Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. April 2012

Trekchö – das Durchtrennen des umherwandernden Geistes

Es gibt viele verschiedene Namen für die Herzessenz des Geistes. Gewahrsein, Lichtheit, Buddha-Natur, uranfänglicher Geist – so viele unzählige Namen für alle Arten. Gewöhnliche Menschen nennen ihn den Geist oder das Gehirn oder sie fassen es mit dem Begriff „Ich“. Nicht-Buddhisten nennen es vielleicht das Selbst oder die Seele. Shravakas nennen es das selbstlose Selbst oder die Ichlosigkeit. Cittamatrins nennen es Geist. Andere Buddhisten nennen es Prajnaparamita oder „deshek nyingpo“ oder „Sugatagarbha“ oder „Mahamudra“, „Madhyamika“ oder „Uma“ oder „die eine Essenz des Tigle (Tropfen)“ oder sagen dazu einfach die „eine Essenz“. Einige Buddhisten nennen es Dharmadhatu oder Dharmakaya-Essenz, andere sagen „kunzhi“ oder „alaya“ – Grundbewusstsein – dazu. Wiederum andere sehen es als „thamal gyi shepa“ oder einfach „gewöhnliches Gewahrsein“. Praktizierende des Buddhadharma sollten wissen, obwohl es viele verschiedene und widersprüchliche Namen gibt, dass alle auf die eine wesentliche Bedeutung verweisen. All diese Namen – und die anderen Konzepte und Übungen, die damit verbunden sind – sollten einen zum letztendlichen Ziel der Erleuchtung führen.
Das Umherwandern des Geistes abschneiden
Unsere Furcht, Angst und andere Emotionen sind mit dem Gewahrsein des Geistes völlig miteinander verknüpft – und viele Praktizierende erkennen nicht, dass das fortwährende Ringen, diese Tendenzen von der wahren Essenz zu trennen unnötig sind.
Die wahre Natur des Geistes darf vollständig erscheinen, wenn das Geistesgewahrsein nicht von seinem Wesenskern durch die angesammelten Gewohnheitstendenzen abgelenkt ist. So wie die eigentliche Natur des Himmels von den Wolkenhaufen nicht behindert oder zerstört wird, wird auch die uranfänglich reine Natur des Geistes selbst nicht von den zeitweiligen Tendenzen unserer Neurosen verdunkelt. Die uranfänglich reine Essenz der wahren Natur des Geistes ist in allen fühlenden Wesen zu allen Zeiten schon seit dem anfanglosen Beginn. Aber weil es zeitweilig von Verschleierungen verborgen ist, wird diese Essenz nicht erkannt. Es ist wie die berühmte Metapher in „die melodische Sicht von Trekchö“ mit dem Vorhandensein der Butter in der Milch. Die Butter in der Milch ist innewohnend. Wir müssen gar nichts zur Milch hinzugeben. Dennoch muss die Milch noch immer gerührt werden, damit Butter sich bilden kann.
Auf dieselbe Weise liegt die Sugatabarbha-Essenz in allen fühlenden Wesen. Aber bis wir die Praxis ausführen, die unsere greifenden Tendenzen, setzen wir mit der Fixierung fort – und so lange die Fixierung und Dualität andauert, kann die Sugatagarbha-Essenz in ihrer angeborenen reinen Natur nicht erscheinen.
Daher verwendet man die Übung des Trekchö, um durchzuschneiden, damit die verschiedenen Gewohnheiten des andauernden Umherwanderns des Geistes aufhören. Dies sollte die Absicht sein, mit der ein Praktizierender sich diesen Lehren nähert.

Ungetrennte Natur und aufrichtige Abkehr

Der Schlüssel, dies zu meditieren, liegt nicht darin, einfach etwas zu machen. Er liegt darin, einfach nichts zu machen, in der Erlaubnis, den natürlichen Fluss vollständig frei von den Beeinträchtigungen von unseren Überlegungen zu lassen. Als ein Praktizierender des Dzogchen muss man die Übung des Trekchö im Leben beständig pflegen, nicht einfach während des Sitzens auf einem Kissen in formeller Meditationshaltung. Wenn man dies nicht macht, wird das Verständnis der ungetrennten Natur nur zeitweilig sind und keine aufrichtige Abtrennung von Samsara. Und statt einer echten Abkehr, wird die Abwendung in die Umgebung fehlgeleitet – auf Orte und Menschen – anstatt auf die eigene Unwissenheit oder „marigpa“ und auf die Kniffe der extremen Anhaftung oder Ablehnung des eigenen Geistes.
Dann beginnt der Geist Ablehnung gegenüber Dingen zu entwickeln, anstatt gegenüber dem Geist, der diese Dinge für wichtig oder unwichtig hält. Anstatt einer echten Abkehr von Ignoranz, gibt einen diese falsche Richtung so etwas wie den Wunsch, von Samsara getrennt zu sein, weil man von den Menschen, Dingen, Emotionen, der Umgebung oder den „anderen“ ermüdet ist. Aber wenn man der anderen überdrüssig ist, dann gibt es ein Selbst, das der anderen müde ist – und dann versucht mal ein Verständnis von Ungetrenntheit zu erlangen, indem ihr es dual macht.
Viele Praktizierende fürchten sich davor, Samsara hinter sich zu lassen, weil sie sich fälschlicherweise Trekchö bei Dingen anwenden, anstatt mit ihnen selbst zu arbeiten. Indem man Trekchö auf die Person, die die Dinge wahrnimmt, anwendet, beginnt man damit, ihr auf den Grund zu gehen. Und durch das Anwenden der Lehren dieser Übung, entsteht etwas Humor. Man wird fähig, über die Dummheit zu lachen, die die Dinge so überaus traurig, tragisch, lustig gemacht hat oder wie auch immer sie im Moment erscheinen mögen.

Mögen durch diese Belehrungen der Ehrwürdigen Khandro Rinpoche die fühlenden Wesen ohne Ausnahme rasch ihre wahre Wesensnatur erkennen und in diesem Moment Befreiung erlangen. Das englische Original „The Melodious View of Trekchö by Her Eminence Jetsun Khandro Rinpoche“ findet sich hier.

Advertisements

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: