Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Juli 2011

Ngakpas und Ngakmos – die „verrückten Weisen“

Die Wahrnehmungsweise gewöhnlicher Menschen ist äußerst grob und ihr Geist ist ungelenk. Daher fragen sich gewöhnliche Menschen, warum sehen Ngakpas und Ngakmos so aus? Ihr Verhalten entspricht oft nicht den bekannten Regeln des Vinaya – des buddhistischen Kanons der Ordensregeln. Ngakpas und Ngakmos essen auch Fleisch und trinken Alkohol. Ebenso tragen sie ihre Haare lang herabhängend oder hochgesteckt; nur selten findet man Tantrikas mit kurzen Haaren oder kahlen Köpfen. Sind das dann überhaupt „Buddhisten“?
Klar praktizieren Ngakpas und Ngakmos den Buddhadharma, jedoch mit Schwerpunkt auf die tantrische Überlieferung. Da sie sich dabei aber auf die Sicht, dass alles im Geiste entsteht und die umgebende Welt mit allen Wesen darin heilig ist, stützen, ist äußere Erscheinung entweder von sekundärer Wichtigkeit oder eben Ausdruck der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana. Aufgrund ihrer Sicht müssen sie kein Gegenmittel anwenden, da es nichts gibt, von dem Abstand genommen werden müsste.

Sicht der Ngakpas und Ngakmos

Ihre Väter sind die Helden der höchsten Methode und ihre Mütter sind die Heldinnen der Weisheit. Selbst als Söhne und Töchter sind sie Yogis des innewohnenden Gewahrseins. Den Lama erkennen sie als Buddha, die Bodhisattvas, Dakas und Dakinis als ihre Freunde.

Verhalten der Ngakpas und Ngakmas

Den Lama über dem Scheitel meditierend, den eigenen Körper als den Palast der Gottheit erkennend und durch das Ganachakra die Dakinis und die Eidgebunden erfreuen – so folgen sie den Drei Wurzeln.
Äußerlich reinigen sie durch die Praxis von Kyerim und Dzogrim im Mahayoga die Elemente und Aggregate; innerlich reinigen sie mit dem Anuyoga durch die Praxis des Energieyoga (Tsalung) die Kanäle, Winde und Tropfen und im geheimen wird die Bedeutung des Atiyoga verwirklicht – so sind sie Nachfolger des Meisters aus Oddiyana.
Äußerlich ertrage sie Härten und entwickeln Mut und Toleranz, innerlich üben sie sich im Yoga der Kanäle, Winde und Tropfen und geheim verwirklichen sie die Untrennbarkeit von Wonne und Leerheit – Mahamudra. Auf diese Weise sind sie Nachfolger der mündlichen Überlieferungslinie (Kagyu-Tradition).
Äußerlich sind sie mit allem beschäftigt, ohne dabei das Karma – das Gesetz von Ursache und Resultat – zu missachten, innerlich ist ihre Stärke von Bodhicitta riesig und geheim strengen sie sich im Yoga der zwei Stufen an – somit sind sie auch Nachfolger von Manjushri.
Indem sie äußerlich Abstand nehmen, anderen zu schaden, sind sie rein; innerlich praktizieren sie die sieben besonderen Anweisungen zu Ursache und Ergebnis; und geheim besitzen sie die Bedeutung der sechs Paramitas – somit stehen sie in der Linie des Atisha Dipamkara.
Wenn andere diese Tantrikas betrachten und sie mit einer herkömmlichen Vorstellung von „Buddhisten“ vergleicht, mögen diese Ngakpas und Ngakmos seltsam, abweichlerisch oder gar verrückt erscheinen. Aber sie praktizieren alle Überlieferungen der Pfade von Sutra und Tantra. Daher ist ihr Verhalten bedeutungsvoll, wie auch ihre Praxis tiefgründig ist. Ihre Natur und ihr Verhalten ist nicht von Täuschung, Künstlichkeit, Irreführung, Heuchelei oder Scheinheiligkeit beschmutzt. An dies sollten alle, die diesen „verrückten Heiligen“ begegnen, bedenken.

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Responses

  1. Hallo Enrico,
    deine Erklärungen zu Ngakpas werden von mir aufgesaugt wie von einem Schwamm! Mehr, denke ich……….“bitte rücke mit all deinen Schätzchen zum Thema heraus“……….man hat nie genug dazugelernt!
    WEITER SO und DANKE!!!!

    Gruß

    Konchok


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