Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. April 2010

Zurchungpas zehn Punkte

Ein großer Lehrer, Zurchungpa, lehrte „die direkt aufzeigenden Instruktionen der zehn Schlüsselpunkte“.

Der erste Schlüsselpunkt ist das Vertrauen. Man muss vom Vertrauen, mit welchem Fahrzeug man sich verbindet, durchdrungen sein.

Der zweite Punkt ist Beharrlichkeit, was dem Spannen eines Bogen gleich kommt. Man muss eine Beharrlichkeit haben, die nicht schwankend und zielgerichtet auf einen Punkt ist, sodass man die Praxis auf eine ausgewogene Art ausführen kann, tagein und tagaus. Man sollte nicht nur einen Tag begeistert davon sein und dann nachlassen, oder die Praxis für einige Tage unterbrechen und dann wieder zu ihr zurückkehren, wenn man wieder begeistert ist. Das ist nicht angemessen.

Der dritte Schlüsselpunkt ist, dass man Samsara von seiner Wurzel her aufgibt. Das bedeutet, dass man von der Tiefe seines Herzens wirklich sein Interesse am Verweilen im Daseinskreislauf oder den drei Bereichen abschneidet. Das ist etwas, woran wir definitiv arbeiten müssen, weil wir so leicht von Anhaftung und Begierde überwältigt werden. Entsprechend dieser Anhaftung und Begierde sammeln wir weiterhin beständig mehr Ursachen für einen Verbleib in Samsara und für das Leiden in den sechs Arten der Wiedergeburt an. Das muss man schließlich aufgeben.

Der vierte Punkt ist, dass man eine tief empfundene Tapferkeit hat, um sich mit beiden Aspekten der Lehre zu beschäftigen, nämlich zu lernen und zu vollenden auch für andere, und nicht nur für sich selbst. Man muss den Mut haben, diese Arbeit zu machen und man muss das Selbstvertrauen haben, dass man das kann. Man darf nicht faul sein.

Der fünfte ist die Erinnerung, dass unsere Lamas gütiger zu uns sind als die 1.000 Buddhas dieses glanzvollen Zeitalters. Sie lehren uns das Verständnis, das Tugendhaftes entgegengesetzt zu Untugendhaftem ist. Sie lehren uns, was anzunehmen und was aufzugeben ist. Sie geben uns Ermächtigungen der äußeren, inneren und geheimen Ebenen, ebenso wie die erklärenden Instruktionen. In dieser Weise übertrifft ihre Güte dieser drei Wege selbst jene Güte der Buddhas. Daher sollte der spirituelle Lehrer als Buddha oder Weisheitsgottheit gesehen werden, und gewiss nicht als ein gewöhnliches Individuum. Den spirituellen Lehrer als ein gütiges aber menschliches Wesen zu sehen, beinhaltet die Gefahr, dass man zu bestimmten Zeitabschnitten sich von ihm angezogen fühlt und positive Gefühle für ihn oder sie hat, und zu anderen Zeiten gerade das Gegenteil empfindet. Beispielsweise mag der Lehrer etwas tun, dem man nicht zustimmt oder mit einem schimpft, und plötzlich wird man ihn nicht mögen, weil die eigene Sicht des Lehrers diese ist, dass er ein gewöhnliches statt ein erleuchtetes Wesen oder eine Weisheitsgottheit ist. Wenn man eine gewöhnliche Sicht vom S.H. Dalai Lama, S.H. Chetsang Rinpoche, S.H. Chuntsang Rinpoche, S.H. Sakya Trizin und wie die erhabenen Lehrer alle heißen mögen, hat anstatt sich an die eigenen Fehler zu erinnern, dann wird man eventuell gegen diese sein und sie nicht länger mögen.

Der sechste Schlüsselpunkt ist, dass man die Worte des Lehrers auf dieselbe Weise wertschätzt wie das eigene Leben. Jede Belehrung, die man erhalten hat, sollte auf diese Weise behütet und wertgeschätzt werden. Glaubt man wirklich, man kann einfach einen Teil der Lehren, die einem nicht gefallen oder denen man nicht zustimmt, wegwerfen und andere annehmen? Wenn man den spirituellen Lehrer als erleuchtetes Wesen betrachtet, wird man all die Belehrungen annehmen können, auch wenn manches im Moment noch nicht annehmbar erscheint. Wenn man es später einmal versteht und anwenden kann, dann wird das Nutzen bringen. Das kommt alles zu seiner Zeit, aber das Problem ist, dass wir immer nur an den gegenwärtigen Moment denken. Wir haben eine sehr oberflächliche Wahrnehmung. Wir versuchen, Glück im gegenwärtigen Moment zu finden, weil wir glauben, dies sei so wichtig, anstatt eine breite Wahrnehmung zu entwickeln, was in Zukunft sein wird. Ein spiritueller Führer hat nun mal diese Wahrnehmung, daher sollten alle Belehrungen in dem Wissen angenommen werden, dass sie eines Tages nützlich sein werden.

Der siebte Punkt ist, dass die Ehrenworte (Samayas) wie die eigene Lebenskraft bewahrt werden sollen. Sie sollten sehr innig und vollständig bewahrt werden, nicht nur einfach dahergesagt, sondern vom Mund und vom Herzen, damit diese Versprechen auf allen Ebenen hindurch aufrecht gehalten werden.

Der achte Schüsselpunkt ist das Abstandnehmen von Zerstreuung. Dies ist ein Schlüsselpunkt, wenn man bedenkt, wie leicht man durch die vielen weltlichen Angelegenheiten zerstreut wird, die aber nichts anderes als sind, als dass man ein wenig Gift zu sich nimmt. Wir bleiben weiterhin zerstreut und haben niemals Zeit um die Praxis wirklich zu vollenden.

Der neunte Schlüsselpunkt ist meditative Sammlung, welche zum besten Freund werden sollte, aber nicht so wie ein Freund oder eine Freundin. In Europa oder Amerika meinen manche Leute, dass sie für ihren Freund oder ihre Freundin sterben würden, aber dann werden er oder sie auf einmal zu Feinden. Wenn ich sage, dass die meditative Sammlung der beste Freund sein soll, bedeutet das, dass man sich zu hundert Prozent auf diese meditative Konzentration verlassen kann und ihr trauen kann. Es ist der eine Freund, auf den man immer zählen kann um sich zu nützen, und ohne einen Zweifel entstehen daraus Ergebnisse.

Der zehnte Schlüsselpunkt ist, dass man Freude daran hat, die Buddhaschaft zu verwirklichen. Das ist aber nicht so als ob man sich am Essen erfreuen würde, was wiederum nur vorübergehend wäre. Stattdessen sollte man mehr eine große Freude am Wunsch zur Vollendung des endgültigen Zustandes der vollständigen Freiheit und Befreiung haben. Gerade jetzt haben die meisten von euch ihre Freude an den untugendhaften Taten. Wir sind mehr geneigt, uns in Zerstreuung und anderen solcher Dinge zu befleißigen, und es ist schwierig für uns Tugendhaftes zu praktizieren. Alle Arten von Hindernissen entstehen, aber wenn wir unser Augenmerk mehr auf die größere Freude am Vollenden der Buddhaschaft legen würden, würde es uns leichter fallen, die Praxis auszuführen, die uns zu dauerhaftem Frieden und Glückseligkeit führt. Wenn wir beispielsweise Kopfweh oder andere Schmerzen haben, sind wir froh, wenn wir eine Schmerztablette nehmen. Schon das Halten der Tablette in unserer Hand schafft Abhilfe. Auf diese Weise beginnt es, indem man ein starkes Gefühl für die Abhilfe empfindet, durch das Wissen, dass wir in Richtung Buddhaschaft streben, und wir eventuell wir eine Abhilfe von allen Arten des Leidens haben werden.

Zeit zu Praktizieren

Da wir nun die Freiheit zum Praktizieren haben, ist es an der Zeit, diese Schlüsselpunkte im Herzen zu behalten. Die Lehre des Buddhas ist in der Welt; die großen Halter der Lehre Buddhas sind unter uns. Dies ist die Zeit zum Praktizieren. Jeder/jede sollte sein/ihr Bestes geben.
Ein Zeichen für einen buddhistisch Praktizierenden, der die Belehrungen gehört und darüber nachgedacht hat ist, dass sein wilder, ungestümer Geist friedlicher geworden ist. Und als Zeichen dafür, dass meditiert wurde ist, dass seine Leidenschaften sich aufzulösen begonnen haben. Das Gegenteil davon sollte nicht eintreten. Unser Geist sollte nicht wilder werden und unsere Leidenschaften sollten nicht anwachsen, aber manchmal scheint dies für einige – einschließlich mir – der Fall zu sein.

(nach einem Text von S.H. Dudjom Rinpoche und Belehrungen vom Erw. Gyatrul Rinpoche)

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