Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Januar 2014

Maras und Dämonen

LamaTharchinRinpocheUm wirksam zu praktizieren, müssen wir verstehen, was mit den 80.000 Arten der negativen Kräfte gemeint ist. Im Grunde ist das für Menschen im Westen kein leichtes Thema, aber es war in Tibet sehr populär und daher haben wir es im Westen eingeführt! Wenn ich von Dämonen spreche, dann schauen die Leute etwas zweifelhaft drein. Sie denken sofort: „Existieren Dämonen und Geister wirklich? Und davon soll es 80.000 Arten geben?“ Für einen Tibeter mit einem Vajrayana-Hintergrund, ist es leicht, sich auf die Vorstellung von Geistern und Dämonen einzulassen. Aber im Westen halten die Leute einen Moment inne und denken eine Zeit lang darüber nach. Der Punkt ist, dass diese Art des beständigen Nachdenkens der Dämon im Westen ist, weil wenn ihr ganz angestrengt und geschäftig denkt, dann könnt ihr die Praxis nicht machen, um die Dämonen zu vertreiben. Wie kann man also über dieses Denken hinausgelangen? Die Leute im Westen unterhalten auch den Dämon, der die unglaublichen Qualitäten und segensreichen Aktivitäten der Buddhas anzweifelt.
Der nächste Punkt ist, wie sich negative Kräfte entsprechend der zwei Ebenen der Wahrheit manifestieren. Wenn Praktizierende mit dieser Vorstellung meditieren, dass dämonische Kräfte nicht existieren, dann halten sie an einer nihilistischen Sichtweise fest. Noch schlimmer jedoch ist, dass diese nihilistische Sichtweise sie davon abhält, die Praktiken auszuführen, die die negative Kraft des Nihilismus beseitigt. Wie können sie so jemals endgültige Verwirklichung erlangen? Einfach die Existenz von Dämonen zu ignorieren, löscht sie überhaupt nicht aus, daher müssen wir eingehender untersuchen, ob Feinde und Dämonen existieren oder nicht.
Fragt euch selbst: „Gibt es mich, existiere ich?“ Wenn ihr mit „ja“ antwortet, dann existieren Feinde und Dämonen auch, wie das „Ich“ ist der König aller Dämonen. Wir müssen nicht weiter danach suchen und jede einzelne der 80.000 verschiedenen Arten finden. Der König der Dämonen, das Festhalten an eine Selbstidentität, ist genau da! Was die 80.000 Arten angeht, so bezieht sich das auf all die emotionalen und verwirrten Arten, die wir beim Festhalten an einer Selbstidentität haben. Und wenn man bedenkt, dass jeder diskursive Gedanke oder jede störenden Emotion ein Dämon ist, dann gibt es eigentlich viel mehr als die 80.000 Arten von Hindernismacher und 21.000 Arten von Dämonen! War um ist der Glaube an eine Selbstidentität dämonisch? Das ist deshalb so, weil das den falschen Glauben unterstützt, dass die phänomenale Welt außerhalb von uns ist und so das Potential der Befreiung beseitigt. Vielleicht sind die Worte „Feinde und Dämonen“ nicht die ganz richten Wörter heutzutage, aber ich glaube, dass sie ihre Wirkung zeigen, wenn wir ihre wahre Bedeutung begreifen.

Von Lama Tharchin Rinpoche

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Responses

  1. Dankö 🙂

  2. Schöner Artikel 🙂

    Was unterscheidet Dämonen von Psychosen, Störprogrammen, Blockaden?

    Persönlich fehlt mir ein die Tiefe -respektive Tragweite-, wie die Dämonen letztlich „erlöst“ werden sollten. Der „pragmatische“ Westler könnte auf die Idee kommen, den „Ur-Dämon“ der Selbstidentifikation anzugehen und damit alle Probleme zu lösen. Wie Neo-Advaita in vielen Aspekte zeigt, erkennt der Praktizierende zwar bis zu einem gewissen Punkt, dass er „Alles“ ist, die unerlösten Dämonen verhindern aber eine wirkliche Befreiung. Auf diese Weise kehrt das „Ich“ zurück und vereinnahmt das Selbst zu seinen Gunsten (Wahrheit/Spiritualität wird zur Illusion gemacht). Man beraubt sich des eigenen, notwendigen Handlungsspielraumes und wird zum Beobachter und Spielball des Geschehens, respektive der eigenen Dämonen.

    • lieber thomas,
      man kennt eine vielzahl an negativen wesenheiten, die allesamt eine bandbreite an geistig-emotionalen störungen abdecken. im dharma spricht man von den „vier maras“ oder „vier dämonen“. diese sind entsprechend dem sutrayana: 1) der mara der aggregate (skandhas oder erlebnishaufen), 2) der mara der befleckenden emotionen (klesha), 3) der mara des todesherrn und 4) der mara des göttersohnes. gemäß dem vajrayana sind es folgende: 1) der greifbare mara, 2) der nicht-greifbare mara, 3) der mara der selbsterhöhung und 4) der mara der täuschung.
      alle diese maras sind von störprogrammen, neurosen, blockaden nicht verschieden. sie sind lediglich eine personifizierte darstellung, die zwecks einer externalisierung angewendet wird. durch das mittel der externalisierung können nicht-fassbare geistig-emotionale phänomene vorübergehend konkretisiert und so behandelt werden.
      das problem bei manchen esoterisch-modernen ansätzen (z.b. osho) ist, dass sie zwar einen leerheitsaspekt betonen, aber den aspekt klar-deutlicher lichtheit hab ich darin noch nicht gefunden. leerheit und klare deutlichkeit sind untrennbar, nicht verschieden und gemeinsam präsent. deshalb suchen sie leerheit wo anders als im hier & jetzt und halten dualität aufrecht. weiters fehlt es ihnen am erleuchtungsgeist – und das ist eigentlich eh das hauptproblem. die leute praktizieren nur für ihren eigenen vorteil und nutzen. leerheit ist nichts anderes als der weisheitsaspekt und das allumfassende, ausstrahlende mitgefühl ist der methodeaspekt. leerheit ist auch dharmakaya (körper absoluter wahrheit), mitgefühl/methode ist rupakaya (formkörper).
      wenn du mehr zu einer praktischem methode dazu wissen willst, dann schau doch hier auf rangdrol’s blog bei den „drei samadhis“ nach.


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