Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Mai 2015

Das Ngöndro aus Sicht des Dzogchen – Teil 1

Ein Kommentar von S.H. Dudjom Rinpoche

BhavachakraWelche Praxis wir auch ausführen, die relative Wahrheit und die absolute Wahrheit sind gemeinsam vorhanden, Methode und Weisheit bestehen gemeinsam, Erfahrung und Leerheit sind gemeinsam existent. Dies ist deshalb so, weil dies die Natur der Wirklichkeit ist. Die grundlegenden Übungen des Ngöndro sind eine Methode zum Realisieren der Natur der Wirklichkeit, welche ein anfangsloser erleuchteter Zustand ist. Der Schlussabschnitt des Ngöndro – das Guru-Yoga – ist die Quintessenz dieser Methode. Durch das Guru-Yoga wird diese Ebene der Weisheit erreicht, wenn der Guru sich auflöst und eins mit einem wird. An diesem Punkt verweilt man in der absoluten Natur der Dinge, welche der eigentliche Zustand der Wirklichkeit ist, so wie ist.
Zu Beginn rufen wir die Gegenwart des Gurus an. Weil der Guru derjenige ist, der sowohl die Eigenschaften des Pfades als auch die Qualitäten des Ziels verkörpert, erinnern wir uns am Anfang und am Ende dieser Praxis an den Guru.

Vier Gedanken

Nachdem wir uns an den Guru erinnert haben, denken wir darüber nach, wie schwierig die menschliche Geburt zu erlangen ist, welche die förderlichste Bedingung für die spirituelle Praxis ist. Die menschliche Geburt ist die Basis für den spirituellen Pfad der Befreiung und ist daher kostbar und des großen Respekts wert. Wenn man diese Situation, in der man sich selbst nun befindet, nicht wertschätzt, dann wird man sie nicht nutzen und eine große Gelegenheit wird vergeudet sein.
Dann denken wir über Unbeständigkeit und Tod nach. Alles was existiert, ist Gegenstand von Wandel und Auflösung. Obwohl man stirbt, wird man keine Freiheit nur durch den Verlust der menschlichen Gestalt finden. Man wird weiter in Samsara kreisen und zahllose Gestalten entsprechend der Wahrnehmungsmuster annehmen. Die Natur von Samsara ist die Erfahrung von Leiden, welches durch das Aufrechterhalten der Illusion von Dualität entsteht. Darüber denken wir nun nach.
Dann denken wir über Bedingungen und die Muster der karmischen Erfahrungen nach. Wir erkennen die Art, in welcher unsere Wahrnehmung und Erwiderungen alle von der dualistischen Konditionierung beherrscht sind, welche so schwierig unterlaufen ist.
Dies werden „die vier Gedanken, die den Geist wandeln“ genannt. Ihr Zweck ist es, unsere Aufmerksamkeit von den zwanghaften Mustern und Gewohnheiten wegzubringen. Es ist wichtig, dass man über diese Gedanken nachsinnt, um zu Beginn des Ngöndros eine angemessene Motivation für die Praxis hervorzubringen. Übt man auf diese Weise, ist es, als ob man ein gepflügtes Feld gerade streicht und für das Säen vorbereitet. Dann müssen wir den Samen selbst aussehen. Den Samen säen ist das Zuflucht nehmen, Bodhicitta entwickeln, Mandalas opfern und uns selbst durch Varjasattva reinigen.
Aus der Perspektive der relativen Umgebung, in der wir uns selbst befinden, ist es nicht möglich, die absolute Natur der Realität zu verwirklichen, ohne sich darauf zu beziehen, was relativ ist. Ohne die relative Situation als Basis zu benutzen, kann man die wahre Natur des eigenen Geistes nicht realisieren. Auf dieselbe Weise, ohne Ngöndro, kann man die Natur der Leerheit nicht direkt begreifen. Das Relative und Absolute sind gemeinsam existent – sie gehen Hand in Hand. Es ist wirklich wichtig, dies zu realisieren.

Das nächste Mal gibt’s die Unterweisungen zu Zuflucht. Also dranbleiben!


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