Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. Juni 2017

Bardo des Träumens

cat-2288075_1920(Dann) drittens der trügerische Bardo der Träume erscheint folgendermaßen. Einige Leute sagen, dass die Erscheinungen am Tag wie Traumerscheinungen sind. Jedoch vom uranfänglichen Beginn der Zeit an ist das Antlitz der grundlegenden absoluten Natur, frei von den acht Extremen der begrifflichen Ausschmückung und der Ausdruck von göttlichen Körper und ursprünglichen Weisheiten wurde von Nichtgewahrsein verschleiert. Dann wird man von den vergifteten Dämonen der drei Bereiche Samsaras, dem großen Unhold der karmischen Energien besessen, welcher den inneren Geist des Greifens erlaubt, als Hauptursache und das äußere ergriffene Objekt als begleitende Umstände zu agieren. Erscheinungen am Tag treten dann aufgrund der Verdinglichung der Erscheinungen der fünf Sinne hervor und sobald sie sich in die absolute Natur aufgelöst haben, tauchen Träume auf. Die Erscheinungen dieses Lebens und alles was folgt weisen auf den Trugschluss der Vorstellung hin, dass Erscheinungen am Tag wahr und Traumerscheinungen falsch wären. Was die Ursachen und Bedingungen sowohl der Erscheinungen am Tag wie auch der Traumerscheinungen angeht, so ist das, was als Usache für dient, das Schlafbewusstsein, das identitätslos abhängige bezogene Ereignisse wahrnimmt, die ihre eigene Identität beinhalten. Das, was die Fähigkeit hat, klar-deutliche Objekte aufkommen zu lassen, dient als mitwirkende Bedingung. Aufgrund des Zusammentreffens dieser Ursachen und Bedingungen bringt eine ungetrennte, beständige Sammlung täuschende Erscheinungen hervor, die eigentlich nicht existieren.
Mach dieses Verständnis zu deiner Grundlage, übe dich darin, alle Erscheinungen als Träume zu betrachten und identifiziere dann Traumerscheinungen selbst. Wenn du zunehmend Vertrauen darin erlangst, Gewahrsein als die eigene Grundlage zu halten, werden die Erscheinungen des Bardo durchtrennt und du wirst Meisterschaft über die große Belohnung der Dharmata gewinnen.

Aus dem Vajra-Herz-Tantra des natürlichen Verweilens (gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) von Dudjom Lingpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Juni 2017

Bardo der Meditation

meditation-1794292_1920(Dann) zweitens der Bardo der Meditation. Dieser ist wie die Situation bei einer erschöpften Person, die sich ausruht. Warum? Seit Lebzeiten während des anfangslosen Daseinskreislaufs wandern fühlende Wesen wie tollwütige, streunende Hunde ziellos ohne einen Moment der Ruhe durch die Daseinszustände der drei Bereiche. Hier ist eine Art, die Situation zu erkennen und ein Gefühl von Desillusioniertheit und Abscheu hervorzubringen. Erkenne die trügerischen Ursachen und Bedingungen aus der Vergangenheit und erkenne, wie sie eine Grundlage für Nichtgewahrsein darstellen und wie du dann vom großen Dämon des dualistischen Greifens besessen wirst, der dich rasend macht und dich ohne Selbstbeherrschung und Stabilität zurücklässt. Dann bringe deine Vitalenergien und deinen Geist unter Kontrolle und etabliere Vertrauen auf der Basis einer stabilen Achtsamkeit und Innenschau. Lass dein Gewahrsein in seinem Grund innehalten und strebe nach der Praxis der Meditation. Allein das bietet die Ruhe von der Täuschung auf Grundlage der meditativen Beständigkeit.
An dieser Stelle bist du jemand, der an Hunger und Durst leidet, der nun zu Nahrung und Getränke kommt und sich unersättlich an ihnen labt, bis er voll ist. Genauso können Leute mit überragenden, mittleren und geringen Fähigkeiten mit einem Kalb verglichen werden. Zuerst lebt es von Milch. Wenn es dann etwas größer geworden ist, dann lebt es sowohl von Gras und Milch. Und schließlich gibt es die Milch auf und lebt vom Gras allein. In gleicher Weise geschieht der Fortschritt, indem du zuerst anhältst und die zwanghafte Ideenbildung deiner Vitalenergien und deines Geistes bändigst und entspannst und Gedanken manifestieren lässt. Die Phase des abwechselnden Konzentrierens und Entspannens ist wie der Abschnitt, wenn das Kalb von Milch lebt. Wenn es in dieser Phase bleiben würde und nicht zum Gras kommt, dann würde gewiss an Auszehrung sterben. Wenn du ebenso nicht auf den augenscheinlichen Pfad triffst, dann wirst du die niederen Daseinszustände nicht transzendieren und du wirst beständig umherwandern.
Sobald du Samsara und Nirvana als große Leerheit sicher erkannt hast, das Dharmakaya-Gewahrsein identifiziert hast, bis du den Zustand des allwissenden, vollkommenen Erwachens erlangt hast, löse dich von allen Arten der Aktivitäten. In der Art eines natürlich ruhigen Verhaltens, frei von Aktivität, zu praktizieren, ist wie ein Kalb, das vom Gras alleine lebt, ohne Abhängigkeit von Milch. Wenn du an diesem Punkt verbleibst, wo du bloß Gewahrsein identifiziert hast, dann wirst du wie einer sein, der nicht isst oder seinen Hunger und Durst stillt, selbst wenn er Nahrung hat. Solch eine Person wird gewiss sterben. Wenn deine Praxis genauso den Tod nicht mit einschließt, dann wirst du dich mit Hoffnungen und Befürchtungen über alle guten und schlechten Dinge der Gegenwart beschäftigen. Wenn das geschieht, dann wirst du durch den endlosen Daseinskreislauf der dualistischen Erscheinungen von dir und anderen und durch Gedanken am Festhalten von Hoffnungen und Befürchtungen hinsichtlich gut und schlecht verblendet sein. Daher erkenne das! Daher musst du die äußerste Wichtigkeit des Praktizierens mit Eifer und großem Mut bewusst sein, bis sich der Zustand der Befreiung und Allwissenheit manifestiert hat. Sowohl Leben als auch meditative Beständigkeit werden Bardo genannt, da beide Zwischenzustände des Bewusstseins als ihre Basis haben.

Aus dem Vajra-Herz-Tantra des natürlichen Verweilens (gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) von Dudjom Lingpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. Juni 2017

Bardo des Lebens

dandelion-1452219_1920Der Bardo des Lebens ist mit dem Leben eines kleinen Vogels auf der Spitze eines Baumes vergleichbar, da du nicht lange verbleiben kannst, sondern in eine andere Welt weitergehen musst. Hat man die Natur dieses Vorgangs nachgedacht, dann nimmt die innere Einstellung für das ein langes Verbleiben in dieser Welt ab. Wie eine Biene beim Erwerb von Nektar musst du zuerst fehlerhafte Begriffe durch Hören des Dharmas und Nachdenken darüber klären. Wenn du dann praktizierst, dann musst du Unsicherheiten und Zögern abschneiden, so wie eine Schwalbe in ihr Nest fliegt. Unter den Vögeln ist die Schwalbe besonders geschickt bei der Untersuchung. Wenn sie zuerst ihr Nest baut, dann überprüft sie längere Zeit sorgfältig, ob es Störungen geben oder andere Geschöpfe diesem Schaden zufügen könnten. Nachdem das dann festgestellt worden ist, baut sie ihr Nest. Sobald ihr Nest gebaut ist, von da an fliegt sie pfeilgerade in ihr Nest, ohne irgendeine Unsicherheit oder ein Zögern.
Genauso indem du dich einem geeigneten Meister hingibst und durch Gelehrtheit und tiefen Verstehens solltest du in der Lage sein, bei den wesentlichen Punkten auf dem Pfad durch deine eigene Kraft ohne Fehler voranzukommen. Zuerst erlange ein fehlerfreies Verständnis von Sicht, Meditation, erfahrungsmäßigen Erkenntnissen und der Natur der Stufen und Pfade und begreife sie durch deine eigene Erfahrung. Möglicherweise wirst du niemals vom Gewahrsein getrennt sein, dass die Erscheinungen dieses Lebens wie Träume und Illusionen sind und so etwas wie Einkaufen auf einem Markt und du wirst unermüdlich mit Eifer und großem Mut praktizieren. Gleich einem Reisenden aus einem fernen Land, der sein großes Ziel erreicht hat, so geht er, wenn er auf der Straße unterwegs ist, nicht an Feinde oder Diebe verloren, unterliegt nicht den Aktivitäten, die die acht weltlichen Angelegenheiten beinhalten, auch nicht großen Hindernissen der Unterhaltung, Ablenkungen, Feinde unterwerfen und für die geliebten [Anverwandten] zu sorgen. An diesem entscheidenden Punkt festzuhalten, ist für alle Dharma-Praktizierenden die überragende Quintessenz. Behalte das im Gewahrsein!
Indem man so praktiziert, werden jene mit überragenden Fähigkeiten das spirituelle Erwachen als eine große Übertragung in den Regenbogenkörper erlangen, ohne Abhängigkeit vom Tod oder ihrer vollen Lebensspanne. Jene mit mittleren Fähigkeiten werden während des Sterbevorgangs befreit, ohne in den Bardo, der Natur der Dharmata einzugehen. Jene mit geringen Fähigkeiten vermischen das Mutter-Klar-Licht mit dem Kind-Klar-Licht im Bardo und erlangen Befreiung.

Aus dem Vajra-Herz-Tantra des natürlichen Verweilens (gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) von Dudjom Lingpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Juni 2017

Mitgefühl – Blick auf andere

Blickt mit Mitgefühl auf andere

italy-1614931_1920In der Post-Meditation bewahrt euer Gewahrsein der Meditation. Sprecht sanft und auf eine Weise, die eure guten Absichten anderen gegenüber widerspiegelt. Wenn negative Gedanken anderen gegenüber aufkommen, reinigt sie sofort mit positiven Gedanken. Wenn ihr geht, geht mit der Absicht anderen zu nützen. Geht sanft und zum Nutzen anderer. Blickt mit Mitgefühl auf andere und fasst den Entschluss, dass euer Blick diese Person mit dem Dharma verbindet und dass sie dadurch endgültigen Frieden findet. Blickt nicht zu weit voraus. Nicht weiter als neun Fuß. Dieser Blick dient dazu, Bescheidenheit zu bringen. Wir sollten mit dem Blick des Mitgefühls auf jedes einzelne fühlende Wesen, das unser Vater, unsere Mutter gewesen ist, blicken. Auch wenn ihr esst, dann esst, ohne das Essen zu schlürfen. Wenn ihr Messer und Gabel verwendet, dann betrachtet sie als Methode und Weisheit. Wenn ihr euch duscht, dann betrachtet das Wasser als den Nektar von Dorje Sempa, der auf euch herabkommt und alle eure Unreinheiten reinigt. Alles hängt gänzlich von eurer Wahrnehmung ab und eure Sicht der Realität wird makellos, sauber und klar werden. Große Lehrer arbeiten mit Unparteilichkeit und behandeln jeden gleich, so wie eine liebende Mutter alle ihre Kinder behandelt. Wann immer ihr gute Gedanken habt, widmet sie dem letztendlichen Glück der anderen.

Von Lama Shenphen Dawa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Juni 2017

Ob wachen oder träumen…

vortex-2150341_1920.jpgBeständiges Erkennen, auch im Traumzustand

Dieses Jetzt-sein, was Gewahrsein selbst ist, ist beständig. Daher haltet das Gewahrsein die ganze Zeit über aufrecht – beim Gehen, Reden, Schlafen etc. Während des Schlafens, schlaft mit Klarheit. Der Unterschied zwischen Tieren und uns ist, dass wir mit Klarheit schlafen können. Einfach bevor ihr schlafen geht, trefft den starken Entschluss, eure Träume zu erkennen und euren Traumkörper zu erkennen, sodass ihr mit euren Träumen arbeiten könnt. Visualisiert auch beim Einschlafen den Guru der großen Wonne in eurem Herzen. Manchmal könnt ihr auch eine weiße Silbe AH, die Lichtstrahlen aussendet, visualisieren. Wenn ihr das macht, dann werden sich die meisten eurer Träume in Lichtheit verwandeln. Der Schlüssel dazu ist, euch in keinem unsicheren Zustand über das Erkennen der Träume als Träume zu belassen, bevor ihr einschläft.

Von Lama Shenphen Dawa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. Juni 2017

Geistesruhe und ursprüngliches Gewahrsein

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Shine als Kern des Jetzt-seins; Rigpa als gleichzeitige Erkenntnis

Meditation heißt immer gewahr sein, immer gewahr im Jetzt-sein und nicht von Gedanken an Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gefangen zu sein. Dieses Jetzt-sein kann nicht von Gedanken an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gefesselt sein. Jetzt-sein ist uranfängliche Weisheit. Sie kann nicht konditioniert werden und ist jenseits von Beschreibung. Während man sagt, dass es nicht etwas ist, das niedergeschrieben werden kann, da es im selben Moment vorbei ist, wenn es gesagt wurde. Shine ist das Herz des Jetzt-seins. Das wird auch Rigpa genannt oder „sems“ oder „sems nyid“. Hinsichtlich Rigpa ist es eine gleichzeitige Auflösung, so als ob etwas auf Wasser geschrieben wird oder eine Schlange sich selbst entwindet. Der Aspekt der Gleichzeitigkeit ist die Erkenntnis des Weisheitsaspektes als uranfängliche Weisheit. Manchmal wird man die Erfahrung der Leerheit machen, die eine Art des wunscherfüllenden Denkens für Rigpa ist.

Von Lama Shenphen Dawa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Juni 2017

Buchneuerscheinung „Eine kurze Fantasiegeschichte…“

Endlich nach über einem Jahr erscheint nun meine nächste Übersetzung! Los Leute, die G’schicht ist lesenswert! Witzig und gut!

THINLEY NORBU: EINE KURZE FANTASIEGESCHICHTE VON EINEM,
DER AUS DEM HIMALAYA KAM
Die persönlichen Erinnerungen eines hochverehrten tibetischen Meisters, zwischen berührendem Zeugnis und humorvoller Erzählung, scharfen kulturellen Anmerkungen und poetischen Gebeten – illustriert mit vielen seltenen Farbfotos.
Zum ersten Mal erscheint diese Kollage aus Erinnerungen und Poesie, die einen seltenen Einblick in Kyabje Thinley Norbu Rinpoches Leben gewährt, auf Deutsch. Die Beschreibungen seines Familienklans großer tibetischer Meister und seiner Kindheit im ‚Schneeland‘ klingt wie aus einem Märchen und bricht dann mit dem Leser auf in die Welt des Westens, wo der Autor seine Begegnungen mit den Menschen – Praktizierende und nicht Praktizierende – und ihre kulturellen Gewohnheiten einfängt und reflektiert. Mehr als nur eine Lebenserinnerung, ist dieses Buch der Ausdruck von Rinpoches Weisheit, seinem Mitgefühl und seiner Verwirklichung.
http://shop.manjughosha.de/fantasiegeschichte.html

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Mai 2017

Scheiß Karma! – oder warum Befreiung auf der Hand liegt

gear-952450_1920Ein wesentliches Missverständnis über Karma ist, dass manche glauben, Karma wäre eine schicksalshafte, statische Kraft. Karma bedeutet allerdings nichts anderes als Tat bzw. Tun und meint ichbezogenes, identitätsbildendes Handeln, das von einem Selbstbetrug zur nächsten trügerischen (Selbst)-Inszenierung führt.
Ein weiteres Missverständnis, dass sich aus dem ersten ableitet, ist die Meinung, man könne nichts dagegen tun. Dabei hängt man am Irrtum fest, dass man Karma zu erleiden hätte, erdulden oder abarbeiten müsste.
Man kann Karma allerdings bereinigen. Dazu muss man die Vier Kräfte der Bereinigung als Gegenmittel und Kräfte anwenden. Diese sind: 1) das Gegenmittel der Reue; 2) das Gegenmittel des rechten Verhaltens; 3) die Kraft der Erneuerung; und 4) die Kraft der Stütze. Mit dem Gegenmittel der Reue gemeint, dass man sich bereits begangene unheilsame Taten eingesteht und bereut. Mit dem Gegenmittel des rechten Verhaltens ist gemeint, dass man, sobald man wahrgenommen hat, eine unheilsame Tat begangen zu haben, sich darin bemüht, heilsame Taten auszuführen. Die Kraft der Erneuerung ist ein Versprechen, eine unzerstörbare Selbstbeherrschung zu erlangen. Und mit der Kraft der Stütze sind die reinen Objekte der Zuflucht – die Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha) – gemeint. Zusätzlich verspricht man sich auch, die höchste Geisteshaltung – den Erleuchtungsgeist – nicht aufzugeben. Wie Buddha Shakyamui im „Sutra der Vier Kräfte“ verspricht, wird man dadurch in der Lage sein, unheilsame Taten = negatives Karma, „mit Pracht zu unterwerfen“.
Karma ist sehr flexibel, veränderlich, da es eine andauernde Abfolge von Handlungen darstellt. Eine Handlung folgt einer vorherigen, eine Wahrnehmung auf eine nächste. Diese sind jedoch nicht willkürlich, sondern folgen den Gewohnheiten, mit denen wir unsere Identität stabil zu halten versuchen. Nebenbei bemerkt, eine instabile Identität ist jedoch auch nicht gesund. Änderungen treten erst dann auf, wenn man ein Missverhältnis zwischen der Handlung und dem beabsichtigten Ergebnis erkennt. Solange man jedoch das Missverhältnis durch Strategien der Leugnung, des Verdrängens, der Bestrafung, der Dramatisierung, des Delegierens, des Verlagerns, der Spaltung, der Projektion und anderer Abwehrmechanismen ausblendet, irrt man in einem endlosen Ablauf wiederkehrender Unzufriedenheit und Mühen umher. Dann beginnt man sich einer Entwicklung zuzuwenden. Doch auch diese folgt bestimmten Neigungen. Also auch hier bewegt man sich nicht außerhalb von „Karma“.
Eine fundamentale Entwicklung beginnt jedoch erst dann, wenn man sich daran gewöhnt, diese Greifen nach bestätigenden Eindrücken und das Abwehren von bedrohlichen Eindrücken aufzugeben. Und eine echte Auflösung dieses Greifen ist tatsächlich möglich. Allerdings findet das erst dann statt, wenn man sich erlaubt und daran gewöhnt, einer offen Erkenntnisnatur Raum zu gestatten. Ohne Angst sich zu verlieren, ohne den Schrecken eines sich verlieren in einem Nichts.

Vielleicht klärt das bei der einen oder dem anderen etwas… SARWA (und vielleicht auch) MANGALAM.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Mai 2017

Die Versammlung der Wissenshalter

385.蓮士八變相 The 8 forms of PadmasambhavaHier etwas aus der Versammlung der Wissenshalter (tib., rigs ‚dzin dus pa), offenbart von Dudjom Lingpa und fertig zusammengestellt von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje. Die Visualisation ist sehr umfassend, da es eine Praxis auf Guru Padmasambhava zusammen mit seinen acht Emanationen, den acht Vidyadharas und seinen 25 Herzensschülern ist.

„Die zusammengestellten Anweisungen für die erleuchteten Aktivtäten der Versammlung der Vidyadhara-Gurus, genannt ‚Der Ausdruck großer Glückseligkeit’.“
„Ihr, der Ihr den Ozean der Kayas und uranfänglichen Weisheiten der unzähligen Buddhas und Bodhisattvas, die den gesamten Raum erfüllen, hervorbringt und wieder aufnehmt, der Samantabhadra Padmasambhava, durch Euer unermessliches Mitgefühl für die vom Glück begünstigten Wesen und indem Ihr sie mit Güte haltet – der tiefgründige Schatz, aus dem Tor Eures geheimen Schatzhauses erschienen, ist die Sadhana der Weisheit des Gurus, der Herrscher unter den Siegreichen. Es ist eine große Freude, diese zusammengestellten Anweisungen zu überreichen, sie auf der obersten Spitze des Siegesbanners darzubringen.“

Dann gibt Dudjom Rinpoche folgende Anweisungen für die Anordnung zur Praxis:

„Hier gibt es drei Abschnitte: die Vorbereitungen, die Hauptpraxis und der abschließende Teil. Der vorbereitende Abschnitt ist (dann anzuwenden), wenn man das Mantra ansammelt, Ermächtigungen gibt usw. Dabei bezieht sich diese Sadhana auf die entsprechenden Anweisungen. Zur Zeit der Tsog-Darbringung an einem schönen und spirituell förderlichen Ort stellt man die heiligen Repräsentationen der Drei Wurzeln usw. auf. Davor auf einem erhöhten Sitz stellt man in einem kostbaren Gefäß den Guru-Torma, das strahlende Juwel, mit Verzierungen, stellt Nektar und Rakta rechts und links davon auf. (Dann) stellt man die zwei Wasser und fünf Sinnesopfergaben usw. auf. Diese sollen schön angeordnet sein. Außerdem sollten der weiße Torma, der Hinderer-Torma, die Tormas für die Schützer, die Opfersubstanzen für den Tsog, Tormas für Cheddo und Tenma und alles andere, was benötigt wird, zusammentragen (und aufstellen).“

Weiters werden auch die Mantra-Praxis erwähnt und die Zeichen der Verwirklichung geschildert:

„Betreffend der Anzahl der zu rezitierenden Mantras wird im Text gesagt: „Das Mantra der Annäherung 1.500.000 Mal, die Zahl für die Mantras der Vollendung ist dieselbe wie die Mantras der Annäherung und der nahen Annäherung. Das Mantra der Aktivitäten ist die Hälfte wie beim Mantra der Annäherung.“ So wird es gesagt.
Die Zeichen der Vollendung (im Traum) sind: gelangt man auf die Spitze eines großen Berges, ist das das Zeichen der Verwirklichung. Das Erblühen verschiedenster Blumen, am Himmel fliegen und Nektar genießen, die drei Repräsentanten und drei Lasten mit Blättern und Früchten – das sind die besten Zeichen der Verwirklichung. Macht und Reichtum hervorbringen, ein König werden, viele Untertanen in verschiedenen Städten regieren, das Gesicht der Gottheit oder ihr Bildnis sehen – das sind die mittleren Zeichen der Verwirklichung. Wilde Menschen zähmen, einen Krieg führen und Länder erobern, Diener und Anhänger erlangen, die Sonne aufgehen sehen, Zimbeln spielen, Steuern einheben usw. – sind die geringeren Arten der Zeichen. So wird es gesagt.
Das Zeitmaß für die Vollendung: während man rezitiert, führt man die tiefgründige Klarheit der Visualisation aus. Die vom Glück begünstigten Praktizierenden, die in dieses Mandala eintreten, werden die Verwirklichungen innerhalb von sechs Monaten erlangen. So wird es gesagt. Am Ende der Sitzung, rezitiert man je dreimal die Vokale und Konsonanten, das 100-Silben-Mantra und das Mantra des bedingten Entstehens, um jegliche Fehler, Auslassungen oder Hinzufügungen zu korrigieren und damit man die Kraft sichert.“

Zwischen den Sitzungen zur Ansammlung bringt man ein Ganachakra-Festmahl dar, opfert den Schützern, erinnert an die Herzensbande usw.

„Zwischen den Sitzungen kann man jede Art der Anrufung verwenden, um die Herzensbande zur Erinnerung an die großartigen Eigenschaften von Guru Padmasambhava anzurufen. An dieser Stelle werden allgemein den Dharma-Schützern, insbesondere dem großen Schützer Shenpa usw. und den Schützern der Schätze und Länder Torma-Opfergaben dargebracht.“

Und am Ende wird noch das Versprechen der Praxis verkündet.

„Die Verkörperung aller Siegreichen, Padma Thöthreng Tsal, Euer gütiges Antlitz (wie) der Sonnenschein, der die große Erscheinung erhellt, Annäherung und Vollendung durch diese überragende Methode für die vom Glück begünstigten Wesen, wie könnte die Blume der beiden Verwirklichung nicht erblühen? So sind die reinen Aktivitäten wie der Strom des überragenden Nektars, der den Ozean der Bestrebungen der großen Bodhisattvas durch das ewig gleiche Fließen in das Feld der fühlenden Wesen nacheifert. Möge die überragende Frucht der vier Vidyadharas rasch erlangt werden!
So wurden diese Anweisungen der erleuchteten Aktivitäten der Versammlung der Vidyadhara-Gurus zusammengestellt, die als „Der Ausdruck des Schmuck großer Glückseligkeit“ bekannt ist. Aufgrund der beständigen Bitten von Karma Tashi, Thinle Drubjü und anderen, die eine einsgerichtete, unerschütterliche Hingabe und ein stabiles Vertrauen in diesen tiefgründigen Pfad haben, habe ich, Jigdral Yeshe Dorje, der den Segen trägt, den Namen des großen Vidyadharas und Schatzfinders (Dudjom Lingpa), im Alter von 19 dies am zehnten Tag im elften Monat im Dharma-Tempel des Reifens und Befreiens in Kongpo Dragsum dargebracht. Möge diese Ursache der edlen Aktivitäten dieses tiefgründigen Dharmas immerzu wachsen, sich verbreiten und für lange Zeit bestehen bleiben.“

Aus den gesammelten Werken von Dudjom Rinpoche; Band 9 (ta), Seite 535 – 564; Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 13. Mai 2017

Vajrayogini – die unzerstörbare Raumtänzerin

close-1755959_1920Weil wir heuer beim Ngakpa-Retreat im Sommer uns auch damit beschäftigen, hier ein kleiner Appetithappen aus der langen Praxis der Vajrayogini. Eine sehr spezielle Visualisationsanleitung aus der Nyingma-Tradition. Es ist übrigens wirklich eine sehr schöne und inspirierende Meditation, in der es um die Verkörperung der Buddha-Weisheiten und Vier Unermesslichen geht. Allerdings nur für jene, die auch dabei sein werden.

Als Vorbereitung zur Praxis wird im Terma folgendes empfohlen:
In den letzten 500 Jahren (des Zeitalter des Niedergangs), wenn die Lehren des Geheimen Mantras degenerieren, die Rezitation (von Mantras) nichts anderes als bloße Lippenbekenntnisse sind, es nur mehr wenig wirklich praktiziert wird, werden daher die Zeichen der (erfolgreichen) Praxis selten sein. Vor vielen Zeitaltern haben aufgrund der Fülle an karmischen Resten aus Ansammlungen von Wunschgebeten vom Glück begünstigte Kinder die Essenz des Herzens nicht aufgegeben. Zuerst die Reifung durch die Ermächtigung, damit die Anweisungen für die Befreiung verstanden werden. In einem Hain frei von der Beschäftigung mit den acht weltlichen Dharmas bemüht man sich fleißig in der Essenz der Praxis an. Man macht ein schön angeordnetes Mandala mit Toren, Ecken usw. wird der übliche himmlische Palast mit Linien aus farbigem Sand mit den genauen Merkmalen und vollständig, überragend und vortrefflich.“


དེ་ནས་ཚོགས་བསགས་ཡན་ལག་བདུན་པ་ལ༔
Dann das Gebet der sieben Zweige um Verdienst anzusammeln.

ཧོཿ སྐུ་གསུམ་མཁའ་འགྲོའི་གྲོང་ཁྱེར་ལ༔ རྣམ་གསུམ་དད་པས་ཕྱག་འཚལ་ལོ༔
HO – KU SUM KHA DRO’I DRONG KHYER LA / NAM SUM DÄ PE CHAG TSHAL LO /
HO – Vor der Zitadelle der drei Kayas der Dakini verbeuge ich mich voller Respekt in dreifacher Weise.
ལུས་དང་ལོངས་སྤྱོད་མཆོད་པ་འབུལ༔ དུས་གསུམ་བསགས་པའི་སྡིག་པ་གཤགས༔ རྣམ་དཀར་དགེ་ལ་རྗེས་ཡི་རང༔
LÜ DANG LONG CHÖ CHÖ PA BUL / DÜ SUM SAG PA’I DIG PA SHAG / NAM KAR GE LE JE YI RANG /
Meine Körper und all meinen Besitz bringe ich als Gaben dar. Die in den drei Zeiten angesammelten Übeltaten bekenne ich. An den drei Arten des Heilsamen und Tugendhaften erfreue ich mich.
གང་འདུལ་ཆོས་འཁོར་བསྐོར་བ་དང༔ མྱ་ངན་མི་འདའ་བཞུགས་གསོལ་འདེབས༔
GANG DUL CHÖ KHOR KOR WA DANG / NYA NGÄN MI DA ZHUG SÖL DEB /
Für jene, die gezähmt werden müssen, dreht bitte das Rad des Dharma. Bitte geht nicht ein in Nirvana, sondern verbleibt hier.
དགེ་ཚོགས་འགྲོ་ཀུན་ཡོངས་ལ་བསྔོ༔ ཐམས་ཅད་ཕྱམ་གཅིག་སངས་རྒྱས་ཤོག༔
GE TSHOG DRO KÜN YONG LA NGO / THAM CHÄ CHAM CHIG SANG GYE SHOG //
Das angesammelte Heilsame widme ich allen Wesen, (damit) alle gleichzeitig erwachen mögen.

Und am Ende des Schatztextes ist folgendes Versprechen vermerkt:
Einsgerichtet und fleißig praktiziere, Yogi und vom Glück begünstigtes Kind! Wenn du die Visualisation und Vollendung ausgestattet mit den wesentlichen Punkten praktizierst, dann werden die Feinde, die Angelegenheiten der acht weltlichen Dharmas, beseitigt werden. Bleibe freudvoll an einem entlegenen Ort. Verbindest du beständig unendliche Reinheit von Erscheinung und Dasein mit dem Schlüsselpunkt der Klarheit, dann wirst du so vollständige Befreiung erlangen.“


Entnommen der langen Sadhana der Vajrayogini. Aus den gesammelten Werken von Dudjom Lingpa; Band 12 (na), Seite 473 – 494
Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017)

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