Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Juli 2012

Die Zuflucht – eine spirituelle Ausrichtung finden

Als Buddhisten, ob wir jetzt Hinayana, Mahayana, Vajrayana oder alle drei praktizieren – in diesem Falle nun das Vajrayana – ist es für uns notwendig, dass wir den Hauptfokus kennen. Der Begriff „Buddhist“ ist in der tibetischen Sprache „nangpa“, was wörtlich ins Deutsche übersetzt bedeutet „jemand, der sich den inneren Angelegenheiten widmet“. Es bedeutet „nach innen gehen“. Es ist eine Religion, eine Tradition, die besagt, dass man sich mehr nach innen wendet als nach außen, nach innen in den eigenen Geist sehen. Unser ursprünglicher Lehrer, Buddha Shakyamuni, entwickelte zuerst die erwachte Haltung. In seinem Geist ließ er unglaubliches Mitgefühl für alle lebenden Geschöpfe. Dann nahm er eine Wiedergeburt als Prinz an und schritt durch die Erfahrungen in seinem Leben als Buddha, wovon alle eine Belehrung waren, von der wir lernen können. Tatsächlich war er ein erleuchtetes Wesen schon lange bevor er in diese Welt kam. Er manifestierte sich in unserer Welt, um uns durch das Beispiel seines Lebens den Pfad der Entsagung zu zeigen. Wessen wir grundsätzlich zu entsagen nötig haben, ist unsere zwanghafte Begeisterung und unsere Anhaftung an die zyklische Existenz. Ihr kennt sicher alle die Geschichte als der Buddha, als junger Prinz, sich aus dem Palast hinauswagte und zum ersten Mal Alter, Krankheit, Tod und Entsagung sah. Er sah ebenso Geburt. Und er sah auch, dass obwohl alle diese Dinge äußerlich erscheinen, tatsächlich aber aus dem Inneren entstehen. Aufgrund der inneren Beschaffenheit gibt es Geburt in der zyklischen Existenz, gibt es den Prozess des Alterns, gibt es Krankheit und gibt es möglicherweise Tod. Basierend auf dem was er erblickte, indem er sich erinnerte, dass alles nur aus einer inneren Bedingung entsteht, entsagte er der Anhaftung an das weltliche Leben.

Zuflucht

Wonach soll man nun trachten? Was bietet einem nun ausreichend Orientierung? Im gewöhnlichen Leben nehmen wir zu allen möglichen Dingen Zuflucht. Wenn es regnet, suchen wir unter einem Regenschirm oder einem Dach Zuflucht. Wenn es zu heiß ist, flüchten wir in den Schatten. Wenn es zu kalt ist, suchen wir die Wärme des Feuers. Wenn wir uns bedroht fühlen, dann suchen wir Schutz bei einer höheren Instanz. Diese Liste ließe sich noch weiter ausführen, doch all dies bietet uns nur einen vorübergehenden Schutz vor den Unpässlichkeiten des Lebens. Erst wenn wir uns von einem Haften an Äußerlichkeiten abwenden und unsere Aufmerksamkeit nach innen richten, auf uns zurück bewegen, finden wir eine zuverlässige Orientierung. Vielleicht sind wir zunächst noch ungeschickt und ungelenk im Geiste, daher suchen wir auch noch immer in etwas Äußerem eine Hilfe. Spirituelle Lehrer, Lehren – befreiende Informationen – und Gemeinschaft mit anderen, die auch auf der Suche sind, bieten zunächst eine Möglichkeit zu unserer wahren Natur zurückzufinden. Im Buddhadharma spricht man in diesem Kontext von der Zuflucht zu den Drei Kostbarkeiten bzw. Juwelen, die eben die äußere Zuflucht darstellen. Buddha, Dharma und Sangha werden diese hier genannt. Doch was kann uns ein Mensch helfen, der vor mehr als 2.500 Jahre gelebt hat, dessen Worte wir nicht mehr unmittelbar vernehmen können, in dessen Gemeinschaft wir gerade aufgrund der historischen Trennung nicht leben können? Daher bilden Guru, Deva und Dakini die unmittelbare Zuflucht, da sie die Drei Wurzeln der Verwirklichung bzw. Erkenntnis darstellen. Guru ist jene Person, die uns die Lehren und Übungen überträgt, die uns durch ihren Segen und geschickte Mittel in den Pfad einführt und zur Reife bringt. Deva ist die Verkörperung des Erleuchtungspotentials, das als Meditationsgottheit bzw. Geistverbindung in Erscheinung tritt. Dakini ist der dynamische Ausdruck der Natur des Geistes, das illusorische Spiel der Leerheitsnatur. Schließlich hat die Zuflucht auch noch einen inneren – energetischen – Aspekt, bei dem die Dreiheit als das Zusammenspiel von Energiekanälen, inneren Winden bzw. Energien und den Tropfen – den geistig-energetischen Punkten der Ausrichtung – gesehen wird. Die letztendliche Zuflucht ist dann die Erkenntnis, dass diese unterschiedlichen Verständnisebenen nichts anderes sind als die eigene uranfänglich reine Geistnatur, ihre klare Lichtheit und ihr ungehinderter, mitfühlender Ausdruck. Da wir aber hier noch Anfänger auf dem Pfad sind, beginnen wir zunächst mit der Zuflucht zu den Drei Kostbarkeiten und versuchen uns diese durch tägliche Praxis zu vergegenwärtigen. Wenn wir uns die Drei Juwelen schließlich gegenwärtig halten können, sodass wir uns niemals davon getrennt fühlen, dann ist dies ein Zeichen dafür, vom Mitgefühl der höchsten Zuflucht ergriffen zu sein.

Zuflucht nehmen

Zunächst nimmt man die Zufluchtsgelübde vor einem spirituellen Freund, der ein reines Objekt darstellt. Nachfolgend nimmt man dann sechsmal täglich – dreimal tagsüber, dreimal in der Nacht – Zuflucht vor den visualisierten Zufluchtsobjekten. Die Zufluchtsgelübde kann man in zwei Kategorien einteilen: 1) Vorsätze hinsichtlich dessen, was aufzugeben ist und 2) Vorsätze hinsichtlich dessen, was anzunehmen bzw. auszuführen ist. Diese sind jeweils mit der Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha verbunden.

Zufluchtsverpflichtungen

Nachdem man Zuflucht zum Buddha genommen hat, sollte man seine Hoffnungen nicht mehr in weltliche Götter setzen oder zu ihnen Zuflucht nehmen, sich auf sie stützen etc. Dennoch kann man ihnen Opfergaben darbringen und sie mit Handlungen beauftragen, die mit dem Dharma in Verbindung stehen. Weiters sollte man Zuflucht zum Dharma alle Handlungen unterlassen, die andere Wesen schädigen – ob in Gedanken oder Taten. Stattdessen sollte man liebende Güte ihnen gegenüber entwickeln.
Nachdem man Zuflucht zur Sangha genommen hat, sollte man sich nicht unnötig mit jenen abgeben, die eine falsche Sicht pflegen (selbst wenn sie sich als „Buddhisten“ bezeichnen), die negative Sichtweisen haben und die kein Vertrauen in die Drei Juwelen haben. Nachdem man die Gelübde der Zuflucht genommen hat, sollte man jedes Bildnis eines Buddha – auch wenn es nur ein Bruchstück ist – wertschätzen. Auch jeden gelben Stofffetzen der Robe eines ordinierten Sangha-Mitgliedes sollte man respektvoll behandeln. Man sollte also die Abbildungen der Drei Juwelen entsprechend würdigen.
Nachdem man Zuflucht zum Dharma genommen hat, sollte man alle Bücher, die die Lehren Buddhas enthalten und auch ihre Kommentare (inkl. der Praxistexte) respektvoll behandeln und nicht mit sektiererischen Gedanken belegen. Nach der Zufluchtnahme zur Sangha sollte man nicht nur die Mönche und Nonnen der Arya-Sangha und Halter des Tripitaka respektieren, sondern auch jene, die lediglich die Zeichen der Ordination bewahren. Dies sind die speziellen Zufluchtsgelübde. Die allgemeine Zufluchtsgelübde sind: niemals die Drei Juwelen zu vergessen, auch wenn man dafür sehr viel gewinnen könnte; nicht wo anders Zuflucht suchen, egal was geschieht; sich beständig an ihre Tugend erinnern und Opfergaben darbringen; und sich an die Vorteile der täglichen Zufluchtnahme erinnern.

Beschädigen und/oder Beenden der Zufluchtnahme

Dem Namen nach wird die Zufluchtnahme durch das Erlangen der Erleuchtung als ein Buddha beendet, da damit auch das Zeitlimit in den Versen der Zufluchtnahme („Bis das Herz der Erleuchtung erlangt ist…“). Die Ursachen für das Aufgeben der Zufluchtnahme sind aber im wahrsten Sinne des Wortes: falsche Sichtweisen entstehen lassen und die Drei Juwelen aufgeben, sowie unfähig zu sein, die Zufluchtsgelübde nicht mehr zu halten und die Gelübde zurückgeben. Jedoch nur einige von den Zufluchtsgelübden mangelhaft zu erfüllen oder sie zu brechen, wie z.B. irgendwelche Götter zu verehren, wird als Beschädigung oder Entwürdigung der Zufluchtsgelübde gesehen. Zwar hat dies auch zahllose negative Konsequenzen, aber stellt noch keine endgültige Beendigung dar.

Vorteile der Zufluchtnahme

Die Zufluchtnahme bringt einen siebenfachen Nutzen: 1) man tritt in den Pfad des Dharma ein, d.h. man wird ein Nachfolger Buddhas; 2) man fällt nicht in die niederen Bereiche; 3) man erhält für alle Gelübde Unterstützung; 4) man wird von keinen Hindernissen, verursacht durch Menschen und nicht-menschliche Wesen verletzt; 5) man hat wenig Krankheiten und ein langes Leben; 6) Verschleierungen, die durch vergangene Handlung ausgeführt wurden, sind gereinigt und 7) man wird rasch Buddhaschaft durch die Meditation ihrer Ursache, die zwei Ansammlungen, erlangen. Man könnte noch viele Ausführungen zum Thema der Zufluchtnahme machen, aber die Zufluchtnahme schafft die wechselseitig abhängige Beziehung, durch die man stufenweise letztendliche Buddhaschaft verwirklichen, das Dharma-Rad drehen und eine riesige Sangha von Nicht-Wiederkehrern um sich schaffen wird.


Responses

  1. >>>Nachdem man Zuflucht zum Buddha genommen hat, sollte man seine Hoffnungen nicht mehr in weltliche Götter setzen oder zu ihnen Zuflucht nehmen, sich auf sie stützen etc.

    Was genau verstehst Du hier unter „weltlichen Göttern“?
    Wie unterscheidest Du hinsichtlich „Zuflucht“ die Ausrichtung auf „Buddha“ (die Bergspitze als Ziel, die erst ‚wirklich verstanden‘ werden kann, wenn sie erklommen wurde) und „Bergführern“ wie buddh. „Gottheiten“, welche Hindernisse auf dem Weg zur Buddhaschaft beseitigen helfen (sollen)?
    Betrachtet man die „Gottheiten“ als Teilausdruck oder Aktivität der Gesamtheit (z.B. Mitgefühl), bildlich als helfende Hand, so ginge es darum, „den der hilft“ zu erkennen und zu realisieren? Sich also weniger auf die helfende Hand zu fokussieren oder gar sie anzubeten? Sondern ihr max. eine Handcreme opfern, im Wissen, welche Prinzipien „hinter“ der Hand stehen und eben genau darauf den Fokus legen?

    • lieber thomas, „weltliche gottheiten“ sind z.b. jahwe, shiva, brahma, indra oder götter der griechischen, römischen, nordischen, afrikanischer, indianischer, ozeanischer oder anderer asiatischer o.ä. kulturen. „weltliche gottheiten“ sind auch irgendwelche lokale gottheiten, naturgeister etc. da diese in der zyklischen existenz genauso gefangen sind, bieten sie keine letztendliche zuflucht.
      der begriff „gottheit“ im tibetischen ist „lha“, allerdings wird für meditationsgottheiten normalerweise „yidam“ verwendet, was „geistband“ oder „stütze des geistes“ heißt. dieser yidam ist keine weltliche gottheit, sondern ausdruck der buddhanatur. den weltlichen gottheiten bringt man gaben des mitgefühls dar und befiehlt ihnen ihre aktivitäten auszuführen, während den yidams opfergaben dargebracht werden, um selbst verdienst anzusammeln.

      • danke enrico,
        deinen worten kann ich folgen, jedoch ging ich bisher davon aus, dass alles, außer dem „sein“ (das absolute) zyklen unterworfen ist.
        wie du sagst ist brahma(n?) welchtlich, also ebenso wie bspw. erzengel michael. vajrakila(ya) als yidam wiederum nicht?
        verwirrung tritt auf, gerade, wenn ich bspw. http://www.buddhismus-heute.de/archive.issue__36.position__3.de.html oder http://www.rigpawiki.org/index.php?title=Yidam lese.
        by the way: sind „weltliche“ gottheiten kein ausdruck der buddhanatur? ich rate mal, dass hier zwischen bewusstsein und sinn und zweck des ausdrucks unterschieden wird…

      • vajrakilaya ist ausdruck der buddhanatur. das zu erklären, würde u.a. die 4 arten des kila darlegen. aber das ist etwas, was du am besten bei einer einweihung mal fragen solltest. das über die pinwand eines blogs abzuhandeln, ist wenig passend. weltliche gottheiten sind mit dualistischer sicht und den kleshas (störenden emotionen) behaftet.
        brahma ist weltlich, genauso wie eben erzengel etc. im dharma gibt’s auch kein „allumfassendes brahman“, das etwas mit einem „atman“ zu tun hätte. nicht umsonst hat buddha shakyamuni das in seinem ersten lehrzyklus über anatman dargelegt.
        und noch etwas… verlier dich bitte jetzt nicht in begrifflichkeiten über buddhanatur, bewusstsein, rigpa etc. all das ist nur kopfgemachte praxis, meditation und somit zu nichts nütze, weil auf dualistischen auffassungen beruhend.

  2. lieber ngak’chang rangdrol dorje, ich versuche jetzt seit jahren zu visualisieren, bin aber kaum weiter gekommen. kennst du methoden
    die eventuell zum erfolg führen?

    • lieber andi, mal eine gegenfrage: was verstehst du unter „visualisieren“? ein anderer zugang ist: denk doch einfach mal an deinen letzten urlaub; an irgendetwas vertrautes etc. siehst du das vor deinen „inneren“ augen? egal ob klar oder undeutlich! wenn ja, na dann funktioniert’s doch schon!
      im dharma werden visualisationen zwar eingesetzt, aber d.h. „man stellt sich was vor“ oder „so denkt man“. wenn bei tantrischen visualisationen die visualisation „nicht klappt“, dann gibt’s einfach die anweisung, das sich so zu denken und darauf zu vertrauen, dass der prozess dennoch stattfindet. eine andere variante ist, dass man mit offenen augen „visualisiert“. als visualisationshilfen werden im dharma immer wieder statuen oder bilder herangezogen. wenn also die aufmerksamkeit beim praktizieren beim inneren bild nachlässt (das ist übrigens ein ganz natürlicher vorgang), dann richtet man die augen auf das äußere bild und wenn’s dann dort wieder schwankt, dann eben wieder mehr nach innen.


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