Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Januar 2012

Ahnenverstrickungen lösen – Auf dem Weg zur Individuation

Menschen verbringen den größten und wichtigsten Teil ihres Lebens in Beziehungen. Aus diesen erwachsen ihnen aber auch die größten Probleme. Unsere schnelllebige Zeit lässt uns oft nur oberflächliche Techniken anwenden, um ein Problem zu beheben.
Viele Schwierigkeiten und Probleme sind durch das eigene Verhalten verursacht und können daher nicht mit Hilfe von Patentlösungen bearbeitet werden. Oftmals sind in den Gemeinschaften auch sog. „Ko-Abhängigkeiten“ entstanden. Die Missstände sind miteinander vernetzt.
Damit wir uns aus diesen Verstrickungen befreien können, ist es notwendig, unser eigenes Potential zu erkennen. Wir begreifen dadurch unseren eigenen Wert und unseren Platz im Leben.
Die Ahnen bieten dem Individuum den nährenden Urgrund für das Erleben der Welt. Der individuelle Erlebnisfokus, das Erfahrungszentrum wird oftmals „Seele“ genannt. Damit diese Seele, dieser geistig-emotionale Erlebnisraum sich frei entfalten und seinem Daseinsauftrag nachkommen kann, benötigt er einerseits Rahmen und andererseits Perspektive. In diesem Erlebnisrahmen erkennt man als Individuum die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Allerdings  sind diese Grenzen über das „Ahnenkarma“ – das geistig-emotionale Tun – und durch soziale Gewohnheiten definiert, sodass wir alle, wenn wir ein ernsthaftes Wachstum zu unserer wahren Bestimmung anstreben, dieses Ahnenkarma lösen müssen.

Ahnen – Ursprung der Identifikation

Den Ahnen wurde in vielen alten Kulturen ein besonderer Platz zugewiesen. Die noch lebenden Alten wurden entsprechend versorgt, im Gegenzug profitierte die jüngere Generation von ihrem Wissen und ihrer Weisheit. Die bereits verstorbenen Ahnen wurden geehrt und in Erinnerung behalten. Teils war dies aus Ehrfurcht vor ihnen, manchmal auch aus Angst vor ruhelosen Geistern. Begräbnisrituale und Totengedenken hatten auch als Erinnerung an die eigene Sterblichkeit einen hohen Stellenwert.
Manchmal konnte es allerdings schon vorkommen, dass die verstorbenen Ahnen ruhelos umherzogen und befriedet werden mussten. Diese Aufgabe kam dann dem Schamanen zu, der bei seiner Einweihung selbst in das Reich des Todes hinab stieg. Im Ritual hatte er nun mit den Geistern in Kontakt zu treten und die Ordnung zwischen den Lebenden und Toten wieder herzustellen, die Totengeister zu befrieden und die Lebenden zu entsprechenden Opferhandlungen aufzufordern.
Ahnen sind unsere Vorfahren. Jeder ist die Essenz seiner Ahnen. Ohne deren Opferung von essenzieller Lebenskraft wäre unsere individuelle Existenz nicht möglich. Sie sind daher als unsere Wurzeln zu betrachten.
Die Ahnengeschichte stellt eine lange Kette von Verbindungen dar, bei der das Individuum den jeweils vorläufigen Endpunkt dafür darstellt, bis es Nachkommen hat.
Aus spiritueller Sicht gehen wir davon aus, dass unsere Identität nicht nur auf unsere genetischen Ahnen beschränkt bleiben kann. Wir müssen auch die Einflüsse aus der Entwicklungsgeschichte der nichtmenschlichen Reiche der Schöpfung sowie von allen Bereichen der Kunst, Politik, Wissenschaft und Kultur berücksichtigen. Sie alle formen an der Identität mit.
Bei Ahnen handelt es sich zunächst um die unmittelbaren Vorfahren, die man selbst erlebt und kennt. Die Eltern sind die Schlüsselfiguren zum Individuum, da ihr Zusammenwirken die „Gestalt des Individuums“ hervorgebracht hat. Diese Ahnenreihe verfolgt man über die Großeltern und Urgroßeltern noch leicht zurück, da man diesen häufig auch noch begegnet ist. Je weiter die Zeiträume zurückliegen, umso mehr verläuft der persönliche Kontakt, und die Identifikation mit den Entscheidungen und Taten dieser Vorfahren wird immer subtiler und weniger greifbar. Die Ausrichtung der Erinnerung an die eigenen Wurzeln wurde auf einen alles umfassenden und hervorbringenden Urgrund gerichtet.
In der Form der Rückbindung erkennt man bereits zwei Arten von Ahnenwesen. Die personalen Ahnen sind jene, die für unsere unmittelbare Identität mit den uns bekannten Ich-Strukturen herangezogen werden. Diese personalen Vorfahren sind unsere Eltern, Großeltern und ev. Urgroßeltern; eben all jene Familienmitglieder, die wir persönlich gekannt haben, deren Entscheidungen und Taten wir miterlebt haben.
Die transpersonalen Ahnen sind all jene, die im Dunkel der Sippengeschichte verschwinden, aber auf die wir uns geistig beziehen. In archaischen Kulturen beinhaltet dies auch Tiere, Pflanzen, Steine und sogar Landschaftsformationen (speziell Berge oder Gewässer).
Besinnt man sich wieder auf die eigenen Wurzeln, respektiert die Herkunft und den bisherigen Fluss des Lebens in Demut und Barmherzigkeit, dann tritt man wieder in die Kraft des Lebens ein. Die „Schutzgeister“ (= wohlwollende Sicht der Ahnen) können ihre Wirkung vom namenlosen Ursprung bis in die Gegenwart entfalten.

Wechselseitige Abhängigkeit im System

Alle Objekte entstehen in Abhängigkeit von Ursachen, Bedingungen, von ihren Teilen und dem benennenden Bewusstsein. Betrachten wir ein Gebäude, dann sehen wir darin eine Ansammlung aus verschiedenen Teilen – Ziegel, Glas, Stahl, Holz etc. Neben einer Anhäufung von Baustoffen ist ein ordnendes, auf Funktionales ausgerichtetes Bewusstsein notwendig, dass diesem Ganzen eine sinnhafte Bedeutung und einen Begriff gibt. Weiters muss eine Grundlage für den Bau eines Gebäudes – Baugrund – vorhanden sein und Motive für Planung und Bau mitwirken. Wiederum sind die beteiligten Bestandteile von weiteren Ursachen, Bedingungen etc. abhängig.
Vergleichbar dazu gibt es in einem Familiensystem auch die Systembestandteile, das sind die Familienmitglieder und als Organisationskraft jene Kraft, wie die einzelnen Familienmitglieder untereinander in Beziehung treten. Dabei spielen die internalisierten Lebenshaltungen und Vorstellungen der Familienmitglieder eine große Rolle. So kann aufgrund einer früher erlittenen sozialen Verletzung eines Familienmitglieds das System so beeinträchtigt werden, dass die anderen Familienmitglieder ihren Platz im System nur mangelhaft einnehmen können und so die Kraft ihrer Individualität nicht zum Tragen kommt. Sie wirken als Kompensatoren für dieses eine Familienmitglied.

Intimität und Bezugnahme

Intimität ist ein Zustand tiefster Vertrautheit. Intimität herrscht in der Intimsphäre – einem persönlichen Bereich, der durch die Anwesenheit ausschließlich bestimmter oder keiner weiteren Personen definiert ist und Außenstehende nicht betrifft. Die Intimsphäre und damit die Intimität werden durch Indiskretion verletzt. Eine Verletzung der Intimität kann Personen seelisch instabil machen. Solch eine Verletzung geschieht bei einem Trauma. Daher ist es ebenfalls von Bedeutung, in der Aufarbeitung seelische und NICHT körperliche Nähe zu erlauben. Den Grad der Nähe und das Maß der Intimität bestimmt dabei der Klient.
In dem Maß, wie sich jemand seiner Wunde nähert, beginnt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu wachsen.

Herkunft – Lösung – Sosein

Das Wort „Herkunft“ beschreibt eine Kraft, die wo herkommt. Die Ahnen sind eben eine Herkunft. Was wirkt nun aber alles zusammen, damit das Individuum entsteht und auch weiter bestehen kann? Zunächst sind die Eltern und die Großeltern als die unmittelbaren Vorfahren für eine körperliche und psychosoziale Identifikation wichtig. Der Zeugungsakt ist für die körperliche Gestaltung und Ausformung selbstverständlich. Doch sind wir dies wirklich? Gemäß der buddhistischen Sichtweise sind wir mitnichten unsere Ahnen, sondern diese stellen die so genannten „roten und weißen Tropfen“ für die Inkarnation bereit. Grundlegend sind wir jener Bewusstseinswind, jenes Selbstgewahrsein, das aufgrund von Gewohnheiten die Geburt ergreift. So gesehen sind wir von Anbeginn eigentlich frei von den Lasten unserer Ahnen. Aufgrund von Bezugnahme, die eigentlich aus der Hingabe an unsere soziale Umgebung entspringt, verstricken wir uns mit den Ahnen. Erinnern wir uns wieder an unsere grundlegende Freiheit, an unser innewohnendes Gewahrsein, dann ist Freiheit präsent.

Wie Ordnen und Lösen geschieht, werde ich in einem folgenden Beitrag darstellen. Wenn Sie bis dahin einen Bedarf an der Findung Ihres Platzes im System haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. (mailto:enricokosmus[at]gmail.com)

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Responses

  1. ……………Totengedenken……., man hört ja, und liest sehr oft, wie Menschen sterben, welchen Gesichtsausdruck sie dabei haben, manche sollen sogar lächeln,…… ich bin bei meiner Mutter gesessen als sie starb, sie hat nicht gelächelt als sie starb, ich war damals ja noch recht jung und hab selbst zwei ganz kleine Kinder gehabt, die Frage warum meine Mutter damals nicht glücklich war als sie von dieser Welt gegangen ist, hat mich jahrelang beschäftigt,……….. hab mit Menschen darüber geredet – gelesen – zugehört, die Antwort darauf hab ich ja immer gewußt, nur hab ich es verdrängt, ich hab damals meine so junge Mutter – nur als Mutter gesehen – sie war in erster Linie aber eine Frau (schöne große Frau), der einzige Ausweg in ihrer Situation war an Krebs zu sterben – ich für mich hab aber nicht vor so jung zu sterben!
    ……………. und wenn ich sterbe irgendwann, dann möcht ich lächeln und sagen, es war eine schöne Zeit……………………..


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