Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Juli 2010

Das Sieben-Zeilen-Gebet zu Guru Rinpoche

Das Sieben-Zeilen-Gebet an Guru Rinpoche ist ein berühmtes und tiefgründiges Gebet in der Tradition des tibetischen Buddhismus. Neben der offensichtlichen Anrufung gibt es eine innere und eine geheime Ebene der Bedeutung.

ཧཱུྃྂ༔ ཨོ་རྒྱན་ཡུལ་གྱི་ནུབ་བྱང་མཚམས༔ པདྨ་གེ་སར་སྟོང་པོ་ལ༔
HUNG – ORGYEN YÜL GYI NUB JANG TSAM / PE MA GE SAR DONG PO LA /
HUNG – An der nord-westlichen Grenze von Oddiyana, auf den Blättern und dem Stamm eines Lotus geboren,

ཡ་མཚན་མཆོག་གི་དངོས་གྲུབ་བརྙེས༔ པདྨ་འབྱུང་གནས་ཞེས་སུ་གྲགས༔
YA TSAN CHOG GI NGÖ DRUB NYE / PEMA JUNG NE ZHE SU DRAG /
habt Ihr die wundervollsten und höchsten Errungenschaften erlangt. Daher seid Ihr als der Lotosgeborene bekannt.

འཁོར་དུ་མཁའ་འགྲོ་མང་པོས་བསྐོར༔ ཁྱེད་ཀྱི་རྗེས་སུ་བདག་བསྒྲུབ་ཀྱི༔
KHOR DU KHA DRO MANG PÖ KOR / KHYE KYI JE SU DAG DRUB KYI /
Ihr seid von zahlreichen Dakas und Dakinis umgeben. Euren Spuren folgend praktiziere ich:

བྱིན་གྱིས་རློབས་ཕྱིར་གཤེགས་སུ་གསོལ༔ གུ་རུ་པདྨ་སིདྡྷི་ཧཱུྃྂ༔
JIN GYI LAB CHIR SHEG SU SOL / GURU PEMA SIDDHI HUNG //
bitte kommt hierbei um mich zu segnen. GURU PADMA SIDDHI HUNG

Erklärungen zum Gebet

HUNG – ORGYEN YÜL GYI NUB JANG TSAM / 
In der ersten Zeile des Gebets erweist man seine Verehrung um die eigenen groben und subtilen Hindernisse zu reinigen. Wenn wir die Grenze erreichen, wo wir keine Hindernisse mehr haben, haben wir den Rand erreicht oder sind am Randstreifen des Erlangens der Erleuchtung angekommen. Wir betreten den reinen Bereich der Buddhaschaft.

PE MA GE SAR DONG PO LA /
„Padma“ oder Lotus, der aus dem Schlamm herauswächst, repräsentiert die Fähigkeit, in der Welt zu erscheinen und dennoch rein zu bleiben. Es ist die Emanation des reinen Geistes, die Emanation des erleuchteten Gewahrseins, das aus dem Schlamm von Samsara erwächst. Dies ist der Nirmanakaya. „Gesar“ oder das Pollenherz des Lotus, ist die Essenz der Emanation. Dies ist der Sambhogakaya. Der Stamm repräsentiert, dass die beiden eins sind. Die Untrennbarkeit von Form und Leerheit ist der Dharmakaya.

YA TSAN CHOG GI NGÖ DRUB NYE /
Die dritte Zeile bezieht sich auf die letztendliche Wahrheit, die wahrlich erstaunlich ist. Warum? Weil die höchste spirituelle Verwirklichung ist. Dies ist die Errungenschaft des Buddha.

PEMA JUNG NE ZHE SU DRAG /
„Pedma Jungnei“ ist der Name des Lotusgeborenen (Padmasambhava) und bedeutet eigentlich Kuntuzangpo, den uranfänglichen Zustand des reinen Gewahrseins. Es ist unser eigener Name, die Verwirklichung der wahren Natur des Geistes. Es ist unser Rigpa.

KHOR DU KHA DRO MANG PÖ KOR /
Von vielen Dakinis umgeben zu sein bedeutet, dass unser reines Gewahrsein von Leuchtkraft umgeben ist. Es bedeutet auch „Togal“ oder das Erkennen der Erscheinungen, wie sie sind. Dies ist dann die Dakini; die Weisheit des Erkennens der eigenen wahren Natur und die Weisheit des Erkennens der wahren Natur oder Leerheit der umgebenden Erscheinungen.

KHYE KYI JE SU DAG DRUB KYI /
„Du“ bedeutet die eigene Buddha-Natur. Durch das Gewahrsein ihrer und ihrem Nachfolgen, verwirklicht man etwas. Wenn man die wahre Natur des Geistes versteht, dann versteht man, dass es keine Zuflucht, keinen Suchenden, keinen Pfad gibt. Die Natur des Geistes ist die Zuflucht. So folgt man der wahren Natur des eigenen reinen Gewahrseins.

JIN GYI LAB CHIR SHEG SU SOL / GURU PEMA SIDDHI HUNG //
Entsprechend der konventionellen Bedeutung dieses Gebets lädt man Padmasambhava und die Dakinis ein herbeizukommen und einem selbst – dem Verpflichtungswesen – ihren Segen zu gewähren. Aber gemäß der inneren und geheimen Bedeutung erkennt man, dass man diesen Zustand des reinen Gewahrseins schon besitzt. Wenn man fähig ist, darin zu verweilen, gibt es niemanden zu dem man betet oder der Segen gewährt. Man ist dadurch gesegnet, dass man in der eigenen reinen Natur verweilt. Dieser wahre Zustand des Geistes ist der Segen.

OM AH HUNG VAJRA GURU PADMA SIDDHI HUNG

OM, AH, HUNG – Dies sind die drei Kayas oder die drei Tore von Körper, Rede und Geist. OM ist der Nirmanakaya oder Tulku, gegründet auf Barmherzigkeit und Mitgefühl. AH ist der Sambhogakaya oder die Lichtheit. Dies ist die Güte des Nirmanakaya. HUNG ist das reine Gewahrsein dieses Zustandes.
VAJRA – Man ist schon in diesem Zustand des reinen Gewahrseins der letztendlichen Natur, der Vajra steht symbolisch für die Unerschütterlichkeit Rigpas und den sieben diamantgleichen Qualitäten des Geistes. Er ist ein Symbol für den unwandelbaren Dharmadhatu.
GURU: Die diamantgleiche Lama, der Lehrer, ist äußerlich der Lehrer selbst und im Geheimen ist es der Geist des reinen Gewahrseins, die Essenz von Barmherzigkeit und Mitgefühl aller Buddhas. Der Guru ist die eigene Buddha-Natur, die Essenz des eigenen Geistes.
PADMA: Dieser erscheint aus dem Schlamm, aber ist makellos rein. Es ist das uranfängliche Gewahrsein, das von Anfang an rein ist. Es ist schon erleuchtet. Es kann zu jederzeit und überall erscheinen.
SIDDHI: Die gewöhnlichen und ungewöhnlichen spirituellen Errungenschaften sind das Zeichen und Nebenprodukt des Zustandes reinen Gewahrseins. Sie manifestieren sich sowohl gewöhnlich als auch außergewöhnlich. Die außergewöhnlichen spirituellen Errungenschaften sind jene Verwirklichungen, die im Zustand der Sphäre der letztendlichen Wahrheit sind.
HUNG: Wenn das Mantra rezitiert wurde, ist das HUNG äußerlich die Bitte um das Erlangen der Verwirklichungen. Im Geheimen repräsentiert es den letztendlichen Ort des Geistes in diesem reinen Gewahrseinszustand.

Allgemeine Bemerkungen

Wenn man das Guru-Siddhi-Mantra rezitiert oder ein anderes Gebet und man sich dabei der wahren Natur des Geistes gewahr ist, seiner Leerheit und Strahlkraft, dann wird man mehr durch die Praxis erfahren. Sich mit dem Geist des Gurus zu verbinden, bedeutet untrennbar mit dem Geisteszustand des reinen Gewahrseins zu werden. Man versetzt den Geist in den Zustand des reinen Gewahrseins.
Wenn man irgendeine Praxis des Kyerim oder Dzogrim ausführt, ob man zuhört, nachdenkt oder meditiert, soll man sich immer den Segen oder der Gnade des Gurus gewahr sein. Die Fähigkeit mit dem Dharma zusammen zu treffen oder irgendeine andere Art der Verwirklichung hängen von dieser Gnade ab. Wenn man sich auf seinen eigenen Dharma als den einzigen korrekten Pfad stützt, anstatt in Berührung mit dem Zustand des reinen Gewahrseins zu kommen, das die Essenz des Geistes des Gurus ist, dann wird man nichts von irgendeiner Art der Praxis erhalten.
Der beste Weg sein Vertrauen zu zeigen, die eifrigste Hingabe, diesen spontanen Zustand reiner hingebungsvoller Verehrung, ist dem zu folgen, was der Lehrer einem gesagt hat. Auf diese Weise entwickelt man Zutrauen und nicht dadurch, dass man denkt, der eigene Lehrer wäre der Beste.
Hinsichtlich der spirituellen Errungenschaften oder der Verwirklichung ist das wichtigste Zeichen, dass die eigenen Täuschungen abnehmen und man sich der wahren Natur des Geistes mehr gewahr wird. Man sieht alle Formen als reine Erscheinungen, hört alle Klänge als Mantra, erkennt alle Gedanken und geistigen Phänomene als die Emanation des eigenen reinen Gewahrseins.
Man wundert sich vielleicht: „Wie kann ich sagen, wenn meine Täuschungen abgenommen haben?“ Da gibt es zwei Wege. Der erste ist, dass ohne vorgefasste Meinung oder Gedanken Hingabe zum Dharma und zum Guru ganz spontan im Herzen entsteht. Zweitens auf dieselbe Weise ohne vorgefasste Meinung, dass einfach ohne Anlass Mitgefühl und Barmherzigkeit für das Wohlergehen anderer statt für einen selbst entsteht. Wenn dies natürlicherweise ohne Überlegung oder Gedanken in einem entsteht, dann ist dies ein Zeichen der Verwirklichung.
Wenn schließlich ungekünsteltes Vertrauen in einem entstanden ist, wird man das Sieben-Zeilen-Gebet klar verstehen. Wenn Barmherzigkeit und Mitgefühl ohne einen Gedanken an einen selbst im Herzen entstehen, dann wird man dieses Gebet verstehen.

Wenn auch Sie Erfahrungen, Meinungen und/oder Anregungen zur Praxis haben, dann würde ich mich über Ihren Kommentar hier freuen.

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Responses

  1. Oooooh mein Gott was für ein schönes Gebet !!!!!
    Danke Enrico für die Erklärung

  2. lieber Enrico

    sehr gut deine umfangreichen Erklärungen der inneren und geheimen Bedeutung des 7-zeilengebetes. danke wirklich. ja, dzogchen ist wahrlich ein schöner weg. ich hoffe es geht dir gut und wir sehen uns in wien bei Ontul Rinpoche.
    glg bernd

  3. Lieber Enrico! Danke für Brief und Email mit Biographie von S.H. Chetsang Rinpoche. Die etws längere habe ich heute nacht um drei noch mal sorgfältig gelesen. Von drei bis fünf bin ich meist wach. Da ist es so schön still und inzwischen auch wieder dunkel. Mein Geist ist sehr klar und wach, wenn alle um mich schlafen. Am Tag gerate ich manchmal in eine Art Dämmerzustand. Es ist soviel Leid und Verwirrung um mich herum und oft kann ich nicht mehr tun als Mantras sprechen. Selbst beim Zeitungaustragen kriegt jeder eins mit der Zeitung in den Briefkasten.
    Das Buch habe ich soeben bei amazon bestellt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob da eine Verbindung ist, aber ich werde es herausfinden. Weißt du, in dieser Beziehung ist es mit mir so wie mit einem kleinen Kind, das die ersten Schritte macht, aber die Hand der Mutter nicht los lässt. So erkunde ich den weiten Raum des Buddhadharma, suche meine geistigen Wurzeln, aber lasse die Hand meines Lama Ole Nydahl nicht los. Er findet das ok, sagt dass der Buddha kein eifersüchtiger Gott sei, wir sollen uns nur nicht verwirren. LG. Gabriele.

  4. Lieber Enrico! Das Leben ist wie eine Mala. Man landet immer bei der Guru-Perle.
    Mein Ngöndro ist nach 15 Jahren auch wie eine Mala. Es rollt 24 Stunden am Tag.
    Letzte Nacht freute ich mich, mal wieder beim Guru-Yoga angelangt zu sein und rezitierte und vergegenwärtigte das Sieben-Zeilen-Gebet und Vajra-Guru Mantra mit den drei Lichtern. Damit schlief ich auch wieder ein und freue mich immer, wenn ich mit demselben Mantra aufwache. Kann sicher nicht verkehrt sein, das zu üben für nach dem Tod. Nun wollte ich nähere Erklärungen über Das Sieben-Zeilen-Gebet und geriet auf deine Seite(ich arbeite am hiesigen Gymnasium in der Bibliothek und manchmal ist nix los, dann kann ich mir das leisten). Dein Kommentar ist sehr umfang- und leehrreich, werde noch eine Weile daran lesen. Ich linkte mich dann durch zu deiner Person, deinem Zentrum und der Linie, was mir sehr wichtig ist, das haben die Karma-Kagyüs mir beigebracht. Mein Lama ist Lama Ole Nydahl, mein ursprünglicher Guru Padmasambhava. Aber ich scheue große Organisationen, lebe in Zurückgezogenheit und erfreue mich an dem inneren und geheimen Lama. Als ich den Namen Chetsang Rinpoche las, wurde ich stutzig, denn über diesen wollte ich ja eigentlich etwas erfahren, da ich ein kleines Buch besitze von einem Maler Norbert Lösche, der Tangkhas malt und ein Kartenspiel zum Meditieren herausgegeben hat, das ich sehr spannend finde und mir oftmals einen Überraschungsbuddha für den Tag ziehe. Kennst du ihn zufällig?
    Ich wollte mit meiner Geschichte eigentlich nur sagen, dass die Buddhas sehr lebendig sind.
    Mit lieben Grüßen und allen guten Wünschen und ich würde mich freuen über eine Antwort und ich habe auch noch viele Fragen. Gabriele.

    • liebe gabriele,
      vielen dank für deinen interessanten kommentar. ja, die buddhas sind sehr lebendig!
      falls du über s.h. chetsang rinpoche mehr erfahren möchtest, dann klick doch auf der homepage von drikung lhündrub chödzong (www.lhundrub.at) mal auf den link der drikung-tradition. da findest du ganz am ende der langen überlieferungslinie eine kurz biographie von ihm, dem 37. thronhalter der drikung-kagyu-linie. wenn du magst, schick ich dir gerne auch eine etwas längere (ca. 4 seiten) zu. es gibt auch ein buch über rinpoche (bei amazon: „aus dem herzen tibets“).
      den maler norbert lösche kenn ich nicht. aber ich werde mich mal im internet über ihn schlau machen.
      dir einstweilen alles liebe, verbunden im dharma
      enrico


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