Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. April 2012

…Gewahrsein ist unsere Praxis…

Ein paar Worte und Gedanken von Dzongsar Khyentse Rinpoche anlässlich des Paranirvana seines Vaters Dungse Thinley Norbu Rinpoche schrieb..

Viele von uns, mich eingeschlossen, sind darauf konditioniert, in einer von unseren eigenen Wahrnehmungen geschaffenen Welt zu leben und zu sterben, und fahren damit fort, Bedingungen zu erzeugen, die sicherstellen, dass dieses selbe Spiel sich immer wieder und wieder wiederholt.
Unter unzähligen möglichen Vorstellungen kann Thinley Norbu Rinpoche als eine gewöhnliche Person, ein Vater, ein Lehrer und ein vollkommenes Wesen gesehen werden – eine Vielfalt an Wahrnehmungen, die das Ergebnis des Verdienstes oder des Mangels eines jeden einzelnen Wahrnehmenden ist.
Für Leute wie mich, dessen Begrenzungen mich dazu führen, ihn bloß als meinen Vater zu sehen, ist eure Anteilnahme eine emotionale Stütze.
Für jene unter euch mit „überragenden Eigenschaften“ – oder jene, die das Entwickeln solcher Eigenschaften anstreben – und die fähig sind, Thinley Norbu als ein vollkommenes Wesen zu sehen, ist dies eine weitere Gelegenheit, unreine Wahrnehmung gelassen hinzunehmen und reine Wahrnehmung zu entwickeln, sodass ihr möglicherweise zusammen über die Wahrnehmung hinaus geht.
„Gewahrsein“ ist die quintessentielle Lehre Buddhas – vom Gewahrsein der kühlen Luft, wenn  man einatmet und dann ausatmet, bis zu tiefgründigen Gewahrsein der natürlichen Vollkommenheit. Und mit grenzenlosem Mitgefühl und Mut ist der einzige Zweck und die einzige Aktivität aller Buddhas, die Alarmglocke zu läuten, die uns zu diesem Gewahrsein bringt.
Bei genügend Verdienst kann das Verscheiden dieses großartigen Wesens als das Läuten der Alarmglocke interpretiert werden und eine rechtzeitige Erinnerung an alle Lehren durch die einfache Wahrheit der Vergänglichkeit, den ganzen Weg hinauf bis zur Verwirklichung des ungehinderten Mitgefühls. Daher sollte unser verblendeter Geist, der seine Erscheinung in dieser Welt so würdigt und wertschätzt, auch gleiche Weise sein Entschwinden würdigen und wertschätzen.
Berührend ist von jenen zu hören, die verschiedene Gebete, Rezitationen, Butterlampen und viele andere heilsame Aktivitäten zu dieser Zeit opfern, doch erlaubt mir, mich selbst und alle anderen, die daran interessiert sind zu erinnern, dass keine dieser Praktiken, in denen wir uns gegenwärtig betätigen für ihn sind, sondern für uns selbst. Wie strahlend der Mond am Himmel auch erscheinen mag, wenn der Teich schlammig ist, dann wird der Mond nicht in seinen Wassern sich spiegeln. Auf dieselbe Weise geschieht dies durch die Reinigung von Befleckungen und durch die Ansammlung von Verdienst in unserem eigenen Geist, was uns befähigt, rechtzeitig einen Widerschein des Buddha – vollkommen intakt und niemals getrennt davon – wahrzunehmen.
Daher sollten wir, statt uns selbst mit dem Gedanken zu gratulieren, was wir in dieser besonderen Zeit alles angesammelt haben, einfach im Geist behalten, dass wir dies schon alles gemacht haben – und aus diesem Grund, sollten wir in diesem und in all unseren zukünftigen Leben damit fortfahren. Aber sich vorzustellen, dass unsere Praxis etwas Ähnliches wie eine Unterstützung ist, das dieses großartige Wesen mit den „letzten Riten“ unterstützt, ist definitiv nicht die beste Art.
Ich wurde auch gefragt, welche speziellen Praktiken gemacht werden sollten. Nochmals mag ich wiederholen, dass Achtsamkeit – mit anderen Worten „Gewahrsein“ – unsere Praxis ist. Wir sind ignorante Wesen und als solche benötigen wir beständige Erinnerungen über die Wichtigkeit der Anstrengung, um in diesem Gewahrsein anzukommen. Deshalb sind alle Aktivitäten unseres Gurus – angefangen wenn er gähnt oder hustet bis hin, wenn er erscheint oder dahinscheidet – seine Art der Erinnerung für uns, immer wieder und wieder zur Achtsamkeit zurückzukommen.
Und so lange wir achtsam und gewahr sind, gibt es keine Übung, die besser als eine andere wäre.

Geschrieben in der Gegenwart des Rupakaya des Thinley Norbu und der Erleuchtung aller fühlenden Wesen gewidmet. New York City 2012

Übersetzt ins Englische von Teong Hin Ooi. (english version on facebook)

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