Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. Dezember 2011

Große Leerheit

Obwohl  alle im Hinayana, Mahayana und Vajrayana dasselbe Wort – Leerheit oder große Leere (shunyata) – benutzen, hat dieses Wort in jedem Yana (Fahrzeug) eine verschiedene Bedeutung.

Hinayana

Entsprechend den Lehren der Vaibhasika und Sautantrika im Hinayana ist das „Selbst“ der Geist des Ich. Leerheit ist die „Ichlosigkeit des Selbst“.  Im Hinayana wird der Begriff „Pudgala-nairatmya“ (Ichlosigkeit des Selbst) anstelle von Leerheit benutzt, obwohl der Begriff in einigen der Shastras verwendet wird.

Mahayana

Alle Lehren des Mahayana umfassen die zwei Lehren der Yogacara oder der „Nur-Geist-Schule“ und des Madhyamika  oder des „Mittleren Weges“. Gemäß der Sicht der Yogacara ist Leerheit sowohl die Leerheit des „Objekts, nach dem gegriffen wird“ wie auch des „Geistes, der nach dem Objekt greift“. Innerhalb des Yogacara gibt es zwei Abteilungen; die Nur-Geist-Schule, die die Sinneswahrnehmung für wahr hält und die Nur-Geist-Schule, die die Sinneswahrnehmung für falsch hält. Entsprechend der ersten Abteilung sind all die verschiedenen äußeren Phänomene und das Bewusstsein wahre Aspekte des Geistes. Gemäß der zweiten Abteilung sind alle äußeren Phänomene verblendete Gewohnheiten und das Bewusstsein ist nicht wahr, da der Geist getäuscht ist; die Selbstnatur sowohl der Phänomene wie auch des Bewusstsein ist Täuschung.

Innerhalb des Madhyamika gibt es ebenfalls zwei Abschnitte: die Madhyamika -Sautantrika und die Prasangika-Madhyamika. Gemäß der Sautantrika sind sowohl die verschiedenen äußeren Phänomene wie auch der Geist, der diese Aspekte wahrnimmt nicht wahr, sondern einfach Erscheinungen. Absolute Realität ist das, dass es keine inhärente Essenz des Geistes gibt, die erkennt.

Entsprechend der Prasangika ist Leerheit die Leerheit von den „vier oder acht Extremen“. Gemäß diesem System erscheinen alle Phänomene aufgrund des „abhängigen Entstehens“ und sind „frei von den Aktivitäten der vier oder acht Extreme“. Die vier Extreme sind: unbeständig, nicht unbeständig, nicht existent, nicht nicht-existent. Die acht Extreme sind: ungehindert; ungeboren; unaufhörlich; unbeständig; nicht kommend; nicht gehend; Merkmale besitzend, die nicht ausgeprägt oder verschieden sind; Merkmale besitzend, die nicht nicht-ausgeprägt oder nicht-verschieden sind. Frei von diesen vier oder acht Extremen zu sein, ist Leerheit.

Vajrayana

Entsprechend der Vajrayana-Lehren der Nyingmapas gibt es drei Hauptübungen: Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga. Die Hauptpraxis des Mahayoga ist die Meditation auf die „große Leerheit untrennbar von Lichtheit“ in der Praxis der Erzeugungsstufe (Kyerim) und der Vollendungsphase (Dzogrim). Große Leerheit gemäß dem Mahayoga ist die große Leerheit der Lichtheit. Die Hauptpraxis des Anuyoga ist die Meditation auf die „große Leerheit untrennbar von Glückseligkeit“. Große Leerheit gemäß dem Anuyoga ist die große Leerheit der Wonne. Die Hauptpraxis des Atiyoga ist die Meditation auf die „große Leerheit untrennbar vom natürlichen Geist oder Gewahrsein (rigpa)“. Große Leerheit gemäß dem Atiyoga ist die große Leerheit des natürlichen Geistes oder Gewahrseins.

Diese Übersicht über die drei Fahrzeuge wurde von Thinley Norbu verfasst und entstammt dem Buch „The Small Golden Key“. Möge diese Übersicht für die Praktizierenden hilfreich sein.

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