Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. September 2011

Sangha & Wissenshalter – Teil 2

Der Spiegel, der klar aufzeigt, was anzunehmen und aufzugeben ist

Richtlinien für die monastische Sangha und den Orden der Vidyadharas

von Kyabje Dudjom Rinpoche

Richtlinien für das tägliche Verhalten der Sangha-Mitglieder

Anstatt im Bett zu faulenzen, steht auf, sobald die Glocke am Morgen erklingt und praktiziert das Ngöndro, rezitiert andere tägliche Gebete und führt die Sadhana eurer gewählten Yidam-Gottheit aus. Sobald der Tag angebrochen ist, wascht euch, säubert euer Zimmer und nehmt dann am Unterricht oder der Gruppenpraxis teil. Wenn der Unterricht oder die Gruppenpraxis vorüber sind, kehrt ruhig in euer eigenes Zimmer zurück, ohne ziellos herumzuwandern wie es euch beliebt. Wenn die Glocke für die Abendmeditation ertönt, sollte das Haupttor geschlossen werden und jeder sollte in seinem oder ihrem eigenen Zimmer Opfergebete an die Dharma-Schützer usw. praktizieren und so viel wie möglich studieren. Danach zur Zeit der Nachtsitzung praktiziert den Yoga des Schlafens und wenn ihr am Morgen wieder erwacht, praktiziert den Yoga des Aufwachens aus dem Schlaf und führt alle oben angeführten Praktiken aus.

Hauptzusammenkünfte

Führt die entsprechenden Praktiken gemäß der Tradition bei allen größeren Gelegenheiten, einschließlich der fünf besonderen Tage jedes Monats und der fünf Hauptfesttage des Jahres – das Fest der Wunder (Chötrul Düchen), der 15. Tag des vierten Monats (Saga Dawa Düchen), des zehnten Tages des Affen-Monats, des vierten Tages des sechsten Monats (Chökhor Düchen), des 26. Tages des neunten Monats (Lhabab Düchen) und das Fest des zwölften Monats – aus, ebenso wie jedes besondere Drubchen oder die Drubchö-Praktiken.
Weiters wenn ein Wohltäter einen Praxistag sponsert, sollten Vajra-Meister, Vorsänger, Übungsleiter und Finanzmanager vor der Praxis zusammenkommen und darüber diskutieren, was benötigt wird. Dies sollte dann dem Chöpön einen Tag vor der Praxis mitgeteilt werden, damit alle Opfergaben wie vorgeschrieben, egal ob in einfacher oder ausführlicher Weise, vorbereitet und hergestellt werden können. Sie sollten sich auch darüber unterhalten, wie lange der Praxistag dauert, über die Länge der Rezitation und so fort.

Richtlinien für die eigentliche Praxis

Das Muschelhorn wird ein erstes Mal geblasen, um alle darüber zu informieren, dass eine Praxis stattfindet. Beim zweiten Ertönen des Muschelhorns gehen jene, die an der Praxis teilnehmen werden zum Tor der Versammlungshalle und legen dort ihre Schuhe ab. Sie legen ihre Zens respektvoll über ihre Unterarme, treten in einer Reihe ein und nachdem sie Verbeugungen dargebracht haben, stellen sie sich bei ihren Sitzplätzen auf. Mit dem dritten Ertönen des Muschelhorns, sobald der Vajra-Acharya seinen Sitzplatz einnimmt, setzt sich die gesamte Versammlung nieder, hält die angemessen Sitzordnung ein, die auf der Rangordnung der Gelübdenahme und der Gelehrtheit basiert. Dann beginnt der Vorsänger zu singen.
Wenn Mönche und Ngakpas getrennt in ihren eigenen jeweiligen Bereichen praktizieren, ist das nicht relevant, aber bei jenen Gelegenheiten, zu denen die Monastischen und die Ngakpas gemeinsam praktizieren, sollten die Mönche und Nonnen als ein Zeichen des Respekts vor den Ngakpas an der Spitze der Versammlung sitzen. In ihren eigenen Reihen sollten die Praktizierenden aufrecht mit gekreuzten Beinen sitzen und ohne sich anzulehnen, herumrutschen, sich aneinander pressen, witzelnd, einschlafend oder aufstehen und vor dem Ende der Sitzung hinausgehen.
Jeder, der später, aber noch vor der eigentlichen Praxis kommt, wenn der Übungsleiter den Praktizierenden ein Verzeichnis gibt, sollte zwischen zehn und 30 Niederwerfungen als Bekenntnis am Haupteingang ausführen. Jeder, der nach dem Beginn des Hauptteils der Praxis eintrifft, sollte zwischen 30 und 50 Niederwerfungen machen. Jene, die noch später eintreffen, sollten zwischen 50 und 100 Niederwerfungen, abhängig von den Umständen, ausführen. Ngakpas sollte es nicht erlaubt sein, ihre Kinder in die Versammlungshalle mitzubringen.
Allgemein gesagt, egal welche Praxis auch ausgeführt wird, ganz gleich ob dies eine Sutrayana- oder eine Mantrayana-Praxis ist, sollte sie ordentlich gemäß den Texten gemacht werden, ohne die Sutra- und Mantra-Elemente zu vermischen.
Nur traditionelle Schalen und fußgroße quadratische weiße Stoffe sollten in die Versammlungshalle gebracht werden, keine Behälter und Essenskörbe verschiedener Art. Die angemessene Art des Opferns und des Erhaltens von Tee, Thukpa usw. sollte durch Zusehen der älteren Mönche erlernt werden. Es sollte zur rechten Zeit gemacht werden, weder zu früh, noch zu spät.
Wenn ihr singt, vermeidet ein falsches Betonen der Wörter oder schnelleres oder langsameres Singen als die anderen. Gebt nicht an, indem ihr mit lauter Stimme singt, sondern singt gleichmäßig und sanft, nicht zu hoch, noch zu tief im Maß. Im Allgemeinen hat bei “Trommel-Ritualen“ nur der Vajra-Meister Vajra und Glocke. Bei friedvollen Praktiken oder “Glocken-Ritualen“ sollte jeder, der bei der Praxis mitmacht, einen Vajra und eine Glocke haben.
Wenn ihr die Versammlung verlässt, dann macht dies in ruhiger und geordneter Weise, ohne Aufhüpfen, Weglaufen oder Stoßen und Rempeleien. Geht Reihe für Reihe hinaus, angefangen bei der hintersten Reihe, und wenn dann die nächste Sitzung beginnt, tretet anständig ein, angefangen bei jenen, die ganz vorne sitzen.
Jede Gebete, die für die Lebenden oder Toten erbeten wurden, die vom Übungsleiter angekündigt wurden, sollten nicht zu kurz sein. Für Praktiken wie dem rituellen Fasten (Nyungne) und Tara, die zum Kriya- oder Charya-Tantra gehören, solltet ihr keine Schädeltrommel (Thöpa Damaru), Knochentrompete (Kangling) oder irgendeine Trommel, die Dharanis der höchsten Ebene des geheimen Mantra beinhaltet, verwenden. Wenn ihr irgend ein Mantrayana-Ritual praktiziert, sollte ihr euch auf die “vier Tore“, die in den Texten des geheimen Mantras ausgeführt werden, stützen:

  • das Tor der Rezitation, für die eigentliche Visualisation;
  • das Tor des geheimen Mantras, für das Einladen des Weisheitsgeistes;
  • das Tor des Samadhi, für die einsgerichtete Ausrichtung;
  • das Tor der Ritual-Mudras, für das Übertragen der symbolischen Bedeutung.

Während ihr in der Versammlung zusammen seid, ist es wichtig, dass ihr aufrecht sitzt, damit die vitalen Punkte des Körpers gerade sind und die inneren subtilen Energiewinde gut fließen können. Dies schafft die rechten Bedingungen für die eigentliche Visualisation. Rezitiert man die Worte des Textes in entsprechender Geschwindigkeit, nicht zu langsam noch zu rasch und verwendet man die Melodien, die von den großen Vidyadharas in der Vergangenheit übermittelt wurden, schafft dies die besonderen Bedingungen für eine Steigerung der Klarheit in der Visualisation und für die Ansammlung aller Qualitäten der meditativen Konzentration. Das Ausführen der Mantra-Rezitation in den entsprechenden Stufen, gemäß dem Text, dient dazu, den Weisheitsgeist der Gottheit einzuladen. Wenn man rezitiert, hält man die Mala in der linken Hand auf Höhe des Herzens, da diese Art des Zählens mehr Klarheit in die Visualisation des Wurzel-Mantras bringt. Wenn ihr die Mudras beim Opfern, Lobpreisen usw. ausführt, ist dies der Aspekt der rituellen Bewegung mit der symbolischen Bedeutung.
Wenn Mantra-Rituale durch Musik begleitet werden, dann ist dies nicht einfach reizvoller oder eindrucksvoller. Der große Meister Guru Rinpoche sagte: “Durch den Gebrauch von Musik werden die Segnungen rasch eingeladen.“
Durch die Gesangsstile und das Musikspiel, welche von den Vidyadharas der Vergangenheit abstammen, ordentlich gemacht werden, dann bringt dies großen Segen. Wenn man statt dessen einfach nur einen lauten Lärm durch das Singen der Texte in allen möglichen Tonlagen und durch das Spielen der verschiedenen Instrumente macht, ohne dabei einer echten Tradition zu folgen, dann nennt man dies “das Abirren des Geheimen Mantras in Okkultismus“ und dies sollte vermieden werden.
Wenn ihr Vajra und Glocke verwendet, dann sollte der Vajra in der rechten Hand auf Herzhöhe gehalten werden. Die Glocke sollte in der linken Hand, nicht höher als der Ellbogen und in Linie der linken Brust, gehalten werden. Wenn man die Glocke spielt, so sollte man dies sanft mit Daumen und Ringfinger, und nicht mit der ganzen Hand machen. Wenn man die Mudras ausführt, sollten die Hände auf Herzhöhe gehalten werden, wobei man darauf achtet, mit der Glocke den geringst möglichen Lärm zu machen. Wenn man Vajra und Glocke hinstellt, sollte das Gesicht von Vairocana am Griff zum Vajra blicken. Die Damaru sollte langsam und sanft zur entsprechenden Zeit, gemeinsam mit den Rölmos gespielt werden. Wenn das Damaru gleichzeitig mit dem Singen des Textes verwendet wird, dann wird es ohne Glocke gespielt. Wenn man die Rölmos spielt, sollte man den linken Arm am Körper halten und die rechte Hand leicht haben, nicht mehr als vier Finger breit. Die Zymbeln sollten nicht genau übereinander gelegt werden; sie sollten sich leicht überlappen, um eine halbmondförmige Gestalt zu schaffen. Die Silnyän werden auf dieselbe Art, aber in aufrechter Position gespielt. Wenn man die Trommel schlägt, sollte der Griff des Stocks am Herzen gehalten und die Trommel sollte sanft geschlagen werden, weder in der Mitte noch am Rand. Es heißt: „Wühlt nicht die Tiefen des Ozeans auf. Schlagt dem Schneelöwen nicht auf die Backen.“
Ebenso sagt man, dass weder der Gesang nicht im Klang der Trommel ertrinken soll, noch der Klang der Trommel im Gesang absaufen soll, was bedeutet, dass die Trommel gleichmäßig und sanft geschlagen werden soll.
Die Knochentrompete (Kangling) wird zu allen Gelegenheiten des „Vertreibens“, des „Donners“ oder der „überwältigenden Wildheit“ zusammen mit den Rölmos gespielt. Die Anzahl, wie oft es geblasen wird, kann durch Zusehen und Anweisung erlernt werden. Die langen Trompeten (Dungchen) und Schalmaien (Gyäling) werden gemeinsam mit den Rölmos gespielt, je nachdem, wie jemand dies gelernt hat. Außer wenn sie nach der Praxis für Glück verheißende Umstände gespielt werden, sollten sie immer einen Moment vor den Rölmos enden. Dies gilt auch für das Muschelhorn. Ausnahmen gibt es nur, wenn es bei den Gelegenheiten des „Zerstreuens“ und des „Ausstoßens“ ertönt.
Generell sollten der Vajra-Acharya und der Vorsänger über die Länge der Praxis und die Details des Gesangs und der Musik vor der Praxis entscheiden. Der Hauptteil der Praxis sollte in einer moderaten Geschwindigkeit ausgeführt werden, weder zu langsam noch zu rasch. Der Ritual-Meister (Chöpön) sollte seine Pflichten ordentlich ohne Fehler ausführen, alles gemäß der Anweisungen, die in den Texten stehen und zur rechten Zeit ausführen. Tee und Thukpa sollten dann serviert werden, wenn vom Übungsleiter das Signal dazu gegeben wird. Die Diener sollten entsprechend der Reihen servieren, ohne irgendwelche Fehler zu machen, wie z.B. irgendetwas zu verschütten oder auf den Boden zu tropfen und sollten es anschließend aufwischen. Es ist wichtig, dass alles ordentlich und sauber in Übereinstimmung mit den Überlieferungen, die von den großen Meistern der Vergangenheit ausgehändigt wurden, ausgeführt wird und ohne irgendwelche Ecken abzuschneiden oder die Dinge sorglos und aufs Gerate wohl zu machen.
Auf diese Weise muss die gesamte Versammlung von Vorsänger, Ritualmeister, Übungsleiter, ältere Mönche, Köche, Teeservierer, Saalschützern, Reinigungspersonal usw., denen alle der Vajra-Meister vorsitzt, zusammenarbeiten, indem jeder oder jeden die Arbeit ordentlich macht, wie dies in diesen Richtlinien dargelegt wurde und nicht indem man dies ein oder zwei Personen machen lässt. Wenn eine lange Praxis wie beispielsweise ein Drubchen über mehrere Tage gemacht wird, dann sollte der Übungsleiter, sobald die Teilnehmer ihre Plätze eingenommen haben, am Ende der Reihe Niederwerfungen ausführen und diese Richtlinien laut und klar und ohne Fehler vorlesen, sodass die Leute ermutigt sind, ordentlich zu praktizieren und die Traditionen der Vergangenheit bewahren.

„Aller Nutzen und alles Glück kommt von den Lehren des Buddhas, was wiederum von den Gemeinschaften, die dies aufrechterhalten, abhängt. Möge die Sangha daher Sutra und Tantra erlernen und praktizieren, sodass die ganze Welt zu einem Platz vollkommener Schönheit wird!“

Kolophon:

Dies wurde auf Bitten einer Gruppe seiner eigener Schüler von Jigdrel Yeshe Dorje, einem Schüler des Buddha Padmasambhava, der lang und breit Philosophie studiert hat und ein Laien-Praktizierender und Vidyadhara ist, niedergeschrieben. Möge es eine Ursache für das Studium und die Praxis der kostbaren Lehren der alten Übersetzungsschule sein, damit diese blühen und sich verbreiten!
Übersetzt von Adam. Vielen Dank an Khenpo Dorje für seine detaillierten Erklärungen. Im Jahr des Eisen-Hasen vom Ngak‘chang Rangdrol Dorje zum Nutzen der Sangha ins Deutsche übersetzt.

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