Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Mai 2010

Wandlung und Befreiung

Das leidenschaftliche Festhalten zeigt sich nach genauem Hinsehen, daß es sich um eine Kraft handelt, die man auch als Wille bezeichnen kann. Durch unsere Konditionierungen kann diese Energie vom Geist des Besitzen-wollens gelenkt werden. Ebenso kann sie aber von Weisheit, Liebe und Mitgefühl gesteuert werden. In einem wachen Herzen wandelt sich diese Leidenschaft in eine große Hingabe an alle Wesen.

Transformation durch Mitgefühl und Weisheit

Ablehnung, Wut, Zorn, Haß entstehen aus einer ichbezogenen Fixierung. Doch beruhen sie auf einer Kraft der Unterscheidung. Wird diese Unterscheidungsfähigkeit von Weisheit und Mitgefühl gelenkt, dann kann man das Entstehen und Vergehen fühlender Wesen genauso betrachten wie die unzähligen Wellen an der Meeresoberfläche. Man erkennt ihre Individualität und sieht sie nicht wesensmäßig getrennt von ihrem Urgrund, in dem man selbst mit ihnen verbunden ist. Durch das Entwickeln von Weisheit und Mitgefühl entsteht eine Tatkraft, die allen Wesen nützt.

Mit der Tatkraft, die aus Weisheit und Mitgefühl entsteht, entwickle ich in Gegenwart aller erwachten Wesen das selbstlose Streben nach vollkommenem Erwachen, um allen fühlenden Wesen zu nützen. (Shantideva)

Selbstlosigkeit ist der Natur gemäß, da sie die Abwesenheit eines Ichs bedeutet. Daher sind altruistische Handlungen der Natur entsprechend. Wächst unsere Handlungsfähigkeit aus einem tiefen Wissen um die Daseinsmerkmale, dann entfaltet sich auf natürliche Weise unser Herz. Aus dem Bewusstsein um die wechselseitige Verbundenheit des Lebens haben alle Handlungen, die für andere ausgeführt werden, auch ihre Rückwirkung auf unsere individuelle Befreiung.

Entfaltung des Herzens

Jeder von uns bewegt sich, egal ob wissentlich oder unbewußt, auf dem Pfad der Entfaltung. Einige kommen schneller voran, andere brauchen länger, da sie mehrere Umwege beschreiten müssen. Je nachdem, wie rasch man zur Hingabe an die Natur des Seins fähig ist, kann man die äußeren Formen überwinden und zur Essenz gelangen.
Das menschliche Leben verläuft die meiste Zeit in vorgezeichneten Bahnen. Wie bei einer Maschine lassen sich die Handlungen vorhersagen. Gefangen in seinen Vorstellungen und Projektionen, Gedanken und Emotionen kann der Mensch so nur in seiner Bedingtheit existieren.

Die von der Natur erzeugten Kräfte des Dunkeln und Lichten, der Kälte und der Hitze, Dürre und Feuchtigkeit, die Wirkung der vier Jahreszeiten, die Umwandlung aller Dinge können ebenso nützlich als auch schädlich sein. Der Weise untersucht das Gleichgewicht der Kraft des Dunkeln und des Lichten und unterscheidet den Nutzen aller Dinge, um das Leben zu fördern. Darum ruht Geist und Seele in seinem Leib, und erreicht ein hohes Lebensalter. Ein hohes Lebensalter bedeutet nicht, daß das Alter von Natur aus kurz wäre und künstlich verlängert werden müßte, sondern daß die von Natur gesetzten Grenzen erreicht werden. Diese von der Natur gesetzten Grenzen werden dadurch erreicht, daß man die Schädigungen fernhält. (Zhuang Zhi)

Durch die Praxis der Selbsterforschung kann man das eigene Leben mit seinen Schnittpunkten genauer beobachten und aus den gewonnenen Erkenntissen seine Schlüsse ziehen. Durch diese Übung wird der Geist geleert, d.h. die Identifikationen mit auftauchenden Gedanken, Empfindungen und Emotionen werden gelöst.
Jenseits der Gegensätzlichkeiten des Verstandes liegt das essentielle Wissen des Herzens. Dieses ist jedoch nur im Erkennen der Symbolsprache der Seele erfahrbar.
Das Selbst ist das integrierende und transformierende Zentrum der Psyche. Es ist der Ursprung der Träume, Visionen und anderer Inspirationen. In seiner Mitte sind Hell und Dunkel, die ursprünglichen Gegensätze des Universums. Der Individuationsprozeß, die Entwicklung der individuellen Bestimmung, hat hier seinen Ausgangspunkt.
In der alltäglichen Realität beginnt sofort die Identifikation mit einem bestimmten Geisteszustand, einer Emotion etc. Bewegt sich das Bewußtsein allerdings hin zum inneren Zeugen, so kann man die auftretenden Geisteszustände, Emotionen etc. erkennen und sie bewußt anschauen. Danach bleibt einem noch immer die Wahl, ob eine Identifikation notwendig bzw. sinnvoll erscheint.

Wenn auch Sie Gedanken zur Wandlung und Entfaltung haben, dann würde ich mich über Ihren Kommentar freuen. Demgemäß werden wir beide dann auch wachsen.

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Responses

  1. Der Segen besteht aus dem Erkenner das man nicht dem Emotionen folgend handlungsgebunden ist. Auch wenn die Taten noch 100erte mal von alten Gewohnheiten beherrscht werden. Hier erscheint mir der erste wichtige Schritt Mitgefühl für sich selber zu entwickeln. Die Liebe und Großzügigkeit im Herzen für mich fließen zu lassen. Ist es nicht gleichermaßen für alle fühlenden Wesen?


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