Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Februar 2015

Mahayoga – die Erzeugung von Universum und Inhalt

HerukaNachdem einige ob der vielfältigen Darstellung der tantrischen Praxis und der Meditation auf Gottheiten sich immer wieder fragen, ob im Buddhismus Gottheiten angebetet werden und andere irrige Meinungen zu diesen komplexen Meditationen entwickeln, habe ich mich entschlossen, einige Eckpunkte dieser Übungen zwecks besseren Verständnis für jene wenigen darzustellen. Und gleich mal vorab – NEIN, es werden im tantrischen Buddhismus keine Gottheiten angebetet oder irgendwelche Götter verehrt. Der Begriff „Gottheit“ steht für jenes Potenzial, dass allen Wesen innewohnt, nämlich der Buddha-Natur. Durch die Praxis des zweifachen Gottheiten-Yoga – der Erzeugungs- und Vollendungsstufe – wird das Aufscheinen der innewohnenden Buddha-Natur entwickelt.

Allgemein wird die Praxis der Erzeugungsstufe (tib., skye rim) Mahayoga durch die Vasenermächtigung eingeleitet. Durch die Ermächtigung mit der Vase werden die Erlebnishaufen (skandhas) und das grobe Verständnis von einem selbst und den Phänomenen gereinigt und in die reine Sicht von Gottheit und Mandala verwandelt. Die Erzeugungsstufe wie auch die Vollendungsstufe der Praxis sind Meditationen mit Merkmalen. Bei der Praxis der Erzeugungsstufe gibt es mehrere Punkte, die in der Meditation wichtig sind.

Drei Bardos – drei Samadhis

Zunächst einmal werden die drei Bardo-Erfahrungen – Bardo des Todes (tib., ‚chi kha’i bar do), Bardo der Wirklichkeit (tib., chos nyid bar do) und Bardo der Wiederverkörperung (tib., srid pa’i bar do) – durch die drei Samadhis (tib., ting nge ‚dzin gsum) in den Pfad gebracht.
Wesen mit einem Körper erfahren beim Sterben die Auflösung der äußeren Elemente, die Auflösung der inneren Kanäle, Winde und Tropfen und schließlich den Tod. Im Normalfall erkennen die Wesen diese Vorgänge eben nicht als illusionsgleiche Erscheinungen ihrer Geistnatur, sondern schreiben den Erscheinungen und sich selbst eine Eigennatur zu, wodurch sie nach Erfahrungen von Anhaftung und Ablehnung greifen. Im Grunde erscheint jedoch zum Zeitpunkt des Todes die lichthafte Klarheit des Dharmakaya. Um diesen Zustand in den spirituellen Pfad zu integrieren, verweilt man zu Beginn der Gottheitenpraxis im Samadhi der Soheit (tib., de bzhin nyid kyi ting nge ‚dzin). Dadurch werden alle sinnlichen Phänomene als der nackte, unverzierte Dharmakaya erkannt.
Erkennt man dieses Klar-Licht zum Zeitpunkt des Todes nicht, dann tritt der illusionsgleiche Geistkörper des Zwischenzustandes (Bardo der Dharmata; tib., chos nyid bar do) auf. Daher werden im weiteren Verlauf der Praxis der Erzeugungsstufe die Gewohnheitsmuster, die aus dem Bardo der Dharmata herrühren durch den alles-erhellenden Samadhi oder den Samadhi des Ausstrahlens des Mitgefühls (tib., kun nas snang ba’i ting nge ‚dzin) in den Raum bereinigt.
Erkennt man im Bardo der Dharmata die Natur des Geistes nicht und erlangt keine Befreiung, dann tritt man den Pfad der Empfängnis in einem Mutterschoß an, wodurch Geburt bzw. Wiederverkörperung stattfindet. Die damit verbundenen Gewohnheitsmuster des Bardo der Wiederverkörperung (tib., srid pa’i bar do) werden das Verweilen im Samadhi der Ursache – auch Samadhi der Keimsilbe (tib., rgyu’i ting nge ‚dzin) genannt – bereinigt.

Geist und Geburt

Indem man sich in der groben Erscheinungsform der Gottheit übt, werden jene Gewohnheiten bereinigt, vom Zeitpunkt der Empfängnis – dem Vermischen von unzertörbarem Geist-Wind und Zeugungsflüssigkeiten – bis hin zum Erwachen der Sinnesfähigkeiten in der äußeren Welt nach der Geburt[1] entstanden sind. Dabei werden unterschiedliche Trainingsarten der Erzeugung verwendet, die den vier Arten der Geburt entsprechen. Das Training des augenblicklichen Entstehens reinigt vor einer spontanen Geburt in den Höllenbereichen oder einer Geburt in einem Götterbereich. Das Training „der drei Rituale“ reinigt eine Wiedergeburt aus Hitze und Feuchtigkeit. Das Training „der vier Vajras“ reinigt eine Wiedergeburt aus einem Ei. Und das Training „der fünf Verwirklichungen der Erleuchtung“ reinigt die Gewohnheiten einer Wiedergeburt aus einem Schoß.
Indem man so die vierfache Klarheit und die vierfache Stabilität erlangt hat, werden die Gewohnheitsmuster, die von der Geburt bis zur Reifung entstehen, durch die vier Übungen der ausführlichen Mudra gereinigt. Bei dieser ausführlichen Mudra bringt man Mandalas hervor, sowie Haufen von Mandalas, verschiedene Anzahl von Gottheiten und Gesichter und Arme der Gottheiten.[2]

Geist und Ausstrahlung

Dies alles kann nach Rongzompa in den drei Yogas zusammengefasst werden – dem Yoga des Segens, dem Yoga des imaginativen Erschaffens und dem Yoga der Kontemplation. Beim ersten meditiert man, dass die eigene Soheit durch die Soheit der Gottheit gesegnet ist. Die zweite ist, die Form-Kayas aus dem reinen Bodhicitta zu erschaffen. Und beim dritten bringt der Yogi oder die Yogini die Gottheiten in einem Moment meditativer Versenkung hervor, so wie eine Spiegelung auf einer klaren Wasseroberfläche.
Um die Gewohnheitsmuster, die von der Zeit der Reife bis zum hohen Alter entstanden sind, werden durch die Praxis der Gruppen bereinigt. Die fünffache Vorzüglichkeit von Lehrer, Versammlung, Ort, Lehre und Zeit bildet die Grundlage der Praxis. Meist werden Lehrer und Gefolge zusammengefasst und die Praxismaterialien als fünftes Element dazugezählt.
Bei der Praxis mit der Visualisation der Gottheit und dem Mandala gibt es zwei Abschnitte – die Annäherung und die Verwirklichung. Die Annäherung erfolgt durch das Zusammenbringen der Bedingungen und Praxismaterialien für das Retreat, die nache Annäherung durch die klare Visualisation und durch das Ausstrahlen und Wiederaufnehmen von Licht, was den Meditierenden zu einem geeigneten Gefäß macht. Die Verwirklichung geschieht dann ab der zweiten Hälfte des Retreats durch Ausstrahlen und Aufnehmen und dem Auftreten von Zeichen. Durch die Mantra-Rezitation und das Empfangen der Siddhis – der spirituellen Kräfte – am letzten Tag eines Retreats wird die große Verwirklichung erreicht. Im Grunde kann die Praxis einer friedvollen Gottheit in sechs Monaten oder in 14 oder 16 Monaten verwirklicht werden. Bei der Praxis zornvoller Gottheiten wird die Verwirklichung in kürzerer Zeit erreicht, so nennt z.B. Jamgön Kongtrul einen Zeitraum von zwei bis sechs Monaten dafür.
Wesentliche Aspekte bei der Meditation von Gottheit und Mandala sind die Klar-Deutlichkeit der Visualisation, das Einnehmen des sog. „Gottheiten-Stolzes“, d.h. man ist sich bewusst, dass man die Gottheit ist und die reine Erscheinung, d.h. man weiß um die symbolische Darstellung von Gottheit und Mandala.

Reinigung und Vollendung

Diese beschriebenen Praktiken bilden von den fünf Pfaden zur Buddhaschaft die ersten beiden, nämlich den Pfad der Ansammlung und den Pfad der Verbindung. Durch diese Praktiken werden die Gewohnheitsmuster, die mit den drei Stufen von Geburt, Zwischenzustand und Tod in Samsara zusammenhängen, bereinigt. Indem man so die Fähigkeit bzw. die Veranlagung der (Buddha)-Familie nährt, wird Vollendung erlangt, d.h. man entwickelt auf diese Weise die innewohnende Buddha-Natur. Auf diese Weise wird auch die Verwirklichung von Wonne-Leerheit ungetrennt in Form der Gottheit verwirklicht und dies fördert die Reifung auf den höheren Pfaden. So kann man dann den Pfad der Vollendungsphase betreten, wodurch die drei weiteren Pfade des Sehens, der Meditation und des Nicht-mehr-Lernens beschritten werden.

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[1] Im Allgemeinen dauert gemäß dem Verständnis im Vajrayana die Zeit von Empfängnis bis zum Erwachen der Sinnesfähigkeiten zwölf Monate. Neun Monate bzw. zehn Mondmonate (10×28 Tage) werden für das Entwickeln der fünf Weisheitswinde und der fünf Elementwinde benötigt und drei Monate werden für das Erwachen der Sinnesfähigkeiten in der äußeren Welt gebraucht.

[2] Jamgon Kongtrul zählt hier ausführliche, mittlere und zusammengefasste Mandalas der friedvollen und zornvollen Gottheiten auf, sowie ein, drei oder fünf Haufen, eine Anzahl von 1.000, 24.000 und viele Friedvolle, weiters 1.450, 76.850 und viele Zornvolle auf und bei den Gesichtern und Armen ausführliche, mittlere und kurze Arten.


Basierend auf den Lehren aus dem „shes bya mdzod“ des Jamgon Kongtrul hat der Ngak’chang Rangdrol Dorje das in aller Eile zusammengefasst. Möge es von Nutzen sein!


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