Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. November 2017

Ruhe und Klarheit im Dzogchen

von Mipham Rinpoche

fiction-2598391_1920.jpgBloße Konzentration ohne Abzuschweifen selbst ist definitiv nicht das Verweilen in der wahren, grundlegenden Natur. Es gibt dann vier Ansätze für Unabgelenktheit, wenn ein Praktizierender die Praxis der Konzentration ohne Abzuschweifen bei Tag und Nacht rund um die Uhr praktiziert, wie folgt.

Ruhiges Verweilen ≠ Indifferenz

Zuerst ist geistige Ruhe überhaupt kein Zustand neutraler Indifferenz, entweder „unbestimmte Gelassenheit“ oder „dumpfe geistige Ruhe“ genannt, ein Verweilen in einem Zustand des Nichterkennens dessen, was geschieht oder was man macht. Wenn du nachher in einen Zustand zurückgekehrt bist, in dem du wieder mit Achtsamkeit wahrnimmst, dann wirst du nicht erkennt, was der Inhalt dieses früheren Zustandes, noch wie lange du darin warst. Während du darin warst, hast du dich selbst von allem in einem Zustand der Benommenheit abgeschnitten. Wenn du dich daran machst, mit dieser Art des geistigen Ruhens vertraut zu machen, dann solltest du ihn immer weiter und weiter entwickeln, bis du Tag und Nacht über damit vermischt bist. Je mehr du selbst daran gewöhnt bist, desto mehr wird sich dein Geistesstrom umwölken und eine Eigenschaft von Verschleierung und Dumpfheit im gegenwärtigen Leben aufweisen. Und auch wenn du Verdienst und Disziplin als Verbündete dabei hast, wird es dazu führen, dass du eine Geburt als Tier in Zukunft annehmen wirst, allerdings eines, dessen Geist den Einflussfaktor des gegenwärtig Verweilens aufweist.

Geistiges Ruhen als Wurzel

Zweitens, wenn du im Zustand der geistigen Ruhe nach dem Aufenthaltsort des Geistes suchst – d.h. du versuchst die drei Dinge wie Erscheinen, Verweilen und Gehen usw. zu prüfen – aber wenn du sie überhaupt nicht findest, dann wird dein Geist leer im Sinne des Freiseins von Geburt, Vergehen und Verweilen. Allerdings ist die Tatsache „leer zu sein“ noch nicht vollständig bestimmt worden, daher wird die geistige Ruhe als „bloße Achtsamkeit, bloßes Gewahrsein und bloße Klarheit besitzen“ bezeichnet.
Was hat es nun damit auf sich? Es wird gesagt, dass ein Auftreten von Glückseligkeit, das Einfluss auf das Erfahren nimmt, und dieser Einfluss des Erlebens ein klares Gewahrsein ist, das nicht beschrieben werden kann. Das ist geistige Ruhe und wenn du daran arbeitest und dich damit vertraut machst, dann wird sich das auch bei Tag und Nacht mit deiner wahren Essenz vermischen.
Jedoch ist diese wirkliche geistige Ruhe nicht das zeitlose Erkennen der durchdringenden, höheren Einsicht, nicht die Essenz des Geistes und keine Realisation. Sie ist die Wurzel aller weltlichen Arten von Konzentration und sie wird auch als „geistige Ruhe, die Ursache für durchdringende, höhere Einsicht“ bezeichnet. Weil die Große Vollkommenheit jedoch ein System ist, in dem Meditation innerhalb der Sicht kultiviert wird, gibt es in der Meditationsart von Rigpa’s „natürlicher Versenkung“ keine Notwendigkeit der bloßen Stille einer geistigen Ruhe und daher ist geistige Ruhe eine völlig entbehrliche Voraussetzung.

Allgrund

Drittens, was nun im Falle des Bewusstseins des All-Grundes Tag und Nacht über damit verbunden wird, so ist dies zu bedenken. Dieses frühere Erleben geistiger Ruhe, der ein klares Gewahrsein ist, hat sich nun aufgelöst und ist in ein weites, leeres Feld ausgedehnt worden. Diesem Feld fehlt die Ursache für das Greifen nach einem Ich. Am Ende wird Geübtheit in diesem Zustand dazu führen, dass du die ganze Zeit über rund um die Uhr damit verbunden bist. Diese lediglich zeitweilige Erfahrung einer Leerheit, ist weit, aber bloß leer. Diesem Weilen in Leere fehlt jegliche bewusste Eigenschaft der Klarheit eines selbstexistierenden Gewahrseins.
In allen drei Fällen ist es notwendig, eine Unterscheidung dabei zu treffen, egal was sie von gewöhnlicher Geist und Rigpa sonst sein mögen, sie sind nicht Rigpa, sondern gewöhnlicher Geist mit einem Aspekt des Ruhens.

Strahlende Klarheit

Viertens handelt davon, wie man die ganze Zeit über in strahlender Klarheit verbunden ist. Sobald das Festhalten an diesem früheren, gewaltig großen Feld bloßer Leere gereinigt ist, bricht die selbstentstandene Essenz des zeitlosen Erkennens, die wie die Sonne strahlt, durch. Diese Leerheit ist frei von allen geistigen Konstrukten und eben keine einseitige Leere. Dies ist wahres Gewahrsein, das im erkennenden Seins gründet und untrennbar davon ist. Es wird „zeitloses Erkennen“ genannt, weil es alles erkennt und es wird „Rigpa“ genannt, weil es ein unmittelbares Gewahrsein von allem darin hat. Man sagt, dass dieses zeitlose Erkennen von der Natur des ursprünglichen Gewahrseins des zeitlosen Erkennens ist. Dieser Erkennende des zeitlosen Erkennens, der anders als das gewöhnliche dualistische Geist ist, ist ohne die geringste Abhängigkeit von einem Objekt und ohne den geringsten Anteil eines Greifens und Festhaltens an wahrer Existenz und dieser ist als selbsterkennende Klarheit vorhanden, die genauso wie verschüttetes Quecksilber ist, das sich überall als winzige Tröpfchen ausgebreitet hat. Du kannst es „natürlich vorhandenes Gewahrsein“ nennen, es ist ein Synonym dafür.

Frei von Unwissenheit und Fixierung

Das ist es. Was diesen letzten wesentlichen Punkt der Praxis angeht, so sind weder der gewöhnliche Geist, der den Erfahrungsaspekt von bloßer Klarheit, von bloßem Gewahrsein besitzt, noch die raumgleiche, gewaltig große Leere, die überhaupt keinen Moment von Rigpa enthält, eine Hilfe. Daher müssen wir den gewöhnlichen Geist und das Gewahrsein frei von Unwissenheit und dualistischer Fixierung unterscheiden. Die Natur des Geistes ist so, dass sie mit ihren Objekten auf dieselbe Weise vermischt ist, wie Wasser mit seinen Teilchen verbunden ist. Festhalten und Anhaften an den Objekten so wie es geschieht, ist ein Greifen in tiefe Erstarrung. Wenn es kein Objekt gibt, dann können im Geist keine diskursiven, begrifflichen Gedanken geboren werden. Es ist mit einem Erscheinen und Vergehen von Moment zu Moment ausgestattet.
Das zeitlose Erkennen, welches Rigpa ist, hängt von keinem Objekt ab. Es ist gegenstandslos selbsterhellend. Es erkennt Objekte, aber es erkennt sie bloß und greift nicht nach ihnen. Da es nicht daran festhält und nicht in eine tiefe Erstarrung eintritt, weist es eine illusionsgleiche, traumgleiche Art des Erkennens auf. Die Dinge werden als das bloße Spiel oder die spontane Energie des Selbstausdrucks dieses ursprünglichen Gewahrseins des zeitlosen Erkennens erkannt. In Moment ihres Erkennens sind sie selbstbefreit im Erkennen, genauso wie eine Zeichnung auf dem Wasser. Daher verliert sich das zeitlose Erkennen selbst nicht in diesem bloßen Erkennen von Objekten, sondern erfährt sich selbst. Das gibt dir eine Grundlage, wie zeitloses Erkennen vom gewöhnlichen Geist unterschieden werden sollte.
Dies wurde aus dem Mund des gütigen Gurus vernommen.

Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015). Möge es von Nutzen sein!

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Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. November 2017

Sutra & Tantra – Ein Vergleich der 5 Pfade und 10 Stufen

buddha-1597160_1920Die Lehre des Buddha wird in zwei große Kategorien gegliedert – in den Ansatz basierend auf den Sutras und jenen Ansatz, der auf den Tantras beruht. Während bei den Hinayana-Sutras jene Worte des Buddha im Vordergrund stehen, die er öffentlich gesprochen hat und sich auf das Offensichtliche und Relative in den Geistesschulungen bezieht. Dieser Abschnitt wird durch Kontemplationen über die kostbare menschliche Geburt, über Vergänglichkeit und Tod, über die Unzulänglichkeit aller bedingten Phänomene und über den unausweichlichen Zusammenhang von Handlungen und ihren Resultaten praktiziert. Während dieser Abschnitt bei den meisten Mahayana-Schulen detailreich über eine lange Zeit erfolgen kann, wird dies in den Schulen des Vajrayana im Ngöndro als tägliche Praxis oder als Praxis in einem überschaubaren Zeitraum ausgeführt.
Die Mahayana-Sutras beschreiben die letztendliche Bedeutung vom Standpunkt des erwachten Geisteszustandes aus. Daher sind viele dieser Sutras metaphysisch und einige Aspekte ihrer Darstellungen sind symbolisch zu sehen bzw. nur in einem Zustand der tiefen Versenkung zu verstehen. Ähnliches gilt für die Tantras, die visionäre Schriften sind, die Buddha – weniger als historische Person, sondern als erleuchteter Zustand – gelehrt hat und die auch die Letztendlichkeit der Natur des Geistes und seine spontanen Manifestationen darlegen. Da diese Schriften für Menschen, die auf die Dinglichkeit der Welt fixiert sind, verwirrend erscheinen mag, braucht es für das Verständnis dieser Schriften öfters auch eine Auslegung durch Personen, die diese Zustände in tiefer Meditation erfahren haben.
Im Sutra-Fahrzeug wird die Entwicklung zur Buddhaschaft in fünf Pfaden und zehn Stufen beschrieben. Um diese Entwicklung zu durchlaufen, benötigt man mit dem Sutra-Ansatz eine lange Zeitspanne, in manchen Schriften wird von drei endlosen Zeitaltern gesprochen. Dabei wird der relative und letztendliche Erleuchtungsgeist als Ursache der Entwicklung gesehen und das Erkennen der wahren Bestehensweise der Phänomene – Leersein von Eigennatur – allmählich erfahren.
Der Ansatz des Tantrayana umfasst denselben Durchlauf, jedoch ist dies in einer einzigen Meditationssitzung enthalten, in der die tantrischen Methoden – die geschickten Mittel – praktiziert werden. Der Stufenweg des Sutrayana ist in einer einzigen Sitzung des Vajrayana enthalten, wenn auch nicht immer in derselben Reihenfolge.

Fünf Pfade als Entwicklungsweg

buddha-2919800_1920Dennoch sind sowohl der Sutra-Ansatz wie auch der des Tantra vollständig, da sie die fünf Pfade und zehn Bodhisattva-Stufen umfassen. Allerdings haben beide Ansätze unterschiedliche zeitliche Abläufe.
Diese sind der Pfad der Ansammlung (tib., theg chen tshogs lam), der Pfad der Verbindung (tib., theg chen sbyor lam), der Pfad des Sehens (tib., theg chen mthong lam), der Pfad der Meditation (tib., theg chen sgom lam) und der Pfad des Nicht-mehr-Lernens (tib., theg chen mi slob lam). Betrachten wir nun einmal die fünf Pfade im Vergleich von Sutra und Tantra.

Pfad der Ansammlung

Der erste Pfad der Ansammlung besteht darin, konstruktives Potential – Verdienst genannt – anzusammeln. Dies geschieht indem man den Drei Juwelen Gaben darbringt und sich auch in den anderen Paramitas bei den fühlenden Wesen übt. Der Fokus liegt dabei auf der Zuflucht zu den Drei Juwelen und den fühlenden Wesen. Indem man auf diese Weise immer mehr heilsames Potential ansammelt, entwickelt man einen größeren Freiraum und schreitet so auf diesem Pfad voran.
Wie jede Praxis im Vajrayana beginnt man hier mit der Zuflucht und dem Hervorbringen der höchsten Geisteshaltung – Bodhicitta. Zusätzlich folgt dann oft noch eine Praxis der Sieben Zweige zur Ansammlung von Verdienst. Dadurch wird der Pfad der Ansammlung im Vajrayana meditiert.

Pfad der Verbindung

Der Pfad der Verbindung besteht aus vier Abschnitten: 1) Wärme (tib. drod); 2) Gipfel (tib., rtse mo); 3) Geduld (tib., bzod pa); und 4) höchste (weltliche) Dharma (tib., chos mchog). Diese vier Entwicklungsstufen werden auch als „vier Aspekte der Ermittlung“ bezeichnet.
Das erste Anzeichen für einen Erfolg in der meditativen Praxis wird „Wärme“ genannt und beschreibt eine Annäherung wie bei einem Feuer, wodurch man seine Wärme spürt. Damit ist eine erste Annäherung zur Einsicht gemeint, die später dann verwirklicht wird. Es ist ein Annähern an die flammengleiche Weisheit des Pfades der Einsicht, indem man Konzentration gleichzeitig mit dem unterscheidenden Erkennen besitzt. Die groben Störgefühle werden durch die Wärme aufgelöst.
theravada-buddhism-1769528_1920Mit „Gipfel“ ist große Anstrengung gemeint, die für das Realisieren der Einsicht erforderlich ist und damit ist laut Patrul Rinpoche „der Gipfel aller Quellen weltlicher Aktivität“ gemeint. Sobald der Gipfel erreicht worden ist, kann die Wurzel des Heilsamen nicht mehr von falschen Ansichten durchtrennt werden. Dieses eifrige Streben wird nicht mehr durch Faulheit oder Zerstreuung behindert, wodurch „Geduld“ gegeben ist. Zwar können in diesem Abschnitt durchaus noch diese hinderlichen Zustände auftauchen, aber man ist nicht mehr davon gefangen. Man kann nicht mehr in niedere Bereiche fallen. „Höchster (weltlicher) Dharma“ wird die vierte Stufe deshalb genannt, weil sie die höchste spirituelle Verwirklichung innerhalb der samsarischen Existenz darstellt. Man hat noch keine Befreiung erlangt, aber durch die Beständigkeit in der weltlichen Meditation nun dem nächsten Pfad nähert, wo eine Einsicht in das Leersein alle Phänomene entsteht.
Voller Ausdauer praktiziert man im Vajrayana die verschiedenen Elemente der Phasen der Visualisation und deren Auflösung. Die Visualisationspraxis, also das Hervorbringen von Meditationsgottheit und Mandala, hat die Aufgabe, die meditative Konzentration zu fördern, die geistige Ruhe zu vertiefen und die Störgefühle und falschen Konzepte von Identität im Geistesstrom zu beseitigen. Dies entspricht dem Pfad der Verbindung.

Pfad des Sehens

Der Pfad des Sehens währt 16 Bewusstseinsmomente (tib., mthong lam skad cig bcu drug) lang, die die Vier Edlen Wahrheiten umfassen. Dieser Abschnitt ist auch das Betreten der ersten Bodhisattva-Stufe „Vollkommene Freude“ und man entwickelt die direkte Einsicht in das Leersein der nichtbegrifflichen Weisheit. Dabei werden die sieben Erleuchtungsglieder Achtsamkeit, Eifer, Freude, körperliche und geistige Biegsamkeit, Sammlung und Gleichmut entwickelt. Auf diese Weise gelangt man auf die erste Bodhisattva-Stufe und praktiziert die Paramita der vollkommenen Großzügigkeit. Ein Bodhisattva kann auf dieser Stufe als Herrscher über diese Welt wiedergeboren werden.
Im Vajrayana beginnt die Hervorbringung von Meditationsgottheit und Mandala mit einem Leerheits-Mantra, das manchmal in drei bis vier Aspekte aufgeteilt werden kann. Dabei lässt man den Geist im ungekünstelten Gewahrsein ruhen und realisiert das Leersein aller Phänomene. Man schafft dadurch die Grundlage für die Einsicht in das Leersein der nichtbegrifflichen Weisheit.

Pfad der Meditation

meditation-1794292_1920Der Pfad der Meditation erstreckt sich von der 2. bis zur 10. Bodhisattva-Stufe. Da auf jeder Stufe Verschleierungen zu bereinigen sind, ist unermüdliche Meditation das entsprechende Mittel dazu. Auf dieser Stufe meditiert man auf die Wahrheit, die auf dem Pfad des Sehens erkannt wurde. Dabei beginnt dies mit dem Edlen Achtfachen Pfad und setzt den Paramitas beginnend mmit der vollkommenen ethischen Disziplin fort bis zum vollkommenen Höchsten Erkennen. Als Resultat durchläuft man die Stufen eines Weltenherrschers bis hin zu einem Herrscher der Götterbereiche.
Am Ende wird der unerschütterliche Meditationszustand – die varjagleiche Versenkung – erlangt, wodurch man von den subtilsten Verschleierungen befreit ist.
Im Vajrayana visualisiert man nach der Auflösung der gewöhnlichen Erscheinungen in den Zustand des Leerseins den Aufbau von Mandala und Gottheit, was gewöhnlich durch eine Keimsilbe erfolgt. Von dieser strahlt Licht aus und bringt den Buddhas und Bodhisattvas Gaben dar, kehr zurück und strahlt wieder aus zum Nutzen der Wesen der sechs Bereiche. Danach erfolgt die Selbstverwandlung in die Meditationsgottheit. Auf diese Weise wird die Anhaftung an den gewöhnlichen Körper beseitigt. Durch die drei Keimsilben OM, AH und HUM an den drei Stellen geht vom Verpflichtungswesen – das man selbst ist – Licht aus und lädt die Wesen uranfänglicher Weisheit – das erleuchtete Grundgewahrsein – ein, diese werden untrennbar. Da man sich nun als erwachtes Wesen und die Welt als reines Buddha-Land versteht, ist die Grundlage für die 10. Bodhisattva-Stufe gegeben. Somit ist der gesamte Pfad der Meditation in diesem Abschnitt der Hervorbringung (tib., skye rim) enthalten.
Dann strahlt wiederum Licht aus und lädt die Ermächtigungswesen in Form der fünf Buddhas Yab-Yum ein. Diese gewähren die Ermächtigung, sie verschmelzen und werden zum Herrscher der Buddha-Familie über dem Scheitel. Dies entspricht dem Ende der 10. Stufe und der vajra-gleichen Versenkung.

Pfad des Nicht-mehr-Lernens

KunzangYabYumDurch das Erlangen der Buddhaschaft wird der Dharmakaya realisiert und nach diesem Erlangen erscheint ein Buddha in unzähligen Formkörpern (Rupakaya) zum Wohle der Wesen, d.h. er dreht das Rad der Lehre. Nachdem ein Buddha alle Lehren gegeben hat, löst sich sein Erscheinungskörper (Nirmanakaya) in den Dharmakaya auf. Auf diese Weise zeigt er die Vergänglichkeit aller bedingten Phänomene. Und aufgrund seines Mitgefühls und seiner zuvor gegebenen Bodhisattva-Gelübde erscheint er erneut in Formen des Sambhogakaya und Nirmanakaya zum Wohle der Wesen.
Im Vajrayana kommt nach der Ermächtigung die Stufe der Rezitation des Mantras. Die erste Stufe ist die der Annäherung, wo man sich selbst nochmals mittels Visualisation und Rezitation als Meditationsgottheit – als erleuchtetes Wesen – erfährt. Die zweite Phase der Meditation ist die der Vollendung. Dabei strahlt Licht zu den Buddhas und Bodhisattvas der zehn Richtungen aus, bringt Gaben dar und empfängt ihren Segen. Wiederum strahlt Licht aus und reinigt die Verschleierungen der Wesen der sechs Bereiche und versetzt sie in den Zustand der vollkommenen Buddhaschaft. Dies entspricht dem Erscheinen eines Buddhas nach dem Erwachen und das Bewirken des Wohls der Wesen. In diesem Kontext werden auch die vier Buddha-Aktivitäten des Befriedens, Vermehrens, Magnetisierens und kraftvollen Befreiens ausgeführt.
Nach der Rezitation und dem Ausführen der Aktivitäten löst sich Welt und Inhalt, d.h. Mandala und Meditationsgottheit stufenweise auf. Gewöhnlich erfolgt dies in drei Stufen. Dies entspricht dem Auflösen von Nirmanakaya in Sambhogakaya und weiter in den Dharmakaya. Anschließend erscheint man aus diesem Zustand des leeren Verweilens wiederum als Meditationsgottheit in Aktivitätsgestalt und widmet sich mit dieser Sicht und diesem Verständnis dem Wohl der Wesen.

Während im Ansatz des Sutrayana diese Abschnitte stufenweise und langsam durchlaufen werden, wird im Vajrayana der gesamte Prozess in einer Sitzung verinnerlicht. Bei richtiger Anwendung, d.h. durch Ermächtigung, Übertragung und aufzeigende Erklärungen, kann so Buddhaschaft in einem einzigen Leben verwirklicht werden.

Gestützt auf die Lehren der Erleuchteten und Weisen, zusammengefasst vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017). Möge es von Nutzen sein und die Praktizierenden bei der Praxis inspirieren! SARWA MANGALAM.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. November 2017

Tiphupa – der Taubenjunge

pigeon-1613618_1920Der Legende nach war Tiphupa die „Wiedergeburt“ von Darma Dode, dem Sohn von Marpa Lotsawa. Nachdem Darma Dode nach einem Reitunfall verstorben war, konnte ihn Marpa nicht mehr ins Leben zurückbringen. Also führte Marpa die Praxis des Drongjung – der Übertragung des Bewusstseins auf ein anderes Lebewesen – aus. Dieses andere Lebewesen war in diesem Fall eine Taube. Aufgrund der Anweisungen flog diese Taube nach Indien und ließ sich auf dem Körper eines gerade verstorbenen 16-jährigen Jungen nieder. Dadurch wurde das Bewusstsein auf diesen Jungen übertragen, der wiederum zum Leben erwachte und den Namen „Tiphupa“ erhielt. Weil durch diese Übertragung auch alle Lehren, die Darma Dode zuvor von Marpa empfangen hatte, auf den Jungen übergingen, praktizierte Tiphupa auch diese und studierte mit mehreren indischen Meistern. Schließlich wurde er ein berühmter Mahasiddha und Linienhalter der Linie von Naropa.
Als Milarepas Schüler Rechungpa auf der Suche nach dem Lehrzyklus der körperlosen Dakinis auf Tiphupa traf, übertrug Tiphupa die neun Lehren der körperlosen Dakinis auf Rechungpa. Marpa Lotsawa hatte von Naropa nur vier Teile dieses Zyklus empfangen und konnte daher nur diese an seinen Herzenschüler Milarepa weitergeben. In einer Prophezeiung hatte er Milarepa gesagt, dass einer seiner Schüler einmal nach Indien reisen und die restlichen fünf Teile des Lehrzyklus nach Tibet bringen würde.

Neun Lehren der Dakinis

Die neun Lehren der körperlosen Dakinis (tib., lus med mkha‘ ‚gro skor dgu), wie sie von Tiphupa empfangen wurden.

སྨིན་གྲོལ་སེམས་ཀྱི་རྒྱ་མདུད་ཤིག
Zerstöre durch Reifen und Befreien den Siegelknoten des Geistes!

དམ་ཚིག་རང་སེམས་མེ་ལོང་ལྟོས།
Verstehe Samaya als den Spiegel des eigenen Geistes!

སྤྱོད་པ་ཆུ་ལ་རལ་གྲི་རྒྱོབ།
(Als) Aktivität Wasser mit einem Schwert aufschneiden!

དམ་རྫས་རྟོགས་པའི་ཉི་མ་འདེས།
Wärme dich an der Sonne der Erkenntnis als Samaya-Substanz!

རིག་པ་ཡེ་ཤེས་སྒྲོན་མེ་ལྟོས།
Begreife Gewahrsein des zeitlosen Erkennens als Lampe!

རྩ་རླུང་དྲ་མིག་འཁོར་ལོ་སྐོར།
Drehe das Rad des Geflechts der Kanäle und Winde!

རོ་སྙོམས་ཕྱི་ཡི་མེ་ལོང་ལྟོས།
Begreife den äußeren Spiegel als von „einem Geschmack“!

རང་གྲོལ་ཕྱག་རྒྱ་ཆེན་པོ་སྒོམས།
Meditiere selbstbefreite Mahamudra!

བདེ་ཆེན་གསུང་གི་རིན་ཆེན་ཟུངས།
Ergreife das Juwel der Lehren der Großen Glückseligkeit!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. November 2017

Raum und Geist – untrennbar

girl-2696947_1920Der Erhabene erwiderte: „Oh Geist-Vajra, untersuche die Dimensionen deines sogenannten Geistes, dann begründe und erkenne seine wesentliche Natur. Sind sowohl der äußere Raum und der innere Geist gleich oder verschieden? Wenn sie gleich sind, dann muss die wesentliche Natur des Geistes Raum sein. Wenn sie verschieden sind, dann müsstest du zustimmen, dass Raum in einem Traum, Raum am Tag und Raum nach diesem Leben nicht eins, sondern verschieden sind. Wenn der vorherige Raum vergeht und die nachfolgenden Räume einer nach dem anderen auftaucht, dann müsste jeder Raum Gegenstand von Verwandlung, Schöpfung und Zerstörung sein. In diesem Fall ermittle die Ursachen und Bedingungen, aus denen sie entstehen. Wenn der Raum manifest am Tag aufgrund des Sonnenaufgangs am Morgen erscheint, warum bewirkt die Sonne dann nicht, dass er in einem Traum oder nach diesem Leben erscheint? Oder ist er das Klar-Licht deines eigenen Geistes? Mach nicht bloße Lippenbekenntnisse, sondern durchdringe dies vielmehr mit Gewissheit.“
Mahasahasrananta antwortete: „Oh Lehrer, Bhagavan, Raum ist unbestreitbar als die essentielle Natur meines Geistes festgelegt. Während des Tages zeigen sich Erde, Wasser, Feuer, Luft, das Selbst, andere, Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung und Geistesobjekte im Berech des Raumes und der Geist hält sie durch die Mittel der Begrifflichkeit. In Traumerscheinungen erscheint der Grund des Geistes genauso als Raum und die gesamte Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte zeigen sich so, wie sie es zuvor taten. In zukünftigen Leben erscheint auch die wesentliche Natur des Geistes als Raum und in diesem Bereich erscheinen auf dieselbe Art und Weise die ganze Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte. Sie werden vom Geist gehalten und man ist wieder und wieder voller Illusionen.
Daher sind Raum, das Selbst, andere und alle Sinnesobjekte von einem Geschmack und sie sind gewiss nicht verschieden. Außerdem ist es die Lebendigkeit des Raumes selbst und nichts anderes, dass Erscheinungen manifest werden lässt. Die essentielle Natur des Geistes und der Grund ist Raum selbst. Verschiedene Erscheinungen treten im Bereich des geistig erkennenden, durchsichtig, klaren, für immer präsenten Bewusstseins auf. Der Ausdruck dieser Erscheinungen ist wie die Spiegelungen in einem Spiegel oder die Abbilder von Planeten und Sternen in einem Teich von durchsichtig klarem Wasser. Sobald das durchsichtig klare Bewusstsein in den zentralen Bereich des durchdringenden, leeren Raum eingetreten ist, wird es nach innen gelenkt. Dabei verschwinden der Geist und alle Erscheinungen und breiten sich unendlich in die wertneutrale, durchdringende Leerheit aus. Ich habe festgestellt, dass aufgrund des Greifens nach einem Selbst, die große durchdringende Leerheit, die essentielle Natur des Grundes als der Geist und die Geistesfaktoren erscheinen. Der Raum und die Lebendigkeit sind nichts anderes als die Realität des durchsichtigen, klaren Geistes selbst, die als ein Ergebnis von Bedingungen im Selbst und andere zerfällt.
Einfach indem man den Geist zum Pfad macht, erfährt eine Person mit überragenden Fähigkeiten die Seinsnatur der Soheit, die die Dharmata ist und realisiert die umfassende Sicht von Samsara und Nirvana und erlangt Befreiung im angeborenen Bereich des Raumes. Eine Person mit durchschnittlichen Fähigkeiten erlangt Überzeugung im formlosen Bereich und eine Person mit geringen Fähigkeiten erfährt Freude im Formbereich. Von einer Person mit den geringsten Fähigkeiten wird der Pfad als Glück im Begierdebereich erlebt. Möge der Lehrer erklärten, wie das so ist!“

Stille kultivieren

Der Lehrer antwortete: „Oh Geist-Vajra, zuerst einmal vermische diesen Geist mit dem äußeren Raum und verweile sieben Tage lang in meditativem Gleichmut. Dann fixiere deine Aufmerksamkeit auf einen Stein, einen Stock, eine physische Repräsentation des Buddha oder einen Buchstaben und verweile sieben Tage lang in meditativem Gleichgewicht. Dann imaginiere einen klaren, strahlenden, fünffarbigen Bindu in deinem Herzen, fixiere deine Aufmerksamkeit auf ihne und verweile sieben Tage lang in meditativem Gleichmut. Als ein Ergebnis bleibt der Geist für einige Leute glückselig, strahlend und gedankenlos. Diese Erfahrung frei von Gedanken ist wie Ozean frei von Wellen und das nennt man Stille von Zeichen erfüllt. Einige können keine bremsen, da der Geist so aufgeregt ist und sie erleben unbequeme Krankheit und Schmerz im Herzen, dem Lebenskanal usw. Jene mit einem instabilen Geist, mit einer Beeinträchtigung durch Wind oder einem nicht verfeinerten Geist können ohnmächtig werden oder in eine Trance fallen. In diesem Fall entspanne dich und lass die Gedanken so wie sie sind und beobachte sie beständig mit großer Achtsamkeit und enthüllender Innenschau. Ruhe ohne an irgendetwas zu denken wird Stille im Bereich der essentiellen Natur genannt. Die Schwankung und das Erscheinen verschiedener Gedanken wird Bewegung genannt. Keine Gedanken unbewusst zu belassen, sondern sie durch die Methode der Achtsamkeit und Innenschau zu kennen, wird Gewahrsein genannt. Mit dieser Erklärung erkenne sie.
‚Um nun für lange Zeit im Bereich der essentiellen Natur zu verweilen, beobachte die Bewegung, halte deinen Körper gerade, bewahre wachsame Achtsamkeit und beobachte!‘ Wenn du das sagst und es in die Praxis umsetzt, dann vergehen die schwankenden Gedanken nicht, noch verlierst du dich wie gewöhnlich in ihnen, sondern sie werden aufgrund des achtsamen Gewahrseins offengelegt. Durch das unaufhörliche Bemühen die ganze Zeit über, sowohl während als auch zwischen den Meditationssitzungen, werden schließlich alle groben und subtilen Gedanken im leeren Bereich der essentiellen Natur beruhigt werden. Du wirst in einem nicht schwankenden Zustand verweilen und dich darin festigen, in dem du Freude wie die Wärme eines Feuers, Klarheit wie bei Tagesanbruch und Nicht-Begrifflichkeit wie ein von Wellen unbewegter Ozean erfahren wirst. Wenn du danach verlangst und daran glaubst, dann wirst du nicht in der Lage sein, dich davon zu trennen und du wirst daran anhaften. Wenn du in dieser Freude gefangen bist, dann wird dich das in den Begierdebereich werfen, wenn du in Klarheit gefangen bist, dann wird dich das in den Formbereich werfen und wenn du in Gedankenfreiheit gefangen bist, dann wird dich das auf den Gipfel der weltlichen Existenz werfen. Daher wisse, dass diese, obwohl sie unverzichtbare Zeichen des Fortschritts für Individuen sind, die in den Pfad eintreten, ist es ein Fehler, in ihnen für immer gefangen zu sein.

Pfad der Ruhe

Das wird gewöhnliche Ruhe auf dem Pfad genannt und wenn du Stabilität für lange Zeit darin erlangst, dann wirst du das entscheidende Merkmal der Beständigkeit in deinem Geistesstrom erlangen. Sei dir jedoch bewusst, dass unter den unkultivierten leuten in diesem verdorbenen Zeitalter nur sehr wenige scheinbar mehr als eine flüchtige Stabilität haben. Heutzutage erscheinen ihnen die erwählten Gottheiten einiger Leute und sie beruhigen ihre Aufmerksamkeit mit der Gottheit. Einigen erscheinen Visionen von Buddha-Feldern und sie stabilisieren und beruhigen ihren Geist damit. Einige erleben speziell Freude, Klarheit oder Gedankenfreiheit und sie ruhen darin. Einigen erscheinen Bilder ihres spirituellen Führers, Regenbögen, Lichter und Bindus, somit ruhen sie auf diesen usw. Wisse, dass es aufgrund der Funktion der Kanäle und Elemente von jedem einzelnen keine Einförmigkeit und Gleichheit in ihren Erlebnissen gibt.“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Oktober 2017

Götter und Dämonen?

angel-2813382_1920.jpgMan findet in den Lehren des Durchtrennens der Ich-Anhaftung (tib., gcod yul) der Machig Labdrön, die auf den Lehren der Prajnaparamita-Literatur basieren, sechs Klassen von Götter und Dämonen. Als Götter wird alles bezeichnet, was einem nützlich ist, als Dämon, was einem schadet. So gesehen, sind Götter und Dämonen sehr wandelbar und veränderlich. Gestern wurde etwas als Gott oder göttlich gesehen, heute leidet man daran und man fühlt sich wie von Dämonen heimgesucht. Daher sind diese Götter und Dämonen – die nichts als Bezeichnungen sind – zu durchtrennen. Es gibt sechs Kategorien: 1) Götter und Dämonen, wie sie weltliche Menschen bezeichnen; 2) Götter und Dämonen durch ihre essentielle Seinsweise; 3) Götter und Dämonen auf sichtbare Phänomene übertragen; 4) Götter und Dämonen, die natürlich zusammen entstehen; 5) Götter und Dämonen der unausweichlichen karmischen Kräfte; und 6) die letztendlichen, absoluten Götter und Dämonen.
Hier ein paar Worte von Machig Labdrön auf die Frage ihres Sohnes zu diesem Thema: „Kurzum, was immer hilfreich ist, wird ein Gott genannt und was immer quält, wird als Dämon benannt. Das sind Bezeichnungen, verwendet von den weltlichen Menschen, die lediglich auf gut und schlecht oder hilfreich und leidvoll basieren. Es ist das liederliche Geschwätz von Dummen und hat keine wirkliche Wahrheit in sich. […] Ob du es ‚Gott‘ oder ‚Dämon‘ nennst, macht keinen Unterschied, nichts ist endgültig. An gegenteiligen Vorstellungen von Göttern und Dämonen festzuhalten, lediglich basierend auf gut/schlecht und hilfreich/leidvoll, ist ein Aberglaube der weltlichen Menschen. Es gibt keine wahre Existenz dabei. Daher glauben Chöd-Praktizierende niemals an die Fixierung auf Götter und Dämonen, bloß auf gut und schlecht, hilfreich und leidvoll basierend. Sie verwenden nicht einmal die Begriffe ‚Götter und Dämonen‘ für gut, schlecht, hilfreich oder leidvoll. Sie machen nicht einmal die Klänge davon. Indem du weißt, dass sie nicht wahr sind, solltest du wissen, wie dies in den Pfad zu integrieren ist.“
Als letztendlichen Dämon wird die zyklische Existenz (Samsara) bezeichnet, da sie unausweichlich mit Leid verbunden ist. Und weiter mit Machig Labdön: „…Echtes, vollständiges Erwachen, das den Daseinskreislauf transzendiert, ist der letztendlichen Zufluchtsort jener, die frei sein wollen. Was immer diese Zuflucht vom Leidenskreislauf bieten kann, wird ‚Gott‘ genannt. Die anderen weltlichen, samsarischen Götter können keine Zuflucht aus der zyklischen Existenz bieten, also sind sie nicht die letztendliche Quelle der Zuflucht….“
Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. Oktober 2017

Der Eintritt in den Dharma, oder…

…wie man Buddhist wird.

tibet-694625_1920Da ja in verschiedenen Internet-Foren immer wieder die Frage auftaucht, wie man Buddhist wird, hier eine kleine Übersicht.

Drinnen oder doch draußen?

Buddhist wird man durch die Zuflucht zu den Drei Juwelen – Buddha, Dharma und Sangha. Diese kann informell oder formell erfolgen. Die informelle geschieht jedes Mal bei der Praxis. Die formelle kann sich je nach Tradition und Schule unterschiedlich gestalten. Im Grunde wird einem von einem Lehrer / einer Lehrerin dabei die Bedeutung der Zuflucht erklärt, sowie Vorzüge und Nutzen. Dann nimmt man Zuflucht, indem man die Zufluchtsformel nachspricht bzw. man dreimal gefragt wird, ob man wirklich Zuflucht nehmen will, dem zustimmt und dann eben die Formel nachspricht. Schließlich wird einem eine Locke des Haupthaares abgeschnitten und man bekommt einen Dharma-Namen. Dann macht man drei Niederwerfungen/Verbeugungen (je nach Tradition). Und schließlich wird man noch über die Zufluchtsverpflichtungen aufgeklärt. Zumindest halten wir das so in der tibetischen Tradition.
Die Zuflucht ist die Unterscheidung zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten, da die Ausrichtung auf die Drei Juwelen das Tor in den Dharma darstellt. Man wird aber von einer buddhistischen Praxis oder Veranstaltung nicht ausgeschlossen, wenn man keine Zuflucht genommen hat. Bloß ist man dann eben nicht in den Dharma eingetreten. Die Zuflucht zu den Drei Jwuelen kann man entsprechend eine äußeren, inneren und geheimen Verständnisebene betrachten. Die Zuflucht ist nicht notwendigerweise nur eine Zuflucht zu einer historischen Person, den Worten, die diese gesprochen hat und einer monastischen Gemeinschaft. Zuflucht bedeutet auch, die Hinwendung an das Faktum der Fähigkeit zum Erwachen, an die Fähigkeit der Lehre, die zum Erwachen führt und die von den verschiedenen Linienhaltern übermittelt und gelehrt wird.
Zwischen der alltäglichen Zufluchtnahme bei der Praxis und einer formellen Zuflucht liegt der Unterschied in der Deklaration. Im Unterschied zu den Bodhisattva-Gelübden, die man sowohl in der Tradition Asangas wie auch der von Nagarjuna vor einem Abbild nehmen kann, werden die Zufluchtsgelübde nur von Person zu Person übertragen. Das mag für jene, die gerade mal einer Konfession entsagt haben, etwas herausfordernd sein, aber ohne Zuflucht ist man nicht mit den Drei Juwelen verbunden. Gewöhnlich geht der formellen Zufluchtnahme durchaus eine längere Zeit der Prüfung voraus. Dabei sollte die betreffende Person grundlegende Aspekte der Lehre prüfen, sich aber auch mit dem Leben Buddhas und einiger wesentlicher Lehrer vertraut machen und falls man beschließt, danach länger mit einer Gemeinschaft oder Dharma-Tradition zu üben, sich auch diese genauer ansehen. Das Internet bietet mittlerweile eine Fülle an Informationen dazu.

Die Zuflucht ins Leben bringen

buddha-2390664_1920Und ganz einfach lebt man die Lehre Buddhas, indem man dreimal bei Tag und dreimal bei Nacht Zuflucht nimmt und die fünf Vorsätze (Silas) im Alltag umsetzt. Dabei übt man sich darin, Abstand von folgenden Handlungen zu nehmen: 1) Töten; 2) Stehlen; 3) Lügen; 4) Rauschmittel konsumieren; und 5) sexuellem Fehlverhalten.
Wenn man mag, kann man auch einen kleinen Hausaltar oder eine Meditationsecke einrichten und am Altar eine Buddha-Statue oder ein Bild aufstellen und Gaben darbringen. Das wäre mal alles für den Anfang.
Für Anweisungen zur Praxis versucht man diese am besten in der Umgebung von einer kompetenten Person zu erfragen. Man kann sich schon aus Büchern oder über das Internet ein paar Ideen holen, aber die wesentlichen Elemente dazu sollte man sich erfragen.

Mitgliedschaft – ja oder nein?

Und dann gibt’s noch die Möglichkeit, in Österreich z.B. der ÖBR – der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft – beizutreten oder in Deutschland der DBU – der Deutschen Buddhistischen Union – oder in der Schweiz der SBU – der Schweizerischen Buddhistischen Union – beizutreten. Aber das ist ein völlig anderes Thema.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. Oktober 2017

Auch Buddhisten sterben

MarpaLotsawaWie Buddhisten mit dem Thema „Tod“ umgehen, ist wohl genauso individuell, wie überall. Aber man kann z.B. in den Lehren nachsehen, was so an Empfehlungen dafür vorliegt. Um mich mal auf meine mir vertraute Tradition des Vajrayana zu, so findet man in der tibetischen Dharma-Literatur ganz viele Anweisungen für den „Großen Übergang“.

Sterben im Vajrayana

Man kann z.B. Phowa – die Bewusstseinsübertragung zum Zeitpunkt des Todes – praktizieren, wenn der Atem aufgehört hat. Das ist für diese Praxis übrigens die beste Zeit. Man kann Wunschgebete rezitieren, besonders bei Tieren ist das hilfreich. Da verwendet man gerne das „Künzang Mönlam“. Bei Menschen wird immer das kurze oder lange Dewachen Mönlam gesprochen.
In der Zeit danach kann man täglich diese Praxis der Wunschgebete fortsetzen und jeden 7. Tag ein Phowa praktizieren. Am 49. Tag gibt es dann ein großes Ritual der Verabschiedung von der verstorbenen Person. Dabei wird ihr Bewusstsein durch die 6 Daseinsbereiche geleitet und dabei auch gereinigt, damit sie nicht wieder dort Geburt ergreift und dann wird das Bewusstsein in den reinen Zustand übergeführt.
Aber auch schon für die Zeit unmittelbar vor dem Sterben gibt es Anweisungen. So soll man den Platz, wo die Person stirbt entsprechend zubereiten, damit sie nach dem Dahinscheiden auch noch einige Zeit dort verbleiben kann. Dann soll man Tiere aus dem Raum hinausschicken, damit diese die Person anschließend nicht stören bzw. das Bewusstsein der Person nicht mit den Tieren mitgeht. Man sollte der sterbenden Person gute Gedanken und Wünsche mit auf den Weg geben, sie mit Eindrücken ihrer spirituellen Tradition wiederholt in Kontakt bringen.
Wenn die Person dann verstorben ist, sollte man sich ruhig verhalten, da der Geist der verstorbenen Person sehr aufnahmefähig ist. Man soll selbst gute Gedanken pflegen, weil auch diese vom Geist der verstorbenen Person aufgenommen werden. Falls es möglich ist, sollte man die verstorbene Person dann für drei Tage liegen lassen und nicht berühren. Man kann der Person bestimmte Yantras (tantrische Symbole mit Mantras) auf den Körper legen. Möglich ist auch, dass man die Person während des Sterbeverlaufs und der Zeit danach beobachtet und feststellt, wo das Bewusstsein den Körper verlässt. Günstig wäre der Scheitel, dann ist die Chance auf eine Geburt in höheren Bereichen groß.
Günstig ist es auch, wenn man selbst zu Lebzeiten noch den eigenen Nachlass regelt, damit nicht unmittelbar danach die Hinterbliebenen sich über den Besitz zu streiten beginnen oder damit belastet sind. Man sollte den Besitz gerecht und nutzbringend verteilen, und das am Besten auch schriftlich festhalten. Man sollte auch festlegen, wie die Begräbnisrituale zu vollziehen sind, wer was macht usw. Beim Sterben sollte man sich an den Wurzellehrer, seine Güte und die empfangenen und praktizierten Übertragungen erinnern. Man sollte selbst das Phowa praktizieren oder jemanden bitten, das mit einem gemeinsam auszuführen. Falls man dazu wenig karmische Verbindung hat, dann sollte man sich auf die wesentliche Dharma-Praxis ausrichten und entweder Dewachen – das Land der Großen Glückseligkeit – oder Zangdog Palri – den Guru Rinpoches Kupferfarbenen Berg – visualisieren, um dort Geburt anzunehmen.
Soweit ein paar Empfehlungen in Verbindung mit den Lehren und aus Kommentaren verwirklichter Lehrer.

Trauer versus Traurigkeit

Was die Trauer angeht, so ist das eine natürlich menschliche Reaktion in Anbetracht der Vergänglichkeit. Verschieden dazu ist jedoch Traurigkeit, weil das dumpfe Gefühl von Vergänglichkeit verbunden mit Ohnmacht zu einem chronischen Zustand des Niedergedrücktseins geführt hat. Und ob das egoistisch ist? Naja, man blendet wohl das Faktum der Vergänglichkeit aus und irgendwie versucht man damit umzugehen. Menschen machen doch die seltsamsten Dinge, nur um nicht verrückt zu werden angesichts einer überfordernden emotionalen Belastung. Was aber auch noch da mitspielt, sind Vorgänge von Transaktion und Projektion. Manche Menschen spielen im Film (Leben) von anderen Menschen eine identitätsstiftende Rolle. Da gerät dann die Rolle unter Druck.

Marpa Lotsawa und Dodebum

Und am Ende noch eine kleine Geschichte zur Erinnerung, wie Buddhisten mit dem Dahinscheiden ihrer Lieben umgehen. Da gab es in Tibet den Marpa Lotsawa aus Lhodrak. Der hatte einen Sohn, Tarma Dode genannt. Dieser hatte von seinem Vater Marpa alle wesentlichen Übertragungen empfangen. Ungeschickterweise hatte sich Tarma Dode mit dem Falschen angelegt und einen magischen Knatsch mit dem Dharma-Lehrer und Magier Ra Lotsawa inszeniert. Beide praktizierten ihre Yidams, Tarma Dode debum meditierte Hevajra und Ra Lotsawa wendete die befreiende Praxis des Yamantaka an. Die des Yamantaka war überlegen und so verschied Tarma Dode. Soweit die eine Seite der Geschichte.
Für Tarma Dode ereignete es sich folgendermaßen. Als er eingeladen wurde, ein benachbartes Dorf zu besuchen, rieten ihm alle davon ab. Seine Mutter Dagmema flehte ihn an, wenn er schon aufgrund seiner Zusage hinreiten müsse, dann soll er keine Belehrungen geben, er soll auch keine Gaben annehmen, nicht auf einem erhöhten Platz sitzen usw. Also kurz gesagt, er soll alle Ehrerbietungen zurückweisen. Aber es kam, wie es kommen musste. Tarma Dode ritt hin, empfing Gaben, nahm auf einem erhöhten Sitz Platz und gab Dharma-Belehrungen. Auf dem Ritt nach Hause scheute sein Pferd und er kam zu Sturz, wobei er mit dem Kopf auf einem Stein aufschlug. Das Pferd schleifte ihn noch etwas mit.
Als er dann von seinen Begleitern wieder in den Sattel gehoben wurde, sahen sie, dass sein Schädel gebrochen war und etwas Hirn bereits austrat. Sie verbanden ihn so gut sie konnten und ritten nach Hause. Daheim verschied Tarma Dode in Gegenwart seines Vaters Marpa Lotsawa.
Doch wie ging es Marpa Lotsawa dabei? Er weinte bitterlich. Von einigen Schülern wurde er gefragt, wie er es nun mit Leerheit und illusionsgleicher Erscheinung halten würde, und dass der Tod eines Sohnes keiner Aufregung wert sei. „Unter (all den) Träumen war dies ein Super-Traum, unter all den Illusionen war das eine Super-Illusion,“ war seine Antwort. Doch Marpas Trauer war nicht wegen dem Verlust seines Sohnes Tarma Dode, sondern er war darüber betrübt, dass sein Sohn nicht mehr in der Lage war, den Wesen weiter zu nützen. Gemäß der Biografie von Tsang Nyön Heruka sang Marpa mehrere Dohas – Lieder der Verwirklichung, in denen er Aspekte wie Vergänglichkeit, Wandel und die Lehren des Großen Siegels (Mahamudra) darlegte.
Marpa Lotsawa führte dann die Praxis des Drongjung (tib., grong ‚jug), bei der das Bewusstsein einer gerade verstorbenen Person auf ein anderes Lebewesen übertragen wird. In Tarma Dodes Fall war es eine weiße Taube, die dann in Indien sich auf die Brust eines gerade verstorbenen Jungen setzte, der am Scheiterhaufen wieder zum Leben erwachte. Das war dann Tiphupa – der „Taubenjunge“.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Oktober 2017

Die Essenz der Weisheit

Die Methode zum Bewahren von Rigpa’s Antlitz

von Ju Mipham Namgyal

Verehrung dem Samantabhadra!

Die Übung von Rigpa hat drei Schritte: Bekanntschaft machen, Fähigkeit verbessern und Stabilität erlangen.
Zuerst indem man die mündlichen Anweisungen des Gurus verwendet, peilt man das nackte, natürliche Antlitz von Rigpa an, bis man es klar erkennt, frei von geistigen Annahmen sieht. Wenn das geschehen ist, dann übst du dich in dieser Essenz. Das ist die einzige Sache von Wichtigkeit. Mit anderen Worten, es einfach zu erkennen ist nicht ausreichend – es muss völlig geübt werden.
Mit dem begonnen, hast du anfänglich Rigpa erkannt, aber wenn du anfängst darin zu ruhen, dann erschweren die Hindernisse der diskursiven Gedanken, dass Rigpa durchscheint. Zu dieser Zeit also ist es wichtig, die Zeitdauer für das Weilen in diesem Zustand der ungekünstelten Rigpa durch das immer wieder und wieder darin ruhen zu verlängern und ohne diskursive Gedanken zu unterdrücken oder zu fördern, während man dies macht. Indem du dich auf diese Weise immer wieder daran gewöhnst, werden die Wellen der diskursiven Gedanken ihre Kraft verlieren und Rigpa wird klarer scheinen. Wenn das geschehen ist, bleibe so lange du kannst im Gleichgewicht darin und in der nachfolgenden Erlangung stütze dich auf Achtsamkeit, was dich wieder zu Rigpa zurückkehren lässt.
Indem du dich daran gewöhnst, wird Rigpa immer weiter und weiter geübt. Anfänglich werden diskursive Gedanken auftauchen. Allerdings gibt es keine Notwendigkeit, sich auf ein Gegenmittel zu stützen, um sie zu stoppen, als auf sie selbst. Indem man sie einfach an ihrem eigenen Ort belässt, werden sie in wenigen Momenten selbst befreit sein, genauso wie eine zusammengerollte Schlange sich selbst entrollt. Nach weiterer Gewöhnung werden diskursive Gedanken als kleine Störungen auftauchen, aber werden sofort wieder in sich selbst ausklingen, genauso wie eine Zeichnung auf dem Wasser. Sogar weitere Gewöhnung mit diesem Zustand wird darin resultieren, dass die diskursiven Gedanken auftauchen, ohne überhaupt irgendeinen Schaden anzurichten. Der resultierende Mangel an Hoffen und Fürchten darüber ob diskursive Gedanken auftauchen oder nicht, wird ein Erleben sein, in dem sie keine Wirkung haben, ob nun hilfreich oder qualvoll, genauso wie ein Dieb ein leeres Haus betritt.
Bei noch weiterer Gewöhnung an diesen Zustand wird der Übungsprozess zu seinem Abschluss kommen. Schließlich werden sich diskursive Gedanken und der Allgrund zusammen mit seinen Winden, die die Bewegung erzeugen, sich in den ungekünstelten Dharmakaya auflösen und Rigpa seinen Platz einnehmen. Genauso wie Erde und Felsen auf einer Insel aus Gold nicht vorgefunden werden, selbst wenn man danach sucht, scheint nun jede Erscheinung und Existenz ohne Ausnahme als der Bereich des Dharmakaya durch und ist zur universellen Reinheit geworden. Dieser Punkt wird „Stabilität erlangen“ genannt. An diesem Punkt sind die Hoffnungen und Ängste von Samsara und Nirvana und von Geburt und Tod von der Wurzel her zerstört worden.
Mit dieser Weiterentwicklung, bei der die Erscheinungen am Tag und die diskursiven Gedanken stufenweise unter Kontrolle der Rigpa gebracht worden sind, werden die Entsprechungen der Nacht – die Wahrnehmungen der Träume, feine und grobe Lichtheit in ihnen usw. – hinzukommen, ohne dass man sich auf eine andere Art der Anweisung stützen muss. Hast du dies verstanden, so musst du, so lange du die Praxis nicht beendet hast, unerschütterliche Beharrlichkeit darin haben, ein Durchhaltevermögen, das so beständig ist, wie der Strom eines Flusses.

Diese Anweisung wurde von Mipham gegeben. Möge Heilsames und Gutes anwachsen. GE’O!

Aus den gesammelten Werken des Nyingma-Meisters Lakla Sönam Chödrub, auch als Meru Khenpo bekannt; Band 3 (ga), Seite 295 – 298

Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. Oktober 2017

Geistiges Ruhen und nacktes Gewahrsein

Wie Dudjom Rinpoche in seinen essentiellen und leicht durchführbaren Anweisungen für die Klausur in den Bergen anmerkt, ist Hingabe der wesentliche Faktor, um rasch alle Pfade und Stufen zu durchqueren. Hier sein Rat zum Realisieren des nackten Gewahrseins.

Herzensrat zum natürlichen Ruhen

peaceful-442070_1920„Mit Inbrunst von ganzem Herzen zu beten, ohne auch nur für einen Moment aufzuhören, den Guru als den wahren Buddha anzusehen, das ist das Allheilmittel, das allen anderen Wegen des Beseitigens von Hindernissen und des Vorankommens überlegen ist. Stufen und Pfade werden mit großem Schwung durchquert.
Hinsichtlich der Fehler in der Meditation, entwickle wachsames Gewahrsein, wenn deine Meditation sinkt und dumpf wird, entspanne dich voll und ganz, wenn sie sich zerstreut und wild wird. Dennoch sollte das kein absichtliches und angestrengtes Zurückholen sein, das vom gewöhnlich meditierenden Geist erzeugt und gehütet wird. Sei einfach achtsam dabei und vergiss die Besinnung auf deine wahre Natur nicht. Bewahre dies unter allen Umständen – beim Essen, Schlafen, Gehen, Sitzen, während oder nach den Meditationssitzungen. Welche Gedanken auch auftauchen, ob glücklich, qualvoll oder verunreinigt, verweile ohne die Spur einer Hoffnung oder eines Zweifels, ohne zurückzuweisen oder anzunehmen. Und versuche in keiner Weise sie mit Gegenmitteln zu zerstören. Welche Gefühle des Glücks oder Leidens es auch geben mag, belasse sie wie sie in ihrer wahren Natur sind – nackt, frisch, klar, weit und lichthaft. Weil es für alles nichts anderes als einen einzigen Punkt gibt, verwirre dich nicht mit allen Arten des Grübelns. Es besteht keine Notwendigkeit, auf die Leerheit als ein Gegenmittel zu meditieren, verschieden von den unerwünschten Gedanken und Verschleierungen. Wenn du die Natur dieser unerwünschten Gedanken mit Gewahrsein erkennst, dann werden sie im selben Moment befreit sein, genauso wie eine Schlange sich selbst entknotet.
Fast ein jeder weiß, wie man diese letztendliche, verborgene Bedeutung der strahlenden, diamantenen Essenz in Worten ausdrückt, aber nicht wie man sie in die Praxis umsetzt. Und dadurch sind diese zu Litaneien von Papageien geworden. Wir, die dies praktizieren, sind so großartig vom Glück begünstigt!
Nun gibt es da noch mehr zu verstehen, das wir sorgfältig berücksichtigen müssen. Die zwei Todfeinde, die uns seit anfangsloser Zeit in der zyklischen Existenz bis jetzt gebunden haben sind der Greifende und das Ergriffene. Da wir nun durch die Güte des Gurus in die in uns befindliche Dharmakaya-Natur eingeführt worden sind, sind diese beiden nun wie Federn verbrannt, ohne Spuren oder Überreste zurückzulassen. Ist das nicht erfreulich?
Hat man die tiefgründigen Anweisungen auf solch einem geschwinden Pfad empfangen und setzt sie nicht in die Praxis um, dann werden sie wie ein wunscherfüllendes Juwel sein, das im Mund eines Leichnams liegt – welch kläglicher Verlust! Lass dein Herz nicht verfaulen, sondern mach dich an die Praxis.

Anfänger

Anfänger werden entdecken, dass der Geist, der von dunklen Gedanken vollständig heimgesucht ist, sich in Zerstreuung verliert. Sogar noch winzigere Gedanken werden unbemerkt wuchern, bis eine lichthafte Achtsamkeit zurückkommt und du traurig denkst: „Ich bin abgeschweift.“ In diesem Moment unternimm nichts, um den Verlauf der Gedanken zu unterbrechen oder Bedauern über das Abschweifen zu empfinden usw. Verweile einfach in dieser klaren Achtsamkeit und bleibe beim Erfahren des natürlichen Zustandes. Das ist an sich genug. „Weise Gedanken nicht zurück, betrachte sie als Dharmakaya.“ Dies besagt ein bekannter Ausspruch.
Bis deine Erfahrung einer weiteren Schau vollendeter geworden ist, einfach zu denken: „das ist Dharmakaya“ und in ausdrucksloser Ruhe zu verbleiben, beinhaltet das Risiko, von einer gestaltlosen Gleichgültigkeit bar jeder Merkmale gefangen genommen zu werden. Egal welche Gedanken auch auftauchen, starre sie anfangs einfach an, ohne sie zu analysieren oder darüber nachzudenken und ruhe im Erkennenden der Gedanken, ohne dich über sie zu sorgen oder ihnen eine Wichtigkeit zu verleihen, gleich einem alten Mann, der Kindern beim Spielen zusieht.
Indem du so ruhst, wirst du in einer Art des Stillstandes des natürlichen Zustandes frei von Gedanken niederlassen. Wenn dies geschieht, dann wird ein plötzliche, zerstörende, unmittelbare Weisheit, die den gewöhnlichen Geist auftauchen, die nackt, frisch, lebendig und erhaben ist.

Mögliche Fallgruben

Auf dem Pfad kann es eine gewisse Vermischung von Erfahrungen der Glückseligkeit, Klarheit und Gedankenfreiheit geben, aber wenn du darin verweilst ohne auch nur eine Haaresbreite an Zufriedenheit, trügerischer Anhaftung, Hoffnung oder Zweifel zu haben, dann wird dich das davor bewahren, in die Irre zu gehen.
Es ist sehr wichtig, dass du Zerstreuung immer vermeidest und mit einsgerichteter, wachsamer Achtsamkeit praktizierst. Wenn du in eine sporadische Praxis und in theoretisches Wissen abweichst, dann wirst du von einer undeutlichen Ruhe getäuscht werden. Das wird dir überhaupt nichts nützen, wenn du dir über deine Erfahrungen nicht voll und ganz im Klaren bist, dann wirst du bloß sprachlich gut argumentieren, aber das wird überhaupt nicht nützlich sein. Wie in den Dzogchen-Tantras gesagt wird: „Theorie ist wie ein Flicken, der abgehen wird,“ und „Erfahrungen sind wie Nebel, die sich auflösen werden.“
Auf diese Weise werden viele großartige Meditierende von guten oder schlechten geringeren Umständen in die Irre geleitet und verlieren sich darin. Selbst wenn Meditation deinen Geist durchdrungen hat, musst du sie weiterhin pflegen, andernfalls werden die tiefgründigen Anweisungen in den Buchseiten bleiben und dein Geist, dein Dharma und deine Praxis werden unempfindlich, sodass die Geburt der wahren Meditation nicht eintreten wird. Ihr alte Meditierende, noch immer Novizen in der Praxis, aufgepasst! Da besteht die Gefahr, dass ihr mit einem salzverkrusteten Kopf sterben werdet!

Hingabe als förderlicher Faktor

young-man-1289729_1920Nachdem du über lange Zeit beständig praktiziert hast, wird eine Zeit eintreten, wo durch glühende Hingabe oder ein paar andere Umstände sich Erfahrungen in Erkenntnis verwandeln und Gewahrsein wird nackt und strahlend angetroffen. Es ist als ob ein Stoff von deinem Kopf genommen wird. Was für eine Erleichterung! Es ist das überragende Erblicken von dem, was zu vor nicht gesehen wurde. Von da an werden Gedanken als Meditation entstehen. Die Ruhe und das Bewegen werden gleichzeitig befreit sein.
Zuerst ist die Befreiung von Gedanken durch ihr Erkennen wie das Zusammentreffen mit jemandem den du schon kennst. In der Mitte ist die Selbstbefreiung von Gedanken wie das Entwinden einer Schlange aus ihrem Knoten. Und am Ende ist die Befreiung der Gedanken, die weder die Ursache von Nutzen noch Leid sind, gleich einem Dieb in einem leeren Haus. Diese drei werden stufenweise eintreten. Eine starke und völlige Überzeugung, dass alle Phänomene der Ausdruck deines eigenen Gewahrseins sind, wird von innen heraus geboren werden. Wogen aus Leerheit und Mitgefühl werden anbranden. Vorlieben zwischen Samsara und Nirvana werden aufhören. Man wird erkennen, dass Buddhas und Wesen nicht gut oder schlecht sind. Was man auch tut, Tag und Nacht in einem weitläufigen und vollkommenen Fortdauern, so wird man sich doch niemals aus der völligen Befriedigung der absoluten Natur entfernen. Wie in den Dzogchen-Tantras gesagt wird: „Erkennen ist unwandelbar wie der Himmel.“
Obwohl ein Yogi wie dieser „vereint im Natürlichen“ ist, hat er das Auftreten eines gewöhnlichen Menschen, sein Geist weilt in der mühelosen Schau des Dharmakaya und ohne zu tun durchquert er alle Stufen und Pfade. Schließlich ist sein Verstand erschöpft, die Phänomene sind aufgezehrt, so wie Raum in einer zerbrochenen Vase löst sich sein Körper in winzigste Teilchen auf und sein Geist löst sich ins Absolute auf. Das wird das Verweilen im Raum des ursprünglichen Grundes genannt, dem inneren, strahlenden jugendlichen Vasenkörper. So wird es sein.
Das ist die endgültige Sicht, Meditation und Handlung. Sie wird die Verwirklichung der Frucht, die nicht erlangt werden kann, genannt. Die Stufen der Erfahrung und Erkenntnis mögen entweder stufenweise erscheinen oder ohne besondere Reihenfolge sein oder alle gleichzeitig, entsprechend der Fähigkeiten der unterschiedlichen Individuen. Aber zur Zeit der Frucht gibt es keine Unterschiede.

Von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje, genannt „Die essentiellen mündlichen Anweisungen für die Praxis der Klausur in den Bergen“ (tib., ri chos bslab bya nyams len dmar khrid go bder brjod pa grub pa’i bcud len), Band 13 (pa), Seite 443 – 468. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Oktober 2017

Ein guter Rat zur Befreiung

Von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje

Dudjom Rinpoche FarbeWenn du nicht alles Fehlverhalten vermeidest, dann wirst du dein Gelübde brechen.
Wenn anderen nicht hilfst, dann bist du kein Bodhisattva.
Wenn du die reine Wahrnehmung nicht beibehältst, dann bist du kein tantrisch Praktizierender.
Wenn du verwirrt bleibst, dann bist du kein Yogi.
Wenn du voreingenommen bist, dann hast du keine Sicht.
Wenn du auf einen Gegenstand fokussierst, dann meditierst du nicht.
Wenn du ein Heuchler bist, dann gibt es kein „rechtes Handeln“.
Wenn du dir etwas erhoffst, dann wird des kein Ergebnis geben.

Jene mit Vertrauen haben eine Zuflucht.
Jene, die Mitgefühl empfinden, haben einen erleuchteten Geist.
Jene, die Weisheit entwickeln, erlangen Verwirklichung.
Jene, die Hingabe haben, empfangen Segnungen.
Jene mit einem Schamgefühl sind fähig, kümmern sich um die andere oder um anderes anstatt um sich selbst.
Jene, die ihre Gelübde halten, vollenden die Errungenschaften.
Jene, die bescheiden auftreten, sind reich in ihren Fähigkeiten des Hörens und Nachdenkens.
Jene, denen es an Emotionen zu fehlen scheint, haben eine Menge an meditativer Praxis ausgeführt.
Jene, die mit allen auskommen, die sie antreffen und in keiner Lebenslage gelangweilt oder gereizt sind, fangen an, kristallisieren sich als wahre Dharma-Praktizierende heraus.
Die Wurzel des Dharma ist der Geist. Wenn du deinen Geist zähmen kannst, dann bist du ein Dharma-Praktizierender. Und sobald du deinen Geist gezähmt hast, bist du befreit.

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