Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Oktober 2010

Mantrische Gesänge

Speziell entwickelte Methoden, die die Musik gezielt einsetzen, um meditative Bewusstseinszustände hervorzurufen, finden wir erstmals in der mystischen Tradition Indiens. Im Yoga und im Mahayana-Buddhismus benutzen die Eingeweihten heilige Gesänge und Mantras, um den Geist zu zentrieren und in diesen meditativen, transzendentalen Bewusstseinszuständen das erwachte Erleben zum Ausdruck zu bringen. Diese beiden spirituellen Traditionen plädieren für eine bewusste Nutzung der Sinne und der physischen Welt und setzen den Klang ein, um die Menschen mit der spirituellen Dimension in Kontakt zu bringen. Indem sich der Meditierende auf einen einzelnen Klang konzentriert, den er zyklisch wiederholt, kann er sein Bewusstsein so zentrieren, dass der Verstand aufhört, sinnlos umherzustreifen. Rationale Begrenzungen, mentale Vorstellungen und andere durch den Intellekt geschaffene Hindernisse werden überwunden, während die intuitiven Kräfte in den Vordergrund treten.

Die Wirksamkeit des Mantras, seine Essenz, liegt in der Visualisation bestimmter Bilder und der Wiederholung der Silbenfolge. Dies ist erleuchtetes Wirken, wenn das Mantra richtig angewendet wird, durch das das Überwinden der Illusion von Subjekt und Objekt geschieht, ereignet sich die Vereinigung mit dem letztendlich Wahrnehmbaren. In Form des Mantras verkörpert der heilige Klang die Einheit des Geistes, ganz gleich, ob das höchste und letzte Ziel die Verschmelzung mit der verehrten Gottheit (wie im Bhakti Yoga) oder das völlige Realisieren der Leerheit ist (das Sunyata des Mahayana-Buddhismus). Da das Mantra ständig wiederholt wird, kann die Realität des Klanges zu einer allgegenwärtigen, beherrschenden Kraft im Bewusstsein des Meditierenden werden.
Ursprünglich dienten die Mantras vielleicht als Beschwörungsformeln zum Abwenden von Gefahren und Krankheiten oder zur Vertreibung böser Geister. Die Mantras, die in den alten Pali-Texten beschrieben werden, dienten ganz sicher diesen Zwecken. Seine tiefste Bedeutung erlangte das Mantra jedoch im Yoga und im Mahayana-Buddhismus.
Die Welt entstand durch den Klang, und da die kreative Kraft als Gott oder höchste bzw. letztendliche Realität betrachtet wird, ruft der Mystiker bei dem Versuch, die Wesensnatur zu verwirklichen, die heiligen Rhythmen in seinem eigenen inneren Wesen wach. Auf diese Weise kann er die Einheit mit dem Universum wiederentdecken. Daher gilt das OM als der Urklang einer zeitlosen Realität; als ewiger Rhythmus aller sich bewegenden Dinge, ein Rhythmus, in dem das universale Gesetz zum Ausdruck vollkommener Freiheit wird.

Wenn Sie Erfahrung in der Anwendung von Mantras haben, würde ich mich über Ihren Kommentar hier freuen.

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Responses

  1. […] Source: Mantrische Gesänge […]

  2. hallo Enrico……
    mir geht es mit dem Vajra Guru Mantra so.ich tauche völlig ab.ich kann nicht genau beschreiben wo ich bin.wie in einem klartraum vielleicht.
    auch das grüne und weisse Tara mantra beeinflussen mich entsprechend.
    was mich im universum schweben lässt ist 09 Offering Chant (Unplugged Version) von LAMA GYURME.niemals zuvor haben sich klänge so in meine seele gegraben wie das.
    obwohl ich selbst über 20 jahre als musikerin gearbeitet habe.

  3. Lieber Enrico!
    Meine Erfahrung ist, dass man im Alltag oftmals das Mantra vergisst, welches man in der Abgeschiedenheit der Meditation begonnen hat. Ich führe kein Klosterleben, die Zeit für formale Meditation ist begrenzt und die traditionellen Tonfolgen sind mir größtenteils unbekannt. So machte ich aus der Not eine Tugend (einen Gewinn). Als Gitarrenlehrerin habe ich viele sog.Ohrwürmer (meist Kinderlieder)im Kopf, in die sich verblüffenderweise das eine oder andere Mantra einfügt. So begleitet es mich in vielen Situationen und ich kann es mühelos und sogar mit Freude streuen in die Welt.
    Den Abschluss der jeweiligen Meditation (Auflösung und Widmung) mache ich dann wiederum zuhause. So wird die Sache rund und ich hoffe, dass die Buddhas einverstanden sind.
    Mit herzlichem Gruß. Gabriele.

  4. lieber enrico,
    es freut mich, hier so viele interessante texte von dir zu finden, zu diesem hier auf wunsch nun eine anwendung von mantra und klängen die ich ganz besonders liebe: das langsame tönen/singen der vokale: u, o, a, e, i, ü (ein vokal einige male hinereinander, dann der nächste mehrmals, usw…..) hat einen super effekt auf körperebene, da der laut gesungene ton ja physische schwingung ist und somit im physischen körper etwas anzuklingen vermag, was öffnende, klärende oder aktivierende effekte haben kann. das kann eine grössere harmonie bzw. aktivierung im gesamten system bewirken, und hat somit unter umständen auch eine heilende wirkung….. ganz direkt. eine weiterer grund, warum ich diese einfache übung so mag ist der, dass die töne tore zum körpergefühl, zum spüren an sich sind bzw. auch schlüssel sein können, an zellerinnerungen heranzukommen….. und wie du schreibst auch ein tor zur mystischen erfahrung….. vielleicht mag sich die/der eine oder andere angeregt fühlen es mal auszuprobieren…..
    alles liebe,
    tara


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