitsqualität der Form. Daher ist Übertragung möglich. Kein Wurzel-Lama, keine Übertragung.

Diese Belehrung entstammt einer längeren Auslegung der 14 tantrischen Wurzelgeblübde durch den Ngakpa Ga’wang. Der englische Originaltext kann von www.nyingma.com heruntergeladen werden.

Ältere Artikel »

Kategorien

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 98 other followers