Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Dezember 2017

Den Geist vereinen…

fantasy-2437944_1920Die Praxis des Lama’i Naljor, des Guru-Yoga, wird von Unkundigen rasch als Anbetung einer sterblichen Person oder als Personenkult missverstanden. Nicht umsonst wurde über lange Zeit die tibetische Dharma-Tradition auch als „Lamaismus“ diskreditiert. Doch Guru-Yoga ist nicht das blinde Nacheifern und Anbeten eines Menschen, sondern wurzelt in der erlangten Sicht, d.h. im Verständnis, dass der Lehrer den erwachten Zustand – Buddha – verkörpert. Wenn der Lehrer nicht als Vajradhara – als Vajra-Halter, welcher die Natur des Geistes symbolisiert – erkannt wird, sondern als gewöhnlicher Mensch, dann werden nicht nur die Segnungen nicht erlangt (was in diesem Zustand verschmerzbar ist), sondern die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gestaltet sich weltlich. Das bedeutet, dass auch beim Lehrer nur allzu Menschliches gefördert wird. Daher wird der Lehrer in der liturgischen Praxis, die ja für das Erlangen der Sicht und der Segnungen ausgeübt wird, nicht als Mensch dargestellt, sondern in seiner erleuchteten Manifestation. Das kann Vajradhara sein, oder auch die symbolische Darstellung seines Erleuchtungspotentials in entsprechender Form.
Hier nun ein paar inspirierende Worte von Thinley Norbu Rinpoche über die Bedeutung des Guru-Yoga – der Vereinigung des eigenen, gewöhnlichen Geistes mit dem Weisheitsgeist des Lehrers.

Bedeutung des Guru-Yoga im Dzogchen

VajradharaBesonders die natürliche Große Vollkommenheit ist das Fahrzeug der Vajra-Herz-Essenz. Gemäß der unteren Fahrzeuge wird die tiefgründige Bedeutung des Absoluten  durch Analyse und theoretisches Argumentieren usw. begründet. Das wird in der Großen Vollkommenheit so nicht gemacht.
Entsprechend der niedrigeren Tantra-Schulen werden durch die Stütze auf die allgemeinen Siddhis die letztendlichen Siddhis erlangt werden. Das wird in der Großen Vollkommenheit so nicht gemacht. Entsprechend der anderen höheren Tantra-Schulen wird durch das Stützen auf die dritte Ermächtigung ein Beispiel für Weisheit gegeben, man bemüht sich in die absolute Weisheit eingeführt zu werden. Das wird in der Großen Vollkommenheit so nicht gemacht.
Diese Linie, die wie eine goldene Kette ist, die niemals getrübt wurde, kann nur von einem überragenden und hoch verwirklichten Lehrer, der als der wirkliche Buddha erkannt wurde, empfangen werden. Indem man dann durch unumkehrbare, intensive Hingabe betet und den eigenen Geist mit der Weisheit des Lehrers untrennbar verbindet, wird durch die Stärke des Gewährens der Segnungen Erkenntnis im eigenen Geist entstehen.
Es wird gesagt:
„Die gleichzeitig geborene Weisheit der absoluten Wahrheit kommt vom Handabdruck der Ansammlung von Verdienst, der Bereinigung der Verschleierungen und den Segnungen eines hoch verwirklichten Lehrers her.
Wenn jemand glaubt, es gäbe eine andere Methode als diese, ist das närrisch.“
So wird gesagt.
Aus dem „Wundersamen Ruhen“ des Künkhyen Longchenpa:
„Die Stufen der Erzeugung und Vollendung usw. sind nicht in der Lage, von der Essenz ihrer Pfade her zu befreien. Sie hängen von Verhalten und vorteilhaften Umständen ab. Das „Lama’i Naljor“ (Guru-Yoga) ist die einzige Essenz des Pfades selbst, demnach die Realisation der unbedingten Natur im Geist geboren wird und man befreit wird. Daher ist Lama’i Naljor tiefgründiger als alle anderen Pfade.“
So wird gesagt.
Auf diese Weise sind alle überragenden Gelehrten und Heiligen der Vergangenheit in Übereinstimmung mit den Wegen, in denen das Lama’i Naljor die tiefgründigste alle Praktiken ist. Ihr Weisheitsgeist und ihre Stimmen sind eins im Lobpreis des Lama’i Naljor. Das sind die Gründe, warum niemals jemand glauben sollte, dass die vorbereitenden Praktiken gemacht werden müssen, um in der Lage zu sein, mit einer tatsächlichen Praxis zu beginnen. Ohne eine andere tatsächliche Praxis in Zukunft vorwegzunehmen, aber das Lama’i Naljor als tatsächliche Praxis für das Leben der Hauptpraxis, ist man fähig, wie ein unaufhörlicher Strom zu praktizieren. Es ist, als ob hundert Flüsse unter einer einzigen Brücke fließen würden. Indem man zu diesem wesentlichen Punkt gelangt, wird sich die eigene Praxis großartig verbessern.

Aus „A Cascading Waterfall of Nectar“ von Thinley Norbu. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017).

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Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Dezember 2017

Die zweifache Ichlosigkeit ermitteln

JAM PAL LA CHAG TSHAL LO //
Verehrung dem Manjushri!

Sicht der Ichlosigkeit

woman-2497206_1920Der Geist, der denkt „ich bin“ in Bezug auf die fünf Erlebnishaufen seines eigenen Körper-Geist-Kontinuums hält an diesem „Ich“ fest. Mit anderen Worten gesagt, ist das trügerische Objekt an dem man festhält, das Selbst der Person oder das „Ich“. So lange wir das nicht untersuchen oder analysieren, haben wir ein Gefühl, dass dieses Selbst existiert, während es tatsächlich niemals existiert hat, so wie eine Schlange niemals in einem Stück bunten Seils vorhanden war. Die fünf Erlebnishaufen, die die Grundlage darstellen, auf die das Selbst projiziert wird, sind selbst vielfältig und unbeständig. Wir denken vielleicht, dass es ein Selbst gibt, das weiterbesteht, in dem Sinne, dass es aus der Vergangenheit kam und in die nächste Phase hinüber gehen wird, und dass dieses Selbst irgendwie eine Einheit wäre. Dennoch sind solche Ideen lediglich Projektionen, die auf der Basis des Zusammenkommens der Erlebnishaufen gemacht werden und in Wirklichkeit haben sie keine Grundlage.
Das Subjekt, welches der Geist ist, das denkt „ich bin“, ist daher das Festhalten an einem Selbst. Und sein täuschendes Objekt, ist das, was wir „Selbst“ nennen. Genauso wie wir ein Stück buntes Seil mit einer Schlange verwechseln, projizieren wir die Vorstellung von einem Selbst auf die Erlebnishaufen, während das Selbst in Wirklichkeit keine wahre Bestehensweise hat. Das zu verstehen, ist die Sicht der Ichlosigkeit.

Ichlosigkeit der Phänomene

Alle bedingten und unbedingten Dinge außer dem „Ich“ oder dem Selbst sind „Phänomene“. So lange wir unsere naiven Annahmen keiner Prüfung unterziehen, glauben wir, dass diese Phänomene existieren. Sobald wir diese jedoch durch logische Begründung prüfen, wie mit dem Argument von „weder eines noch viele“, gelangen wir zu einem Verständnis, dass keine Entität, egal ob grob oder subtil, als „wahrhaft“ bezeichnet werden kann. Und dieses Verständnis darüber wie es den Dingen an jeglicher Basis oder jeglichem Ursprung mangelt, ist das, was wir die Realisation der „Ichlosigkeit“ der Phänomene nennen.

Objekte der Verneinung

Das Selbst der Person und das Selbst der Phänomene sind daher Gegenstände der Verneinung, Personen oder Phänomene sind wie Vasen usw. ohne wahrhafte, inhärente Existenz. Obwohl wir diese zwei Arten eines Selbst als Ergebnis unserer geistigen Täuschung wahrnehmen, entdecken wir, wenn wir sie untersuchen, dass es ihnen am geringsten Hinweis auf Wahrhaftigkeit mangelt und dieses Fehlen ist die Ichlosigkeit der Person und der Phänomene. Man sagt, dass der Geist, der dieses Fehlen eines Ichs auf diese Weise versteht, die Ichlosigkeit realisiert.
Entsprechend der zwei Arten von Subjekt bzw. dem Festhalten an einem Selbst, gibt es somit zwei Formen eines wahrgenommenen Selbst. Um beide Formen des Festhaltens an einem Selbst auszureißen, ist es notwendig zu einer Gewissheit durch logisches Denken zu gelangen, indem man überlegt, wie es diesen beiden Arten von Objekten oder Gattungen eines Selbst an wahrer Existenz mangelt und dadurch entsteht im Geist die Erkenntnis der Ichlosigkeit als das Subjekt, das die zweifache Ichlosigkeit wahrnimmt.

Verfeinern der Sicht

Kurz gesagt ist das Festhalten an „Ich“ die Quelle aller Störgefühle, die die Wurzel des Daseinskreislaufs sind. Sein Gegenmittel ist das Erkennen der persönlichen Ichlosigkeit, die wie die Wurzel für den Pfad der Befreiung ist. Die vollständige Sicht der Leerheit, durch welche wir verstehen, wie es allen Phänomenen an wahrhafter Bestehensweise mangelt, besiegt die geistigen Schleier zur Gänze. Und dies ist somit die Wurzel für den Pfad des Mahayana. Bis wir zu einer tiefen und stabilen Gewissheit über die große Gleichheit gelangen, die unaussprechliche, letztendliche Sphäre, in der Leerheit und bedingtes Entstehen untrennbar sind, müssen wir unsere Sicht verfeinern.

Yogacara-Sicht

Bloßes verstandesmäßiges Verstehen, das auf einer ungeeigneten Negation basiert, wie z.B. ein Objekt der Verneinung zurückweisen, dann ist das die letztendliche Realität, das „kategorisierbare Letztendliche“, die aber nur ein Tor zur letztendlichen Realität darstellt, aber nicht die letztendliche Natur selbst ist.

Madhyamaka-Sicht

Der Mittlere Weg der unbeschränkten Einheit oder das „unkategorisierbare Letztendliche“ ist der natürliche Zustand der Untrennbarkeit der zwei Wahrheiten, was durch das selbsterkennende Gewahrsein verstanden wird und durch das Befrieden der gewebeartigen begrifflichen Ausschmückungen gekennzeichnet ist.

Gewissheit und Erfahrung

Kurz gesagt bringt das begriffliche Verstehen, das aus der Analyse geboren ist, echte Gewissheit und ein eindeutiges Verständnis darüber, dass alle Phänomene in Samsara und Nirvana erscheinen, während es ihnen selbst an jedem kleinsten Teilchen wahrhafter Bestehensweise fehlt, was klar wird, wenn wir der Untersuchung und Analyse unterziehen. Darüber hinaus besteht kein Widerspruch zwischen den Erscheinungen all dieser Entitäten und ihrem Mangel an wahrhafter Bestehensweise, so wie in den Beispielen von der Spiegelung des Mondes im Wasser, einem Traum oder einer Illusion dargestellt wird. Überzeugung auf dieser Stufe ist gleich mit der Gewissheit hinsichtlich der Illusionsgleichheit, die während der Zeit nach der Meditationssitzung erfahren wird. Obwohl sie ein positives intellektuelles Verständnis des Madhyamaka darstellt, eignet sie sich jedoch nicht die wahre Natur der Wirklichkeit – den Mittleren Weg jenseits von begrifflichen Ausschmückungen – zu erblicken, welche durch das selbsterkennende Gewahrsein verstanden werden muss.
Wir müssen uns daher um eine besondere Form der Gewissheit bemühen, innerhalb der raumgleichen Freiheit von begrifflichen Ausschmückungen, die das Ergebnis des direkten Sehens des wahren Zustandes der unausdrückbaren Einheit ist. Dann müssen wir die meditative Gelassenheit praktizieren, in der alle philosophischen Standpunkte basierend auf Gedanken des Zurückweisens oder Beweisens gänzlich verschwunden sind. Man sagt, dass dies den Punkt markiert, an dem analytische Sicht durch Studium und Nachdenken entwickelt, vervollkommnet wurde. Dennoch kann die letztendliche Sphäre der Wirklichkeit, die ein Gegenstand des selbsterkennenden Gewahrseins ist, nur durch die vollständige Transzendenz der gewöhnlichen geistigen Vorgänge erblickt werden und nicht durch irgendeine äußerlich gelenkte, auf Sprache basierende Analyse, die den entscheidenden Punkt verfehlt.
Ferner ist es für jene leicht, die darin bewandert sind, die mentalen Ereignisse aufgrund der Herzensunterweisungen ihres Lehrers ruhen zu lassen, Gewissheit zu entwickeln. Daher müssen wir die Schlüsselpunkte des Pfades ohne Fehler verstehen.

Aus den gesammelten Werken von Mipham Rinpoche; Band 32, Seite 323 – 326.


Übersetzt in die deutsche Sprache vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017) unter Zuhilfenahme bestehender Übersetzungen zum Wohle der Wesen. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Dezember 2017

Buddhaschaft erlangen

soap-bubble-1893847_1920Der Bodhisattva Vidyavajra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, kann jemand ein Buddha werden, einfach indem er die Seinsweise des Grundes kennt, ohne meditieren zu müssen? Möge der Lehrer das erklären!“
Er erwiderte: „Oh Vidyavajra, wenn jemand die Seinsweise des Grundes nicht kennt, dann wird dieser nicht erleuchtet werden. Daher enthüllt die Wissenssammlung der mittleren Lehren, nämlich der sogenannte Dharma ohne Merkmale, dass alle Phänomene angefangen bei Form bis zur Allwissenheit, Leerheit sind. Ohne das zu kennen, wird man nicht befreit. Deshalb wurden die 6.400.000 Tantras der Großen Vollkommenheit offenbart. Sei dir bewusst, wenn man erleuchtet werden würde, ohne das zu kennen, dann gäbe es keine Notwendigkeit für diese Lehren.
Selbst wenn jemand die Leerheit des eigenen Geistes kennt, aber nicht die Leerheit des gesamten belebten und unbelebten Universums mit seinen drei Bereichen kennt, hat dieser nichts weiter als die persönliche Merkmalslosigkeit erkannt. Somit ist dieser über das Shravakayana nicht hinausgelangt. Auch wenn jemand weiß, dass das gesamte belebte und unbelebte Universum von seiner Seite her leer ist, seine eigene essentielle Natur aber nicht als Leerheit ermittelt und weiß, dass der Grund Leerheit ist, dann wird Leerheit auf etwas Wertneutrales reduziert und daraus entsteht kein Nutzen.
Selbst wenn jemand das als Leerheit erkennt, denkt man, dass Leerheit keine guten oder schlechten Qualitäten hat und das ausgezeichnete Qualitäten und erleuchtete Aktivität von irgendwo anders abstammen. Versteht man Leerheit wie ein leeres Gefäß und ausgezeichnete Qualitäten und erleuchtete Aktivität wie seinen Inhalt, dann nimmt man vielleicht an, dass die erleuchtete Aktivität von irgendwo anders dahinein gelangen müssten. In diesem Fall müsste irgendein anderer reicher Besitzer der erleuchteten Aktivität, ein Spender, der dieses Gefäß auffüllt, müsste irgendwo anderes existieren, wenn dies für den Buddha dieses Ortes möglich wäre, als etwas Dauerhaftes, Stabiles und Unbewegliches zu existieren, dann wäre er nicht leer. Und wenn Leerheit eine Leerheit von Materie wäre, ohne gute oder schlechte Eigenschaften, dann würde das fälschlicherweise implizieren, dass alle Phänomene des belebten und unbelebten Universums mit ihren Sinnesobjekten, die überall in diesem Leben, während des Traumzustandes und im nächsten Leben erscheinen, selbstentstanden und selbst ausreichend wären und die Erscheinungen und der Geist der zyklischen Existenz wären etabliert. Wenn jemand die Natur dessen erkennt und Durchdringung erlangt, dann manifestieren sich Erscheinungen als der Ausdruck der Kayas und der ursprünglichen Weisheiten. Aufgrund dieser Umwandlung wird der Zustand der Buddhaschaft manifest und die Aspekte seiner ausgezeichneten Qualitäten sind natürlich vollkommen.

Leerheit ohne Qualitäten?

Es gibt vielleicht viele Leute, die den Raum als eine Leerheit der Materialität ohne irgendwelche guten oder schlechten Qualitäten begreifen. Da jedoch der Raum der Grund und die essentielle Natur der fünf Elemente und der verschiedenen Sinnesobjekte ist, welche Begründung zwingt einen zu behaupten, es sei eine Leerheit der Körperlichkeit ohne gute oder schlechte Qualitäten? Es gibt keine anderen erscheinenden Objekte als den Raum und wenn jemand nach dem Raum als etwas Substanzielles greift, dann macht es keinen Sinn zu behaupten, Samsara und Nirvana seien große Leerheit. Wenn es etwas geben würde, auf das man meditiert und das anders als die Manifestationen des Bereichs des durchdringenden Raumes wäre, was macht es dann für einen Sinn, von Nicht-Meditation, Nicht-Bezug und Nicht-Greifen zu sprechen? Die wesentliche Natur des Themas der Meditation ist Leerheit und wenn das nicht erkannt wird, dann wird die Meditation von einem ohne Sicht auf etwas Wertneutrales reduziert werden. Wie könnte das denn eine echte Meditation sein?
Wenn jemand darin versagt, Samsara und Nirvana als natürlich erscheinenden Ausdruck zu erkennen und zu verstehen, was bringt das Identifizieren von Gewahrsein? Festzustellen, dass Samsara und Nirvana letztendlich von der Natur der großen Leerheit sind und zu erkennen und sich zu vergewissern, dass alles von der Natur des einen Raumes ist, ist Realisation und nur das ist die Sicht.
Oh Vidyavajra, indem man das weiß, es durch und durch ergründet und Überzeugung darin erlangt, dies dann ernsthaft in der Praxis der Meditation auch anwendet, wird man schließlich den Zustand der Befreiung erreichen und das ist der überragende Schlüssel der Praxis. Andererseits wenn bloßes intellektuelles Wissen ausreichend wäre, ohne Bedarf an Meditation, dann hätten alle Yogis, Vidyadharas und Mahasiddhas der Vergangenheit, die Meditation auf der Grundlage der Erkenntnis praktiziert und dabei beherzt Härten auf sich genommen haben, ihre Zeit verschwendet. Im Gegensatz dazu versteh, dass es notwendig ist, sich der essentiellen Praxis des Meditierens auf der Grundlage der Erkenntnis zuzuwenden.

Buddhaschaft ist nicht wertneutral

Die Reduktion des innerlich vorhandenen Grundes auf etwas Wertneutrales ist, als ob der Himmel von Dunkelheit bedeckt ist, während das Grundgewahrsein wie die Dämmerung und das Aufgehen der Sonne ist. Das Nicht-Gewahrsein des Grundes ist, als ob man keine Herrschaft über den gesamten Bereich eines großen Königs hat. Das Identifizieren des manifesten Gewahrseins für einen selbst ist, als ob eine arme Person ohne irgendeinen Status oder Besitz als König inthronisiert wird und königliche Privilegien genießt. Wie eine wohlhabende Person, die von einem König oder Feind eingesperrt ist, die an Auszehrung, Durst, Folter und schrecklicher Umgebung für lange Zeit leidet, so erfährt man endloses Leiden in der zyklischen Existenz aufgrund der Verschleierung durch dualistisches Greifen und des Nicht-Gewahrsein des Grundes, der ursprünglich Großen Vollkommenheit. Das Gewahrsein schließlich zu identifizieren, sodass es manifest wird, ist als ob eine Person aus dem Gefängnis befreit wird, das eigene Haus bewohnt und Glück und Freude genießt. Gewahrsein ist einem wertneutralen Grund weit, weit überlegen.
Hier ist eine Analogie für das Vorhandensein des Grundes als etwas Wertneutrales. Stell dir vor, dass eine Person von einer Krankheit befallen ist und direkt unter ihrem Bett ist eine Medizin, die mit acht Qualitäten versehen ist. Aber da sie das nicht erkennt, wird sie weiter für längere Zeit an ihrer schrecklichen Krankheit leiden. Nach einiger Zeit dann erkennt sie sie als ein heilkräftige Medizin, isst sie und infolge dessen wird ihre Krankheit geheilt und sie erlangt wieder ihre Gesundheit. Genauso sobald man die Seinsweise der Existenz des Grundes erkannt hat, wird das manifeste Gewahrsein als sein eigener Zustand selbst erkannt. Infolge dessen ist das große, chronische Leiden der zyklischen Existenz insgesamt beseitigt und man ist in einen Zustand der ewigen Glückseligkeit gelangt.
Auch wenn jemand Gewahrsein identifiziert hat, das als der Grund vorhanden ist, so gibt es keinen Nutzen, wenn man es nicht praktiziert. Als eine Analogie dazu selbst wenn jemand Gold in der Hand hält, es aber nicht für etwas anderes hilfreiches eintauscht, sondern das Gold als Kopfkissen benutzt, dann wird diese Person an Hunger und Belastung der Elemente sterben. Genauso ist das Reduzieren des Gewahrseins, das identifiziert wurde, auf etwas Wertneutrales diesem gleich. Selbst wenn jemand ein wunscherfüllendes Juwel als das, was es ist, erkennt, so gewährt es keine Siddhis, wenn man es nicht mit Respekt behandelt. Das Gewahrsein, das identifiziert wurde, auf etwas Wertneutrales zu reduzieren, ist genau gleich. Auch wenn jemand schöne, warme Kleidung hat, sie aber nicht trägt, dann wird man an Kälte und Wind sterben. Das Gewahrsein, das identifiziert wurde, auf etwas Wertneutrales zu reduzieren, ist genauso. Selbst wenn jemand in einem Haus lebt, das reich an Nahrung ist, würde dieser an Hunger sterben, wenn er nicht davon ist. Das Gewahrsein, das identifiziert wurde, auf etwas Wertneutrales zu reduzieren, ist genauso. Sei dir dieser entscheidenden Wichtigkeit des Praktizierens bewusst, nachdem man das Wissen und die Erkenntnis erlangt hat.

Getäuscht versus Gewahrsein realisiert

Der Bodhisattva Vidyadhara fragte dann: „Oh Lehrer Bhagavan, so ist es. Gibt es irgendeinen Unterschied zwischen einer getäuschten Person, die das Gewahrsein identifiziert hat und einer, die das nicht hat?“
Er antwortete: „Oh Kind aus guter Familie, es gibt keinen Unterschied zwischen einer Person, die die Route kennt und den falschen Pfad nimmt und einer Person, die die Route nicht kennt und den falschen Pfad nimmt. Es gibt keinen Unterschied zwischen ausgeraubt werden durch einen Feind, den man kennt und ausgeraubt werden durch einen Feind, der ein Fremder ist. Es gibt keinen Unterschied zwischen einer Person, die weiß, wie es ist über eine Klippe zu stürzen und fällt und einer anderen Person, die nicht weiß, wie es ist, und auch fällt. Genauso gibt es nicht den geringsten Unterschied zwischen diesen beiden.“
Vidyavajra fragte dann: „Bhagavan, so ist es. Was ist der Name für das Yana für das Erkennen dieser Realität, die von diesen ganzen ausgezeichneten Qualitäten erfüllt ist? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Vidyavajra, die Grund-Sugatagarbha kann nicht verbessert werden, noch kann sie von irgendwelchen schlechten fühlenden Wesen beeinträchtigt werden. Sie ist frei von den acht Extremen der begrifflichen Ausschmückungen, sie ist von den drei Toren der Befreiung erfüllt und sie ist die natürliche Vollkommenheit des ganzen Ausdrucks der Kayas und ursprünglichen Weisheiten. Die Kenntnis dieser Wahrheit und der Gründe dafür bildet die Realisation und das unterscheidet ihre Überlegenheit über andere Yanas. Zu Wissen durch die Methoden anderer Yanas, dass der Grund leer ist, ist ein allgemein geteiltes Feld der Erfahrung, aber dieser Geist des vollkommenen Erwachens ist eine überragendes Merkmal dieses geschwinden Pfades. Das wird der letztendliche Geist des Erwachens oder das höchste Yana der tiefgründig, geheimnisvollen, resultierenden Großen Vollkommenheit genannt.

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017). Möge es nützlich sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. November 2017

Mantra – Handlung und Seinszustand

Es gibt einige Vorstellungen und Phantasien zum Thema „Mantra“. Und ohne die erforderlichen Übertragungen, Erklärungen und ohne die entsprechende meditative Stabilität und Versenkung ist das Rezitieren auch nur ein Lippendienst. Gut, man macht in dieser Zeit keine unheilsamen Handlungen mit Körper, Rede und Geist; also sortieren wir das bloße Rezitieren schon mal unter „heilsam“ ein.
Im Vajrayana gibt es unzählige Mantras. Jede Aktivität, die in einen Versenkungszustand darstellt, ist dort von Mantras begleitet. Das beginnt bereits bei den vorbereitenden Ritualen vor einer Puja, wenn die Ritualgegenstände gesegnet werden, wenn dann die Lösegeld-Tromas hinausgebracht werden usw. und geht dann erst mit der Einladung des visualisierten Feldes vor einem mit einem Mantra zum Herbeiholen weiter. Damit die Gaben für die Darbringung gereinigt und vermehrt werden, gibt es Visualisationen und Mantras. Zum Aufbauen eines Schutzkreises gibt es Mantras. Löst sich alles in Leersein auf, wird das von 1-3 Leerheits-Mantras begleitet. Wenn dann der Aufbau der Front- und Selbstvisualisation – je nach Praxisart getrennt oder eben uniform – geschieht, kann es dazu Mantras geben. Wenn der Segen der Wesen uranfänglicher Weisheit herabgefleht wird, gibt es Mantras. Zum Einladen, Anbieten eines Sitzes und für die Darbringung gibt es Mantras. Für den Lobpreis der erleuchteten Qualitäten gibt’s mal keine Mantras.
Und dann gibt es bei einer üblich langen Aktivitätspraxis mindestens 3-4 Stufen der Mantra-Rezitation, die aus Annäherung, Vollendung und Aktivität besteht. Bei den Aktivitäten gibt es Mantras, wo alle vier erleuchteten Aktivitäten in einem längeren Mantra zusammengefast sind oder es gibt für die vier Aktivitäten je eines oder es gibt für viele, viele – ja, unzählige – Aktivitäten entsprechende Mantras. Hängt immer davon ab, was allgemein – oder konkret – bewirkt werden soll.
Wenn man im Vajrayana dann das rituelle Festmahl – Ganachakrapuja – praktiziert, dann beginnt man wieder mit Mantras zum Reinigen und Segnen, zum Einladen der Gäste, zum Vermehren der Gaben, zum Darbringen, zum Befreien, zum Darbringen der Restegaben an jene, die nicht dabei sein durften, dann Mantras, wenn an die heiligen Verträge mit Schützern erinnert wird, dann Mantras zum Begraben des Geistes der Ichbezogenheit und schließlich noch nach der Auflösung der ganzen Visualisation ev. ein Mantra zum Versiegeln.
Neben den Mantras, die im Kontext der Sadhana-Praxis verwendet und verwirklicht werden, gibt es auch eine Reihe anderer Mantras, die in die Kategorie der Aktitäts-Mantras fallen. Dazu zählen Mantras, die man z.B. zum Heilen verwendet, die auf Wasser gesprochen und getrunken werden, auf Stoff oder Papier geschrieben und als Amulett getragen werden usw.
Ein Mantra funktioniert jedesmal wie ein Zauberspruch und Siegel, der die damit verbundene Visualisation und den zugehörigen Geisteszustand (Samadhi) zur Essenz kondensiert, manifestiert und besiegelt. Die Kraft eines Mantras ist ja nicht der Silbe per se innewohnend, sondern entfaltet sich erst durch die Visualisation und Rezitation im entsprechenden Versenkungszustand. Ohne eine bestimmte Stufe der Versenkung erreicht zu haben, ist es Lippenübung. Die ist zwar nicht umsonst, aber man benötigt dafür ganz viele Wiederholungen. Daher sind im Vajrayana oft so viele Wiederholungen angegeben. Wenn man eine ausgezeichnete Versenkung erreicht hat, dann manifestiert sich die Wirkung ziemlich rasch.
Wesentlich für die Praxis mit Mantras ist, dass man sich das Mantra nicht einfach aus einem Buch nimmt und rezitiert, weil es gerade mal angebracht oder Rezitation so schick ist. Man muss dafür die erforderliche Übertragung und Erklärung empfangen haben. Natürlich finden sich viele Übersetzungen und Texte im Internet. Aber wenn dann sollte man diese nicht nur ausdrucken und herumprobieren, sondern sich auf den Weg machen und eine geeignete Person finden, die einem das besagte Ding auch überträgt. Mindestens die Leseübertragung (tib., rlung) ist halt schon erforderlich.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. November 2017

Ruhe und Klarheit im Dzogchen

von Mipham Rinpoche

fiction-2598391_1920.jpgBloße Konzentration ohne Abzuschweifen selbst ist definitiv nicht das Verweilen in der wahren, grundlegenden Natur. Es gibt dann vier Ansätze für Unabgelenktheit, wenn ein Praktizierender die Praxis der Konzentration ohne Abzuschweifen bei Tag und Nacht rund um die Uhr praktiziert, wie folgt.

Ruhiges Verweilen ≠ Indifferenz

Zuerst ist geistige Ruhe überhaupt kein Zustand neutraler Indifferenz, entweder „unbestimmte Gelassenheit“ oder „dumpfe geistige Ruhe“ genannt, ein Verweilen in einem Zustand des Nichterkennens dessen, was geschieht oder was man macht. Wenn du nachher in einen Zustand zurückgekehrt bist, in dem du wieder mit Achtsamkeit wahrnimmst, dann wirst du nicht erkennt, was der Inhalt dieses früheren Zustandes, noch wie lange du darin warst. Während du darin warst, hast du dich selbst von allem in einem Zustand der Benommenheit abgeschnitten. Wenn du dich daran machst, mit dieser Art des geistigen Ruhens vertraut zu machen, dann solltest du ihn immer weiter und weiter entwickeln, bis du Tag und Nacht über damit vermischt bist. Je mehr du selbst daran gewöhnt bist, desto mehr wird sich dein Geistesstrom umwölken und eine Eigenschaft von Verschleierung und Dumpfheit im gegenwärtigen Leben aufweisen. Und auch wenn du Verdienst und Disziplin als Verbündete dabei hast, wird es dazu führen, dass du eine Geburt als Tier in Zukunft annehmen wirst, allerdings eines, dessen Geist den Einflussfaktor des gegenwärtig Verweilens aufweist.

Geistiges Ruhen als Wurzel

Zweitens, wenn du im Zustand der geistigen Ruhe nach dem Aufenthaltsort des Geistes suchst – d.h. du versuchst die drei Dinge wie Erscheinen, Verweilen und Gehen usw. zu prüfen – aber wenn du sie überhaupt nicht findest, dann wird dein Geist leer im Sinne des Freiseins von Geburt, Vergehen und Verweilen. Allerdings ist die Tatsache „leer zu sein“ noch nicht vollständig bestimmt worden, daher wird die geistige Ruhe als „bloße Achtsamkeit, bloßes Gewahrsein und bloße Klarheit besitzen“ bezeichnet.
Was hat es nun damit auf sich? Es wird gesagt, dass ein Auftreten von Glückseligkeit, das Einfluss auf das Erfahren nimmt, und dieser Einfluss des Erlebens ein klares Gewahrsein ist, das nicht beschrieben werden kann. Das ist geistige Ruhe und wenn du daran arbeitest und dich damit vertraut machst, dann wird sich das auch bei Tag und Nacht mit deiner wahren Essenz vermischen.
Jedoch ist diese wirkliche geistige Ruhe nicht das zeitlose Erkennen der durchdringenden, höheren Einsicht, nicht die Essenz des Geistes und keine Realisation. Sie ist die Wurzel aller weltlichen Arten von Konzentration und sie wird auch als „geistige Ruhe, die Ursache für durchdringende, höhere Einsicht“ bezeichnet. Weil die Große Vollkommenheit jedoch ein System ist, in dem Meditation innerhalb der Sicht kultiviert wird, gibt es in der Meditationsart von Rigpa’s „natürlicher Versenkung“ keine Notwendigkeit der bloßen Stille einer geistigen Ruhe und daher ist geistige Ruhe eine völlig entbehrliche Voraussetzung.

Allgrund

Drittens, was nun im Falle des Bewusstseins des All-Grundes Tag und Nacht über damit verbunden wird, so ist dies zu bedenken. Dieses frühere Erleben geistiger Ruhe, der ein klares Gewahrsein ist, hat sich nun aufgelöst und ist in ein weites, leeres Feld ausgedehnt worden. Diesem Feld fehlt die Ursache für das Greifen nach einem Ich. Am Ende wird Geübtheit in diesem Zustand dazu führen, dass du die ganze Zeit über rund um die Uhr damit verbunden bist. Diese lediglich zeitweilige Erfahrung einer Leerheit, ist weit, aber bloß leer. Diesem Weilen in Leere fehlt jegliche bewusste Eigenschaft der Klarheit eines selbstexistierenden Gewahrseins.
In allen drei Fällen ist es notwendig, eine Unterscheidung dabei zu treffen, egal was sie von gewöhnlicher Geist und Rigpa sonst sein mögen, sie sind nicht Rigpa, sondern gewöhnlicher Geist mit einem Aspekt des Ruhens.

Strahlende Klarheit

Viertens handelt davon, wie man die ganze Zeit über in strahlender Klarheit verbunden ist. Sobald das Festhalten an diesem früheren, gewaltig großen Feld bloßer Leere gereinigt ist, bricht die selbstentstandene Essenz des zeitlosen Erkennens, die wie die Sonne strahlt, durch. Diese Leerheit ist frei von allen geistigen Konstrukten und eben keine einseitige Leere. Dies ist wahres Gewahrsein, das im erkennenden Seins gründet und untrennbar davon ist. Es wird „zeitloses Erkennen“ genannt, weil es alles erkennt und es wird „Rigpa“ genannt, weil es ein unmittelbares Gewahrsein von allem darin hat. Man sagt, dass dieses zeitlose Erkennen von der Natur des ursprünglichen Gewahrseins des zeitlosen Erkennens ist. Dieser Erkennende des zeitlosen Erkennens, der anders als das gewöhnliche dualistische Geist ist, ist ohne die geringste Abhängigkeit von einem Objekt und ohne den geringsten Anteil eines Greifens und Festhaltens an wahrer Existenz und dieser ist als selbsterkennende Klarheit vorhanden, die genauso wie verschüttetes Quecksilber ist, das sich überall als winzige Tröpfchen ausgebreitet hat. Du kannst es „natürlich vorhandenes Gewahrsein“ nennen, es ist ein Synonym dafür.

Frei von Unwissenheit und Fixierung

Das ist es. Was diesen letzten wesentlichen Punkt der Praxis angeht, so sind weder der gewöhnliche Geist, der den Erfahrungsaspekt von bloßer Klarheit, von bloßem Gewahrsein besitzt, noch die raumgleiche, gewaltig große Leere, die überhaupt keinen Moment von Rigpa enthält, eine Hilfe. Daher müssen wir den gewöhnlichen Geist und das Gewahrsein frei von Unwissenheit und dualistischer Fixierung unterscheiden. Die Natur des Geistes ist so, dass sie mit ihren Objekten auf dieselbe Weise vermischt ist, wie Wasser mit seinen Teilchen verbunden ist. Festhalten und Anhaften an den Objekten so wie es geschieht, ist ein Greifen in tiefe Erstarrung. Wenn es kein Objekt gibt, dann können im Geist keine diskursiven, begrifflichen Gedanken geboren werden. Es ist mit einem Erscheinen und Vergehen von Moment zu Moment ausgestattet.
Das zeitlose Erkennen, welches Rigpa ist, hängt von keinem Objekt ab. Es ist gegenstandslos selbsterhellend. Es erkennt Objekte, aber es erkennt sie bloß und greift nicht nach ihnen. Da es nicht daran festhält und nicht in eine tiefe Erstarrung eintritt, weist es eine illusionsgleiche, traumgleiche Art des Erkennens auf. Die Dinge werden als das bloße Spiel oder die spontane Energie des Selbstausdrucks dieses ursprünglichen Gewahrseins des zeitlosen Erkennens erkannt. In Moment ihres Erkennens sind sie selbstbefreit im Erkennen, genauso wie eine Zeichnung auf dem Wasser. Daher verliert sich das zeitlose Erkennen selbst nicht in diesem bloßen Erkennen von Objekten, sondern erfährt sich selbst. Das gibt dir eine Grundlage, wie zeitloses Erkennen vom gewöhnlichen Geist unterschieden werden sollte.
Dies wurde aus dem Mund des gütigen Gurus vernommen.

Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. November 2017

Sutra & Tantra – Ein Vergleich der 5 Pfade und 10 Stufen

buddha-1597160_1920Die Lehre des Buddha wird in zwei große Kategorien gegliedert – in den Ansatz basierend auf den Sutras und jenen Ansatz, der auf den Tantras beruht. Während bei den Hinayana-Sutras jene Worte des Buddha im Vordergrund stehen, die er öffentlich gesprochen hat und sich auf das Offensichtliche und Relative in den Geistesschulungen bezieht. Dieser Abschnitt wird durch Kontemplationen über die kostbare menschliche Geburt, über Vergänglichkeit und Tod, über die Unzulänglichkeit aller bedingten Phänomene und über den unausweichlichen Zusammenhang von Handlungen und ihren Resultaten praktiziert. Während dieser Abschnitt bei den meisten Mahayana-Schulen detailreich über eine lange Zeit erfolgen kann, wird dies in den Schulen des Vajrayana im Ngöndro als tägliche Praxis oder als Praxis in einem überschaubaren Zeitraum ausgeführt.
Die Mahayana-Sutras beschreiben die letztendliche Bedeutung vom Standpunkt des erwachten Geisteszustandes aus. Daher sind viele dieser Sutras metaphysisch und einige Aspekte ihrer Darstellungen sind symbolisch zu sehen bzw. nur in einem Zustand der tiefen Versenkung zu verstehen. Ähnliches gilt für die Tantras, die visionäre Schriften sind, die Buddha – weniger als historische Person, sondern als erleuchteter Zustand – gelehrt hat und die auch die Letztendlichkeit der Natur des Geistes und seine spontanen Manifestationen darlegen. Da diese Schriften für Menschen, die auf die Dinglichkeit der Welt fixiert sind, verwirrend erscheinen mag, braucht es für das Verständnis dieser Schriften öfters auch eine Auslegung durch Personen, die diese Zustände in tiefer Meditation erfahren haben.
Im Sutra-Fahrzeug wird die Entwicklung zur Buddhaschaft in fünf Pfaden und zehn Stufen beschrieben. Um diese Entwicklung zu durchlaufen, benötigt man mit dem Sutra-Ansatz eine lange Zeitspanne, in manchen Schriften wird von drei endlosen Zeitaltern gesprochen. Dabei wird der relative und letztendliche Erleuchtungsgeist als Ursache der Entwicklung gesehen und das Erkennen der wahren Bestehensweise der Phänomene – Leersein von Eigennatur – allmählich erfahren.
Der Ansatz des Tantrayana umfasst denselben Durchlauf, jedoch ist dies in einer einzigen Meditationssitzung enthalten, in der die tantrischen Methoden – die geschickten Mittel – praktiziert werden. Der Stufenweg des Sutrayana ist in einer einzigen Sitzung des Vajrayana enthalten, wenn auch nicht immer in derselben Reihenfolge.

Fünf Pfade als Entwicklungsweg

buddha-2919800_1920Dennoch sind sowohl der Sutra-Ansatz wie auch der des Tantra vollständig, da sie die fünf Pfade und zehn Bodhisattva-Stufen umfassen. Allerdings haben beide Ansätze unterschiedliche zeitliche Abläufe.
Diese sind der Pfad der Ansammlung (tib., theg chen tshogs lam), der Pfad der Verbindung (tib., theg chen sbyor lam), der Pfad des Sehens (tib., theg chen mthong lam), der Pfad der Meditation (tib., theg chen sgom lam) und der Pfad des Nicht-mehr-Lernens (tib., theg chen mi slob lam). Betrachten wir nun einmal die fünf Pfade im Vergleich von Sutra und Tantra.

Pfad der Ansammlung

Der erste Pfad der Ansammlung besteht darin, konstruktives Potential – Verdienst genannt – anzusammeln. Dies geschieht indem man den Drei Juwelen Gaben darbringt und sich auch in den anderen Paramitas bei den fühlenden Wesen übt. Der Fokus liegt dabei auf der Zuflucht zu den Drei Juwelen und den fühlenden Wesen. Indem man auf diese Weise immer mehr heilsames Potential ansammelt, entwickelt man einen größeren Freiraum und schreitet so auf diesem Pfad voran.
Wie jede Praxis im Vajrayana beginnt man hier mit der Zuflucht und dem Hervorbringen der höchsten Geisteshaltung – Bodhicitta. Zusätzlich folgt dann oft noch eine Praxis der Sieben Zweige zur Ansammlung von Verdienst. Dadurch wird der Pfad der Ansammlung im Vajrayana meditiert.

Pfad der Verbindung

Der Pfad der Verbindung besteht aus vier Abschnitten: 1) Wärme (tib. drod); 2) Gipfel (tib., rtse mo); 3) Geduld (tib., bzod pa); und 4) höchste (weltliche) Dharma (tib., chos mchog). Diese vier Entwicklungsstufen werden auch als „vier Aspekte der Ermittlung“ bezeichnet.
Das erste Anzeichen für einen Erfolg in der meditativen Praxis wird „Wärme“ genannt und beschreibt eine Annäherung wie bei einem Feuer, wodurch man seine Wärme spürt. Damit ist eine erste Annäherung zur Einsicht gemeint, die später dann verwirklicht wird. Es ist ein Annähern an die flammengleiche Weisheit des Pfades der Einsicht, indem man Konzentration gleichzeitig mit dem unterscheidenden Erkennen besitzt. Die groben Störgefühle werden durch die Wärme aufgelöst.
theravada-buddhism-1769528_1920Mit „Gipfel“ ist große Anstrengung gemeint, die für das Realisieren der Einsicht erforderlich ist und damit ist laut Patrul Rinpoche „der Gipfel aller Quellen weltlicher Aktivität“ gemeint. Sobald der Gipfel erreicht worden ist, kann die Wurzel des Heilsamen nicht mehr von falschen Ansichten durchtrennt werden. Dieses eifrige Streben wird nicht mehr durch Faulheit oder Zerstreuung behindert, wodurch „Geduld“ gegeben ist. Zwar können in diesem Abschnitt durchaus noch diese hinderlichen Zustände auftauchen, aber man ist nicht mehr davon gefangen. Man kann nicht mehr in niedere Bereiche fallen. „Höchster (weltlicher) Dharma“ wird die vierte Stufe deshalb genannt, weil sie die höchste spirituelle Verwirklichung innerhalb der samsarischen Existenz darstellt. Man hat noch keine Befreiung erlangt, aber durch die Beständigkeit in der weltlichen Meditation nun dem nächsten Pfad nähert, wo eine Einsicht in das Leersein alle Phänomene entsteht.
Voller Ausdauer praktiziert man im Vajrayana die verschiedenen Elemente der Phasen der Visualisation und deren Auflösung. Die Visualisationspraxis, also das Hervorbringen von Meditationsgottheit und Mandala, hat die Aufgabe, die meditative Konzentration zu fördern, die geistige Ruhe zu vertiefen und die Störgefühle und falschen Konzepte von Identität im Geistesstrom zu beseitigen. Dies entspricht dem Pfad der Verbindung.

Pfad des Sehens

Der Pfad des Sehens währt 16 Bewusstseinsmomente (tib., mthong lam skad cig bcu drug) lang, die die Vier Edlen Wahrheiten umfassen. Dieser Abschnitt ist auch das Betreten der ersten Bodhisattva-Stufe „Vollkommene Freude“ und man entwickelt die direkte Einsicht in das Leersein der nichtbegrifflichen Weisheit. Dabei werden die sieben Erleuchtungsglieder Achtsamkeit, Eifer, Freude, körperliche und geistige Biegsamkeit, Sammlung und Gleichmut entwickelt. Auf diese Weise gelangt man auf die erste Bodhisattva-Stufe und praktiziert die Paramita der vollkommenen Großzügigkeit. Ein Bodhisattva kann auf dieser Stufe als Herrscher über diese Welt wiedergeboren werden.
Im Vajrayana beginnt die Hervorbringung von Meditationsgottheit und Mandala mit einem Leerheits-Mantra, das manchmal in drei bis vier Aspekte aufgeteilt werden kann. Dabei lässt man den Geist im ungekünstelten Gewahrsein ruhen und realisiert das Leersein aller Phänomene. Man schafft dadurch die Grundlage für die Einsicht in das Leersein der nichtbegrifflichen Weisheit.

Pfad der Meditation

meditation-1794292_1920Der Pfad der Meditation erstreckt sich von der 2. bis zur 10. Bodhisattva-Stufe. Da auf jeder Stufe Verschleierungen zu bereinigen sind, ist unermüdliche Meditation das entsprechende Mittel dazu. Auf dieser Stufe meditiert man auf die Wahrheit, die auf dem Pfad des Sehens erkannt wurde. Dabei beginnt dies mit dem Edlen Achtfachen Pfad und setzt den Paramitas beginnend mmit der vollkommenen ethischen Disziplin fort bis zum vollkommenen Höchsten Erkennen. Als Resultat durchläuft man die Stufen eines Weltenherrschers bis hin zu einem Herrscher der Götterbereiche.
Am Ende wird der unerschütterliche Meditationszustand – die varjagleiche Versenkung – erlangt, wodurch man von den subtilsten Verschleierungen befreit ist.
Im Vajrayana visualisiert man nach der Auflösung der gewöhnlichen Erscheinungen in den Zustand des Leerseins den Aufbau von Mandala und Gottheit, was gewöhnlich durch eine Keimsilbe erfolgt. Von dieser strahlt Licht aus und bringt den Buddhas und Bodhisattvas Gaben dar, kehr zurück und strahlt wieder aus zum Nutzen der Wesen der sechs Bereiche. Danach erfolgt die Selbstverwandlung in die Meditationsgottheit. Auf diese Weise wird die Anhaftung an den gewöhnlichen Körper beseitigt. Durch die drei Keimsilben OM, AH und HUM an den drei Stellen geht vom Verpflichtungswesen – das man selbst ist – Licht aus und lädt die Wesen uranfänglicher Weisheit – das erleuchtete Grundgewahrsein – ein, diese werden untrennbar. Da man sich nun als erwachtes Wesen und die Welt als reines Buddha-Land versteht, ist die Grundlage für die 10. Bodhisattva-Stufe gegeben. Somit ist der gesamte Pfad der Meditation in diesem Abschnitt der Hervorbringung (tib., skye rim) enthalten.
Dann strahlt wiederum Licht aus und lädt die Ermächtigungswesen in Form der fünf Buddhas Yab-Yum ein. Diese gewähren die Ermächtigung, sie verschmelzen und werden zum Herrscher der Buddha-Familie über dem Scheitel. Dies entspricht dem Ende der 10. Stufe und der vajra-gleichen Versenkung.

Pfad des Nicht-mehr-Lernens

KunzangYabYumDurch das Erlangen der Buddhaschaft wird der Dharmakaya realisiert und nach diesem Erlangen erscheint ein Buddha in unzähligen Formkörpern (Rupakaya) zum Wohle der Wesen, d.h. er dreht das Rad der Lehre. Nachdem ein Buddha alle Lehren gegeben hat, löst sich sein Erscheinungskörper (Nirmanakaya) in den Dharmakaya auf. Auf diese Weise zeigt er die Vergänglichkeit aller bedingten Phänomene. Und aufgrund seines Mitgefühls und seiner zuvor gegebenen Bodhisattva-Gelübde erscheint er erneut in Formen des Sambhogakaya und Nirmanakaya zum Wohle der Wesen.
Im Vajrayana kommt nach der Ermächtigung die Stufe der Rezitation des Mantras. Die erste Stufe ist die der Annäherung, wo man sich selbst nochmals mittels Visualisation und Rezitation als Meditationsgottheit – als erleuchtetes Wesen – erfährt. Die zweite Phase der Meditation ist die der Vollendung. Dabei strahlt Licht zu den Buddhas und Bodhisattvas der zehn Richtungen aus, bringt Gaben dar und empfängt ihren Segen. Wiederum strahlt Licht aus und reinigt die Verschleierungen der Wesen der sechs Bereiche und versetzt sie in den Zustand der vollkommenen Buddhaschaft. Dies entspricht dem Erscheinen eines Buddhas nach dem Erwachen und das Bewirken des Wohls der Wesen. In diesem Kontext werden auch die vier Buddha-Aktivitäten des Befriedens, Vermehrens, Magnetisierens und kraftvollen Befreiens ausgeführt.
Nach der Rezitation und dem Ausführen der Aktivitäten löst sich Welt und Inhalt, d.h. Mandala und Meditationsgottheit stufenweise auf. Gewöhnlich erfolgt dies in drei Stufen. Dies entspricht dem Auflösen von Nirmanakaya in Sambhogakaya und weiter in den Dharmakaya. Anschließend erscheint man aus diesem Zustand des leeren Verweilens wiederum als Meditationsgottheit in Aktivitätsgestalt und widmet sich mit dieser Sicht und diesem Verständnis dem Wohl der Wesen.

Während im Ansatz des Sutrayana diese Abschnitte stufenweise und langsam durchlaufen werden, wird im Vajrayana der gesamte Prozess in einer Sitzung verinnerlicht. Bei richtiger Anwendung, d.h. durch Ermächtigung, Übertragung und aufzeigende Erklärungen, kann so Buddhaschaft in einem einzigen Leben verwirklicht werden.

Gestützt auf die Lehren der Erleuchteten und Weisen, zusammengefasst vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017). Möge es von Nutzen sein und die Praktizierenden bei der Praxis inspirieren! SARWA MANGALAM.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. November 2017

Tiphupa – der Taubenjunge

pigeon-1613618_1920Der Legende nach war Tiphupa die „Wiedergeburt“ von Darma Dode, dem Sohn von Marpa Lotsawa. Nachdem Darma Dode nach einem Reitunfall verstorben war, konnte ihn Marpa nicht mehr ins Leben zurückbringen. Also führte Marpa die Praxis des Drongjung – der Übertragung des Bewusstseins auf ein anderes Lebewesen – aus. Dieses andere Lebewesen war in diesem Fall eine Taube. Aufgrund der Anweisungen flog diese Taube nach Indien und ließ sich auf dem Körper eines gerade verstorbenen 16-jährigen Jungen nieder. Dadurch wurde das Bewusstsein auf diesen Jungen übertragen, der wiederum zum Leben erwachte und den Namen „Tiphupa“ erhielt. Weil durch diese Übertragung auch alle Lehren, die Darma Dode zuvor von Marpa empfangen hatte, auf den Jungen übergingen, praktizierte Tiphupa auch diese und studierte mit mehreren indischen Meistern. Schließlich wurde er ein berühmter Mahasiddha und Linienhalter der Linie von Naropa.
Als Milarepas Schüler Rechungpa auf der Suche nach dem Lehrzyklus der körperlosen Dakinis auf Tiphupa traf, übertrug Tiphupa die neun Lehren der körperlosen Dakinis auf Rechungpa. Marpa Lotsawa hatte von Naropa nur vier Teile dieses Zyklus empfangen und konnte daher nur diese an seinen Herzenschüler Milarepa weitergeben. In einer Prophezeiung hatte er Milarepa gesagt, dass einer seiner Schüler einmal nach Indien reisen und die restlichen fünf Teile des Lehrzyklus nach Tibet bringen würde.

Neun Lehren der Dakinis

Die neun Lehren der körperlosen Dakinis (tib., lus med mkha‘ ‚gro skor dgu), wie sie von Tiphupa empfangen wurden.

སྨིན་གྲོལ་སེམས་ཀྱི་རྒྱ་མདུད་ཤིག
Zerstöre durch Reifen und Befreien den Siegelknoten des Geistes!

དམ་ཚིག་རང་སེམས་མེ་ལོང་ལྟོས།
Verstehe Samaya als den Spiegel des eigenen Geistes!

སྤྱོད་པ་ཆུ་ལ་རལ་གྲི་རྒྱོབ།
(Als) Aktivität Wasser mit einem Schwert aufschneiden!

དམ་རྫས་རྟོགས་པའི་ཉི་མ་འདེས།
Wärme dich an der Sonne der Erkenntnis als Samaya-Substanz!

རིག་པ་ཡེ་ཤེས་སྒྲོན་མེ་ལྟོས།
Begreife Gewahrsein des zeitlosen Erkennens als Lampe!

རྩ་རླུང་དྲ་མིག་འཁོར་ལོ་སྐོར།
Drehe das Rad des Geflechts der Kanäle und Winde!

རོ་སྙོམས་ཕྱི་ཡི་མེ་ལོང་ལྟོས།
Begreife den äußeren Spiegel als von „einem Geschmack“!

རང་གྲོལ་ཕྱག་རྒྱ་ཆེན་པོ་སྒོམས།
Meditiere selbstbefreite Mahamudra!

བདེ་ཆེན་གསུང་གི་རིན་ཆེན་ཟུངས།
Ergreife das Juwel der Lehren der Großen Glückseligkeit!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. November 2017

Raum und Geist – untrennbar

girl-2696947_1920Der Erhabene erwiderte: „Oh Geist-Vajra, untersuche die Dimensionen deines sogenannten Geistes, dann begründe und erkenne seine wesentliche Natur. Sind sowohl der äußere Raum und der innere Geist gleich oder verschieden? Wenn sie gleich sind, dann muss die wesentliche Natur des Geistes Raum sein. Wenn sie verschieden sind, dann müsstest du zustimmen, dass Raum in einem Traum, Raum am Tag und Raum nach diesem Leben nicht eins, sondern verschieden sind. Wenn der vorherige Raum vergeht und die nachfolgenden Räume einer nach dem anderen auftaucht, dann müsste jeder Raum Gegenstand von Verwandlung, Schöpfung und Zerstörung sein. In diesem Fall ermittle die Ursachen und Bedingungen, aus denen sie entstehen. Wenn der Raum manifest am Tag aufgrund des Sonnenaufgangs am Morgen erscheint, warum bewirkt die Sonne dann nicht, dass er in einem Traum oder nach diesem Leben erscheint? Oder ist er das Klar-Licht deines eigenen Geistes? Mach nicht bloße Lippenbekenntnisse, sondern durchdringe dies vielmehr mit Gewissheit.“
Mahasahasrananta antwortete: „Oh Lehrer, Bhagavan, Raum ist unbestreitbar als die essentielle Natur meines Geistes festgelegt. Während des Tages zeigen sich Erde, Wasser, Feuer, Luft, das Selbst, andere, Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung und Geistesobjekte im Berech des Raumes und der Geist hält sie durch die Mittel der Begrifflichkeit. In Traumerscheinungen erscheint der Grund des Geistes genauso als Raum und die gesamte Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte zeigen sich so, wie sie es zuvor taten. In zukünftigen Leben erscheint auch die wesentliche Natur des Geistes als Raum und in diesem Bereich erscheinen auf dieselbe Art und Weise die ganze Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte. Sie werden vom Geist gehalten und man ist wieder und wieder voller Illusionen.
Daher sind Raum, das Selbst, andere und alle Sinnesobjekte von einem Geschmack und sie sind gewiss nicht verschieden. Außerdem ist es die Lebendigkeit des Raumes selbst und nichts anderes, dass Erscheinungen manifest werden lässt. Die essentielle Natur des Geistes und der Grund ist Raum selbst. Verschiedene Erscheinungen treten im Bereich des geistig erkennenden, durchsichtig, klaren, für immer präsenten Bewusstseins auf. Der Ausdruck dieser Erscheinungen ist wie die Spiegelungen in einem Spiegel oder die Abbilder von Planeten und Sternen in einem Teich von durchsichtig klarem Wasser. Sobald das durchsichtig klare Bewusstsein in den zentralen Bereich des durchdringenden, leeren Raum eingetreten ist, wird es nach innen gelenkt. Dabei verschwinden der Geist und alle Erscheinungen und breiten sich unendlich in die wertneutrale, durchdringende Leerheit aus. Ich habe festgestellt, dass aufgrund des Greifens nach einem Selbst, die große durchdringende Leerheit, die essentielle Natur des Grundes als der Geist und die Geistesfaktoren erscheinen. Der Raum und die Lebendigkeit sind nichts anderes als die Realität des durchsichtigen, klaren Geistes selbst, die als ein Ergebnis von Bedingungen im Selbst und andere zerfällt.
Einfach indem man den Geist zum Pfad macht, erfährt eine Person mit überragenden Fähigkeiten die Seinsnatur der Soheit, die die Dharmata ist und realisiert die umfassende Sicht von Samsara und Nirvana und erlangt Befreiung im angeborenen Bereich des Raumes. Eine Person mit durchschnittlichen Fähigkeiten erlangt Überzeugung im formlosen Bereich und eine Person mit geringen Fähigkeiten erfährt Freude im Formbereich. Von einer Person mit den geringsten Fähigkeiten wird der Pfad als Glück im Begierdebereich erlebt. Möge der Lehrer erklärten, wie das so ist!“

Stille kultivieren

Der Lehrer antwortete: „Oh Geist-Vajra, zuerst einmal vermische diesen Geist mit dem äußeren Raum und verweile sieben Tage lang in meditativem Gleichmut. Dann fixiere deine Aufmerksamkeit auf einen Stein, einen Stock, eine physische Repräsentation des Buddha oder einen Buchstaben und verweile sieben Tage lang in meditativem Gleichgewicht. Dann imaginiere einen klaren, strahlenden, fünffarbigen Bindu in deinem Herzen, fixiere deine Aufmerksamkeit auf ihne und verweile sieben Tage lang in meditativem Gleichmut. Als ein Ergebnis bleibt der Geist für einige Leute glückselig, strahlend und gedankenlos. Diese Erfahrung frei von Gedanken ist wie Ozean frei von Wellen und das nennt man Stille von Zeichen erfüllt. Einige können keine bremsen, da der Geist so aufgeregt ist und sie erleben unbequeme Krankheit und Schmerz im Herzen, dem Lebenskanal usw. Jene mit einem instabilen Geist, mit einer Beeinträchtigung durch Wind oder einem nicht verfeinerten Geist können ohnmächtig werden oder in eine Trance fallen. In diesem Fall entspanne dich und lass die Gedanken so wie sie sind und beobachte sie beständig mit großer Achtsamkeit und enthüllender Innenschau. Ruhe ohne an irgendetwas zu denken wird Stille im Bereich der essentiellen Natur genannt. Die Schwankung und das Erscheinen verschiedener Gedanken wird Bewegung genannt. Keine Gedanken unbewusst zu belassen, sondern sie durch die Methode der Achtsamkeit und Innenschau zu kennen, wird Gewahrsein genannt. Mit dieser Erklärung erkenne sie.
‚Um nun für lange Zeit im Bereich der essentiellen Natur zu verweilen, beobachte die Bewegung, halte deinen Körper gerade, bewahre wachsame Achtsamkeit und beobachte!‘ Wenn du das sagst und es in die Praxis umsetzt, dann vergehen die schwankenden Gedanken nicht, noch verlierst du dich wie gewöhnlich in ihnen, sondern sie werden aufgrund des achtsamen Gewahrseins offengelegt. Durch das unaufhörliche Bemühen die ganze Zeit über, sowohl während als auch zwischen den Meditationssitzungen, werden schließlich alle groben und subtilen Gedanken im leeren Bereich der essentiellen Natur beruhigt werden. Du wirst in einem nicht schwankenden Zustand verweilen und dich darin festigen, in dem du Freude wie die Wärme eines Feuers, Klarheit wie bei Tagesanbruch und Nicht-Begrifflichkeit wie ein von Wellen unbewegter Ozean erfahren wirst. Wenn du danach verlangst und daran glaubst, dann wirst du nicht in der Lage sein, dich davon zu trennen und du wirst daran anhaften. Wenn du in dieser Freude gefangen bist, dann wird dich das in den Begierdebereich werfen, wenn du in Klarheit gefangen bist, dann wird dich das in den Formbereich werfen und wenn du in Gedankenfreiheit gefangen bist, dann wird dich das auf den Gipfel der weltlichen Existenz werfen. Daher wisse, dass diese, obwohl sie unverzichtbare Zeichen des Fortschritts für Individuen sind, die in den Pfad eintreten, ist es ein Fehler, in ihnen für immer gefangen zu sein.

Pfad der Ruhe

Das wird gewöhnliche Ruhe auf dem Pfad genannt und wenn du Stabilität für lange Zeit darin erlangst, dann wirst du das entscheidende Merkmal der Beständigkeit in deinem Geistesstrom erlangen. Sei dir jedoch bewusst, dass unter den unkultivierten leuten in diesem verdorbenen Zeitalter nur sehr wenige scheinbar mehr als eine flüchtige Stabilität haben. Heutzutage erscheinen ihnen die erwählten Gottheiten einiger Leute und sie beruhigen ihre Aufmerksamkeit mit der Gottheit. Einigen erscheinen Visionen von Buddha-Feldern und sie stabilisieren und beruhigen ihren Geist damit. Einige erleben speziell Freude, Klarheit oder Gedankenfreiheit und sie ruhen darin. Einigen erscheinen Bilder ihres spirituellen Führers, Regenbögen, Lichter und Bindus, somit ruhen sie auf diesen usw. Wisse, dass es aufgrund der Funktion der Kanäle und Elemente von jedem einzelnen keine Einförmigkeit und Gleichheit in ihren Erlebnissen gibt.“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Oktober 2017

Götter und Dämonen?

angel-2813382_1920.jpgMan findet in den Lehren des Durchtrennens der Ich-Anhaftung (tib., gcod yul) der Machig Labdrön, die auf den Lehren der Prajnaparamita-Literatur basieren, sechs Klassen von Götter und Dämonen. Als Götter wird alles bezeichnet, was einem nützlich ist, als Dämon, was einem schadet. So gesehen, sind Götter und Dämonen sehr wandelbar und veränderlich. Gestern wurde etwas als Gott oder göttlich gesehen, heute leidet man daran und man fühlt sich wie von Dämonen heimgesucht. Daher sind diese Götter und Dämonen – die nichts als Bezeichnungen sind – zu durchtrennen. Es gibt sechs Kategorien: 1) Götter und Dämonen, wie sie weltliche Menschen bezeichnen; 2) Götter und Dämonen durch ihre essentielle Seinsweise; 3) Götter und Dämonen auf sichtbare Phänomene übertragen; 4) Götter und Dämonen, die natürlich zusammen entstehen; 5) Götter und Dämonen der unausweichlichen karmischen Kräfte; und 6) die letztendlichen, absoluten Götter und Dämonen.
Hier ein paar Worte von Machig Labdrön auf die Frage ihres Sohnes zu diesem Thema: „Kurzum, was immer hilfreich ist, wird ein Gott genannt und was immer quält, wird als Dämon benannt. Das sind Bezeichnungen, verwendet von den weltlichen Menschen, die lediglich auf gut und schlecht oder hilfreich und leidvoll basieren. Es ist das liederliche Geschwätz von Dummen und hat keine wirkliche Wahrheit in sich. […] Ob du es ‚Gott‘ oder ‚Dämon‘ nennst, macht keinen Unterschied, nichts ist endgültig. An gegenteiligen Vorstellungen von Göttern und Dämonen festzuhalten, lediglich basierend auf gut/schlecht und hilfreich/leidvoll, ist ein Aberglaube der weltlichen Menschen. Es gibt keine wahre Existenz dabei. Daher glauben Chöd-Praktizierende niemals an die Fixierung auf Götter und Dämonen, bloß auf gut und schlecht, hilfreich und leidvoll basierend. Sie verwenden nicht einmal die Begriffe ‚Götter und Dämonen‘ für gut, schlecht, hilfreich oder leidvoll. Sie machen nicht einmal die Klänge davon. Indem du weißt, dass sie nicht wahr sind, solltest du wissen, wie dies in den Pfad zu integrieren ist.“
Als letztendlichen Dämon wird die zyklische Existenz (Samsara) bezeichnet, da sie unausweichlich mit Leid verbunden ist. Und weiter mit Machig Labdön: „…Echtes, vollständiges Erwachen, das den Daseinskreislauf transzendiert, ist der letztendlichen Zufluchtsort jener, die frei sein wollen. Was immer diese Zuflucht vom Leidenskreislauf bieten kann, wird ‚Gott‘ genannt. Die anderen weltlichen, samsarischen Götter können keine Zuflucht aus der zyklischen Existenz bieten, also sind sie nicht die letztendliche Quelle der Zuflucht….“
Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. Oktober 2017

Der Eintritt in den Dharma, oder…

…wie man Buddhist wird.

tibet-694625_1920Da ja in verschiedenen Internet-Foren immer wieder die Frage auftaucht, wie man Buddhist wird, hier eine kleine Übersicht.

Drinnen oder doch draußen?

Buddhist wird man durch die Zuflucht zu den Drei Juwelen – Buddha, Dharma und Sangha. Diese kann informell oder formell erfolgen. Die informelle geschieht jedes Mal bei der Praxis. Die formelle kann sich je nach Tradition und Schule unterschiedlich gestalten. Im Grunde wird einem von einem Lehrer / einer Lehrerin dabei die Bedeutung der Zuflucht erklärt, sowie Vorzüge und Nutzen. Dann nimmt man Zuflucht, indem man die Zufluchtsformel nachspricht bzw. man dreimal gefragt wird, ob man wirklich Zuflucht nehmen will, dem zustimmt und dann eben die Formel nachspricht. Schließlich wird einem eine Locke des Haupthaares abgeschnitten und man bekommt einen Dharma-Namen. Dann macht man drei Niederwerfungen/Verbeugungen (je nach Tradition). Und schließlich wird man noch über die Zufluchtsverpflichtungen aufgeklärt. Zumindest halten wir das so in der tibetischen Tradition.
Die Zuflucht ist die Unterscheidung zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten, da die Ausrichtung auf die Drei Juwelen das Tor in den Dharma darstellt. Man wird aber von einer buddhistischen Praxis oder Veranstaltung nicht ausgeschlossen, wenn man keine Zuflucht genommen hat. Bloß ist man dann eben nicht in den Dharma eingetreten. Die Zuflucht zu den Drei Jwuelen kann man entsprechend eine äußeren, inneren und geheimen Verständnisebene betrachten. Die Zuflucht ist nicht notwendigerweise nur eine Zuflucht zu einer historischen Person, den Worten, die diese gesprochen hat und einer monastischen Gemeinschaft. Zuflucht bedeutet auch, die Hinwendung an das Faktum der Fähigkeit zum Erwachen, an die Fähigkeit der Lehre, die zum Erwachen führt und die von den verschiedenen Linienhaltern übermittelt und gelehrt wird.
Zwischen der alltäglichen Zufluchtnahme bei der Praxis und einer formellen Zuflucht liegt der Unterschied in der Deklaration. Im Unterschied zu den Bodhisattva-Gelübden, die man sowohl in der Tradition Asangas wie auch der von Nagarjuna vor einem Abbild nehmen kann, werden die Zufluchtsgelübde nur von Person zu Person übertragen. Das mag für jene, die gerade mal einer Konfession entsagt haben, etwas herausfordernd sein, aber ohne Zuflucht ist man nicht mit den Drei Juwelen verbunden. Gewöhnlich geht der formellen Zufluchtnahme durchaus eine längere Zeit der Prüfung voraus. Dabei sollte die betreffende Person grundlegende Aspekte der Lehre prüfen, sich aber auch mit dem Leben Buddhas und einiger wesentlicher Lehrer vertraut machen und falls man beschließt, danach länger mit einer Gemeinschaft oder Dharma-Tradition zu üben, sich auch diese genauer ansehen. Das Internet bietet mittlerweile eine Fülle an Informationen dazu.

Die Zuflucht ins Leben bringen

buddha-2390664_1920Und ganz einfach lebt man die Lehre Buddhas, indem man dreimal bei Tag und dreimal bei Nacht Zuflucht nimmt und die fünf Vorsätze (Silas) im Alltag umsetzt. Dabei übt man sich darin, Abstand von folgenden Handlungen zu nehmen: 1) Töten; 2) Stehlen; 3) Lügen; 4) Rauschmittel konsumieren; und 5) sexuellem Fehlverhalten.
Wenn man mag, kann man auch einen kleinen Hausaltar oder eine Meditationsecke einrichten und am Altar eine Buddha-Statue oder ein Bild aufstellen und Gaben darbringen. Das wäre mal alles für den Anfang.
Für Anweisungen zur Praxis versucht man diese am besten in der Umgebung von einer kompetenten Person zu erfragen. Man kann sich schon aus Büchern oder über das Internet ein paar Ideen holen, aber die wesentlichen Elemente dazu sollte man sich erfragen.

Mitgliedschaft – ja oder nein?

Und dann gibt’s noch die Möglichkeit, in Österreich z.B. der ÖBR – der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft – beizutreten oder in Deutschland der DBU – der Deutschen Buddhistischen Union – oder in der Schweiz der SBU – der Schweizerischen Buddhistischen Union – beizutreten. Aber das ist ein völlig anderes Thema.

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