Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Dezember 2011

Der Lama im Vajrayana

Der Lama ist nicht einfach nur eine Person. Er oder sie verkörpert den Segen, das Mitgefühl und die Weisheit aller verwirklichten Wesen. Er oder sie spiegelt die eigene Erleuchtung, sodass der Kontakt und die Kommunikation mit der eigenen wahren Natur möglich ist. Die eigene wahre Natur ist identisch mit jener des Meisters und er oder sie wiederum mit jener aller anderen verwirklichten Wesen und in dieser Essenz sind alle gleich. Der Meister, oder der äußere Lehrer, lehrt einen, wie man mit der eigenen wahren Natur, dem Buddha, der diese innere Natur ist, Kontakt aufnimmt. Padmasambhava wird von den Nyingma-Linien als die Verkörperung aller Buddhas der Vergangenheit und Zukunft angesehen. Die Verbindung mit ihm geschieht durch den Lehrer, der einem zeigt, wie man ihn erkennt. Wie man Padmasambhava oder den eigenen Lehrer wahrnimmt, ist Dzogchen. Der absolute Zustand von Dzogpa Chenpo ist der Weisheitsgeist des Lehrers. Der Lama verkörpert die Verwirklichung, er oder sie inspiriert einen mit letztendlichem Weisheitsgeist. Er ist nicht verschieden von den Lehren, die er gibt. Er ist die Energie, Wahrheit und das Mitgefühl des Dharma. Aus diesem Grund wird dies nicht durch den Intellekt, sondern durch die Hingabe an den Lama erlangt.

Gemäß Longchenpa (1308-1363) sind die Merkmale eines „Mantra-Gurus“ folgende:

„Er hat reine Ermächtigungen, Verpflichtungen und Verbindlichkeiten erhalten und hält sich daran. Er hat das andere Ufer des Ozeans der Anweisungen hinsichtlich der Bedeutung der Tantras erreicht, er hat Meisterschaft über die charismatischen Handlungen, die mit dem Ritual und seiner Wirkung einhergehen, erlangt. Er hat Gefühlswärme, die in ihrer Größe durch die Erfahrung und durch das Verstehen der Vision kommt, durch das Beabsichtigen und Kultivieren der Vision, durch ihre Verfügung und durch die Kulmination (dieser drei) in der Fülle des Seins. Er ist sehr gütig und weise in angemessenen Handlungen und er führt den Anwärter auf dem Pfad der Reifung und Befreiung. Er ist eine verweilende Wolke beständiger spiritueller Nahrung…“

Er (Longchenpa) beschreibt auch die Tugenden eines würdigen Schülers:

„Tüchtige Schüler, vertrauensvoll und höchst scharfsinnig, fleißig, gewissenhaft, umsichtig und kenntnisreich, übertreten nicht die Worte (des Lehrers), überprüfen ihre Angelegenheiten und Verpflichtungen, kontrollieren Körper, Rede und Geist, mitfühlend und zutiefst mit dem Wohlergehen der Wesen befasst, handeln mitfühlend, großzügig und vorausschauend, standhaft und voller Hingabe, werden sie immer sich der Eigenschaften des Lehrers gewahr sein. Sie werden nicht nach Fehlern suchen, und selbst wenn sie welche finden, werden sie diese als (verborgene) Qualitäten würdigen. Indem sie im Grunde ihres Herzens erkennen, dass diese Fehler bestimmt ihre eigene (missverständliche) Sicht ist und nicht (im Lehrer) existieren, gestehen sie (sich ihre eigenen Mängel) und Beschränktheit als Gegenmittel (zu ihrem Fehler) ein.
Sie weisen alles zurück, was den Lehrer missfällt und sie unternehmen jede Anstrengung, um ihn zu erfreuen. Sie handeln niemals gegen die Worte des Lehrers und gegen jene um den Lehrer, selbst wenn der Lehrer mit diesen besser steht. Sie nehmen die Diener des Lehrers nicht als ihre Schüler, sondern bitten sie um Erklärungen und Einweihungen.
In der Gegenwart des Lehrers bändigen sie Körper, Rede und Geist von sich, sie sitzen mit unterschlagenen Beinen und kehren ihm nicht ihren Rücken zu. Sie lächeln freundlich und werfen ihm keine wütenden Blicke zu noch runzeln sie die Stirne.
Sie sprechen nicht unbedacht, noch reden sie über die Fehler der anderen oder verwenden unerfreuliche, harsche Worte, auch sprechen sie nicht gedankenlos oder wahllos.
Sie begehren nicht die Utensilien des Lehrers und sie geben jede Art leidvoller Gedanken auf, die wie Krallen sind. Sie bewerten die verschiedenen Handlungen des Lehrers nicht als Fehler oder Irrtümer, weil was man offensichtlich sieht,muss nicht der verborgenen Absicht entsprechen. Sie enthalten sich falscher Ansichten, die sie in allem Böses sehen und Fehler finden ließen, auch wenn sie noch so gering wären, indem sie denken, das dies unangebracht ist, aber er schon weiß, was er tut.
Wenn sie sich mit ihrem Lehrer überwerfen, werden sie gewiss ihre eigenen Fehler bemerken, sie zugeben und sich selbst zurückhalten, und indem sie ihren Kopf beugen, werden sie ernsthaft um Entschuldigung bitten. Dadurch werden sie ihn erfreuen und rasch ihr Ziel erreichen.
Wenn sie ihren Lehrer sehen, werden sie aufstehen und ihn grüßen, wenn er sich anschickt niederzusetzen, werden sie ihm einen bequemen Sitzplatz usw. anbieten. Sie werden ihn mit freudiger Stimme preisen und ihre Hände gefaltet halten. Wenn er herumgeht, folgen sie ihm aufmerksam und zeigen Respekt.
Immer achtsam und gewissenhaft und befasst, hingebungsvoll und sanft ehrfürchtig werden sie bei ihm bleiben. Nahe des Lehrers werden sie schüchtern mit Körper, Rede und Geist wie eine junge Braut sein, nicht stolzierend oder träge, nicht Partei ergreifend, nicht schmeichelnd, nicht hinterlistig, nicht scheinheilig, weder öffentlich noch privat zeigen sie Anziehung oder Ablehung gegenüber seinen nahen und entfernten Verwandten.
Wenn sie wohlhabend sind, machen sie ihrem Lehrer Gaben, oder durch Körper und Rede dienen sie ihm, würdigen ihn, respektieren ihn; oder entlassen ihr Vertieftsein in dieses Leben aus ihrem Geist, sodass sie ihn durch ihre persönlichen Leistungen erfreuen.
Wenn andere schlecht von ihm sprechen, werden sie ihre Anschuldigungen zurückweisen. Wenn sie nicht in der Lage sind, dies zu tun, denken sie immer wieder an seine Qualitäten, schließen ihre Ohren und geben ihm mitfühlende Unterstützung. Sie werden keine Worte verwenden, die ihm nicht zusagen.“

Die Beziehung zwischen einem tantrischen Lehrer und Schüler ist nicht unbedingt bequem. Der Lehrer ist leere Form. Es gibt keine Sicherheit in der Beziehung mit dem Lama. Obwohl er auf der Formebene Beständigkeit darstellt, ist es für die Herzensverpflichtung nicht notwendig, den Schüler mit der Möglichkeit der Erfahrung der Nondualität zu unterstützen. Der Schüler wird leer durch den persönlichen Ausdruck des Lehrers. Der Lehrer erscheint als die Formeigenschaft der Leerheit und der Schüler manifestiert sich als die Leerheitsqualität der Form. Daher ist Übertragung möglich. Kein Wurzel-Lama, keine Übertragung.

Diese Belehrung entstammt einer längeren Auslegung der 14 tantrischen Wurzelgeblübde durch den Ngakpa Ga’wang. Der englische Originaltext kann von www.nyingma.com heruntergeladen werden.

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