Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Juli 2011

Die Symbolik der Ngakpas und Ngakmos

Ngakpas und Ngakmos – die Praktizierenden mit den tantrischen Gelübden – sehen die Welt als Mandala und die Bewohner als Gottheiten. Mit dieser Sicht und diesem Selbstverständnis hat alles – Kleidung, Aussehen und Verhalten dieser tantrischen Praktizierenden – einen symbolischen Gehalt. Nicht das der Grad der Verwirklichung an der Kleidung abzulesen wäre, aber die rituelle Kleidung und das Aussehen sind Stütze für die Verwirklichung der Sicht.
Die Ngakpas und Ngakmos tragen gewöhnlich weiße (oder rote) Wickelröcke, ein weißes oder buntes Obergewand, einen rot-weiß gestreiften Umhang, lange Haare (oder auch nicht), Muschelohrringe, goldene oder silberne Ringe als Vajra und Glocke und vieles mehr. Das lange Haar ist hochgebunden oder die Haare sind verfilzte Locken. Manche Tantriker trinken Alkohol und essen Fleisch, und legen ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag.
Oftmals werde ich nach der Bedeutung von Kleidung und Aussehen der Ngakpas und Ngakmos gefragt. Daher mag ich in diesem Beitrag einmal näher darauf eingehen. Generell geht es bei den Utensilien und dem Aussehen der Ngakpas und Ngakmos nicht um tibetische Folklore und für westliche Praktizierende nicht um Nachahmung und Angepasstheit, sondern dies alles ist Ausdruck von Verwirklichung bzw. der Annäherung daran.

Symbolik des Aussehens

Der rot-weiß-blaue Schal ist Ausdruck der Praxis des Energieyogas (Tsalung). Vajra und Glocke sind Ausdruck von Methode und Weisheit. Nach der Erteilung der Ngakpa-Gelübde trennen sich Yogis niemals von Vajra (Methode) und Glocke (Weisheit). Entweder tragen sie entsprechende Ringe oder kleine Bildchen davon bei sich. Der weiße Rock ist Ausdruck der Reinheit des Geistes, eben wie ein unbefleckter Lotus.
Weiters tragen Ngakpas und Ngakmos Muschelohrringe, kostbaren Knochenschmuck, Ringe an den Fingern, einen Meditationsgurt und ein schön geschmücktes Gewand. Sie haben auch eine Schädelschale (Kapala) und eine Knochentrommel (Damaru). All diese Utensilien haben eine 1) äußere, 2) innere und 3) geheime Bedeutung.
Der starre Blick der Yogis ist 1) äußerlich die Existenz von Gottheit und Mandala, 2) innerlich die Vereinigung von Erscheinung und Leerheit auf dem Pfad und schließlich 3) geheim das Erreichen des Punktes von innewohnendem Gewahrsein mit seiner Leerheit – Rigpa.
Die Muschelohrringe (mit Gold und Türkis verziert stehen für 1) das Hören der speziellen Anweisungen des tiefgründigen Dharmas, 2) alle Klänge sind Mantra und 3) alle Klänge sind leer und ungeboren. Das Tragen des kostbaren Knochenschmucks, der die Glieder ziert, ist 1) die vier Torwächter, die vor bösen Geistern und Hindernismachern schützen, 2) das Bezähmen durch die Vier Unermesslichen (Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut), 3) die Verwirklichung der vier Körper (Kayas). Ein Ring am Finger schützt vor dem Eindringen von Dämonen und Hinderern in den Vitalkanal. Äußerlich 1) bewacht er so die Lebensader, innerlich 2) durchtrennt dies den begrifflichen Geist und 3) geheim zerstört dies das Haften an den Extremen von Hoffnung und Furcht.
Der Meditationsgurt, der kreuzweise gebunden ist, steht für 1) das Halten der vitalen Energie im Körper, 2) die Beweglichkeit von Wind und Geist 3) die Mutter der höchsten Weisheit. Ein schön geschmücktes Gewand, das mit machtvollen Substanzen geschmückt ist, steht für 1) den Schutz vor Hinderern, die mit den astrologischen Zeichen (oder Planetenkräften) verbunden sind, 2) Schutz vor leidbringenden Göttern, Rakshas und den acht Klassen der übel wollenden Geister und schließlich 3) für die Freiheit von Haften am gemeinsam entstandenen Geist.
Die Schädelschale in der linken Armbeuge steht für 1) die beständige Erinnerung an die Vergänglichkeit, 2) für die Schüssel, aus der Nahrung und den Getränken als Nektar zu sich genommen werden und 3) die vollständige Durchtrennung des begrifflichen Geistes von rein und unrein.
Das Knochen-Damaru symbolisiert 1) die Überwältigung der Dakinis und Eidgebundenen, 2) das Bewahren des freudvollen Erleuchtungsgeistes (Bodhicitta) der Drei Wurzeln (Guru, Deva, Dakini) und 3) den Urklang, welcher Entzücken hervorruft.
Mit dem Kangling – der Knochentrompete – versammelt man 1) die Götter und Geister der Erscheinungswelt als Gäste, führt sie 2) alle in den heiligen Dharma und 3) zeigt die Bedeutung der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana.

Symbolik des Haares

Das schwarze lange Haar steht für den Dharmakaya-Lama – den Lama der Wahrheitsebene. Ein mit Juwelen und Seide geschmücktes Haar für den Sambhogakaya-Lama – den Lama der Wonne- bzw. Energieebene – und die verfilzten Haarlocken für den Nirmanakaya-Lama – den Lama der Erscheinungsebene.
Wo die 58 Haarlocken sind, verweilt der Heruka (Bluttrinker) und in den feinen Haarspitzen (oder Haaren) halten sich die Dakinis auf. Hochgebunden schmückt es den Yogi, herumgewickelt schützt es vor Sonne und Kälte und fällt es lose zu Boden, dann schützt es vor Feinden.
Das Haar zum Knoten hochgebunden ist ein Symbol dafür, dass man beständig den Lama über dem Scheitel meditiert. Die verfilzten Haarzöpfe sind Ausdruck der Abzweigungen (Nadis) des Scheitelchakras.

Symbolik der Kleidung – die Plätze der Weisheitsfamilien

Verschiedene Aspekte des Aussehens sind die Plätze bzw. der Ausdruck der Buddha-Familien. Der Haarknoten am Kopf stellt Vairocana und Dhatvishvari mit den Dakas und Dakinis der 32 Nadis im Scheitelchakra dar. So wird an die raumgleiche Weisheit und die Buddha-Familie erinnert.
Der Schmuck (Ketten, Ohrringe etc.) ist Amitabha und Pandaravasini mit den Dakas und Dakinis der 16 Kanäle im Kehlchakra. Dies ist die Stütze für die Lotus-Familie und die unterscheidende Weisheit.
Eine lange Halskette steht für Akshobhya und Mamaki und den Dakas und Dakinis der acht Nadis im Herz-Chakra. Diese Halskette ist somit die Stütze für die spiegelgleiche Weisheit und die Vajra-Familie.
Eine seidene Scherpe bzw. ein Gürtel und ein Gau – ein Amulettkästchen aus Gold und Kupfer – stehen für Ratnasambhava und Locana sowie die Dakas und Dakinis in den 64 Nadis des Nabelchakras. Sie sind eine Stütze für die Weisheit der Gleichheit und der Sitz für die Juwelen-Familie.
Ein himmlischer Phurba, den man im Gürtel trägt, steht für Amoghasiddhi und Samayatara und die Dakas und Dakinis im geheimen Zentrum. Er ist die Stütze für die alles vollendende Weisheit und Sitz für die Wesenheiten der Karma-Familie.

Stütze und Inspiration

Mönche und Nonnen – die klösterliche Gemeinschaft – tragen die drei monastischen Gewänder und die Ngakpas und Ngakmos – die Gemeinschaft der Haushälter – tragen ihre Kleidung als Anhänger der Lehre Buddhas. Beide Bekleidungsarten sind gleichwertig, da beide Arten einen Zweck und eine Bedeutung haben. Wie die Bekleidung der monastischen Sangha erst angemessen zu tragen ist, wenn man ordiniert wurde, so ist es auch für Haushälter erst angebracht, die Kleidung und Utensilien der Tantrikas zu tragen und zu verwenden, wenn die entsprechenden Gelübde abgelegt wurden.
Klarerweise bezieht sich das Aufgezählte auf die rituelle Bekleidung, auf die man sich bei zeremoniellen Anlässen stützen soll, wenn die Utensilien vorhanden sind. Wie Guru Rinpoche zur Verwendung der richtigen Musik und der Intonation angemerkt hat, „kommen die Siddhis dadurch rascher“. Die Bekleidung und die Utensilien sind stützende Ursache und Ausdruck der Realisation.
Besonders da das Tantrayana KEIN Ursachenfahrzeug, sondern das Ergebnisfahrzeug ist, wird durch das Verwenden dieser rituellen Bekleidung der erleuchtete Zustand vorweggenommen bzw. dargestellt. Im Vajrayana (Tantrayana) wird alles Seiende in die Praxis integriert, wodurch auch das Gegenmittel zu den jeweiligen Geistesgiften sich erübrigt, da alles von je her rein und befreit ist. In dieser Art der Praxis sind Äußeres, Inneres und Geheimes nicht getrennt, sondern lediglich verschiedene Handlungsebenen. Im verblendeten Geisteszustand trennt man und spielt „1, 2 oder 3 – du musst dich entscheiden…“ Aber eigentlich ist alles von je her bar jeder begrifflichen Unterscheidung.

Gestützt auf Belehrungen von Rigdzin Kunzang Tobden Angpo – auch bekannt als Chagpa Dorje – hat der Ngakpa Rangdrol Dorje diesen Text verfasst. Möge dies für die Praktizierenden eine Erhellung des Verständnisses sein.

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Responses

  1. „ordiniert“ bedeutet „eingeweiht“ bzw. „ermächtigt“. wenn man den pfad des dharma ordnungsgemäß betritt, nimmt man zuflucht und dabei die zufluchtsgelübde, später nimmt man die bodhisattva-gelübde und schließlich, wenn man sich entscheidet, tantrische praxis auszuüben und einweihungen nimmt, auch die tantrischen gelübde (ngakpa-gelübde).
    „haushälter“ sind die nicht-monastischen praktizierenden der tantrischen dharma-tradition.

  2. Sehr guter Beitrag. Sehr hilfreich!

  3. Ein wunderbarer Artikel, welcher manches „Vorurteil“ beseitigen konnte.DANKE!

    Konchok Palden

  4. sehr schöne zusammenfassung, danke lieber Rangdrol Dorje, Enrico. gefällt mir sehr gut und hat mein verständnis erhellt.


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