Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. August 2012

Wie man sich auf einen spirituellen Freund stützt

Die Suche nach einem geeigneten Lehrer ist am Pfad der Befreiung von großer Bedeutung, da diese Person für die eigene Entwicklung wesentlich ist. Zwar kann man sich dem Dharma durch Interesse und Engagement nähern, doch für das Voranschreiten auf dem Pfad ist ein Lehrer wichtig. Diese Person vermittelt einem die wesentlichen Punkte der Lehre, die gerade für einen selbst auf dem Pfad bedeutsam sind. Daher soll der Schüler den Lehrer genau prüfen, ob dieser auch über die notwendigen Eigenschaften verfügt. Auf der Suche nach einem geeigneten Lehrer gilt es diesen zunächst über einen längeren Zeitraum zu prüfen. Jowo Atisha beobachtete die Schüler Serlingpas über längere Zeit und prüfte diesen selbst, bevor er ihn um Unterweisung im Logjong – dem Geistestraining in sieben Punkten – bat.
Doch auch Lehrer sind nicht unabhängig von Schülern. Sie bedingen einander, dennoch ist der Lehrer als der Erfahrenere der anführende Teil in dieser Beziehung. Aber auch der Lehrer muss den/die Schüler prüfen, da nicht alle über geeignete Qualitäten verfügen. Ungeeignete Schüler sind auch von  den besten Lehrern nicht zu unterweisen.

Meisterliche Eigenschaften

Der Vajra-Meister ist wie ein Fährmann, der das Boot für die Schüler sicher über den Strom geleitet. Im „Schmuck aller Sutras“ wird die allgemeine Qualifikation für einen Lehrer folgendermaßen ausgedrückt: „Man soll sich als Lehrer jemanden nehmen, der diszipliniert, friedlich, vollkommen friedvoll ist, über außergewöhnliche Eigenschaften verfügt, fleißig und in den Texten bewandert ist. Jemand, der sie völlig versteht, geschickt im Erklären ist, der voller Liebe und niemals des Lehrens müde ist.“ Aus diesem Grund soll ein Lehrer seine Leidenschaften gezähmt und die Natur seines Geistes durch die drei Arten des Trainings – Disziplin, Konzentration und Weisheit – geläutert haben. Das Studium der drei Lehrkörbe – Vinaya, Sutra und Abhidharma – sollte durchlaufen sein, da diese die wesentlichen Punkte der drei Übungen beinhalten. Ferner sollten sie über eine gewisse Autorität in der Darlegung der Schriften sowie persönliche Erfahrung in ihrer praktischen Anwendung besitzen. Sie sollten nicht auf Verehrung ihrer Person wertlegen und beherrscht sein, sowie großes Mitgefühl für die Wesen aufbringen, die im Leidenskreis verstrickt sind. Weiters sollten sie im Umgang mit Schwierigkeiten geduldig sein und niemals müde werden, die Lehren wieder und wieder zu erklären.
Vajra-Meister sind sorgsam im Umgang mit ihrem Körper, diszipliniert in ihrer Sprache, sowie weise und intelligent. Ihre drei Tore haben sie diszipliniert, indem sie jegliche Ablenkung durch falsche Objekte ausgelöscht und ihre Sinne unter Kontrolle gebracht haben.
Angesichts des Leidens sind sie geduldig, nehmen Härten auf sich und meditieren auf die tiefgründige Wahrheit. Mit einer reinen und erhabenen Absicht sind sie allen fühlenden Wesen gegenüber unvoreingenommen. Sie versuchen nicht krampfhaft ihre eigenen Fehler zu verbergen oder posaunen lauthals hinaus, über welche guten Eigenschaften sie im Unterschied zu anderen verfügen, obwohl sie diese eigentlich gar nicht haben. Sie sind frei von List und ihr Geist ist immer kontrolliert.
Im Umgang mit Mantras, Substanzen und den vier Buddha-Aktivitäten sind sie geschickt und kennen auch die Prinzipien des Tantra. Ihr Mitgefühl ist noch stärker ausgeprägt als bei jenen, die das Mahayana praktizieren, da hier der Schwerpunkt auf dem unübertrefflichen Mantrayana liegt, bei dem man das Erreichen der Ebene Vajradharas in einer einzigen Lebensspanne anstrebt. Sie ertragen nicht die Tatsache, dass man bei der Praxis drei unermesslich lange Zeitalter für das Erlangen der Buddhaschaft benötigt, noch weniger, dass man bei der Praxis der niederen Tantras 16 oder sieben Leben dafür braucht. Aufgrund dessen verfügen sie über eindringlichen Fleiß und besonders machtvolles Mitgefühl. Sie haben großes Vertrauen, Respekt und feste Hingabe in das Mahayana und besonders in das Vajrayana.
Der große Meister Padmasambhava sagte: „Die Wurzel des Pfades ist der Vajra-Meister. Indem sie ihre Verpflichtungen einhalten, ist ihr Verhalten rein. Durch Zuhören sind sie reichlich geschmückt. Als ein Resultat des Nachdenkens verfügen sie über Urteilsvermögen. Durch Meditation besitzen sie die Zeichen der Wärme und die Eigenschaften von Erfahrung und Verwirklichung. Indem sie Mitgefühl anwenden, sorgen sie für ihre Schüler.“
Vielmehr noch gilt dies für jene, die die Kernanweisungen lehren. In „die große Anordnung des Erhabenen“ liest man: „Gelehrt, frei von weltlichen Aktivitäten, den letztendlichen Punkt der absoluten Natur erreicht und nicht davon getäuscht, was begehrenswert ist – dies sind die Merkmale eines Meisters des geheimen Mantras.“

Mögen alle Wesen in ihrem Leben ihren wahren Meister treffen und in diesem Moment Befreiung erlangen.

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Responses

  1. ….. frage wie ein kleines Kind: ein gravierender Schritt im Leben eines jungen Menschen ist sicher die Erkenntnis, dass Fragen nicht nur mit ja oder nein oder mit Erklärungen beantwortet werden, sondern das Eltern und Lehrer auch nicht alles wissen.
    Eltern machen auch die Erfahrung, dass sie nicht alles wissen können, somit ergibt sich dann eine neue Gesprächsebene zwischen „Kind und Erwachsenen“, ein Austausch an Erfahrung, auf freundschaftlicher Basis.
    In diesen Gedanken kann ich mir dann auch die obige Überschrift erklären, „Sich auf einen spirituellen Freund stützen“.
    Dann ist es eben kein Belehren (Lehrer – Schüler) im alltäglichen Verständnis sondern ein , weiß nicht wie zu formulieren – ein gegenseitiges inspirieren.

  2. Lieber Enrico, hab diesen Blog einige Male gelesen.
    Es ist mir bewußt, dass ich frage wie ein kleines Kind. Da ich darauf keine Antwort gefunden habe – frag ich halt nach.
    Erster Satz – die Suche nach einem geeignetem Lehrer – ja ich persönlich hab ja die Lebenseinstellung – etwas zu suchen ( ausgenommen Pilze, verlegte Dinge u.dergl.), ist relativ Zeitaufwendig, und man findet auch nicht das Gewünschte. So, es kommen so viele Personen – Situation – Gelegenheiten auf einen zu – man braucht nur ein bißchen offen sein, fürs Leben.
    Direkte Frage – sagt der Lehrer dem Schüler – du bist nicht geeignet – es ist besser wennst einen anderen Weg einschlägst, oder muss der Schüler selbst drauf kommen ?
    Dies wäre dann schon vergleichbar mit einer weltlichen Situation – gibts häufig – zwei Menschen leben zusammen irgendwie – ohne jemals den Schritt zur „Hochzeit“ oder zu einem Bekenntnis zueinander abgelegt zu haben. Viele vegetieren nebeneinander her immer im gleichen Hamsterrad – keiner ist wirklich glücklich – weil eben nicht direkt miteinander gesprochen wird. hermi

    • liebe hermi, es liegt am lehrer, jemanden als schüler anzunehmen oder eben abzuweisen. sieht der lehrer , dass er über die für den schüler notwendigen methoden nicht verfügt, wird er ihn wohl abweisen bzw. anraten, wo anders das entsprechende zu lernen. wenn jemand gerne schüler von jemandem sein möchte und dieser person nachläuft, obwohl keine unterweisung stattfindet, dann ist dies kein lehrer-schüler-verhältnis, sondern eine frage von abhängigkeit oder suche nach zuwendung. letztere aspekte wird ein ernstzunehmender lehrer einem schüler nicht bieten.

      • danke, alle meine Fragen sind beantwortet.lg


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