Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. Januar 2014

Bodhicitta – Der Geist des Erwachens (Teil 4)

LichttellerDer Erleuchtungsgeist wird im Schmuck der wahren Erkenntnis mit 22 Beispielen beschrieben, wie er sich vom gewöhnlichen Menschen bis zu Stufe eines Buddha entfaltet. Da der vorzügliche Erleuchtungsgeist sowohl auf die Erleuchtung als auch auf die fühlenden Wesen ausgerichtet ist, bildet er die Grundlage für das Erlangen der zwei Kayas – den Dharmakaya und den Rupakaya (Formkörper).

Das Nehmen der Bodhisattva-Gelübde

Die Zeremonie des Nehmens der Bodhisattva-Gelübde nach Shantideva umfasst wie früher schon erwähnt drei Abschnitte – Vorbereitung, Hauptteil und Abschluss. Die Vorbereitungen beginnen mit dem Gebet der Sieben-Zweige, bestehend aus dem Verbeugen, Opfern, Bekennen, Erfreuen, Ersuchen, Erbitten und Widmen. Anschließend wird im Hauptteil die Verpflichtung zum Ausdruck gebracht, wobei sowohl die Gelübde des wünschenden als auch der tätigen Erleuchtungsgeistes ausgesprochen werden. Nachdem die entsprechenden Worte der Gelübde dreimal gesprochen wurden, bringt man zum Abschluss den Drei Juwelen Opfergaben dar und lässt eine vorzügliche Geisteshaltung entstehen.
Werden die Bodhisattva-Gelübde in der Tradition des Dharmakirti genommen, besteht diese Zeremonie aus zwei Teilen – dem Hervorbringen des wünschenden Erleuchtungsgeistes und dem Gelübde des angewandten Erleuchtungsgeistes. Beim strebenden Bodhicitta wird zunächst die Bitte dazu hervorgebracht, gefolgt vom Vermehren der Ansammlungen und der besonderen Zufluchtnahme. Im Hauptteil gibt der Meister dem Schüler Unterweisungen über die Lebewesen und die Daseinsbereiche, die emotionalen Verblendungen und Karma und das Leiden der Wesen. Ferner fordert der Meister den Schüler auf, den Geist ganz auf Liebe und Mitgefühl für alle fühlenden Wesen zu richten und dann den Wunsch zu entwickeln, Buddhaschaft zum Wohle der Wesen zu erlangen, um sie zur vollkommenen Buddhaschaft zu führen. Anschließend wiederholt der Schüler dreimal die Verse des Gelübdes. Hat man so die Gelübde empfangen, lässt man zum Abschluss große Freude darüber entstehen und empfängt vom Lehrer weitere Unterweisungen zur praktischen Anwendung.

Vorzüge des Erleuchtungsgeistes

Die Vorzüge des Nehmens der Bodhisattva-Gelübde sind vielfach. Dagpo Lharye (Gampopa) nennt zählbare und unzählbare Vorzüge. Durch das Nehmen der Bodhisattva-Gelübde treten wir in das Mahayana – das Große Fahrzeug oder der Große Pfad – ein. Da die Schulung der Bodhisattvas aus Disziplin, Meditation und Weisheit besteht, erwerben wir durch das Nehmen der Gelübde die Grundlage dafür und können die erleuchtete Geisteshaltung so stabilisieren. Da das Beste der heilsamen Handlungen der Erleuchtungsgeist ist, werden alle negativen Handlungen ein für allemal beendet, weil „wie das Feuer am Ende eines Zeitalters verbrennt er große Negativität mühelos in einem einzigen Moment.“ Durch das Entwickeln des Erleuchtungsgeistes ist der Same für die Erleuchtung gesetzt, da der Geistesstrom mit Liebe und Mitgefühl durchtränkt wird, sodass sich die zur Erleuchtung führenden Handlungen (z.B. die 37 Handlungen eines Bodhisattvas) ausbreiten können und die Frucht der Buddhaschaft schließlich heranreift. Weiters werden unzählige Verdienste erworben, die Buddhas und Bodhisattvas werden erfreut, es entsteht Nutzen für alle Wesen und wir erlangen schließlich schnell die vollkommene Buddhaschaft. Das sind die Vorzüge des strebenden Bodhicitta.
Der Nutzen des angewandten Bodhicitta gestaltet sich aus den Vorzügen des strebenden Bodhicitta zusätzlich noch dazu mit zwei weiteren Vorzügen. So entsteht für uns selbst unaufhörlicher Nutzen und es entsteht Nutzen für andere.

Nachteile, wenn man ihn aufgibt

Den Erleuchtungsgeist aufzugeben kann man natürlich auch, jedoch werden die Konsequenzen als dreifach gesehen: 1) eine Geburt in den niederen Daseinsbereichen, 2) man führt immer weniger Handlungen zum Wohle anderer aus und 3) man irrt lange Zeit umher, ohne die Bodhisattvabhumis – die Stufen der Bodhisattas – zu erreichen.
Wie kann nun der Erleuchtungsgeist verloren gehen? Der strebende Erleuchtungsgeist geht verloren, wenn wir 1) Lebewesen aus unserem Geist ausschließen, 2) die vier negativen Handlungen begehen oder 3) eine Geisteshaltung entwickeln, die nicht mit dem Erleuchtungsgeist übereinstimmt. Wenn man den wünschenden Erleuchtungsgeist aufgibt, dann hat man auch das tätige Bodhicitta verloren. Der strebende Erleuchtungsgeist wird beschädigt oder aufgegeben, wenn jemand die vier Handlungen ausführt, die einer moralischen Niederlage entsprechen, d.h. 1) aus Verlangen nach Gewinn und Ansehen sich selbst preist und andere herabsetzt, 2) aus Geiz Schutzlosen und Leidenden nicht die Lehre oder materielle Dinge gibt, 3) aus Ärger jemanden tadelt, ohne seine Entschuldigung anzuhören, sowie 4) das Mahayana aufgibt und etwas lehrt, das nur dem Schein nach Dharma ist. Damit dieser Bruch auch vollständig wird, muss die entsprechende Handlung 1) ständig, 2) schamlos und 3) mit Freude ausgeführt werden, sowie 4) muss man auf das Ergebnis Stolz sein. Es kann aber natürlich auch geringer sein, wenn nur ein bis drei der gerade genannten Aspekte mitwirken.

Das Wiederherstellen der Bodhisattva-Gelübde

Da Beschädigungen und Brüche von Gelübden recht häufig bewusst und unbewusst geschehen, ist es notwendig, diese Gelübde regelmäßig zu erneuern. Bei einer Beschädigung der Gelübde reicht es aus, wenn ein Bekenntnis und Reue erfolgen. Bei einem Bruch der Gelübde müssen die Bodhicitta-Gelübde erneut genommen werden.

Im nächsten Beitrag folgt die Darstellung der Praxis des Aufnehmens und Aussendens als Praxis des Erleuchtungsgeistes uvm. Also dranbleiben!


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