Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Juli 2014

Die Mahasiddha-Tradition (Teil 2)

NubchenSangyeYeshe1

Von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds)

Diese Tradition, die außerhalb aber parallel zur monastischen Disziplin bestand, wurde im 8. Jhdt. von solch verwirklichten Mahasiddhas wie Padmasambhava und Vimalamitra nach Tibet gebracht und bereitwillig als die Hauptpraxis in den nicht-tantrischen Kreisen angenommen, wie von Nubchen Sangye Yeshe (gNubs-chen sangs-rgyas ye-shes, 9. Jhdt.) angeführt wurden, der im Gegensatz zu den Mönchen des Samye-Klosters in der Gestalt eines Schwarz-Hut-Zauberers der Bönpos umherging. Nubchen war ein verheirateter Lama und er war nicht nur ein tantrischer Zauberer und Magier, sondern ein gebildeter Gelehrter und Übersetzer. Jedoch waren seine Arbeit und die Studien und Übersetzungen der Mahayoga-Tantras (die fachliche Bezeichnung für die Höheren Tantras in der frühen Periode) von anderen wie ihm außerhalb der Aufsicht der Regierung und ihrer Förderung. Grundlegend wurde die Übersetzung und Praxis der Sutras und des Vinaya und ein paar wenige ausführliche Äußere Tantras von der tibetischen Regierung sanktioniert und finanziert. Dies repräsentierte einen offiziellen Buddhismus. Aber die Höheren Tantras, die Mahayoga-Tantras (der früheren Periode) bzw. die Anuttara Tantras (der späteren Periode) stellten zuerst so etwas wie eine Untergrundbewegung oder etwas Gesetzloses dar. Die Unvereinbarkeit mit dem Gesetz und die Freizügigkeit gnostischer Empfindungen der Tantras und insbesondere der reichhaltigen sexuellen Symbolik (kopulierende Gottheiten, Aufforderungen zu inzestuöser Praxis etc.) waren beabsichtigt, um die Gefühle der vornehmen Gesellschaft anzugreifen. Es war nicht so, dass die Tibeter an sich puritanisch gewesen sind. In der tibetischen Kultur ist Sex nicht etwas Böses. Es ist ein natürlicher Appetit wie Hunger und Durst und dem man frei ohne irgendeine Schuld nachgehen konnte. Aber die öffentliche Zurschaustellung von Sexualität wurde nicht gefördert, daher wurden zuerst Abbildungen von kopulierenden Gottheiten nicht öffentlich gezeigt. Selbst in Indien, wo erotische Symbolik nicht so eingeschränkt war, waren die Tantras in erster Linie eine esoterische Tradition. Aber sogar dort gab es vieles in den Tantras, das schockierend war – es ist Bestandteil der Methode der Tantras, eine Person über ihre Begrenzungen hinauszuführen, die alle gesellschaftlichen und klösterlichen Konventionen zu durchbrechen. Daher war die Fülle an Aussagen, die mit dem Gesetz unvereinbar waren, eine Erschütterung der konventionellen Sittlichkeit der Brahmanen-Priester und der buddhistischen Mönche – all das wurde dem Buddha in den Mund gelegt. Kein Wunder, dass im Guhyasamaya-Tantra, als der Versammlung der Mönche die wahre Lehre des Buddha angekündigt wurde, sie in tiefe Ohnmacht vor Schrecken fielen.
Man könnte fast meinen, dass diese Tantras eine Art buddhistischer Satanismus wären: die Anrufung an und Anbetung einer gehörnten und haarigen Gottheit, die als ein Heruka bezeichnet wird, die mit der Gefährtin kopuliert, die rohes Fleisch isst und Blut trinkt, während sie schallende Klänge von sich gibt, umgeben in nächtlichen Riten und Orgien von nackten männlichen und weiblichen Feiernden, die singen und tanzen – ein veritabler Hexensabbat. Im Westen war das in den vergangenen Jahrhunderten die verdrehte Phantasie der Geistlichkeit und paranoider Autoritäten – eine finstere Verschwörung gegen Gott und die weltliche Obrigkeit. Dies gipfelte im Verbrennen von Häretikern und in der Hexenverfolgung, von der man sagt, dass an die neun Millionen Menschen umgekommen sind, verbrannt oder gehängt wurden. Aber der Kontext im Buddhismus und der Brauch, in dem diese chthonische und lunare Symbolik verwendet wird, ist ziemlich anders. Hier ist das Ziel nicht, die etablierte Kirche oder die Herrschaft eines Königs zu stürzen, sondern die ignorante Schreckensherrschaft des Ego, des falschen Gottes und des falschen Königs. Diese lunare und chthonische Symbolik des Heruka, des gehörten Gottes und des Hexensabbats, wird in den spirituellen Pfad der Erleuchtung integriert. Was die ganze Welt verurteilt und missbilligt wird zum eigentlichen Mittel der Erleuchtung. Die verbotene Frucht wird gekostet. Und die Methode hier ist die alchemistische Verwandlung.

Höhere Tantras

Die Höheren Tantras waren in den frühen Tagen im Untergrund, aber Übersetzungen wurden gemacht, ungeachtet des Fehlens der Unterstützung der Regierung und der Sponsoren. Und Übertragungen wurden von tantrischen Meistern empfangen, die nach Tibet kamen, wie einem Guru Padmasambhava im 8. Jhdt., der das tantrische System der acht Herukas (bka‘-brgyad), aber auch Dzogchen lehrte. Drei dieser Herukas waren weltliche und mit Magie verbunden: die weltlichen Götter, Mamo – die Muttergottheiten und die zornvollen Mantras. In ihren Mandalas bezog Padmasambhava auch die angestammten tibetischen Gottheiten in einer untergeordneten Rolle mit ein. Aber er gab diese Einweihungen in einer Höhle in Chimphu und nicht in der Nähe des kürzlich errichteten Klosters Samye. Der Kult der Höheren Tantras wurde nicht öffentlich praktiziert. Wandgemälde aus diesen frühen Jahrhunderten zeigen die friedvollen Gottheiten der Yogatantras, aber keine zornvollen, Blut trinkenden und kopulierenden Gottheiten der Anuttara Tantras.
Als der Buddhismus in Tibet im 9. Jhdt. nach der Ermordung des buddhistischen Königs Ralpachen verfolgt wurde, wurden nur die Klöster und die Mönche unterdrückt. Die Fraktion in der Regierung, die für diesen Coup verantwortlich war, war an sich nicht anti-buddhistisch (eine spätere anachronistische Interpretation), sondern meinte, dass die Mönche gesellschaftliche Parasiten wären und das die Klöster den königlichen Finanzen zu dieser Zeit zu viel abverlangten, als ausländische Kriege niedergeschlagen werden mussten, um das tibetische Königreich zu bewahren. Einzelne Tantrikas oder tantrisch Praktizierende wie Nubchen Sangye Yeshe setzten ihre Arbeit und ihre Belehrungen im Privaten fort, ohne von der Regierung unterbrochen zu werden. Obwohl historische Aufzeichnungen gering und dürftig sind, ist diese Periode – die 9. und 10. Jhdt. – das bahnbrechende Zeitalter, was im Nachhinein als die Schulen der Nyingma und des Yungdrung Bön bekannt geworden ist.

Fortsetzung folgt!

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