Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Juni 2010

Dharma im Herzen geboren…

Im Bittgebet an Tara um siebenfachen Schutz spricht Kyobpa Jigten Sumgön davon, dass der Dharma verinnerlicht werden muss. Die Entwicklung des Dharma gestaltet sich in drei Stufen – Zuhören, Nachdenken und Meditieren. Meditieren bedeutet „Verinnerlichen“, sich mit dem Gehörten und dem Ergebnis des Nachdenkens durch praktische Anwendung vertraut machen. Die Praxis des Verinnerlichen geschieht über die Meditation, die Beobachtung des Geistes und der geistigen Aktivitäten.

Vertrautheit mit der wahren Wesensnatur

Das Ziel jeglicher Dharma-Praxis ist die Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf und die Verwirklichung von beständigem Glück. Dies geschieht nicht dadurch, indem man andere Wesen mit Sprüchen aus den Lehrreden des Buddha in zweifelhafter Weise beglückt. Es ereignet sich durch die eigene Praxis. Indem man die Lehren studiert, den Belehrungen zuhört, über grundlegende Lebenstatsachen nachdenkt, diese Überlegungen in der Praxis überprüft und dann zu einer Übung des Geistes gelangt, wird man mit seiner eigenen wahren Wesensnatur vertraut.
Zuerst sind wir wohl interessiert an Dharma und man denkt, oh, das sind gute Belehrungen und entschließen uns, ihnen zuzuhören und sie umzusetzen. Aber wenn wir die Natur des Samsara, den leidvollen Zustand, die Vergänglichkeit, nicht durchdrungen und direkt erkannt haben, dann wird unser Studium und unsere Praxis des Dharma nur im intellektuellen Bereich bleiben. Es ist sehr wichtig, das zuerst gut zu verstehen.

Dharma jenseits von Dogma

Wenn der Dharma sich nicht in unserem innersten Geist manifestiert, nicht in unserem Geist geboren ist, wenn wir nicht ein wirkliches Gefühl dafür im Geist haben, dann wird es zu einem Dogma, zu einer äußerlichen dogmatischen Lehre. Z. B. studieren wir über Karma, wissen von Karma. Wenn es uns aber gelingt, das Karma direkt zu realisieren, wenn wir es sehen, erleben und erfahren wie wir in den karmischen Verstrickungen sind, ist es nicht mehr länger nur ein äußerliches Dogma. Wenn wir die Erfahrung machen, dass wir Karma jeden Augenblick kreieren und in dieser Natur sind, wenn wir das direkt erfahren, dann ist es nicht länger ein Dogma. Wenn man es nicht direkt erfährt und man studiert nur das Karma, dann sagt man, die Buddhisten glauben an Karma. So wird in der buddhistischen Sicht das Karma ein Dogma, und solche, die nicht an Karma glauben, diese hassen wir. Man glaubt an Karma und man haftet daran, aber man hat es nicht verwirklicht.

Vergänglichkeit

Dasselbe gilt auch von der Vergänglichkeit. Wenn man Vergänglichkeit studiert und erfährt, dass alles sich jeden Moment ändert, nichts beständig ist und man fühlt es, dass man in diesem Zustand ist und vollzieht ihn von innen her nach und man ist in diesem Weisheitszustand, in dieser Natur, dann sind diese Lehren nicht länger ein Dogma, weil es gegründet ist auf Vernunft und Logik. Wenn es uns gelingt, es im entsprechenden Weisheitsaspekt vollständig nachzuvollziehen, es von innen her zu erleben, wie alles fließt und wie alles vergänglich ist, dann ist es nicht länger ein Dogma weil es gegründet ist auf Vernunft und auf Logik und nur dann hat es eine Grundlage. Ein Dogma ist nur ein Glaube, etwas, das man annimmt, ohne es geprüft zu haben und ohne Vernunft. Wenn wir so die Natur des Karmas erkannt haben, werden wir uns aufgrund dieser Voraussetzung bemühen, die schlechten Taten nicht zu tun und dafür gutes Karma anzusammeln. Wenn es nur als ein Dogma verstanden wird nur geglaubt wird, dann ist es nicht eine Verhinderung, sondern wird die Ursache für weiteres negatives Karma, das man ansammelt. Wenn wir z. B. denken, unsere Übertragungslinie ist besser als die andere, haben wir eine Anhaftung an diese Vorstellung. Wenn man an solche Vorstellungen anhaftet, dann wird es geschehen, dass, wenn jemand etwas Schlechtes darüber sagt, wir diese Person ablehnen werden.

Karma – Ursache und Ergebnis

Dann wird Anhaftung und Zorn die Ursache und Anhäufung für negatives Karma. So ist es sehr wichtig zu verstehen und zu wissen, was ist ein Dogma und wie wird etwas zu einem Dogma. Die Grundlage der Lehren des Buddhas besteht in der absoluten, ehrlichen Absicht auf der Basis von großem Mitgefühl allen Wesen zu nutzen. Buddhas Absicht ist nicht eine Schule oder eine Religion zu gründen. Deswegen sagte Kyobpa Jigten Sumgön, dass es wesentlich und höchst wichtig ist, Dharma voll zu realisieren und in seinem Weg des Studiums und in seinem Weg der Linie soll keine Tendenz zu einem Dogma sein. Wenn jemand fragen sollte, was ist denn nun effektiv die Lehrmeinung, dann ist das unvermeidliche karmische Ursache und Wirkung und Bodhicitta. Gampopa hat gesagt: „Möge unser Geist und der Geist aller fühlenden Wesen dem Dharma folgen durch wirkliches Verstehen von Samsara.“ Wenn unser Geist dem Weg zur Erleuchtung folgt, dann ist das nicht länger eine karmische Tendenz, aus diesem Absoluten heraus werden die karmischen Ursachen nicht mehr greifen.

Buddhaschaft jenseits von Dogmen

Gerade weil aber die wahre Selbstnatur nicht sichtbar, nicht greifbar, bar jeder Dinglichkeit ist, sind wir gewöhnlich unsicher. Gewohnheitsmäßig greifen wir geistig nach etwas und schaffen eine illusorische Dinglichkeit der Eigennatur. Obwohl das Leben ein beständiger Fluss ist und die Phänomene immer im Wandel sind, ändern wir kaum unser Selbstverständnis. Wir halten gewohnheitsmäßig an einer vermeintlichen Identität fest. Nur wenn man den Dharma auch anwendet, praktiziert, entsteht Vertrautheit. Eine Vertrautheit mit sich selbst. Da alles im Geist auf illusorische Weise erscheint, erscheint nichts ohne Ursache und Bedingung.
Das Erleben und die interagierenden Wesen sind unser Handlungsfeld. Lassen wir uns als Dharma-Praktizierende, als Ausübende von befreiender Information (Dharma) und eines Herzens-Pfades (ebenfalls Dharma) mit einer Offenheit auf das Leben ein, dann ist alles Erscheinen ein ungehinderter, spontaner Ausdruck des Bewusstseins. Daher ist Buddhaschaft immer jenseits von Dogmen.

Wenn auch Sie Erfahrungen und Überlegungen zum Dharma jenseits von Dogmen haben, würde ich mich über Ihren Kommentar hier freuen.

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Responses

  1. …… kann man, wenn man noch nie Wörter, wie Dharma, Samsara, Bodhicitta,…. bewußt gehört hat, diese jetzt liest, genau das fühlen was gemeint ist ? In dem Umfeld, wo ich aufgewachsen bin (religiös – gemeint) konnte ich mich nie wirklich wiederfinden, bin nie sozusagen nie angekommen gewesen………….

    • klar kann man das. natürlich ist es hilfreich, die religion zu praktizieren, in der man aufgewachsen ist. aber manche menschen haben aufgrund früherer taten (karma) ihrem leben eine bestimmte richtung gegeben.
      leben ereignet sich ja aufgrund von karma und nicht per zufall. alle talente, die sich in unserem gegenwärtigen leben so mühelos entfalten, sind auswirkungen früherer handlungen. manche handlungen haben wir in früheren leben nicht abschließen können und führen sie in diesem fort bzw. bringen sie jetzt erst zur vollendung; manche führen wir in diesem leben nicht zur vollendung, daher werden wir sie in unseren zukünftigen leben zur reife bringen…

  2. Der wichtigste, sicher auch schwierigste Schritt ist es sich im Herzen berühren zu lassen. Schwierig da alles lange erfolgreich verborgene an die Oberfläche kommt, fühlbar wird. Dennoch alles andere ist nichts als nette Unterhaltung.
    Mein Bild dazu ist immer die Katze die ihren Schwanz jagt. 🙂 Wir können uns Jahrzehnte, vielleicht sogar Lebzeiten lang, mit den edesten Gedanken und wehenden Fahnen, im Kreis drehen ohne der wahren Essenz nahe zu kommen.


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