Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Dezember 2009

Waches, warmherziges Interesse am Wohlergehen aller Lebewesen

„Hast Du wirklich geliebt und waren Deine Handlungen von Weisheit erfüllt?“ sind grundlegende Fragen des Lebens. Wenn wir nicht den Weg des Herzens in unserem Leben gehen, dann ist die Lebenszeit nutzlos vergeudet worden. Um unseren Pfad des Herzens zu gehen brauchen wir jedoch nichts Besonders tun. Es genügt, einfach unserem Wesen treu zu bleiben.

„Ein Gerechter kann niemanden retten. Er brauche das Leid nicht zu suchen; es ist in der Welt, für ihn wie jeden anderen. Er muss nur offen sein für das Leid der anderen und wissen, daß er nichts ändern kann. Ohne seine Brüder und Schwestern retten zu können, muss er bereit sein, ihren Schmerz mitzufühlen, damit sie nicht allein leiden müssen. Das macht zwar für die Menschen keinen Unterschied, aber für Gott.“

Wie in dieser Geschichte beschrieben, macht die Offenheit allen Lebewesen gegenüber für das Ich keinen Unterschied, sehr wohl aber für das wahre Wesen. Das Erwachen aus dem ichbezogenen Schlafs der Alltäglichkeit führt zu einem Erkennen der wahren Natur des Seins. Indem man die wechselseitige Verbundenheit aller Seinsobjekte erkennt, wachsen weise Einsicht und Liebe. Dies führt zu einer Befriedung der konditionierten Geistesaktivitäten, die sich in ständigem Identifizieren und Ablehnen äußeren.

Unwissenheit, leidenschaftliches Festhalten und Ablehnen sind drei Wurzelgifte im Geist. Die ichbezogene Verblendung ist der Ausgangspunkt für alles Leid im Leben. Als fühlende Wesen entwickeln wir alle im Laufe der Zeit ein Ich-Gefühl. Das Dilemma beginnt dann durch das Vergessen unseres seinsmäßigen Urgrundes, in dem wir mit allen in Einheit verbunden sind. Wir sehen nur mehr uns als von allen anderen Lebewesen abgetrenntes Menschlein an, dass von den Bedingungen des Lebens überfahren wird. Dass das individuelle Leben aber aus Bedingungen entsteht wird übersehen. Die ursächliche Verbundenheit mit allen anderen ist vergessen worden. Aus der Unwissenheit heraus beginnen wir nach den vorüber ziehenden Eindrücken unseres Bewusstseins zu greifen. Das Festhalten-wollen dieser Objekte in unserem Geist soll uns zu einer stabilen Identität verhelfen. Allerdings machen wir dann die Erfahrung, dass wir nichts in unserem Leben festhalten können. Dieses leidenschaftliche Halten der Dinge, Gier genannt, wandelt sich in Ablehnung. Hat man jedoch etwas ergriffen, dann versucht man dies festzuhalten und von den Einflüssen der Zeit zu schützen. Die Abwehrbewegung im Geist, dieses Trennen und Draußenhalten von störenden Einflüssen führt aber ebenfalls zu Ablehnung. So sind wir als fühlende Wesen in Unwissenheit gefangen und versuchen durch Festhalten und Ablehnen unsere Welt aufrecht zu halten.

Das leidenschaftliche Festhalten zeigt sich nach genauem Hinsehen, daß es sich um eine Kraft handelt, die man auch als Wille bezeichnen kann. Durch unsere Konditionierungen kann diese Energie vom Geist des Besitzen-wollens gelenkt werden. Ebenso kann sie aber von Weisheit, Liebe und Mitgefühl gesteuert werden. In einem wachen Herzen wandelt sich diese Leidenschaft in eine große Hingabe an alle Wesen.

Ablehnung, Wut, Zorn, Haß entstehen aus einer ichbezogenen Fixierung. Doch beruhen sie auf einer Kraft der Unterscheidung. Wird diese Unterscheidungsfähigkeit von Weisheit und Mitgefühl gelenkt, dann kann man das Entstehen und Vergehen fühlender Wesen genauso betrachten wie die unzähligen Wellen an der Meeresoberfläche. Man erkennt ihre Individualität und sieht sie nicht wesensmäßig getrennt von ihrem Urgrund, in dem man selbst mit ihnen verbunden ist. Durch das Entwickeln von Weisheit und Mitgefühl entsteht eine Tatkraft, die allen Wesen nützt.

Mit der Tatkraft, die aus Weisheit und Mitgefühl entsteht, entwickle ich in Gegenwart aller erwachten Wesen das selbstlose Streben nach vollkommenem Erwachen, um allen fühlenden Wesen zu nützen. (Shantideva)

Selbstlosigkeit ist der Natur gemäß, da sie die Abwesenheit eines Ichs bedeutet. Daher sind altruistische Handlungen der Natur entsprechend. Wächst unsere Handlungsfähigkeit aus einem tiefen Wissen um die Daseinsmerkmale, dann entfaltet sich auf natürliche Weise unser Herz. Aus dem Bewusstsein um die wechselseitige Verbundenheit des Lebens haben alle Handlungen, die für andere ausgeführt werden, auch ihre Rückwirkung auf unsere individuelle Befreiung. Gemäß dem Diamant-Sutra der vollkommenen Weisheit kann man fragen: „Kann man von endgültiger Befreiung sprechen, wenn noch ein einziges Lebewesen nicht befreit ist?“

Furchtsame Gedanken, die unser Herz einnehmen, verhindern, dass wir uns dem Leben und seinen Herausforderungen öffnen. Wir treffen Entscheidungen, die aus einer geistigen „Schonhaltung“ heraus, uns vor etwaigen Verletzungen unseres unter Mühen aufgebauten Ichs bewahren sollen. Und dennoch können wir die grundlegende Angst vor der Vergänglichkeit des Ichs nicht besiegen. Sie ist ein fundamentaler Bestandteil jeder ichbezogenen Individualität. Schaffen wir es aber, uns als leer von einem eigenständigen und dauerhaften Ich zu erleben, dann tritt Befreiung ein. Aus diesem Grund laden wir alle Wesen als unsere Gäste ein, um sie aus dem Daseinskreislauf zu befreien. Nichts will von der Ganzheit des Lebens ausgeschlossen werden.

Indem wir Gewahrsein üben, können wir ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, spontan und natürlich zu leben. Ein Leben im Hier und Jetzt. Mitgefühl als der natürliche Ausdruck des ursprünglichen Geistes zeigt sich in einem wachen, warmherzigen Interesse am Wohlergehen aller.

Mitgefühl und Hingabe entwickeln sowie das Herz öffnen und das Loslassen jeglicher Ich-Bezogenheit sind die Voraussetzungen für wirkliches Glück und wahre Befreiung. Diese Qualitäten und Fähigkeiten werden in der Meditation erkannt und kultiviert. Indem wir alle Beschäftigung mit den drei Zeiten – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – fallen lassen, gelangen wir zur Augenblicklichkeit des Erfahrungsmomentes. Dadurch lassen wir das Greifen nach Ich-Eindrücken los und erkennen die Ich-losigkeit des Gewahrseins. Auf diese Weise entsteht wahrer geistiger Frieden.

Doch die Beruhigung des Geistes ist nicht der Hauptzweck der Meditation. Es sollen dadurch lediglich die störenden Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen. Auf dieser Basis heraus erfolgt dann die Praxis des durchdringenden Gewahrseins – der Untersuchung der Natur des Geistes. Das Ziel dieses gemeinsamen Übens von Geistberuhigung und Klarblick ist die unmittelbare Erfahrung der Geistesnatur UND das spontane Entfalten von allumfassendem Mitgefühl.

„Aus dem großen Ozean der Liebe und des Mitgefühls erscheint Bodhicitta, der natürliche Ausdruck des Geistes, wodurch der Pfad der Freude und des Segens der Buddhaschaft allen vom Glück begünstigten Wesen zuteil wird…“ (Drikungpa Rigzin Chökyi Dragpa aus: „Das Wunschgebet des Fünfteiligen Mahamudra-Pfades“)

Spirituelle Wege sind nicht dazu da, ein Höchstmaß an Verzückung oder besondere Kräfte zu erwerben. Spiritueller Materialismus wäre dann das Ergebnis, welches die Fehler unserer Ichfixierungen in einer religiösen und ritualgeschwängerten Atmosphäre fortsetzt. Außergewöhnliche Zustände, spirituelle Errungenschaften sind wertlos, wenn wir nicht in der Einfachheit des Alltags unser Herz öffnen und uns vom Leben in seiner unvergleichlichen Erlebnisdimension berühren lassen können.

Und um den Dharma – die befreiende Information für unseren Herz-Geist – wirklich zu praktizieren, brauchen wir als erstes wirklich das Vertrauen, die Hingabe, als zweites die Weisheit, um das was wir gehört haben zu analysieren, zu verstehen: das ist gut, das ist zu praktizieren, das ist schlecht, das ist aufzugeben und das dritte, der unterstützende Faktor, das ist die Anstrengung, dass man mit Begeisterung dabei ist zu praktizieren. Es gibt viele Faktoren, die für die Dharma-Übung nötig sind, aber diese drei, Vertrauen und Hingabe, wirkliches Verständnis und Fleiß und Bemühung sind die drei Grundvoraussetzungen.

In einem nächsten Blog mag ich Euch etwas über das Nehmen von Einweihungen – den Ermächtigungen und Kraftübertragungen am Pfad der Befreiung – mehr erzählen.

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