Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. November 2011

Urgrund von allem, aber zwei Wege…

Wie im „Wunschgebet Samantabhadras“ gesagt wird, hat alles – Samsara und Nirvana, Erscheinung und Existenz – einen einzigen Grund, aber zweierlei Pfad und somit Frucht. Den Unterschied macht Gewahrsein oder Nicht-Gewahrsein aus. Erkennt man den Urgrund jenseits Beschreibung, die nicht-zusammengesetzte, selbstentstehende Weite, dann ist man erwacht (= Buddha). Erkennt man dies nicht, ist man fühlendes Wesen (= man empfindet immer eine Art von Leiden, Unzulänglichkeit bzw. Unzufriedenheit) und schafft so Erlebnisredundanzen. Der unbeschreibbare Grund jenseits von Worten ist frei von Ursache und Bedingung, frei von einem Außen und Innen, frei von Bestätigung und Ablehnung. Es ist einfach innewohnendes Gewahrsein – bloßes Gewahrsein. Das Leuchten dieses Gewahrsein entfaltet sich auf fünf Bewusstseinsarten und nachfolgend in verschiedenen Formaspekten. Weil eben das innewohnende Gewahrsein als solches nicht erkannt wird, geschieht eine illusorische Trennung. Fühlende Wesen können aufgrund der Täuschung daher nicht die Buddhakörper erkennen, sondern missinterpretieren dies und finden sich in den drei Bereichen wieder bzw. nehmen in den sechs Reichen Geburt an. Wie es weiter in diesem Gebet heißt, entsteht eine „plötzliche Ohnmacht und ein subtiles Bewusstsein schwankender Furcht. Aus diesem Zögern entsteht eine Abtrennung des Selbst…“ Nachdem sich diese Getrenntheit weiter verstärkt, beginnt auch die zyklische Erfahrung und dann eben die damit einhergehenden Geistesgifte mit den dazugehörigen Welterfahrungen. Geistesgift und dementsprechende Welterfahrung bedingen und bestimmen sich wechselseitig. Wie man sieht, erkennt man das eigene Gewahrsein nicht und schafft eine – illusorische – Trennung. Man schafft quasi eine Extraposition, etwas extern Anmutendes, um „etwas“ wahrzunehmen. Aber in dem Prozess vergisst man eben, dass die „Trennung“ bzw. „externe Position“ nur ein (theoretisches) Konstrukt ist und verleiht dieser „externen Position“ ein theoretisches Eigenleben, dass sich immer wieder auf‘s Neue bestätigen muss.

Untrennbarkeit des Seins in der Sufi-Tradition

Es gibt ein schönes Gedicht von Hz. Mevlana Rumi, in dem er beschreibt, wie ein Suchender tagtäglich zu Gott betet. Und dann kommt Iblis – der Einflüsterer – daher und sagt ihm, was für ein Tor er doch ist, da Gott ihn ja doch nicht erhört. Und so hört der gute Mann auf zu beten. Bis dann Khidr, der göttliche Bote, herabsteigt und ihm sagt, dass all seine Gebete des „Erhöre mich“ eigentlich ein „Ich bin hier“ von Gott sind. Ähnliches wird auch von Fariduddin Attar in den „Vogelgesprächen“ – dem Mantiq‘ ut-Ta‘ir“ – beschrieben, wo die Vögel sich am Anfang auf die Suche nach dem geheimnisvollen Simurgh zusammenfinden, sich dann auf die Reise durch sieben Täler machen und dann am Ende den Simurgh erkennen. Die dreißig Vögel (si-murgh) der äußeren, sichtbaren Welt erkannten den Simurgh der inneren, unsichtbaren Welt. Und wenn sie ihren Blick auf den Simurgh richteten erkannten sie, den Simurgh und wenn sie den Blick auf sich richteten, erkannten sie, dass sie der Simurgh sind. Mir gefallen diese beiden Stelle aus der mystischen Literatur der Sufis besonders gut, da sie die Untrennbarkeit des Geistes und doch auch seine Ausdruckkraft, sein Leuchten aufzeigen.

Ich-Bezogenheit und Auflösung der Illusion

Das „Ich“ muss nicht, ja kann gar nicht verschwinden. Es ist von vornherein nie vorhanden, sondern geschieht – entsteht illusorisch – durch einen Mangel an Gewahrsein, ein Ergreifen, ein Benennen und Daran-Festhalten. Es ist einfach ein Konstrukt, einfach ein Vorgang des „Ich“-Denkens, „Ich“-Sagens und des Handelns zum „Ich“-Vorteil. Wir stellen dieses „Ich“ als Bezugspunkt für unsere gesamte Welterfahrung auf und versuchen über mannigfaltige Weise – besonders über Emotionen – uns ein „Ich“-Gefühl zu vermitteln. Dadurch fühlen wir uns dann auf eigenartige Weise lebendig. Aber dieses Ego-Konstrukt ist sehr fragil und unbeständig. Daher versuchen wir es so krampfhaft festzuhalten. Aber es ist nichts da, was zu halten wäre. Wir versuchen lediglich an Meinungen – über uns, die Anderen, die Welt etc. – festzuhalten. Der Mensch verweilt so in der zyklischen Existenz, weil er die ursprüngliche Bewusstheit in die Begrifflichkeit des Verstandes verwandelt hat. Dieses begriffliche Haften gilt es wieder in den lichthaften Urzustand zurückzuverwandeln. Verbleibt man unabgelenkt im meditativen Zustand, folgt den auftauchenden Gedanken nicht, dann können diese das ursprüngliche Bewusstsein auch nicht verdunkeln, da sie ja keine Substanz haben und man eben nicht daran festhält. Wie Wellen und deren Schaumkronen wogen sie auf dem Ozean des Geistes auf und ab, sind nicht getrennt von ihm, sondern von einer Essenz.

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Responses

  1. Danke für alle diese Texte !
    Es ist so unglaublich wieviel einen dieses Ichdenken – mit allem was es nach sich zieht, doch immer wieder einzufangen vermag ,
    und je mehr sich Schleier lüften umso mehr wird es mir deutlich, so geht es mir jedenfalls : denn selbst in den echten luziden Träumen (so wie sie das Traumyoga ermöglicht), ist dieses Ich ja wieder da, das Traumich, der Traumkörper, das was alles luzide erkennt, und einen nochdazu verführt irgendwelchen Ideen zu folgen, was man nun mit diesem Traumzustand machen könnte…..

  2. hallo enrico,
    lieben dank für deine ausführlichen erläuterungen.
    im groben kann ich dir, denke ich, auch ohne entsprechenden buddh. hintergrund folgen, meine jedoch, dass folgender kleiner auszug einen schritt „tiefer“ geht, wesegen ich mal kurz aus „ein kurs in wundern“ zitiere:

    Was ist Vergebung?
    1. Die Vergebung nimmt wahr, dass das, wovon du dachtest, dein Bruder habe es dir angetan, nicht geschehen
    ist. Sie verzeiht keine Sünden und macht sie nicht wirklich. Sie sieht, dass es keine Sünde gab. Und in dieser
    Sicht sind alle deine Sünden dir vergeben. Was ist Sünde außer einer falschen Idee über GOTTES SOHN? Die
    Vergebung sieht einfach ihre Falschheit und lässt sie des halb los. Was dann frei ist, ihren Platz einzunehmen, das
    ist der WILLE GOTTES.
    2. Ein unversöhnlicher Gedanke ist ein Gedanke, der ein Urteil fällt, das er nicht in Zweifel zieht, auch wenn es
    nicht wahr ist. Der Geist ist verschlossen und wird nicht befreit werden. Der Gedanke schützt die Projektion, zieht
    ihre Ketten enger an, so dass die Verzerrungen verhüllter und verschleierter sind, dem Zweifel unzugänglicher und
    von der Vernunft noch weiter ferngehalten. Was kann sich zwischen eine starre Projektion und ihr Ziel stellen, das
    sie sich zu ihrem Wunschziel wählte?
    3. Ein unversöhnlicher Gedanke tut vieles. In fieberhafter Aktion verfolgt er sein Ziel, wobei er das verdreht und
    umstößt, was er als Behinderung seines auserwählten Weges sieht. Verzerrung ist sein Zweck und ebenso das
    Mittel, wodurch er ihn erreichen möchte. Er unternimmt seine wütenden Versuche, die Wirklichkeit zu
    zerschlagen, ohne sich um irgend etwas zu kümmern, was einen Widerspruch zu seinem Standpunkt darzulegen
    schiene.
    4. Die Vergebung ihrerseits ist still und tut ganz ruhig gar nichts. Sie kränkt keinen Aspekt der Wirklichkeit,
    versucht auch nicht, sie zu Erscheinungen, die ihr gefallen, zu verdrehen. Sie schaut nur und wartet und urteilt
    nicht. Derjenige, der nicht vergeben will, muss urteilen, denn er muss sein Versagen, zu vergeben, rechtfertigen.
    Der aber, der sich selbst vergeben möchte, muss lernen, die Wahrheit genauso willkommen zu heißen, wie sie ist.
    5. Tu also nichts, und lass dir von der Vergebung zeigen, was du tun sollst, durch IHN, DER dein FÜHRER,
    dein ERLÖSER und BESCHÜTZER ist, stark in der Hoffnung und deines letztendlichen Erfolgs gewiss. ER hat
    dir schon vergeben, denn dies ist SEINE Funktion, die IHM von GOTT gegeben ist. SEINE Funktion musst du
    jetzt mit IHM teilen und dem vergeben, den ER erlöst hat, dessen Sündenlosigkeit ER sieht und den ER als
    SOHN GOTTES ehrt.

    löst man sich mal von der „kurssprache“ und sieht die begriffe gott/sohn als methaper, erkennt man, dass es hierbei direkt um eine wahrnehmung der „reinen wirklichkeit“ (sein) geht.
    somit unterscheiden sich imho die beiden wege, denn wo nichts ist (=in wahrheit alles in ordnung), muss nichts entwickelt werden. lediglich falsche vorstellungen sollten erkannt werden.

    es geht mir hierbei ja nicht um eine diskussion um den „besseren“ weg mit dir, oder ein verteidigen der standpunkte 😉 vielmehr finde ich es immer wieder interessant, neue ansatzpunkte kennen zu lernen, die sich in der praxis (z.b. bei klienten) anwenden lassen. alle wege (daher finde ich die stufen so passend) haben ja die passende schulklasse – wobei ja keine besser oder schlechter ist. letztlich lernen wir alle gemeinsam, damit wir eben nicht die illusionen mehren, sondern die liebe ausdehnen können.

    herzliche grüsse,
    thomas

  3. hi enrico,
    danke für den artikel 🙂

    was mir etwas unklar ist, ist die „entfaltung“ des gewahrseins in die 5 bewusstseinsstufen. ist dies auch schon teil der trennung/illusion? du schreibst, es wird nicht richtig erkannt. beziehst du das auf den urgrund oder die 5 stufen?

    das festhalten am ego würde ich (aus meiner sicht, kurzgefasst) so beschreiben: „ich“ habe mich aus der einheit getrennt. da ich bereits zu diesem zeitpunkt dem irrglauben unterliege, dass das geht, fühle ich mich schuldig und erwarte eine strafe für diese handlung (der strafende gott). um mit meiner schuld nicht leben zu müssen, projiziere ich sie ins außen (schaffe das universum). somit ist folglich immer alles im außen ursache und nicht mehr ich selbst. auch brauche ich das außen, um wieder „vollkommen“ zu sein (partner, geld, usw.). damit mache ich den trennungsgedanken ja nur realer und stärke meinen schuldgedanken, mich getrennt zu haben.
    diesen prozess gilt es aber umzukehren, „ich“ muss erkennen, dass ich all dies geschaffen habe (in gewisser weise auch bin, denn geist kann sich nicht teilen) und der schöpfer „all des leides“ bin, welches ich sehe. desweiteren gilt es, den tief unterbewusst sitzenden gedanken aufzulösen, dass mich für meine vermeintliche trennung strafe erwartet.
    erst dann „traue“ „ich“ mich ja „vorsichtig“ anderen geistes zu werden, denn das ego fürchtet ja nichts mehr als seinen tot. so gilt es zu lernen, dass der tot des egos nicht der tot der eigenen existenz ist, vielmehr das wahre leben erst beginnt.

    liebe grüsse,
    thomas

    • lieber thomas,
      die „entfaltung“ des gewahrsein kann man sich blumenartig wie eben bei einem mandala vorstellen. daher sind es keine „bewusstseinsstufen“, da dies eine aufeinanderfolge bedingen würde. vielmehr sind es fünf arten von bewusstsein, die dem gewahrsein eben immanent sind und daher jede wahrnehmung begleiten. klassisch werden diese fünf arten als „buddha-familien“ bezeichnet und stellen das spiegelgleiche bewusstsein, das bewusstsein der gleichheit, das unterscheidende bewusstsein, das alles vollendende bewusstsein und das raumgleiche bewusstsein dar. zu diesen gibt’s natürlich auch traditionell lange ausführungen und erklärungen. aber man kann es zb. auch psychologisch etwas verkürzt und auf den alltag angewandt sehen. jedes bewusstsein wird von einem geistesgift verschleiert, wenn die trennung des ego einsetzt. der o.a. reihenfolge entsprechend sind die geistesgifte hass (aversion), stolz bzw. gier, leidenschaft, neid bzw. eifersucht und dumpfheit bzw. ignoranz. z.b. missgunst (neid, eifersucht) ist immer dort gegeben, wo sich jemand mit jemand anderem vergleicht und in konkurrenz tritt. da alle erscheinungen aufgrund des prinzips von ursache und ergebnis vollenden, ist missgunst im grunde unnötig. vielmehr wäre statt konkurrenzdenken/verhalten wäre die entwicklung konstruktiven potentials nötig. dh. man sollte sich in diesem falle mehr um großzügigkeit (als wurzel für wohlstand), ethische disziplin (als wurzel für ein zufriedenes leben) etc. kümmern. soweit ein beispiel, wie geistesgifte, die der entsprechende ego-ausdurck sind, das potential des allguten verschleiern können.
      ein paar dinge formuliert man im dharma anders, aber der externe befriedigungszwang aufgrund innerer mangelwahrnehmung ergibt natürlich einen schlüssigen ablauf. generell kann man im dharma nicht von „schuld“ und „strafe“ sprechen. auch ist „karma“ nichts, das einen straft; obwohl man natürlich in einer saloppen rede dies häufiger mal hört. aber karma ist ein völlig unpersönlicher vorgang. aus einem kirschenkern kann auch nur – bei geeigneten bedingungen – ein krischenbaum und nachfolgend eben wieder kirschen werden. niemals wird ein apfel daraus. genauso ist’s auch, dass aus geist nur geist wird und sich eben der ohne anfang und ende fortsetzt. wenn jemand schuld erlebt, dann ist diese erfahrung lediglich ein ausdruck von selbstanklage, selbstverurteilung und/oder selbsthass. dass jemand so etwas erlebt, liegt an der individuellen lebensgeschichte, wie auch an dem kulturellen umfeld, das eine dementsprechende interpretation von lebenserfahrungen möglich macht. vielleicht sind dir die werke von alice miller vertraut. besonders ihre abhandlung über das paradiesesthema ist dazu aufschlussreich. manchmal glaube ich, dass der ausdruck spiritueller bzw. religiöser erfahrungen stark von der jeweiligen lebensgeschichte abhängt. ein „strafender gott“ ist ja auch starkt alttestamentarisch, während das gottesbild des jesus von nazareth ein liebender, gütiger gott ist. liebe und vergebung sind ja eigentlich die elemente der vergebung. und jesus hatte ja eine völlig andere lebenserfahrung in frühen jahren. als herodes alle neugeborenen töten ließ, haben seine eltern sich diesem massaker wiedersetzt und sind mit ihrem kind geflohen. dadurch hat er eine unglaubliche güte erlebt, die seine weitere weltsicht geprägt hat. siddharta gautamas mutter starb ein paar tage nach seiner geburt und er wurde von seiner tante gesäugt und aufgezogen, im palast seines vater ist er aufgewachsen. bei dem hat sich da nichts von einer autoritären figur eines gottes gebildet, der strafend oder gütig wäre. der hat andere, seinem kontext entsprechende erfahrungen gemacht, und so gesehen, dass überfluss und auch askese (die hat er frei gewählt) ihm keine letztendlichen antworten auf seine fragen geben. erst ein mittelmaß an lebensführung und der blick nach innen haben ihm alles offenbart. so macht eben jeder seine ihm zugehörigen erfahrungen und sucht die (er)lösung. interessant ist die wechselseitige bedingtheit von lebensgeschichte und antwort. im leidvollen, qualvollen zustand zeigt es sich in den verstrickungen des ichs, während die anerkennung des wechselseitigen verbundenheit die offenbarende erlösung bietet.
      dir alles liebe,
      enrico


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