Verfasst von: Enrico Kosmus | 13. April 2012

Über Entsagung: „Benötigt kein wirkliches Opfer…“

Dzongsar Khyentse Rinpoche erklärt, dass Entsagung kein wirkliches Opfer benötigt, weil man nicht aufgeben kann, was nicht wirklich existiert.

Mal ehrlich, wie oft habt ihr Belehrungen zu den grundlegenden Übungen schon gehört? Manchmal sind wir von dieser Information schon etwas abgestumpft. Ein paar von euch kenne ich nun schon 25 Jahre und immer, wenn wir uns trafen, haben wir darüber gesprochen, wie nutzlos Samsara ist. Aber schaut doch, wir hängen noch immer fest. Wir werden noch immer verletzt, wenn wir ein wenig ignorant sind. Wir sind noch immer genervt, wenn uns jemand auf die Zehen tritt. Das passiert einfach, weil wir keinen Entsagungsgeist haben. Wir sind bei den Belehrungen da gesessen, wir haben sie gehört und so viel darüber gelesen, aber wir haben sie uns nicht wirklich zu Herzen genommen. Wirklich – das ist einfach wichtig. Persönlich habe ich das für mich nun aufgegeben, aber wenn ich zumindest darüber spreche, dann wird es ein paar von euch entlang des Weges vielleicht helfen. Wenn ich darüber spreche, bin ich etwas verlegen. Ich bin etwas verlegen, weil wenn ich über verletzt sein, aufgewühlt sein, paranoid sein, unglücklich sein, zufrieden sein oder verärgert sein spreche, gehe ich durch all diese Dinge durch und alles davon ist für mich eine große Sache. Dass ich leicht verärgert und aufgewühlt bin zeigt, dass ich keinen Entsagungsgeist habe. Entsagung ist in gewisser Weise sehr einfach: wir haben einen Geist der Entsagung, wenn wir erkennen, dass all das keine große Sache ist. Jemand tritt einem auf die Zehen – was ist das schon für eine Geschichte? Je mehr wir von dieser Vorstellung haben, umso mehr haben wir einen Geist der Entsagung.
Entsagung hat irgendwie diese Konnotation von etwas aufgeben. Aber es ist wie bei einer Fata Morgana. Man kann das Wasser nicht aufgeben, weil es einfach nicht da ist. Es ist nur eine Fata Morgana. Man muss außerdem eine Fata Morgana nicht aufgeben, denn was ist der Kern einer Täuschung? Man muss einfach wissen, dass es eine Fata Morgana ist. Solch ein Verständnis ist einfach eine große Entsagung. In dem Moment, wenn man weiß, dass es eine Täuschung ist, wird man meistens nicht dorthin gehen, da es bloß eine Fälschung ist. Oder selbst wenn man dorthin geht, gibt es keine Missstimmung, weil man ja schon weiß, was eigentlich da ist. Und schlimmstenfalls wird man nur eine sehr geringe Enttäuschung empfinden.
Der Geist der Entsagung hat nichts mit Opferung zu tun. Wenn wir über Entsagung sprechen, fürchten wir uns manchmal, da wir glauben, wir müssen etwas von Annehmlichkeiten, etwas Wertvolles, einige wichtige Dinge aufgeben. Aber es gibt nichts, das wichtig ist. Es gibt nichts, das fest existiert. Alles was man aufgibt, ist eigentlich eine vage Identität. Man erkennt, dass nichts Wahres da ist, nichts letztendliches. Daher und deshalb entwickelt man Entsagung.

(Aus dem Dzogchen-Handbuch. Eine Zusammenstellung von den Meistern der Großen Vollkommenheit; Shambhala Publication, 2002)

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