Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. September 2011

Seelen-Therapie und ganzheitliches Gewahrsein

Die Grundlage des tantrischen Heilens ist die „Seelenrückholung“. Durch diese balanciert der Ngakpa (tantrischer Heiler) die Geistes- und Vitalkraft des Klienten. Der Ngakpa als Experte sieht die Geistes- und Vitalkraft des Menschen in einer vielschichtigen Gestalt miteinander verwoben. Vitalseele, Geisteskraft, Körper, Geschick und Lebensatem (tib., Lungta = Windpferd) wollen bewahrt werden.

Vital- und Geist-Aspekte

Die Vitalität in Gestalt der Vitalseele (tib., Sog) bezeichnet die Lebenskraft des Menschen. Diese hat ihren Sitz im Herzen. Nach der Stärke dieser Vitalseele wird auch die Lebenserwartung bemessen. Ist diese Vitalseele geschwächt, dann veranstaltet der Schamane ein Ritual zum Rückkauf der Vitalseele.
Die Geistseele oder auch Geisteskraft (tib., La) ist mit der Vitalseele verbunden und wandert während des Tages wie auch des Monats durch den Körper. Diese Position der Geistseele wird vom Lauf des Mondes gesteuert. Besonders für Operationen oder Hitzebehandlungen (Moxa) ist es wichtig, die Position der Geistseele zu kennen, damit man sich nicht verletzt. Die Geistseele ist ein psycho-viales Prinzip, das dem Menschen als schützende Kraft dient. Ist der Mensch jedoch geschwächt, dann kann dieser Seelenanteil den Körper verlassen und umherwandern. In schlimmsten Fall kann die Geistseele von Wesenheiten entführt werden. Dann sind aufwändige Rituale zur Rückholung der Geistseele notwendig. Auch schwarzmagische Angriffe können auf diese Geistseele einwirken und sie schwächen.
Der Körper (tib., ) besteht aus dem Zusammenspiel der fünf Elemente und bildet die Grundlage für Gesundheit oder Krankheitsanfälligkeit. Durch äußere Methoden wie Lebensführung, Ernährung und Bewegung wird seine Kraft entsprechend bewahrt.
Das Geschick (tib., Wang Thang) ist die persönliche Kraft, die für die Verwirklichung unserer Ziele sorgt. Bei einem starken Geschick gibt es Überfluß, Reichtum und Wohlstand. Außerdem besteht die Fähigkeit, sich schwierigen Situationen leicht zu entziehen. Durch das Wang Thang ist der Mensch in der Lage, Handlungen zu vermeiden, die sich negativ auf die Vitalität und den Körper auswirken.
Der Lebensatem (tib., Lungta) wird als „Windpferd“ beschrieben. Mit ihm bewegen, auf ihm „reiten“ die verschiedenen Gewahrseins-Energien. Diese Kräfte der Seelen-Bewußtheit werden von Schamanen als zentrales Helferwesen angerufen. In Tibet in Gestalt als Windpferd, in Nepal in Gestalt eines Mensch-Löwen (nep., Narasingha) angerufen bringt dieses Wesen die Seelenanteile (= Gewahrsein bzw. Bewusstsein) zurück, schützt sie und harmonisiert die verschiedensten Wesensaspekte des Menschen. Dadurch entsteht für den Menschen die Fähigkeit, Glück zu vermehren und ungünstige Umstände zu beseitigen.

Gliederung der Schöpfung

Die Welt wird häufig in drei Bereiche geteilt. Der Himmel als Wohnort der Götter, die Erde als Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen sowie die Unterwelt mit den Erdgeistern, den Nagas und anderen Naturwesenheiten. Im Tantrayana gibt es zwar fünf bis sechs Bereiche, doch ist auch hier eine Dreiteilung zu bemerken. Die Menschen und Tiere bewohnen die Mittelwelt. Götter und Titanen sind in der oberen Welt zu Hause, und die Hungergeister – Pretas genannt – und die Höllenwesen wohnen in der Unterwelt.
Es werden dann noch verschiedene weitere Gliederungen vorgenommen. Da gibt es in den niederen Bereichen die 18 Höllen, von denen acht heiß sind und wiederum acht kalt. Dann gibt es noch die Eintagsleben-Höllen. Bei den Hungergeistern gibt es auch Unterteilungen. Einerseits findet man Yidag (Preta, Bhuta), die gemeinschaftlich leben und an äußeren, inneren und spezifischen Trübungen leiden. Andererseits gibt es dann noch die Tsen, Gyalpo, Shindre, Jungpo, Mamo, Sadag, Lha und Theurang, alles Wesen, die ein Leben in Schrecken und Halluzination verbringen. Das Tierreich gliedert sich in Tiere, die in der Tiefe leben und in Tiere, die verstreut an verschiedenen Orten leben. Im Reich der Tiere sind nicht nur die uns bekannten Tiere, auch Fabelwesen und schlangenartige Wassergeister, die Nagas, werden dazu gezählt. In der Oberwelt wohnen die Titanen, die ständig mit dem Kampf beschäftigt sind. Der Bereich der Götter wird in eine formhafte und formlose Ebene untergliedert. Die obere Welt ist der Sitz der Götter und wird meistens Himmel, Paradies oder Reines Land genannt. Die untere Welt ist der Sitz der Dämonen und wird daher oft auch als Dunkles Reich, Hölle o.ä. bezeichnet. Das Reich des Sichtbaren ist den Steinen, Pflanzen, Tieren und Menschen vorbehalten. In diesen Bereich können Wesen der oberen und unteren Welt eindringen, und das menschliche Leben durcheinander bringen.
Die Schamanen und Hexen können auf der Weltenachse (Lebensbaum, Geisterseil etc.) durch die drei Sphären reisen. Ngakpa-Lamas und Chödpas berühren in ihrer Sadhana die verschiedenen Bereiche des Universums mit ihren Ritualgegenständen und nehmen auf diese Weise Kontakt mit den Wesen auf.

Seelenführung & rituelles Heilen

Beraten & Heilen ist eine Unterstützung des Menschen auf dem individuellen Lebensweg. Wie die Schamanen die ersten Seelenführer in den Gemeinschaften waren, so wirken die Ngakpa-Lamas als Ritualkundige auf dem Lebensweg. Aufgrund ihres umfangreichen Wissens über Schöpfung, Natur, Identität und Wandlung des Geschaffenen werden sie in allen Lebenslagen von der Geburt bis zum Tod konsultiert. In verschiedenen Zeremonien werden Übergangsriten gestaltet, so dass das Individuum die einzelnen Lebensphasen bewusst erleben und abschließen können. Als Zeremonienmeister werden sie in den Gemeinschaften dann mit priesterlichen Funktionen betraut.
Sie führen die das Bewusstsein der Wesen durch die diesseitigen und jenseitigen Lebensbereiche. Doch nicht alle Ngakpas verfügen über die gleichen Fähigkeiten. Je nach ihrer Begabung konnten sie Spezialisten für bestimmte rituelle Aufgaben sein. Nur wenige verfügen über ein umfassendes Wissen der Welten UND die Kraft, Wesen zu führen, zu befrieden, zu bannen, zu kontrollieren etc. Erst nachdem Ngakpas einen Stufenweg in ihrer Ausbildung durchlaufen, sind sie in der Lage heilsam zu wirken.

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