Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. Januar 2014

Bodhicitta – Der Geist des Erwachens (Teil 3)

Buddha_GabeTigerDie ersten fünf aufgezählten Tugenden stellen den Aspekt der Methode dar. Doch sollen wir sie mit Weisheit – der sechsten Tugend – durchdringen und beleben. Und zwar mit einer Weisheit, die frei von den drei Kreisen – den Vorstellungen von Subjekt, Objekt und Handlung – ist. Wir sollen die Handlungen frei von Anhaftung und Erwartung ausführen und am Ende die Handlungen frei von Vorstellungen widmen. Dadurch werden diese Tugenden anwachsen und wirklich mit Leerheit geschmückt sein und daher das reine Mitgefühl darstellen. Schließlich werden die Paramitas so zur Rüstung der Bodhisattvas.

Befreiende Qualitäten

„Paramita“ beschreibt etwas, das darüber hinaus führt. Die sechs überweltlichen Handlungen oder befreienden Qualitäten werden deshalb Paramita genannt, weil sie über die weltlichen Bezüge hinausführen. Diese überweltlichen Handlungen sind: 1) Großzügigkeit, 2) ethische Disziplin, 3) Geduld, 4) Eifer, 5) Sammlung und 6) höchste Einsicht der Weisheit.
Befreiende Großzügigkeit beinhaltet 1) das Geben von materiellen Dingen, 2) das Geben von Schutz und 3) die Gabe des Dharma. Die Essenz von Großzügigkeit ist, dass man den eigenen Besitz ohne Anhaftung hingibt. Großzügigkeit dient dazu, das Armuts- und Mangeldenken zu beseitigen und Wohlstand zu vermehren und sollte von einem wirklichen Interesse am Wohlergehen anderer motiviert sein.
Befreiende ethische Disziplin ist die Verkörperung der vier Heilsamen bzw. das Nehmen von Gelübden bzw. Versprechen und deren Einhaltung und umfasst 1) das Aufgeben bzw. Abstandnehmen von negativen Handlungen, 2) das Ansammeln und Vermehren von positiven Handlungen und 3) das Wirken zum Wohle der fühlenden Wesen. Ethische Disziplin dient dem Vermindern der Qualen des Negativen und sollte von einer aufrichtigen Motivation des Geistestrainings getragen sein.
Befreiende Geduld umfasst 1) das unerschütterliche Verweilen angesichts von Leid, 2) dem Leiden frohgemut zu begegnen bzw. das Annehmen von Leid und 3) das Streben nach einem wahren Wissen der Realität bzw. Gewissheit über den Dharma zu erlangen. Geduld dient dem Beseitigen von Ärger und Gram. Durch Geduld wird die eigene selbstlose Haltung unerschütterlich und unumkehrbar angesichts von Härten usw.
Befreiender Eifer ist die Begeisterung für positive Handlungen und das Fehlen von Faulheit. Überweltlicher Eifer setzt sich 1) aus einem Eifer gleich einer Rüstung, 2) einem Eifer in der Ausführung bzw. Anwendung und 3) einem Eifer zum Wohle anderer zusammen. Eifer lässt die Macht des Heilsamen anwachsen und bewirkt, dass die eigenen früheren heilsamen Handlungen lange andauern, was zu großem Mut führt.
Befreiende Sammlung ist das einspitzige Ausrichten auf das Heilsame und beinhaltet 1) die Konzentration, die ein Wohlbefinden in diesem Leben erzeugt, d.h. es handelt von den neun Arten der geistigen Ruhe, 2) die Konzentration, die ausgezeichnete Eigenschaften entstehen lässt und 3) die Sammlung, um allen fühlenden Wesen zu nützen. Konzentration vermindert die störenden Emotionen. Allerdings benötigt meditative Sammlung einiges an Vorbereitung, da die Wurzel der Qual und des Leidens in unserem gewöhnlichen Geist liegt. Daher müssen wir auch 1) die Ursachen für diese Konzentration legen, wie das Aufgeben von Zerstreuungen etc. 2) die fünf Fehler aufgeben und 3) uns auf die acht Arten der geistigen Anwendung stützen, indem wir uns in eine passendes Gefäß verwandeln.
Befreiende Weisheit ist die Intelligenz, die die Natur alle Phänomene vollkommen unterscheidet und umfasst 1) die Weisheit des Hörens, 2) die Weisheit des Nachdenkens und 3) die Weisheit der Meditation. Durch Weisheit werden die zwei Arten der Verschleierungen – die der störenden Gefühle und die für die Allwissenheit – beseitigt. Auch wenn der Buddhaschaft Weisheit angeboren ist, so kann diese durch die drei Arten der Weisheit kultiviert werden.

Die sechs überweltlichen Handlungen werden deshalb überweltlich genannt, weil ihre Ausführung frei von den Konzepten eines Ausführenden, eines Empfängers und der Idee der Handlung ist. Sie werden auch in zwei Gruppen eingeteilt, wobei Großzügigkeit, ethische Disziplin und Geduld zu einer höheren Wiedergeburt führen und Eifer, meditative Sammlung und Weisheit zum „wahrhaft Guten“ – wie Gampopa es nennt – oder zur Buddhaschaft führen.
Auch führen die sechs Paramitas zu einer Ansammlung positiver Kraft durch das Ausüben von Großzügigkeit und ethischer Disziplin und zu einer Ansammlung von Gewahrsein durch Weisheit. Geduld, Eifer und meditative Sammlung gehören beiden Ansammlungsgruppen an.
Schließlich kann man auch jede dieser sechs überweltlichen Tugenden in weitere sechs Aspekte gliedern, wodurch sie „zum Rüstzeug der Verwirklichung“ wird, wie im „Schmuck der wahren Erkenntnis“ vermerkt wird, wodurch man schließlich zu 36 Untergruppen gelangt: 1) Großzügigkeit ist, andere Wesen in die jeweilige, spezielle überweltliche Tugend einzuführen, 2) ethische Disziplin ist, alles Widrige zu unterlassen, 3) Geduld ist, unerschütterlich angesichts von Schwierigkeiten beim Ausführen der jeweiligen Paramita zu sein, 4) Eifer ist, jede Paramita mit freudig auszuführen, 5) Sammlung ist, den Geist einspitzig auf das heilsame Ziel der jeweiligen Tugend zu richten und 6) Weisheit ist, alle Paramitas frei von den drei Kreisen – Subjekt, Objekt und Handlung – zu praktizieren.
Im Ornament der Sutras wird vermerkt, dass es genau sechs Tugenden sind, die einem das eigenen Ziel verwirklichen lassen, indem man für das Wohl der anderen wirkt. „Armut beseitigen, jegliches Leid vermeiden, Anfeindungen ertragen und bei der Arbeit nicht entmutigt sein, andere glücklich machen [durch Kräfte der meditativen Sammlung] und klare Erklärungen geben – aufgrund dieser werden die Ziele der anderen erfüllt und das ist auch das eigene Ziel.“
Die sechs befreienden Qualitäten sind nur dann befreiend, wenn Großzügigkeit ohne Erwartung erfolgt, ethische Disziplin keine höhere Geburt anstrebt, Geduld in allem gegeben ist, Eifer ein Ansammeln guter Eigenschaften ist, genauso soll meditative Sammlung keine Versenkung im Formlosen sein und Weisheit muss von geschickten Mitteln begleitet sein. Das sind dann die Paramitas in ihrer richtigen Anwendung.

Im nächsten Beitrag werden die Vorzüge und der Nutzen von Bodhicitta dargestellt. Also dranbleiben!


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