Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Dezember 2011

Fünfzig Verse der Hingabe an den Guru

(Skt: Gurupancashika; Tib: Lama Nga-chu-pa)

Vom indischen Meister Ashvagosha

Diese Übungen sind ein besonderer Teil des tantrischen Pfades, wie dieser im Buddhismus ausgeübt wird.

  1. Auf angemessene Weise verneige ich mich vor den Lotusfüßen meines Gurus, der die Ursache für mich ist, den Zustand des glorreichen Vajrasattva zu erlangen. Daher werde ich alles zusammenfassen und kurz erklären, was in vielen makellosen tantrischen Texten über die Hingabe an den Guru gesagt wird. Daher hört respektvoll zu.
  2. Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in jedem Land in den zehn Richtungen verweilen, haben die tantrischen Meister, von denen sie die höchten Einweihungen erhalten haben, verehrt. Ist es daher notwendig zu bemerken, dass ihr dies auch sollt?
  3. Dreimal am Tag, mit höchstem Vertrauen, soll man dem Guru, der einem den tantrischen Pfad gelehrt hat, mit zusammengelegten Handflächen, einem Mandala-Opfer wie auch einem Blumenopfer und Niederwerfungen zu seinen Füßen, Respekt erweisen.
  4. Jene, die die Gelübde der Ordination halten, sollten, wenn ihr Guru ein Laie oder nachrangig ist, in der Öffentlichkeit sich vor solchen Dingen wie seinen Schriften verneigen, um weltliche Verachtung zu vermeiden. Aber in ihrem Geist verneigen sie sich vor ihrem Guru.
  5. Um dem Guru zu dienen und ihm Respekt zu zeigen, wie eben das befolgen, was er sagt, aufstehen wenn er kommt und ihm seinen Platz anweisen – dies sollte auch von jenen mit den Gelübden der Ordination ausgeführt werden deren Guru Laien oder nachrangig sind. Aber öffentlich sollte man Niederwerfungen oder unorthodoxe Handlungen wie das Waschen seiner Füße vermeiden.
  6. Gemäß den Vajra-Gelübden, die weder der Guru noch der Schüler vernachlässigen sollten, muss es eine gegenseitige Prüfung vorher geben, damit jeder sich entschließen kann eine anständige Guru-Schüler-Beziehung einzugehen.
  7. Ein Schüler mit Verstand wird nicht jemanden als seinen Guru annehmen, dem es an Mitgefühl mangelt oder der ärgerlich, lasterhaft oder überheblich, besitzergreifend, undiszipliniert oder prahlerisch mit seinen Kenntnissen ist.
  8. Ein Guru sollte beständig in seinen Handlungen sein, kultiviert in seiner Rede, weise, geduldig und ehrlich. Er sollte weder seine Fehler verheimlichen, noch vorgeben Eigenschaften zu besitzen, die er nicht hat. Er sollte ein Fachkundiger in der Bedeutung der Tantras sein und in den rituellen Abläufen der Heilkunst und dem Abwenden von Hindernissen. Ebenso sollte er über liebende Güte verfügen und ein vollständiges Wissen der Schriften.
  9. Er sollte ebenfalls die vollständige Erfahrung in den zehn Feldern haben, geschickt im Zeichnen von Mandalas sein, die vollständige Kenntnis darin, wie man Tantras erklärt, unübertroffenes Vertrauen und seine Sinne vollständig unter Kontrolle.
  10. Nachdem man ein Schüler eines solch beschützenden Gurus geworden ist, und falls man ihn von Herzen verachten würde, wird man beständiges Leiden ernten, als ob man alle Buddhas herabgesetzt hätte.
  11. Wenn man so dumm ist, den eigenen Guru zu verachten, wird man sich ansteckende Krankheiten zuziehen und auch solche, die von Quälgeistern verursacht sind. Man wird eines schrecklichen Todes sterben, verursacht von Dämonen, Plagen oder Gift.
  12. Man wird von niederträchtigen Königen oder von Feuer getötet, durch giftige Schlangen, Wasser, Hexen oder Banditen, durch Quälgeister oder Wilde und dann in einer Hölle wiedergeboren werden.
  13. Niemals soll man den Geist des Gurus stören. Sollte man wirklich so dumm sein und dies machen, dann wird man gewiss in einer Hölle kochen.
  14. Welch fürchterliche Höllen auch gelehrt wurde, wie die Avici-Hölle, die Hölle des ununterbrochenen Leidens, so wird klar erklärt, dass diejenigen, die ihren Guru verachten dort für eine sehr lange Zeit verbleiben werden.
  15. Deshalb sollte man sich von ganzem Herzen anstrengen, seinen tantrischen Meister niemals herabzuwürdigen, der keinen Aufwand in seiner großen Weisheit und Tugend macht.
  16. Wenn man aus einem Mangel an Gewahrsein respektlos seinem Guru gegenüber war, sollte man ihm ehrerbietig ein Opfer darbringen und ihn um Vergebung bitten. Dann werden einem solche Qualen und Plagen in Zukunft nicht befallen.
  17. Es wurde gelehrt, dass man dem Guru, dem man die Vajra-Gelübde geschworen hat ihn als Meditationsgottheit zu visualisieren, bereitwillig die eigene Frau, die eigenen Kinder und sogar das eigene Leben opfern sollte, obwohl dies nicht einfach wegzugeben ist. Besteht eine Notwendigkeit, den eigenen flüchtigen Wohlstand zu erwähnen?
  18. Solch eine Opferpraxis kann die Buddhaschaft an einen eifrigen Schüler sogar in einer einzigen Lebensspanne übertragen, welche ansonst möglicherweise selbst zahllosen Millionen von Zeitaltern schwierig zu erlangen ist.
  19. Die Vajra-Gelübde sollte man immer halten. Immer sollte man den Erleuchteten Opferungen darbringen. Man sollte seinem Guru ebenfalls immer opfern, da er allen Buddhas gleich ist.
  20. Jene, die den unerschöpflichen Zustand des Weisheitskörpers eines Buddhas zu erlangen wünschen, sollten ihrem Guru alles geben, was auch sie als erfreulich empfinden, von den unbedeutenden Objekten angefangen bis zu jenen von bester Qualität.
  21. Dem eigenen Guru zu opfern ist dasselbe wie allen Buddhas beständig Opferungen darzubringen. Durch solch ein Geben wird viel Verdienst angesammelt. Durch solche eine Ansammlung entsteht die höchst mächtige Verwirklichung der Buddhaschaft.
  22. Daher sollte ein Schüler mit den guten Eigenschaften des Mitgefühls, der Großzügigkeit, der ethischen Disziplin und der Geduld seinen Guru niemals verschieden von Buddha Vajradhara ansehen.
  23. Wenn man nicht einmal auf den Schatten des Gurus treten sollte, weil dies fürchterliche Folgen wie beim Zerstören eines Stupa hätte, ist es dann noch notwendig zu bemerken, niemals auf oder über seine Schuhe oder seinen Sitz zu steigen, oder auf seinem Platz zu sitzen oder auf seinem Reittier zu reiten?
  24. Ein Schüler mit großem Einfühlungsvermögen sollte die Worte seines Gurus freudig und mit Begeisterung befolgen. Wenn es einem an Kenntnis oder Fähigkeit mangelt, dies auszuführen, dann sollte man dies mit höflichen Worten erklären, warum man dem nicht nachkommen kann.
  25. Aufgrund des Gurus kommen alle machtvollen Verwirklichungen, höheren Wiedergeburten und alles Glück herbei. Daher sollte man von ganzem Herzen sich bemühen, niemals die Anweisungen des Gurus zu übertreten.
  26. Man soll die Gegenstände des Gurus wie das eigene Leben behüten. Selbst der geliebten Familie des Gurus begegnet man mit demselben Respekt wie ihm selbst. Man hat denselben Respekt vor jenen, die ihm nahe sind, als ob sie zur eigenen Verwandtschaft gehören würden. Einsgerichtet denkt man auf diese Art die ganze Zeit.
  27. Niemals soll man auf demselben Bett oder Platz wie der Guru sitzen, noch sollte man vor ihm hergehen. Bei den Belehrungen trägt man das Haar nicht hochgebunden, noch hat man einen Hut auf, Schuhe an oder trägt Waffen bei sich. Niemals berührt man einen Sitz bevor er sich niedergesetzt hat oder falls er sich auf den Boden niederlässt. Man steht nicht mit den Händen stolz auf die Hüften gestützt oder mit verschränkten Händen vor ihm.
  28. Niemals sitzt man oder lümmelt man herum, während der Guru steht, noch liegt man, während er sitzt. Man ist immer bereit aufzustehen und ihm geschickt in ausgezeichneter Weise zu dienen.
  29. In der Gegenwart des Gurus macht man niemals solche Dinge wie Spucken, Husten oder sich Schnäuzen ohne den Kopf zu bedecken. Niemals streckt man die Beine aus, wenn man sitzt, noch schreitet man ohne Grund vor oder hinter ihm oder streitet mit ihm.
  30. Niemals massiert oder reibt die eigenen Gliedmaßen. Man singt nicht, tanzt nicht oder spielt Musikinstrumente aus anderen Gründen als für religiöse Zwecke. Und niemals tratscht man eitel oder spricht übermäßig oder zu laut in Hörweite des Gurus.
  31. Wenn der Guru den Raum betritt, erhebt man sich vom Sitzplatz und verneigt sich leicht. In seiner Gegenwart sitzt man respektvoll. In der Nacht, bei Flüssen oder auf gefährlichen Pfaden kann man mit der Erlaubnis des Gurus vor ihm hergehen.
  32. Im unmittelbaren Blickfeld des Gurus sollte ein Schüler mit Verstand nicht verdreht mit seinem Körper dasitzen, noch sich gegen Säulen oder ähnliches lehnen. Niemals sollte man mit seinen Gelenken knacken, noch mit seinen Fingern spielen oder seine Nägel reinigen.
  33. Wenn man die Füße oder den Körper des Gurus wäscht, ihn abtrocknet, massiert oder rasiert, beginnt man dies mit drei Niederwerfungen und am Ende macht man dasselbe. Dann wendet man sich selbst zu so wie man mag.
  34. Sollte man den Guru bei seinem Namen nennen müssen, dann fügt man dahinter „Eure Gegenwart“ (= Ehrwürdiger) an. Um Respekt bei anderen für ihn zu erwecken, kann man weitere Ehrbezeichnungen verwenden.
  35. Wenn man den Guru um Rat fragt, bekundet man zuerst den Grund des Kommens. Mit zusammengelegten Händen am Herzen, hört man zu, was er sagt, ohne den Geist abschweifen zu lassen. Dann, wenn er gesprochen hat, sollte man antworten: „Ich werde es genauso machen, wie Ihr gesagt habt.“
  36. Nachdem man getan hat, was der Guru einem gesagt hat, berichtet man in höflichen, sanften Worten, was sich ereignet hat. Sollte man gähnen oder husten, sich räuspern oder in seiner Gegenwart lachen müssen, bedeckt man den Mund mit der Hand.
  37. Wenn man wünscht, eine bestimmte Belehrung zu erhalten, bittet man dreimal mit zusammengelegten Händen, während man auf dem rechten Knie vor ihm kniet. Bei seinen Ausführungen sitzt man demütig und respektvoll, trägt eine angemessene Kleidung, die ordentlich und sauber ist, ohne Schmuck, Juwelen oder Kosmetika.
  38. Was immer man auch macht, um dem Guru zu dienen oder ihm Respekt zu erweisen, sollte niemals mit einem überheblichen Geist gemacht werden. Stattdessen sollte man wie eine frisch verheiratete Braut, scheu, schüchtern und sehr unterwürfig sein.
  39. In Gegenwart des Gurus, der einem den Pfad lehrt, sollte man eitles, kokettes Gehabe beenden. Statt vor anderen zu prahlen, was man alles für seinen Guru getan hat, sollte man sein Verhalten überprüfen und all solches Gehabe verwerfen.
  40. Wenn man gebeten wird, eine Segnung durchzuführen, eine Einweihung in ein Mandala zu geben, eine Feuer-Puja auszuführen oder Schüler zu versammeln und einen Vortrag zu halten, sollte man dies nicht machen, wenn der Guru sich in der Gegend aufhält, außer man erhält vorher seine Erlaubnis.
  41. Welche Opferungen man durch das Ausführen solcher Riten wie die Segnung, die bekannt ist als das „Öffnen des Auges“, auch erhält, man sollte diese alle dem Guru darbringen. Wenn er sich dann einen bestimmten Anteil genommen hat, kann man selbst den Rest für was man immer auch möchte verwenden.
  42. In Gegenwart des Gurus sollte ein Schüler nicht wie ein Guru zu seinen eigenen Schülern verhalten und sie sollten sich nicht wie zu ihrem Guru verhalten. Daher sollte man vor seinem eigenen Guru die Schüler stoppen, einem Respekt zu zeigen, indem sie aufstehen oder Niederwerfungen machen.
  43. Wenn man dem Guru eine Opfergabe darbringt oder der Guru einem etwas schenkt, dann wird ein Schüler mit Verstand dieses Schenken und Erhalten machen, indem er beide Hände benutzt und seinen Kopf leicht beugt.
  44. In all seinen Handlungen ist man eifrig, wachsam und achtsam vergisst man niemals die Vajra-Gelübde. Wenn Schüler in ihrem Verhalten das übertreten, was angebracht ist, dann korrigiert man sich auf freundliche Weise.
  45. Wenn man aufgrund von Krankheit körperlich nicht in der Lage ist, sich vor seinem Guru zu verneigen und man etwas machen muss, was normalerweise verboten wäre, selbst ohne seine ausdrückliche Erlaubnis, werden keine unglücklichen Konsequenzen auftreten, wenn man einen tugendhaften Geist hat.
  46. Eigentlich müsste noch viel mehr gesagt werden. Man macht, was immer den Guru erfreut und vermeidet alles, was er nicht mag. In diesen beiden ist man eifrig.
  47. „Machtvolle Verwirklichungen erfolgen aus dem, was der Guru mag.“ Dies wurde von Buddha Vajradhara selbst gesagt. Dies wissend, versucht man den Guru mit allen Handlungen von Körper, Rede und Geist vollständig zu erfreuen.
  48. Nachdem ein Schüler Zuflucht zu den Drei Juwelen genommen und eine reine erleuchtete Absicht entwickelt hat, sollte er sich diesen Text zu Herzen nehmen, wie man von dem eigenen arroganten Ich-Streben ablässt und seinem Guru in seinen Fußstapfen entlang des Stufenpfades zu Erleuchtung folgt.
  49. Durch das Studieren der grundlegenden Übungen der Guru-Hingabe und des Stufenpfades, sowohl im Sutra als auch im Tantra, wird man ein geeignetes Gefäß werden, um den reinen Dharma zu halten. Es können einem dann solche Belehrungen wie Tantra gegeben werden. Nach dem Erhalten der entsprechenden Einweihungen spricht man die 14 Wurzelgelübde laut aus und nimmt sie sich ernsthaft zu Herzen.
  50. Da ich nun nicht den Fehler gemacht habe, dieser Niederschrift meine persönliche Auslegung hinzuzufügen, möge dies von unendlichem Nutzen für alle Schüler sein, die ihrem Guru folgen. Durch den grenzenlosen Verdienst, den ich auf diese Weise angesammelt habe, mögen alle fühlenden Wesen rasch Buddhaschaft erlangen.

Diese 50 Verse der Guru-Verehrung (Skt: Gurupancashika; Tib: Lama Nga-chu-pa) wurden vom indischen Meister Ashvagosha im 1. Jhdt. unserer Zeitrechnung verfasst. Die Hingabe an den Guru ist die zentrale Praxis am Pfad zur Erleuchtung und daher von größter Bedeutung.

Die Übertragung dieser Verse aus dem Englischen ins Deutsche wurde vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) im Jahr des Eisen-Tigers (2010) in Ngakpa-Zentrum Lhündrub Chödzong nahe der drei Bergspitzen vorgenommen. Da der Text auch in Englisch vorliegt, können etwaige Verständnisprobleme rasch geklärt werden. Der Text ist frei von Fehlern, aber die Unklarheiten in der Übersetzung sind auf die mangelnden Sprachkenntnisse des Übersetzers zurückzuführen. Möge Nutzen für alle Wesen aus diesem Text entstehen.

Sarva Mangalam!

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