Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. September 2011

Sangha & Wissenshalter – Teil 1

Der Spiegel, der klar aufzeigt, was anzunehmen und aufzugeben ist

Richtlinien für die monastische Sangha und den Orden der Vidyadharas

von Kyabje Dudjom Rinpoche

Om svasti prajnabhya!

Unvergleichlicher Führer dieses glücklichen Zeitalters, König der Shakyas,
Verkörperung aller Buddhas, seegeborener Herrscher aus Oddiyana,
Könige und Untertanen und alle die Vidyadharas der Kama und Terma Linien
vor Euch, diesem vollkommenen Feld der Ansammlung von Verdienst und Weisheit, verneige ich mich respektvoll!

Die beiden Gemeinschaften von Sutra und Mantra Praktizierenden, kahlgeschorene Mönche und langhaarige Yogis,
mit der letztendlichen Sicht der Erzeugungs- und Vollendungsstufen der Großen Vollkommenheit
dies ist die große geheime Tradition der Alten Übersetzung im Land des Schnees,
mit ihren sechs Qualitäten der Größe. Für jene Vidyadharas, die sich auf diesen Pfad begeben haben,
werde ich nun sorgfältig ein paar Punkte des Verhaltens als Richtlinie darlegen,
beschreiben, was angenommen und was aufgegeben werden soll, täglich und zu besonderen Anlässen,
seid daher aufmerksam mit einem Geist, der klar und achtsam ist.

Der höchst gelehrte Vasubandhu sagte:
„Die Lehren des Buddha haben zwei Aspekte:
Die Elemente der Schriften und der Verwirklichung.
Diese werden nur durch Belehrung und durch Praxis bewahrt.“

Man sagt, dass es die Verantwortung der Halter der Lehren oder der Mitglieder der Sangha ist,  sicherzustellen, dass die kostbaren buddhistischen Lehren mit ihren beiden Aspekten der Schriften und Verwirklichung nicht degenerieren, sondern lange in der Welt erhalten bleiben.
Die Sangha hat zwei Gemeinschaften und zwar die kahlköpfigen Anhänger der Sutras und die langhaarigen Mantrayana-Praktizierenden. Diese beiden Gruppen wurden durch spezielle Verordnungen errichtet, als das Licht der buddhistischen Lehren zum ersten Mal im dunklen Land von Tibet durch den Abt Shantarakshita, den Meister Padmasambhava und den König Trisong Detsen schien, was uns durch die Redensart von „den beiden Sangha-Gemeinschaften, die durch den König gewürdigt wurden“ allseits bekannt ist. Bis zum heutigen Tag existieren sie Seite an Seite. Obwohl es zwischen beiden einige leichte Unterschiede hinsichtlich äußerer Erscheinung, Kleidung usw. gibt, die auf der speziellen Art, wie die Gelübde genommen werden, beruht, gibt es keinen Unterschied in ihrer Praxis in der Verbindung von Sutra und Tantra und im Halten der drei Arten von Gelübden um die inneren Qualitäten der Verwirklichung zu entwickeln.
Im Hinblick auf deren Praxis sagte der große Meister Padmasambhava, der wie ein zweiter Buddha war:

„Äußerlich praktiziert man gemäß der Sutras, ist sorgfältig hinsichtlich Ursache und Ergebnis und was anzunehmen und aufzugeben ist. Innerlich praktiziert man entsprechend dem unübertrefflichen geheimen Mantra, dabei ist es wichtig, Erzeugung und Vollendung miteinander zu verbinden. Im Geheimen praktiziert man gemäß dem großen geheimen Atiyoga und erlangt so Befreiung in einem Körper aus Licht in einer einzigen Lebensspanne.“

Wenn man sich erstmals auf den buddhistischen Pfad begibt, dann ist es wichtig, dass die richtigen günstigen Bedingungen mit einem Lehrer begründet werden, daher beginnt man mit der Zeremonie des Haareschneidens und mit dem Nehmen der Zufluchtsgelübde vor einem authentischen spirituellen Meister. Wenn man dann die monastische Ordination nimmt, sollte man die Gelübde eines Novizen oder eines voll ordinierten Mönchs oder einer Nonne entsprechend dem Alter und der Befähigung vor einer Versammlung, die den Abt, Acharya und die erforderliche Zahl von Mitgliedern der klösterlichen Sangha umfasst, nehmen, die sich in der ungebrochene Linie der Ordination zurück bis zum großen Abt Shantarakshita erstreckt. Selbst wenn man ein Mantra-Praktizierender (Ngakpa) ist, muss man die drei Arten der Gelübde beachten, daher soll man die Gelübde eines Laien-Praktizierenden (Upasaka) entsprechend der eigenen besonderen Fähigkeit nehmen. Auf dieser Grundlage nimmt man dann die Bodhisattva-Gelübde gemäß einer der beiden Traditionen, aber man sollte jene entsprechend des Mittleren Weges bevorzugen und dann indem man in eines der großen Mandalas eintritt und die vier Ermächtigungen in ihrer Gesamtheit nimmt, wird man die drei Arten der Gelübde besitzen. Das genügt nicht, egal wie einfach der Erhalt der Gelübde ist, sondern man muss sich auch in den gemachten Verpflichtungen bemühen und sie nicht vernachlässigen. Die Art, wie sie gehalten werden, wird in den verschiedenen Texten über die drei Arten der Gelübde gelehrt. Es ist wichtig, dass man sich darauf stützt, was einem übermittelt wurde und es sich durch die Praxis zu Herzen nimmt.
Eine Zusammenfassung der Schlüsselpunkte wird in der folgenden Bemerkung unseres mitfühlenden Lehrers, dem Buddha, gemacht: „Führe nicht eine einzige unheilsame Tat aus, kultiviere eine Menge Heilsames, zähme den Geist vollständig – dies ist die Lehre der Buddhas.“
Die Grundlage ist eine vollständig reine und edel Absicht und ein tief empfundenes Vertrauen in die Drei Juwelen. Dann:
Alle negativen Absichten und Handlungen von Körper, Rede und Geist, die für andere Leiden verursachen könnten, gänzlich aufzugeben, ist die Essenz der Pratimoksha-Gelübde oder der Gelübde der individuellen Befreiung. Mit vollem Herzen alle Arten der Tugend zu praktizieren, die anderen nützen, ist die Essenz der Bodhisattva-Gelübde. An der Wurzel dieser beiden ist das Zähmen des eigenen ungehobelten Geistes durch die Mittel der Achtsamkeit, Wachsamkeit und des Bewusstmachens und das Üben darin, die allumfassende Reinheit von Erscheinung und Existenz zu erkennen. Dies ist die Essenz der Gelübde des geheimen Mantras. So praktiziert man, indem man die Punkte der drei Arten von Gelübden in einer einzigen entscheidenden Anweisung verbindet.
Um es einfach zu machen, vom Augenblick des Eintretens in den heiligen Dharma und dadurch, dass man ein Dharma-Praktizierender wird, sollte das innere Gesinnung und das äußere Verhalten, das einer gewöhnlichen weltlichen Person bei weitem übertreffen. Wie eine Redensart sagt: „Das Zeichen wahren Lernens ist ein friedvolles Temperament und das Zeichen der Meditation ist ein Abnehmen der Störungen.“
Wenn anders aber Gesinnung und Verhalten nicht ein wenig besser werden als bei einer durchschnittlichen Person, die in weltlichen Angelegenheiten gefangen ist, dann kann man sich nur als Gelehrten bezeichnen, da man nur ein intellektuelles Verständnis von ein paar Texten hat. Oder man glaubt, dass man ein perfekter Mönch ist, nur weil man das Zölibat einhält. Oder weil man vielleicht ein paar Ritualtexte singen kann, hält man sich für einen Ngakpa. Dies sind alles nur Beispiele für offensichtliche Überheblichkeit und zeigt nur, dass man auch mit dem Dharma in eine unheilsame Richtung stolpert. Wie der unvergleichliche Dakpo Lharje (Gampopa) sagte: „Wenn er nicht angemessen praktiziert wird, dann kann der Dharma selbst einen in die niederen Bereiche befördern.“
Allgemein gesagt liegt die Quelle für alle, die sich auf den Pfad des Dharmas begeben haben, im Lesen und Schreiben, daher werden diese Disziplinen von früh an betont. Dann sollte man sich in den allgemeinen Wissenschaften üben und sich in Studium und Kontemplation der außergewöhnlichen Leitgedanken von Sutra und Tantra usw. anstrengen, bis man ein gutes Verständnis der Schlüsselpunkte erlangt hat, egal lange es dauert.
Besonders von dem Zeitpunkt an, wo man einer Sangha-Gemeinschaft von monastischen Praktizierenden beitritt, die die Lehren halten, sollte man nur mehr eine positive Gesinnung und ein reines Verhalten haben, den Meistern und den Lehren dienen, die eigenen Hindernisse reinigen und Verdienst und Weisheit ansammeln, sodass man ein inspirierendes Beispiel für zukünftige Generationen wird. Wie eine bekannte Redewendung sagt: „Für die Gläubigen eine Quelle der Inspiration. Für die Reichen, ein Feld der Verdienstansammlung.“
Prüft euch selbst und studiert immerzu, wiederholt die täglichen Praxistexte, lernt die Mandalas für die Mantra-Rituale zu zeichnen, lernt, wie man Tormas und andere Opferungen macht und verziert, lernt die Klostertänze und die Melodien der liturgischen Gesänge ebenso wie das Spielen der verschiedenen Instrumente usw. sodass ihr darin kompetent seid. Dies ist besonders wichtig für jene, die die Verantwortung für das Bewahren der Praxistradition sind, dass diese – Vajra-Meister (dorje lopon), Vorsänger (umtse), Ritualmeister (chöpön) usw. – sich darin üben, damit sie genügend vertraut damit sind, gemäß der authentischen Tradition zu praktizieren.
Hinsichtlich des Verhaltens, egal ob Mönch, Ngakpa oder Nonne, ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass man gemäß der Aussage lebt: „Das Zähmen des eigenen Geistes ist die Essenz des Dharma.“ Die größte Güte, die man sich selbst gegenüber erweisen kann, ist, dass man bewusst gemäß den Anweisungen der Lehren, denen man folgt, praktiziert. Hört auf, euch gegenteilig dazu zu verhalten, vermeidet Unaufrichtigkeit bei euren Gelübden und Verpflichtungen, vermeidet, Anhaftung und Aggression gegenüber jüngeren oder Streit mit besseren oder überragenden Praktizierenden, gegenüber anderen Gruppen oder gegenüber jenen, die andere Ansichten haben, zu entwickeln. Kurz gesagt, die wichtigste Sache ist, genauso wie ihr vermeidet Gift zu trinken, solltet ihr auch alles aufgeben, was die Lehren entstellt, jeglichen Disput oder jegliche Diskussion und alles Negative, dass die strenge Bestrafung durch die Dakinis und Dharma-Beschützer, die die Weisheitsaugen besitzen, nach sich zieht.
Ganz abgesehen von den Khenpos, Lehrern und älteren Lamas, solltet ihr jedem mit Respekt begegnen, der älter ist hinsichtlich der Vorschriften oder des Lernens, zeigt Güte und Zuneigung den jüngeren Schülern gegenüber und verhaltet euch in einer freundlichen und umgänglichen Art mit allen Dharma-Gefährten. Es ist inakzeptabel, jemand anderen zu kritisieren oder zu verunglimpfen, Unfrieden zu sähen oder auch nur die kleinste Kleinigkeit zu sagen, die Disharmonie in der Sangha schaffen könnte.
Vermeidet, Opfergaben, die den Drei Juwelen dargebracht wurden, für euren eigenen privaten Gebrauch auszugeben, da dies fürchterliche karmische Resultate nach sich ziehen wird. Geht nicht nach draußen, ohne die entsprechenden monastischen Roben zu tragen. Vermeidet Massen, Glückspiel, lautes Lachen, Rauchen, die Verwendung von Schnupftabak, Gejohle, Streitereien und Schlägereien, Herumspazieren auf den Straßen und lasst euch nicht auf Dinge ein, die euch nicht betreffen. Seid sorgsam, euch gemäß dem Dharma zu verhalten, wann immer ihr in der Öffentlichkeit oder auf den Gehwegen innerhalb des Klosters seid und betätigt euch nicht in gewöhnlichen Handlungen wie Nähen oder Teppichknüpfen, außer es ist für die Sangha oder das Kloster.
Es ist nicht notwendig auszuführen, dass es jenen, die die monastische Ordination genommen haben, nicht erlaubt ist, Alkohol zu trinken, selbst nicht einmal von der Menge eines Tautropfens auf einem Grashalm, sogar Ngakpas ist es verboten, mehr als ein Glas am Tag zu trinken. Wie gesagt wird: „Mantra-Praktizierende, die von Alkohol betrunken sind, werden in der ,Heulenden Hölle‘ geröstet werden.“
Fleisch, das eine unheilsame Nahrung ist, sollte so oft wie möglich vermieden werden. Es ist besonders wichtig dies zu vermeiden, wenn es eine regionale Gewohnheit ist und sollte während der Hauptzusammenkünfte definitiv nicht serviert werden.
Khenpos, die die Vinaya halten, Vajra-Meister, die Vajrayana-Praktiken anführen, Vorsänger, Übungsleiter, jene, die die rituellen Instrumente spielen, Finanzsekretäre, Diener usw. sollten ihre Aufgaben, für die sie verantwortlich sind, ohne Doppelzüngigkeit oder Heuchelei ausführen. Wenn jemand mit Verpflichtungen krank wird und von seinen Pflichten entbunden ist, für den sollte Ersatz gefunden werden. Wenn ein jüngeres Sangha-Mitglied krank wird, dann sollten die notwendige Pflege und die medizinische Unterstützung gegeben sein. Und wann immer ein Sangha-Mitglied stirbt, sollten die Totenzeremonie und die notwendigen Praktiken zur Ansammlung von Verdienst auf angemessene Weise gemäß der vorhandenen Ressourcen ausgeführt werden.
Verschwendet nichts, nicht einmal eine Nadel und einen Faden, die Teil des allgemeinen Besitzes der Sangha sind. Achtet besonders auf Opfermaterialien, Musikinstrumente, Kissen, Kochutensilien usw., damit nichts beschädigt oder zerbrochen ist. Wenn etwas verloren geht oder zerbrochen ist, sollte es ersetzt werden. Ihr solltet alles bezahlen, damit auch der geringste Schaden repariert wird. Leute, die im Kloster arbeiten, sollten den Tempel, die Aufenthaltsräume und alle Böden säubern und gut instand halten, damit diese für sie selbst und für andere inspirierend bleiben. Der Ritualmeister und die Assistenten sollten Sorge dafür tragen, die Tormas und Torma-Opferungen gemäß der entsprechenden Tradition herzustellen und zu verzieren, dass sie die Opfergaben auf die bestmögliche Weise machen, nur saubere und reine Zutaten verwenden und alle Materialien und Utensilien, die sie verwendet haben, wieder reinigen und wegräumen. Die Köche und jene, die in der Küche arbeiten, sollten den Ort sauber und hygienisch halten und das Essen zu den entsprechenden Zeiten servieren.
Khenpos, Acharyas und alle jene, die einen höheren Rang innehaben und die einen guten Ruf  im Amt genießen, sollten die Dankbarkeit der anderen nicht ausnutzen und alle guten Dinge, die sie gemacht haben und übersehen haben, hervorheben. Jüngere Mitglieder der Sangha sollten die Güte jener, die in Autoritätspositionen sind, erkennen und ihnen ihren Respekt erweisen. Weiters sollten überhaupt die Leute jene, die ein schlechtes Beispiel abgeben, ignorieren und nur den guten folgen. Dies sind die allgemeinen Richtlinien für die Dharma-Gemeinschaften.

Kolophon:

Dies wurde auf Bitten einer Gruppe seiner eigener Schüler von Jigdrel Yeshe Dorje, einem Schüler des Buddha Padmasambhava, der lang und breit Philosophie studiert hat und ein Laien-Praktizierender und Vidyadhara ist, niedergeschrieben. Möge es eine Ursache für das Studium und die Praxis der kostbaren Lehren der alten Übersetzungsschule sein, damit diese blühen und sich verbreiten!
Übersetzt von Adam. Vielen Dank an Khenpo Dorje für seine detaillierten Erklärungen. Im Jahr des Eisen-Hasen vom Ngak‘chang Rangdrol Dorje zum Nutzen der Sangha ins Deutsche übersetzt. Teil 2 findet ihr HIER!

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