Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. März 2010

Emotionen und Gewahrsein

tiger-655593_1920Es gibt verschiedene Einteilungen der Emotionen. Man kann von nur einem Geisteszustand als Wurzelursache sprechen – der Unwissenheit. Wir können aber auch die beiden Kräfte im Spannungsbogen – Anhaftung und Ablehnung – als die Wurzel unseres emotionalen Erlebens heranziehen. Ebenso können wir drei Grundemotionen – Unwissenheit, Begierde und Hass – als Basis nehmen. Manchmal werden dann noch zwei bis drei weitere Emotionen als Geistesfaktoren für unser Weltenkreisen genannt.

Reinheit – bloß so

Indem wir mit der reinen, ursprünglichen Energie der Emotionen in Kontakt kommen, können wir ihre wahre Natur entschlüsseln. Auf diese Weise verwandelt sich Ich-Anhaftung in befreites Bewusstsein. Der fundamentale Verwirrungszustand, der in einem Greifen nach Ich und Andere fußt, löst sich in ein offenes, raumgleiches Gewahrsein der Phänomene auf. Die aus einer Ich-Illusion entstehenden Wutgefühle wandeln sich in ein spiegelgleiches Wahrnehmen der Phänomene. Stolz, resultierend aus der Illusion der Ich-Erhöhung, löst sich auf und die Gleichheit aller Phänomene wird erfahren. Verlangen und Leidenschaft als Ergebnis der illusorischen Dualität können sich so in die unterscheidende Weisheit und somit in die Würdigung der Individualität aller Phänomene transformieren. Missgunst, Neid und Eifersucht aus einem dualistischen Konkurrenzstreben geboren, wandeln sich im offenen Grundgewahrsein in die alles-vollendende Weisheit und bilden die gestaltenden, formenden Kräfte des unaufhörlichen Schöpfungs- und Auflösungsvorgangs.
Wenn wir diese Emotionen und die ihnen innewohnenden Gewahrseinskräfte beschreiben, sieht es aus, als ob es sich um fünf verschiedene Weisheiten handeln würde. Doch vielmehr ist es EIN Weisheitsbewusstsein, welches sich in fünf Facetten zeigt. Wie entstehen nun diese emotionalen Färbungen im Geist? Manchmal erscheint es einem, dass die Emotionen aufgrund von äußeren Faktoren entstehen. Z.B. man sieht etwas in einem Schaufenster und man möchte es haben – Wunschverlangen tritt auf. Doch auch in Situationen, wo kein äußerer Reiz auftritt, entstehen Emotionen von Begierde, Hass u. ä. Somit ist unser emotionaler Haushalt nicht von den äußeren Faktoren und Umständen bedingt. Die Emotionen entstehen als Gewohnheitstendenzen in unserem Geist. Durch unsere vergangenen Handlungen haben wir eine Vielzahl an Gewohnheiten des Greifens, Festhaltens, Ablehnens, Vergleichens, Bewertens etc. geschaffen. Mit diesen haben wir unsere Welt geschaffen und so unser Selbstverständnis verinnerlicht.

Offener Raum

In meditativen Praktiken, bei denen der Geist sich immer wieder in den offenen Raum entspannt, kann man das Entstehen der Emotionen bar jeder Logik beobachten. Sobald wir ihnen etwas Raum geben, zeigen sich unsere Tat-Gewohnheiten in Form von vielerlei, oft unzusammenhängenden Gedanken, als Bilder, die unvermittelt aufsteigen, als unerklärliche Gefühlsschwankungen und jede Menge von Fixierungen. Dies bildet unsere Persönlichkeit, unseren Charakter.
Untersuchen wir unsere Emotionen eingehender, dann entdecken wir, dass dies einfach Gedanken sind, die mit einer starken Empfindungskraft – angenehm oder unangenehm – versehen sind. Im Grunde sind es jedoch einfach Gedanken. In Gestalt von Emotionen führen sie aber zu einer Verkettung und Verstrickung. Ein Gedanke folgt einem anderen, kommentiert und bewertet ihn, stützt sich auf Erinnerungen, löst Ängste und Hoffnungen aus. Auf diese Weise gründet man beständig sein Selbstverständnis auf einen dualistischen Empfindungsakt. Können wir diese anfanglose Gedankenkette unterbrechen, entsteht offener Raum und wir erlangen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Dies ist ein sehr bedeutsamer Vorgang, weil wir dann in der Lage sind, adäquat in Situationen zu handeln.
Es gibt viele Wege, die gedanklichen Ketten zu unterbrechen. Wir können schädliche Gewohnheiten erkennen und bleiben lassen. Ebenso können wir sofort beim Auftreten der ersten negativen gedanklichen Verkettung diese erkennen und entsprechende Gegenmittel ergreifen. Weiters können wir durch verschiedene Formen von Energieübungen, bei denen wir mit den feinstofflichen Bahnen, Energien und Konzentrationspunkten arbeiten, unseren Empfindungshaushalt verändern. In jeder spirituellen Tradition finden wir eine Palette an Möglichkeiten, unsere ich-bezogenen Tendenzen zu transzendieren und im ursprünglichen Gewahrsein zu ruhen.

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