Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. November 2010

Chöd – alte Rituale und vollkommene Weisheit

Viele Texte wurden zur Praxis des Chöd verfasst und viele Schatzfinder haben Chöd-Praktiken offenbart. Alle Chöd-Praktiken teilen gewisse Merkmale, die bekannt sein sollten. Weil wir das Erlangen der Buddhaschaft anstreben, indem wir der buddhistischen Lehre anstatt von nicht-buddhistischen Lehren folgen, ist es für uns wichtig, die Ursprünge der buddhistischen Übungen zu kennen. Chöd und Dzogchen sind die geheiligten Lehren von Buddha, der 84.000 verschiedene Kategorien von Belehrungen, eingeteilt in die neun Systeme von Sutra und Tantra, lehrte. Chöd gehört sowohl zu Sutra als auch zu Tantra.

Entstehung des Chöd

Die Chöd-Lehren des „Abschneidens“ sind eng mit der Meisterin Machig Labdrön (1055–1149) verbunden. Die Lehre stammt aus der ZHi.byed-Tradition und wurde von dem indischen Meister Padampa Sangye im Jahre 1092 nach Tibet gebracht. 1097 gründete Padampa Sangye das Kloster Dingri von dem die Tradition in Tibet ausging. Machig Labdrön, die mit der Chöd-Praxis höchste Verwirklichung erlangte, ist wegen ihrer besonderen Lebensgeschichte und der Verbreitung der Chöd-Lehren in Tibet berühmt geworden. Chöd zielt auf das Abschneiden der Ego-Anhaftung, die als Wurzel weltlichen Leidens gilt, mittels eines ausgesprochen schaurigen Rituals und basieren auf den Lehren zu Prajnaparamita (höchster transzendenter Weisheit). Die von Padampa Sangye ausgehende Überlieferung dieser Lehre ist in allen Schulen des tibetischen Buddhismus bis heute erhalten geblieben, als eigenständige Schultradition besteht sie nicht mehr.
Padampa Sang-gyé kann als eine Inkarnation von Padmasambhava gesehen werden, wie Machig Labdrön als eine Inkarnation von Yeshé Tsogyal gesehen werden kann.

Durchtrennen der Ich-Anhaftung

Chöd ist eine Praxis des Mahayana und vom Standpunkt des Sutra aus betrachtet, ist Chöd der Ausdruck der philosophischen Sicht der Prajnaparamita Sutra oder der Transzendenten Weisheit. Dieses Sutra ist ein Diskurs über die Weisheit der beiden Arten von Identitätslosigkeit: die Identitätslosigkeit des Selbst und die Identitätslosigkeit der Erscheinungen.
Die Identität eines Selbst bezieht sich auf die Bezeichnung der fünf Aggregate als ein wahrhaft existentes Ich oder Selbst, und die Identität der Erscheinungen bezieht sich auf die Bezeichnung der äußeren Erscheinungen wie Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung etc. als wahrhaft bestehende Erscheinungen außerhalb des Selbst oder anders als das Selbst. Vom absoluten Standpunkt aus gibt es kein wahrhaft existierendes Selbst. Das bezeichnete Selbst ist einfach ein geistiges Greifen nach einem Selbst. Gleichsam dazu gibt es keine wahrhaft existierenden äußeren Erscheinungen, sondern äußere Erscheinungen sind illusorisch wie Träume. Diese beiden Formen des Greifens sind die Quelle aller dualistischen Erscheinungen. Das Realisieren, dass sowohl das Selbst wie auch die Objekte keine wahrhafte Existenz haben, ist die Bedeutung der Weisheit der beiden Arten von Identitätslosigkeit.
Der Mahasiddha Aryadeva lehrte, dass Chöd das Durchtrennen oder Durchschneiden der Wurzel des dualistischen Geistes, welcher Ignoranz und ihre Ausläufer, die fünf störenden Gefühle, ist. Besonders die beiden Extreme von Erwartung und Enttäuschung müssen ausgelöscht werden: die Erwartung des Erlangens der Erleuchtung oder die Furcht des Nicht-Erlangen dessen; die Hoffnung auf etwas Positives und die Furcht vor etwas Negativem. Das Durchtrennen dieser Art von Hoffnung und Furcht bedeutet das Durchschneiden des Greifens nach Identität. Trennen oder Schneiden bedeutet „abschneiden“ als ob man einen Baum umschneidet. In diesem Fall schneidet die transzendente Weisheit die Wurzel des Festhaltens an Identität ab.

Offene Weite – strahlende Klarheit – spontanes Erscheinen

Als der Buddha das Mantra-System offenbarte, lehrte er die Untrennbarkeit von Leerheit und Lichtheit. Chöd folgt dieser vierten Darstellung, in der Leerheit und Klarheit entsprechend der Mittleren Sicht eingebunden sind. Das Objekt der Zuflucht ist untrennbar vom selbstentstandenen Gewahrsein (rigpa) und die Sicht der eigenen Natur wird als die untrennbare Verbindung von Leerheit und Klarheit verstanden. Die Sicht des Chöd entsprechend der Mantra-Tradition ist die Einheit von Leerheit und Leuchten, was in der Sicht des Dzogchen gipfelt.
Sobald die Sicht der beiden Arten von Identitätslosigkeit erlangt worden ist, wird das Aufrechterhalten dieser Sicht Meditation genannt. Das Beibehalten der Sicht für die Dauer des ganzen Lebens ist Meditation.

Nutzen des Chöd

Dieser Nutzen fällt in drei Kategorien: vorübergehende, zwischenzeitlich und letztendlich. Der erste vorübergehende Nutzen wird „Shije“ genannt, was Befrieden bedeutet. Besonders das Befrieden der Leiden der Wesen in den drei Weltebenen, die Geburt in einem physischen Körper angenommen haben und der nicht stark und gesund ist, in einem Körper, der von Krankheit und unvollständiger Ausstattung betroffen ist. Durch die Chöd-Praxis ist der Yogi in der Lage, ungünstige Umstände in den Pfad zu verwandeln, welcher letztendlich sehr rasch zur Befreiung führt. Eigentlich nutzt der Yogi die Macht des negativen Karmas um gewohnheitsmäßige Instinkte zu überwältigen und Dharmata zu verwirklichen. Dies wird das „Nutzen eines gegenteiligen Umstandes um befreit zu werden“ genannt.
Ein weiterer zeitweiliger Nutzen der Chöd-Praxis ist die Ansammlung von Verdienst. Chöd ist ein machtvolles Mittel zur Verdienstansammlung, weil man Freigebigkeit durch Opferung des eigenen Körpers praktiziert. Diese Praxis ist unter den Bettlern oder jenen im Retreat beliebt, die alles aufgegeben haben und einsam in den Bergen leben. Sie haben nichts Konkretes zum Opfern, keinen Besitz, außer ihren Körper. Daher laden sie die Lamas, die Meditationsgottheiten, Dakinis, Dharma-Schützer und niederen Götter und Geister ein hierher zu kommen und an ihrem Körper teilzuhaben. Auf diese Weise sammeln sie unermesslichen Verdienst an.

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Responses

  1. Durchtrennen der ICH – Anhaftung

    wenn wir das ich ablegen – es ändert sich nichts und doch wird alles ganz anders –
    ……ja dann können wir zuhören, ohne alles gleich auf uns zu beziehen, wir können mitfühlen wie es anderen Lebewesen geht, man sieht in deren Augen – (Augen sind ja der Spiegel der Seele – sagt man) geht es ihm gut oder schlecht – helfen werden wir nicht können, aber unterstützen zu sich selbst zu finden auf jeden Fall.

    wenn wir das ich ablegen – wird sich der Alltag nicht viel verändern – aber die Gedanken werden anders – eigentlich heißt das, wir werden weniger grübeln, weniger denken,……der Kopf wird leerer und es entsteht Raum
    neue geistige Wege zu gehen, wenn wir weniger Gedanken haben – können wir zuhören – über dieses Gehörte dürfen wir dann nachdenken……..

    ……………… have a nice day………………..

  2. .. kein wahrhaft existentes Ich oder selbst………. hm – schwierig zu verstehen – vertehen lernen – das alles nur im Geist erschaffen ist – alles auch das ich – was ist dann mit dem Nächsten – dem du – ist das auch alles nur eine Vorstellung im Kopf?
    Heute ausprobiert – alles was sonst an diesem Tag üblich ist, in unserer Region – nicht getan, erfülltester Palmsonntag meines Lebens.

  3. ……….. bin ja ein erst vor einigen Wochen auf Buddhismus gestoßen, kannte bis dato zwar den Begriff – was man halt so kennt, …..
    mein Wissensdurst – läßt nicht locker – so werde ich weiterlesen-………….

  4. 🙂


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