Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. November 2011

Guru Padmasambhava

Aus dem Herzen Buddha Amitabhas gehen Lichtstrahlen in die Knospe eines Lotus im Danakosha-See. Durch sein Aufblühen erscheint ein wunderschönes Kind, das mit den Haupt- und Nebenmerkmalen geschmückt ist und auf einem tausendblättrigen Lotus sitzt.
Glorreicher Guru Padmasambhava, bitte beschützt und führt mich, bis ich vollständige Erleuchtung erlangt habe.

Untrennbar vom uranfänglichen Buddha Samantabhadra, dem alles durchdringenden Herrscher der Drei Juwelen – Buddha, Dharma und Sangha – und dem Herrn der Drei Wurzeln – Guru, Deva und Dakini – wird der glorreiche Guru Padmasambhava letztendlich als die Essenz von Buddha Amitabha angesehen. Um die Lehren des Dharma allgemein zu verkünden und zu verbreiten und speziell das Geheime Mantra-Fahrzeug und die Dzogchen-Lehren, erscheint er jedem Wesen in den 3.000 Milliarden Weltsystemen in einer Gestalt, um diesem entsprechend der persönlichen karmischen Vision von Nutzen zu sein. Auf diese Weise hat Guru Padmasambhava zahllose, unvorstellbare Biographien, eben eine Biographie für jedes Wesen. Obwohl dies die maßgebliche Biographie von Guru Padmasambhava ist, ist die Lebensgeschichte der historischen Figur Guru Padmasmabhavas den Schülern allgemein wie folgt bekannt. Als es für Guru Rinpoche an der Zeit war, sich den Wesen dieser Welt für ihre Befreiung anzunähern, erschien er wundersame Weise am zehnten Tag des sechsten Monats des Affen-Jahres in einer Lotusblüte auf dem See, der „Milchozean“ genannt wurde im Südwesten von Oddiyana, der auch als Danakosha-See bekannt ist und an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan geortet wird. Hinsichtlich seiner Geburt gibt es unterschiedliche Ausführungen. Einige indische Historiker behaupten, dass er in die Familie eines Ministers oder Königs von Oddiyana hineingeboren wurde und einige behaupten, dass er auf dem Gipfel des Berges Malaya in Sri Lanka spontan erschien. Aber Guru Padmasambhavas Schatzlehren bestätigen die Version, die beschreibt, wie er spontan auf einem Lotus geboren wurde. Diese Quelle ist die bekannteste und so stützt sich die folgende Geschichte darauf.
Der große Strom Sindhu, einer der vier großen Flüsse, die aus den vier Richtungen des Berges Kailash entspringen, fließt in das westliche Land von Oddiyana und schließlich in das arabische Meer. Wenn der Fluss Oddiyana erreicht, bildet er einen See mit Lotusblumen darin. Da die Lotuswurzeln ein milchige Flüssigkeit produzieren, wird er „Milchozean“ genannt. Vor der Geburt Guru Padmasambhavas wuchs im See ein großer, vollständig erblühter, schöner roter Lotus und aus dem Herzen Buddha Amitabhas im Himmel fiel eine rote Silbe HRI acht Ellen über den Lotus herab. Die Silbe löste sich in Licht auf und plötzlich, ohne von den Ursachen von Vater und Mutter abhängig zu sein, erschien dort ein acht Jahre altes Kind, vollständig mit den Haupt- und Nebenmerkmalen geschmückt. Einen Vajra und einen Lotus in seinen Händen haltend, begann es sofort den Göttern und Dakinis dieser Gegend Belehrungen zu geben.
Zu dieser Zeit weilte der Herrscher des Landes Oddiyana, König Indrabodhi II, mit seiner Königin ebenso mit 100.000en inneren und äußeren Ministern in seinem neunstöckigen Palast. Da der König keinen Sohn hatte, brachte er am Vollmondtag des fünften Sommermonats den Drei Juwelen große Opfergaben dar und rezitierte das Dharma-Wolken-Sutra. Er öffnete auch das Tor seiner 3.000 Schatzhäuser und verteilte Almosen an die Armen und Bedürftigen, bis sein Reichtum aufgebraucht war. Dann rief er aus: „Das Betteln hat noch immer nicht aufgehört, aber ich habe nichts mehr zu geben.“ Als die verbliebenen Bettler ihren Anteil nicht erhielten, hielten sie dem König vor, wenn er sie mit ihrem Anteil nicht unterstützt, dass alles, was in der Vergangenheit getan wurde, bedeutungslos sein würde. Der König hörte dies und versuchte unerschöpflichen Reichtum für die Bettler heranzuschaffen. So reiste er zum Ozean, um sich das Wunsch erfüllende Juwel aus der Krone des mythischen Geschöpfs Charumati, der Naga-Tochter, zu beschaffen. Er beschaffte sich das Juwel ohne Unfall und segelte mit seinem Boot, das mit den sieben verschiedenen Arten von Juwelen angefüllt war, zurück. Während der Reise um den König zu treffen, entdeckte der Religionsminister des Königs, Trig Na Dzin, das außergewöhnliche Kind auf dem Lotus und erzählte dem König die vollständige Geschichte des Kindes. Der König war über diese Nachricht erfreut und ging zu dem Kind und fragte es nach seinem Vater, seiner Mutter und welcher Kaste und Land es angehöre. Das Kind verkündete:

Mein Vater ist der selbstenstandene Samantabhadra.
Meine Mutter ist die Sphäre der Wirklichkeit, Samantabhadri.
Meine Kaste ist die Einheit von uranfänglicher Weisheit und dem Dharmadhatu.
Und mein Name ist der glorreiche Padmasambhava.

Nachdem er dies vernommen hatte, war der König ganz verzückt. Er dachte, ein Nirmanakaya hatte Geburt angenommen und lud das Kind als seinen Sohn wie auch seinen religiösen Führer ein. Das Kind wurde „Padmasambhava“, was „Lotusgeborener“ bedeutete, genannt. Später heiratete er Prabhadharani, die Tochter des Königs Chandan Gomashree und herrschte sein Königreich in Übereinstimmung mit dem Dharma. Er wurde als Shikhabandh Raja oder „der König mit den Haarzöpfen“ bekannt.
Er erkannte, dass Politik den Lehren der Befreiung entgegengesetzt sind und seine Position nicht die Bestimmung der fühlenden Wesen erfüllen würde. So führte er eine mystische Handlung des Tötens des Sohnes eines niederträchtigen Ministers aus und erhob dessen Bewusstsein in den Bereich Dharadhatu. Als Ergebnis dessen wurde er aus dem Lande auf den schrecklichen Leichenplatz von Sitavana verbannt. Stufenweise erlangte er durch das Ausführen mystischer Handlungen auf den Leichenplätzen von Nandanvan, Daanbhumidvipa, Parushakavan usw. die gewöhnlichen und außergewöhnlichen Siddhis und wurde als Rodravajrakala – der „zornvolle Ausdruck des Vajra“ – bekannt.
Um das Vertrauen in die Lehren der zukünftigen Schüler zu fördern, ging er nach Bodhgaya und vielen anderen Plätzen, wo er Belehrungen von vielen großen Gelehrten, verwirklichten Meistern und Dakinis erhielt. Einfach durch Zuhören verstand er und verwirklichte den gesamten Kanon der drei Körbe von Vinaya, Sutra und Abhidharma, ebenso die Lehren des äußeren und inneren Geheimen Mantras, der mündlichen Überlieferungen und die Kernanweisungen der höchsten und allergeheimsten Tantras des Atiyoga. Selbst wenn er die Gottheiten des Mandalas nicht günstig stimmte, zeigten sie ihre Formen und er wurde ein unvergleichlicher gelehrter und verwirklichter Meister. So zeigte er die Zeichen, dass er die Stufe eines vollständig entwickelten Gewahrseinshalters vollendet hatte. Danach wurde er als der Guru Dhimana Varruchi – die „höchste Liebe mit Weisheit geschmückt“ – bekannt.
Dann nahm der die Prinzessin Mandarava, die Tochter von Shastradhara, dem König von Zahor, zur Gefährtin. Da sie die Merkmale einer Dakini besaß, nahm er sie Berghöhle von Maratika, heute als Halesha in Nepal bekannt, mit, wo sie die Vollendungsrituale der Langlebigkeit für drei Monate ausführten und den unsterblichen Vajra-Körper, der die Verwirklichung eines Gewahrseinshalters der Unsterblichkeit auszeichnet.
Um die Leute aus Oddiyana zu zähmen, kehrte er als Bettelmönch zurück, aber viele Leute erkannten ihn und er wurde von einer Horde bösartiger Minister und Leute auf einen Scheiterhaufen aus Sandelholz geworfen, um dort lebendig verbrannt zu werden. Als das Feuer entzündet wurde, verwandelte er auf wundersame Weise das Feuer in einen riesigen, mit Lotusblumen gefüllten See. Während er mit seiner Gefährtin auf einem riesigen Lotus inmitten des Sees saß, waren der König, die Minister und die Leute erstaunt und entwickelten großes Vertrauen in ihn. Zusätzlich praktizierte er in der Höhle von Yangleshö in Nepal die Vishuda-Gottheit, gestützt auf die Verwirklichungsgefährtin Sakya Devi von Nepal und sehr bald wurden beide zu höchsten Gewahrseinshaltern der Mahamudra. Dies waren einige Verwirklichungen von Guru Padmasambhava, bevor er nach Tibet kam.

Dieser Text wurde anlässlich der Eröffnung des neuen Tempels des Namdroling Klosters in Indien im Jahre 1999 veröffentlicht und vom Ngagyur Nyingma Institut (Indien) aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt. Die deutsche Übersetzung erfolgte durch den Ngak’chang Rangdrol Dorje zum Nutzen der deutschsprachigen Sangha und aller fühlenden Wesen. Möge es inspirierend sein!

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