Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. März 2012

Niemand, der böse ist, ist dabei wirklich glücklich… (Teil 2)

Doppelte Botschaften als Ausdruck von systemischen Verletzungen und wie Sie Ihre Beziehungen klären können

Welten-Zwang

Um in diese Zwickmühle zu geraten, muss zwischen den beiden Kommunikationspartnern eine intensive Beziehung bestehen. Außerdem darf die wahre Bedeutung der Botschaft logisch nicht entscheidbar sein. Weiters ist es verboten, über die Kommunikation zu reden. Wird dieser Versuch unternommen, die Verwirrung anzusprechen, wird dies als ungehorsam bewertet und/oder als verrückt abgetan. Schließlich muss ein Abhängigkeitsverhältnis bestehen. Z.B. ein Kind kann sich aus dem Rahmen der Familie NICHT zurückziehen.

Systemische Verletzungen

Wird die Unterscheidungsfähigkeit in einem System konsequent unterdrückt, pflanzen sich die bereits bestehenden systemischen Verletzungen fort. Bedeutsam für das Entstehen von paradoxen Kommunikationsmustern ist die Verweigerung der Beziehung. Dadurch kontrolliert der Verweigerer die Bezugnahme.
Die Ursache dafür liegt in bereits erlittenen schwierigen Beziehungen; meist über das Eltern-Kind-Verhältnis. Systemische Traumata und Verletzungen werden in der Familie nicht aufgearbeitet und so über Generationen unbewusst weitergegeben.
Zusätzlich traumatisieren Doublebinds (Doppelbindungen), da der Empfänger keine Möglichkeit hat, über seine Wahrnehmungen und sich selbst Klarheit zu erlangen. Die Entwicklung der Persönlichkeit wird auf diese Weise gestört. Der Empfänger kann keine Bewusstheit über sich selbst entwickeln, wenn er jedes Mal glauben muss, anders zu sein, als er sein sollte und dies noch dazu immer falsch fühlt.
Das Resultat von Doppelbindungen sind fatale Beziehungsschwierigkeiten. Häufig halten sich die Betroffenen nicht für beziehungsfähig. In Extremfällen kann dies zu Schizophrenie, Psychosen etc. führen. Doch man kann aus diesen Doppelbindungen in der Beziehung erfolgreich aussteigen lernen.

Entfremdung als Antwort auf Leid

Zunächst ist wichtig, die Doublebinds in der Kommunikation zu erkennen. Die unbewussten Regeln der paradoxen Kommunikation müssen zunächst erkannt werden. Dabei ist zu bedenken, dass die Existenz solcher Regeln häufig bestritten wird. Betrachten wir zunächst die Regeln für das Funktionieren von Doppelbindungsstrukturen.
Die erste Regel besagt, dass die Spielregeln allmächtig sind und der Einzelne keine Macht hat. Unsichere, ängstliche Menschen, die in ihren Herkunftsfamilien gelernt haben, negative Gefühle zu leugnen und Konflikte zu vermeiden, gehen sehr leicht in Resonanz zu einander. Die Kommunikation erfolgt symmetrisch, d.h. gleichklingend und ohne Disharmonien.
Weiters dürfen negative Gefühle nicht sein. Die zweite Regel verlangt eine Leugnung von negativen Empfindungen. Die Unterschiedlichkeit in einem System fördert die Entwicklung. Hat ein Paar Angst vor Entwicklung, dann wird diese Unterschiedlichkeit unterdrückt, damit der Familienfriede gewahrt bleibt. Die Beziehung erfolgt auf Kosten der Differenzierung, und es gestaltet sich eine Pseudo-Gemeinschaft.
Diese symmetrischen Pseudo-Gemeinschaften führen zu einer zwangsweisen Gleichheit. Die dritte Regel besagt, dass niemand eine eigene Position einnehmen darf. Auf diese Weise bleiben die Beziehungspartner emotional voneinander getrennt und auf stereotype Rollen fixiert. Oberflächlich scheint eine Übereinstimmung gegeben zu sein, doch insgeheim sind sie geteilter Ansicht. Auf diese Weise werden inkongruente Botschaften gesendet, was zu widersprüchlichen Bezugsbildern führt.
Diese stereotypen Rollen dürfen nicht verändert werden und die Beziehungsmuster müssen gleich bleiben. Dies formuliert die vierte Regel, bei der nichts verändert werden darf, da es sonst als Bedrohung gewertet wird. Jedes Systemmitglied ist genötigt, ausnahmslos ALLEN im System zu helfen, an den jeweiligen Rollen festzuhalten.
Der dadurch entstehende Familienmythos lautet dann: „Bei uns ist alles in Ordnung. Es gibt keine Schwierigkeiten.“ Dies ist die fünfte Regel. Jede Gelegenheit, etwas im System zu verändern, wird im Keim erstickt und ist Anlass für die anderen, mit Aggressivität zu reagieren. Dennoch wird immer wieder betont, dass eigentlich alle das Recht auf eigene Meinung und Lebensgestaltung haben. Die Aufmerksamkeit wird daher vorwiegend auf andere gerichtet und es wird über sie geredet.
Über andere darf man also getrost reden, doch offene Auseinandersetzungen in der Familie müssen um jeden Preis verschwiegen werden. Die sechste Regel besagt, dass eigene Positionen um jeden Preis geleugnet oder geächtet werden. Die Rolle des „schwarzen Schafs“, des Sündenbocks ist das Resultat. Das „aggressive Kind“, der „Versager“ sind das Ergebnis unterdrückter Emotionen oder Versagensängste der Eltern. In dieser Etappe werden alle Schwierigkeiten auf den Sündenbock projiziert, er wird dafür getadelt UND gleichzeitig wird ihm vermittelt, dass er nicht fähig wäre, sich zu ändern. Man trägt für die Harmonie und die Ganzheit des Systems.
Schuld ist immer jemand anders! Dies ist die siebte Regel. Da alle gleich sein müssen und die Verantwortung innerhalb des Systems nicht erkannt wird, muss jemand anders außerhalb des Systems dafür schuld sein.
Die achte Regel besagt, dass niemand jemals Bestätigung erfahren darf! Allerdings wird jedem Systemmitglied in Aussicht gestellt, die gewünschte Bestätigung eines Tages zu erhalten. Nur wann…
Weiters darf niemand das System verlassen. Dies ist die neunte Regel. Die Spannung, welche sich aus der Botschaft „Ich existiere nicht in Beziehung zu dir“ und der stattfindenden Beziehung ergibt, führt zu einer Spaltung in der Persönlichkeit.
„Sei so, wie du nicht bist!“ – Die Leugnung von Beziehungsschwierigkeiten erfolgt durch Strategien wie einer Abwertung des Beziehungspartners oder seiner Mitteilungen, dem Wechseln des Themas oder der Taktik, wesentliche Bestandteile der Auseinandersetzung zu ignorieren. Dies ist die zehnte Regel.
Die elfte Regel soll ein schlechtes Gewissen im Gegenüber bewirken. Die Klärung von Konflikten ist unmöglich.
Es geht NICHT darum, etwas richtig oder falsch zu machen! Wichtig ist, NIEMALS die Kontrolle zu verlieren und sich dem anderen unterzuordnen. Dies ist die zwölfte Regel. Auf diese Weise bleibt das Spiel aufrecht.

Freundschaft als Lösung

Nachdem Entfremdung die Antwort auf das erlittene, aber geleugnete Leid ist, ist Freundschaft mit sich selbst die Lösung aus diesen paradoxen Verstrickungen. Die Ursache liegt in der Verdinglichung der Selbsterfahrung und des Ich-Fokusses. „Es gibt in den drei Welten nichts Dingliches. Wo wäre da ein Geist zu finden?“
Freundschaft bedeutet Nähe und Hinwendung. Im verletzten System wurden leidhafte Verhaltensmuster in der Bezugnahme als etwas Angeborenes gesehen.  Doch es sind nur Verhaltensmuster!
Die Fähigkeit zum Mitfühlen ist uns aber angeboren. Daher gibt es aus diesem Potential heraus auch die Möglichkeit zur Heilung. Wir können uns wieder vertraut mit uns machen.

Wenn Sie Erfahrugen zum Lösen von Verstrickungen haben, dann würde ich mich über Ihren konstruktiven Kommentar hier freuen.

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Responses

  1. …. elfte Regel – “ SCHLECHTES GEWISSEN“.
    Für mich bedeutet „schlechtes Gewissen“ – das was ich weiß, ist nicht richtig bzw. falsch – schlecht, es gibt kein richtig oder falsch,
    Vielleicht sollte man es durch andere Wörter ersetzen – in einem anderen Menschen ein unangenehmes Gefühl auslösen – dies sollte man vermeiden, man kann manche Situation aus dem Blickwinkel vom Mitmenschen sehen….. .
    Schlechtes Gewissen gibt es nicht. Unangenehmen Gefühle sind meist auch nur vom Denken gesteuert.

  2. ………… wer bestimmt was böse ist und was nicht………….

    …….. niemand bestimmt was böse ist und was nicht, dieses Gefühl entwickelt sich,… z.B.: man hat “ erfundene “ Situation – zwei Menschen versuchen miteinander zu sprechen – der eine versucht – höfflich irgendwie nett sein Anliegen, vorzubringen – der Gesprächspartner – hat aber selber gerade den Kopf voll, weil an diesem Tag vielleicht schon der dritte höfflich,nett – irgendwas vorbringen wollte – oder noch vor Dienstbeginn ( wollte ja noch einen Kaffeetrinken, mit der eigenen Sekretärin übers Wochenende plaudern, oder vielleicht auch ankommen – sich ruhig hinsetzen – ja und da kommt schon der erste Klient gestürmt) und trotzdem stürmen schon die Klienten rein,………………………. gut Chef is ja auch nur ein Mensch – vom Charakter halt cholerisch – und schlägt einen Ton an ( nicht absichtlich – oder doch – man kann ja in niemanden hineinsehen und Gedanken lesen schon gar nicht ), der verletzend – menschenunwürdig – von oben herab – ( alle Menschen sind gleichwertig – egal welche Schulbildung sie haben, viele Menschen können sich nicht aussuchen _ gehe ich Schule oder arbeiten – heutiges viellfaches Problem ist -Jugendliche MÜSSen Schule gehen …… Eltern wollen, dass es ihren Kindern besser geht – viele Jugendliche suchen dann Ausweg in Drogen – Alkohol – hat auch schon Selbstmorde deswegen gegeben),…….es is scho schlimm mit der Hermi zu sprechen – kommt vom hundertste ins tausende – vom Thema komplett abgekommmen – sorry.

    …… ah, hm… ja ein Geprächspartner will was – dem anderen interessierts halt nicht. Es entsteht kein Gepräch – es ist keine runde Sache – Folge: der Chef hat sein Gefühl herausgelassen – für ihn ist die Sache erledigt.
    ….. der andere war nicht in der Lage sein Anliegen so vorzubringen, dass er verstanden wurde ( er ist halt vom Charakter sensibler – nimmt sich alles zu Herzen – hat nie gelernt sich abzugrenzen – ja gibts viellfach),

    … ja, was bildet sich – in dem Menschen der so niedergemacht wurde, es entsteht ein Gefühl – er ist böse. Dieses Gefühl “ böse“ zu sein, kann man aber auch herauslassen, man muß einfach darüber sprechen, wenn man halt nicht so viel quasselt wie ich, ist das natürlich schwierig – Alternative- einen Zettel nehmen – sein böse sein niederschreiben und ablegen – sich irgendwo ein Platzerl oder Lade suchen und es hineinlegen – das Problem – und irgendwann oder auch nicht, kann mans ja wieder herausnehmen und einen neuen Versuch starten – sein Anliegen an einem anderen Ort vorzubringen – Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu letzt – man kann halt nur hoffen, einen anderen Chef zu erwischen – der vielleicht nicht gerade mit dem linken Fuß aufgestanden ist – oder vielleicht nicht was anbrennen hat lassen – weil halt schon wieder mal wo gesessen und was gelesen hat und deswegen halt grantig.

    Viele Menschen sind halt nicht so sprachlich begabt weder schriftlich noch sprachlich – ja, die sind dann sehr kreativ – die malen vielleicht – oder so oft gehört – die spielen ein Instrument – können so ihren Dampf ablassen und ihr böse sein , aus dem Körper hinauslassen.

    Ja, ich bin halt auch schon Menschen begegnet, die einfach über diesen Dingen stehen, die hören jemanden grantig – herablassend – menschenunwürdig – fühlen sich nicht betroffen – weil das Problem hat ja der Grantige.
    Was bleibt ist halt doch die Hoffnung – dass sich sein Anliegen doch erfüllt – es soll ja Menschen geben, die zwischen den Zeilen lesen können – ja das sind auch Tagträumereien.

    ….. lange Reder kurzer Sinn – es ist total wichtig seine Negativen Gefühle herauszulassen – und wenns sonst nicht anderst möglich – einfach mal laut SCHREIEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    ……………. wenn das Gefühl “ böse “ im Körper bleibt, dann speichert es sich wo ab – oder einfach gesagt – man kann nicht mehr aus ganzen Herzen lachen. ………… es gibt soviele Menschen – die können nicht mehr lachen ……………………. und wenn man sich nicht traut – laut schreien – weil was könnten die Anderen denken – einfach auf einen Berg gehen sich richtig auspowern – dann hat man weder negative Energie in sich noch ist man auf jemanden böse – da spürt man nur Natur – und dann………………………………………………………………………………………………………………………………………………………….. aus!!!!!!!!!!!!!!!

    ……………. wer bestimmt, böse zu sein – NIEMAND bestimmt das – das ist man selber – aber man kann sich selber beobachten – hinterfragen – warum bin ich eigentlich böse – über sich nachdenken -……………….

    so, ich fang jetzt grad mal bei mir an, warum lach ich schon wieder – hab ja keine Kichererbsen gegessen?

    ………….. have a nice day…………………………

    • das rauslassen negativer gefühle ist nichts anderes als das verstärken der bisherigen negativen gewohnheiten. damit folgst du weiterhin deinen gewohnheitsmustern wie du dies schon dein ganzes leben lang gemacht hast. um auszusteigen braucht’s professionelle hilfe!

      • Wenn man die Familienregeln bricht, dann kann es passieren, ausgestossen zu werden. Das macht die Situation für das verstossene Familienmitglied umso trauriger. Eine Rückkehr ist dann meist nicht möglich, es sei denn man unterwirft sich diesen Regeln. In meinem Fall für mich nicht machbar, dann müsste ich das, was alles passiert ist, verleugnen.

  3. „Niemand, der böse ist, ist dabei wirklich glücklich…“

    Wer sagt das? Und: wer bestimmt was böse ist und was nicht?

    • eben! genau das ist die frage, die in doppelbindungen und systemischen verstrickungen nie gestellt wird. die regeln des miteinander – die ethischen parameter – werden nie klar dargelegt, sondern bleiben immer in einem nebel der doppelbindung verborgen.

      • Genau. Und das macht mich und viele einfach „wahnsinnig“!!!!

  4. ………………….Angst vor Entwicklung, Familienfriede………….

    man hört ja doch vielen Menschen zu, findet sich super oft in Anderen wieder, wenn man genauer hinhört gibts es eigentlich den immerwährenden Familienfrieden nicht, weil wenn immer Friede bestünde, würde das eine Diktatur in der Familie sein, da wir aber in einer Demokratie leben, darfs auch mal turbulent zugehen, manche Angelegenheiten gehören einfach ausdiskutiert ( ist aber sooft so schwierig weil …….. nicht zum diskutieren bereit sind, außerdem, hat mal jemand zu mir gesagt, ……… müßen immer das letzte Wort haben), gut wäre natürlich wenn man auch mmit allen Familienmitgliedern befreundet wäre, weil mit Freunden läßt es sich oft leichter reden, bzw. man hört ihnen zu und nimmt Ratsschläge an……….. .

    Wenn vieles in einer Familie nicht ausdiskutiert werden kann, weil es eben so ist wie es ist, dann speichert diese negative Energie im Körper ab, immerwiederkehrende Krankheiten wie husten, halsweh, Gastritis, oder man legts in Form von Speck an den Hüften an, oder man ergreift die Flucht – stundenlanges Radfahren – oder Rauchen – oder………………. .

    ………. sich in einem System unterzuordnen ist sicher nicht erfüllend – wie wär es mit auf gleicher Augenhöhe zu sprechen…. blöd ist nur manche sind etwas kleiner gewachsen, können sich mit Stöckelschuhen nicht wirklich sich anfreunden – was tun – Problem.

  5. Tibetanische Klangschalenmusik……………………:)

  6. ….dein letzter satz ist der wichtigste überhaupt……

  7. und ich dachte schon du schreibst da über meine fünfköpfige kernfamile, aus der ich stamme 😉
    unglaublich, dass es da so „lustige“ muster zum thema systemische verletzungen gibt…

  8. Hallo Enrico, ich habe mich in diesem Bericht erkannt, bin auch das schwarze Schaf der Familie, schon von Kindheit an. Nachdem ich die Beziehung zur Familie abgebrochen hatte, wurde ich für böse und verrückt erklärt. Vielen Dank, dass ich diesen Bericht lesen durfte.

    MfG

    Marita


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