Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. April 2014

Grund, Pfad und Frucht – die Lehren von der Natur des Geistes

LongchenDzogchenÜber Sicht, Meditation und Handlung des Dzogpa Chenpo der angeborenen Großen Vollkommenheit

 Verehrung dem ursprünglichen Buddha Samantabhadra, dem inneren Buddha!
Verehrung dem allwissenden Meister Gyalwa Longchenpa!

Buddha-Natur, die Essenz der erwachten Erleuchtung selbst, ist in jedem von uns vorhanden. Ihr Wesen ist immerzu rein, unvermischt und makellos. Sie ist jenseits von zunehmen oder abnehmen. Sie kann weder durch das Verweilen in Nirvana verbessert werden, noch verfällt sie durch das Abirren in Samsara. Ihre grundlegende Essenz ist immerzu vollkommen, ungehindert, ruhend und unwandelbar. Sie hat unzählige Ausdrucksweisen. Jene, die ihre wahre Natur erkennen, sind erleuchtet; jene, die sie ignorieren oder übersehen, sind getäuscht. Es gibt keine Art zur Erleuchtung als das Erkennen der Buddha-Natur und das Erlangen von Stabilität darin, was bedeutet, dass man sie im eigenen Seinsstrom auch wirklich identifiziert und sich in dieser präzisen Erkenntnis durch einfaches Nähren ihrer Beständigkeit ohne Veränderung oder Erfindung übt. Alle spirituellen Praktiken und Pfade gleichen sich an diesem entscheidenden Punkt und sind darin enthalten. Diese Erkenntnis ist die einzige Grenze zwischen Buddhas und gewöhnlichen Wesen. Das ist auch die große Kreuzung, an der wir uns in jedem Moment unseres Lebens wiederfinden. Die illusorische Geschichte von Samsara und Nirvana beginnt hier und jetzt. Der Moment des Dzogchen, der angeborenen Großen Vollkommenheit, ist eigentlich jenseits von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wie ein anscheinend ewiger Moment der zeitlosen Zeit. Das ist es, was wir „die vierte Zeit“ nennen: die zeitlose Zeit, jenseits der drei Zeiten, der unaussprechliche Moment der reinen ekstatischen Präsenz oder des völligen Gewahrseins, Rigpa.

Rigpa – uranfängliches Sein

Rigpa, das ursprüngliche Sein, das angeborenen Gewahrsein ist ursprünglich erwacht: frei, ungehindert, vollkommen und unwandelbar. Dennoch müssen wir es in unserem eigenen Sein erkennen, damit es wirklich realisiert wird. Rigpa ist unser Teil oder unser Anteil des Dharmakaya. Jene, die es übersehen, haben ihre wahre, ursprüngliche Natur vergessen.
In Abhängigkeit von Leiden, Karma und Verwirrung müssen wir Rigpa erkennen, damit wir unser eigenes vollkommenes Potential verwirklichen, die überragende Freude, Frieden und Freiheit der Erleuchtung selbst.
Der vorige Dilgo Khyentse Rinpoche sagte, dass die großen Yogis und erleuchteten Strebenden nichts weiter wollten und benötigten, als die Realisation der grundlegenden Natur des innewohnenden Gewahrseins selbst. Padmapa Sangye, der Siddha des mittelalterlichen Indiens, der die Prajnaparamita Sutra und die Chöd-Lehren nach Tibet bracht, sagte, dass alle Wünsche und Bestrebungen in diesem natürlichen Zustand erfüllt werden können. Emaho! Überseht das nicht! Der ursprüngliche Buddha Samantabhadra, die Personifikation von Rigpa, der der formlose Dharmakaya Buddha an der Quelle der Dzogchen-Lehren und Linie ist, ist niemals in dualistisches Denken abgeirrt und verweilt frei und vollkommen im unendlichen Ausdruck reiner Erscheinungen, die sein reines Land oder Buddha-Feld sind und ergreift die Untrennbarkeit von allem sowohl in Samsara als auch Nirvana.
Jedoch durch trügerische Gedanken und Erscheinungen getäuscht fallen die fühlenden Wesen in dualistisches Denken und halten an der Illusion von Subjekt und Objekt fest. So werden sie in den aufgewühlten Ozean der unreinen Erscheinungen der bedingten Existenz geworfen. Fälschlicherweise halten sie die unausdrückbare, selbstexistierende, angeborene Wachheit des uranfänglichen Gewahrseins für ein feststehendes Selbst oder eine fixe Seele, unser eigenes egoistisches individuelles Dasein, in das wir uns immer wieder selbst verstricken und für endlose Zeiten binden. Unwissenheit ist die einzige Ursache für das Umherwandern in Samsara. Buddhas wissen und verstehen, was gewöhnliche Wesen ignorieren, missverstehen und übersehen: die wahre, ursprüngliche Natur von einem und allen miteinander. Das ist der einzige Unterschied zwischen Buddhas und gewöhnlichen Wesen.
Tulku Urgyen Rinpoche sagte: „Die Täuschung, die entstanden ist, kann durch den Pfad beseitigt werden. Sobald wir die vorübergehenden Makel vom ursprünglichen erwachten Rigpa beseitigt haben, werden wir ‚wieder’-erleuchtet anstatt ursprünglich erleuchet. Das wird durch die folgende der mündlichen Anweisungen eines völlig qualifizierten Meisters verwirklicht.“

Leerheit

Gemäß der Shunyata-Lehre des Mahayana ist von Natur aus alles leer und offen, einschließlich des Körpers und des Geistes und aller äußeren Phänomene. Alle Dinge sind selbstlos, unlenkbar, unzuverlässig und vergänglich. Sie sind völlig ohne unabhängige Selbstexistenz oder einer dauerhaften individuellen Wesenheit. Das Verständnis der absoluten Leerheit wird durch das Verstehen der wahren Selbstlosigkeit erreicht, was die Nichtexistenz eines getrennten individuellen Selbst und die Nichtexistenz eines äußeren Selbst der Phänomene bedeutet.
Nichts kann als existent oder nichtexistent bestätigt werden, weder beides noch gar nichts. Das ist das tiefgründige Löwengebrüll des Nagarjuna und seiner Anhänger, die die Madhyamika-Philosophie des Mittleren Weges, der höchsten Lehre der Leerheit, ausgearbeitet haben. Obwohl keine Erkenntnis in all dieser Offenheit und Leerheit vorhanden ist, wirkt unleugbar eine lebendige Klarheit oder ein lichtes Gewahrsein gerade jetzt und in allen unseren Existenzen? Das ist deshalb so, weil die leere Essenz des Geistes, die tatsächlich nichts anderes als der Dharmakaya (der formlose Körper der absoluten Wahrheit) ist, von Natur aus lichthaft, gewahr, erkennend (was der Sambhogakaya, das reine Klar-Licht oder die ausstrahlende Energie ist), manifestiert sie sich dennoch unleugbar ungehindert als eine Vielzahl an Ausdrucksformen des dynamischen Mitgefühls (der Nirmanakaya oder Tulku, der Formkörper der erleuchteten Aktivität). Auf diese Weise verstanden, ist es nicht offensichtlich, dass die drei Kayas untrennbar und unserem eigenen Herzgeist innewohnend sind?
Mipham Rinpoches Gebet zu Grund, Pfad und Frucht sagt: „Präsent seit Anfang, ist es nicht davon abhängig, kultiviert zu werden, noch von solchen Dingen wie den Unterschieden der eigenen Fähigkeit. Möge dieser wesentliche Punkt der Natur des Geistes, so schwer zu glauben, obwohl anscheinend so einfach, durch die Macht der mündlichen Anweisungen des Meisters erkannt werden. Mögen wir spontan in der Natur des Nicht-Tuns, jenseits von Handlung und Untätigkeit, vollendet sein.“
Die Buddha-Natur durchdringt alle Wesen. Sobald die Weisheit der Großen Vollkommenheit auf ein Wesen übertragen wurde, macht es nichts, ob das Wesen einen scharfen oder intelligenten Verstand hat. Warum ist das so? Das ist deshalb so, weil was uns vom Erkennen der Großen Vollkommenheit abhält, nicht etwas grundlegend anderes als die Große Vollkommenheit ist oder irgendwie fern davon wäre. Wenn wir unser eigenes Augenlid nicht sehen können, dann ist das nicht, weil es so weit weg wäre, wie ein entfernter Berg. Es ist sehr nah, aber schwierig zu sehen. Das selbe gilt für die Natur des Geistes.

Diese Belehrung zur Natur des Geistes wurde von Surya Das mit Nyoshul Khenpo zusammengestellt und ist vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) zum besseren Verständnis ins Deutsche übersetzt worden. Möge Nutzen daraus entstehen!

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