Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. Oktober 2012

Karma-Yoga – das Heilsame liegt in der Handlung

Es war einmal ein Mensch, der zwar arm an materiellem Reichtum, aber reich an Streben war und sich daher wünschte, sich auf dem Bodhisattva-Pfad zu üben. Mit dieser Zielsetzung entschloss er sich, die Bodhisattva-Gelübde zu nehmen und ging zu einem Meister, um seine Bitte vorzutragen. Der Lehrer sagte ihm, dass das kostbare, angeborene Bodhicitta nicht einfach in einem von Gier, Ärger und negativen Emotionen befleckten Geist gepflegt werden kann. Er riet, dass ein Mangel an Verdienst es gewiss verhindern würde, dass Bodhicitta in unserem Wesen erblüht. Der Meister unterwies seinen Möchte-gern-Schüler, dass er zuerst durch Opfergaben sein Schatzhaus des Verdienstes zu vermehren sollte, um die Bodhisattva-Gelübde zu nehmen. Der ärmliche Mensch konnte nur seine Dienste anbieten, aber weil der Lehrer ein Töpfer war, opferte der Schüler ihm einen Tag, mit dem Ton zu arbeiten. Durch den Verdienst, der aus dieser Opfergabe erzeugt wurde, war der Schüler fähig, das Bodhisattva-Gelübde zu nehmen und wurde so schließlich einer der eintausend Buddhas dieses Zeitalters.
Der berühmte Bericht von Milarepas erster Begegnung mit seinem Lehrer Marpa fand auf einem Acker statt. Bei der Suche nach Marpa kam Milarepa zu einem Mann, der ein Grundstück pflügte. Er sagte zu dem Mann, dass er käme, um Lehren von Marpa zu erbitten und fragte nach der Richtung. Da er ihn niemals zuvor gesehen hatte, erkannte Milarepa nicht, dass es Marpa selbst war, der auf dem Feld arbeitete. Marpa betrachtete ihn dreimal von Kopf bis Fuß und willigte dann ein, ihn zu Marpa zu führen, aber er trug Milarepa zuerst auf, das Pflügen zu beenden und zeigte auf einen Weinkrug und sagte: „Dann trink dies.“ Milarepa pflügte zu Ende und trank den Wein, so wie von Marpa angewiesen. Man nimmt an, dass diese einfachen Handlungen die erste glückliche Verbindung wurden, damit Milarepa die große Aufgabe des Befreiens der Wesen erfüllen konnte. So wurde die großartige Drukpa-Kagyü-Linie begründet.
Obwohl der Begriff „Karma-Yoga“ oder das Anbieten von Diensten hauptsächlich aus der Hindu-Tradition bekannt ist, zeigen Geschichten, dass es auch im Buddhismus ebenfalls vorkommt. Im Buddhismus versuchen wir, dieses Netz der Täuschung aufzulösen und dass ist es, was wir „Erleuchtung“ nennen. Abgesehen davon gibt es keine solche Sache wie Erleuchtung. Um nun das Netz der Täuschung zu entwirren, muss man den Segen von Buddha, Dharma, Sangha und Guru anrufen und erhalten. Wie Patrul Rinpoche sagte, sind dies die drei Methoden für das Erbitten des Segens: „Es gibt drei Wege, um den Lehrer zu erfreuen und ihm zu dienen. Die beste Art ist als das „Darbringen der Praxis“ bekannt und beinhaltet das, dass man alles, was er lehrt, mit Entschlossenheit in die Praxis umsetzt, ungeachtet aller Härten. Der mittlere Weg ist als „Dienst mit Körper und Rede“ bekannt und beinhaltet, dass man ihm dient und das ausführt, was immer er von einem verlangt, ob nun körperlich, sprachlich oder geistig. Der niedrigste Weg ist die materielle Opfergabe, was bedeutet, euren Lehrer dadurch zu erfreuen, indem man ihm materielle Güter, Nahrung, Geld usw. gibt. (aus: „Die Worte meines vollendeten Lehrers“)
Viele von uns haben nicht die Zeit, die Begeisterung und den Antrieb, so wie Milarepa unser ganzes Leben der Praxis zu widmen. Wenn man mit dem Verdienst von solchen Umständen ausgezeichnet ist, dann sollte man diese Gelegenheit nicht vergeuden. Wie auch immer, viele von uns haben nicht solchen Verdienst und denken, dass Praktizieren des ganzen Lebens über nicht in unserer Reichweite ist – daher beginnen wir oft nicht einmal. Es sind kleine Schritte, die wir machen können, wie beispielsweise anzubieten, einen Tag lang den Boden zu schrubben. Aber wir glauben, dass dies zu unbedeutend wäre und hören dann auf, überhaupt etwas zu tun. Die großen Methoden scheinen unerreichbar und glauben, das Kleine wäre nicht gut genug.
Wie Patrul Rinpoche sagte, wenn ein Pferd, das einen Wagen zieht, einen einzigen Grashalm am Wegesrand erblickt, wird es diesen fressen, wenn es Gelegenheit dazu hat. Es wird nicht denken: „Oh, das ist nur ein Halm. Ich warte besser auf einen größeren Haufen.“ Ebenso sollten wir Verdienst ansammeln, wann immer eine Gelegenheit dazu besteht. Wenn die rechte Motivation zur Anwendung gebracht wird, umgeben uns die Methoden für die Ansammlung des Verdienstes in jeder Richtung, besonders für die Praktizierenden des Mahayana. In Zen-Tempeln beauftragen die Meister die Schüler damit, die Toiletten immer wieder zu reinigen, sogar wenn sie schon fleckenlos sind. Das Heilsame liegt in der Handlung, nicht im Ziel.

Nach Belehrungen von Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche.

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