Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Mai 2015

Das Ngöndro aus Sicht des Dzogchen – Teil 2

Ein Kommentar von S.H. Dudjom Rinpoche

Zuflucht

DT_refuge_treeSchauen wir nun die Zuflucht an. Auf der äußeren Ebene gibt es die Drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha. Buddha ist die Quelle des Dharma. Jene, deren Geist dem Dharma zugewandt ist, sind die Sangha. Weil wir in Dualität existieren, erfahren wir irreführende Unzufriedenheit. Dies ist der Grund, warum wir Zuflucht nehmen, um von der Erfahrung der selbst hervorgebrachten Unzufriedenheit befreit zu werden. Weil wir unsere wahre Natur nicht verstehen, ist diese menschliche Gestalt ein Gefäß von endlosen dualistischen Projektionen geworden. Sie ist eine Quelle der Anhaftung geworden. Diese Anhaftung ist sehr stark, bis man die wahre Natur der Existenz erblickt. Bis man vollständig befreit ist von der Täuschung, dass der Körper die eigene Existenz für gültig erklärt, wird beständig Unzufriedenheit die Erfahrung einfärben. Aufgrund dessen gibt es die Drei Juwelen als Fokus der Zuflucht. Äußerlich betrachtet nimmt man also voller Hingabe Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha. Aber innerlich betrachtet sind Buddha, Dharma und Sangha ein Symbol für einen tiefgründigen und geschickten Pfad, der uns aus dem selbst geschaffenen illusorischen Samsara führt.

Drei Juwelen

Aus der Sicht des Dzogchen sind die Drei Juwelen in uns. Auf der absoluten Ebene ist unser Geist, der leer von jeglichen Bezugspunkten ist, selbst Buddha, Rigpa, strahlendes Selbstleuchten. Äußerlich manifestiert sich Dharma als Klang und Bedeutung – man hört es und praktiziert es. Aber von einem inneren Standpunkt aus ist Dharma leer. Als Essenz ist er der unaufhörliche, ungehinderte, selbst leuchtende Ausdruck von Rigpa – dem uranfänglichen Geist. Äußerlich umfasst Sangha jene, deren Geist sich dem Dharma zuwendet, aber innerlich ist Sangha der alles durchdringende, alles umfassende Aspekt des Geistes. Die Drei Juwelen sind in uns vollständig vollendet. Weil wir dies jedoch nicht erkennen, nehmen wir Zuflucht in ihre äußerlichen Aspekte. Wenn man das Ngöndro praktiziert, visualisiert man Padmasambhava mit glühender Hingabe. Man führt die Niederwerfungen mit der Ergebenheit des eigenen Körpers aus. Und man rezitiert die Zufluchtsverse mit der Sprache. Wenn man dann am Ende der Praxis in ruhiger Versenkung sitzt, löst man die Visualisation in sich hinein auf und man verwirklicht, dass diese drei – Subjekt, Objekt und Aktivität – nichts anderes sind als Rigpa! Der Meditierende ist man selbst; Padmasambhava ist das eigene Objekt der Meditation. So verweilt man einfach in der Natur von Rigpa. Etwas anderes als Rigpa gibt es nicht zu finden! Buddha Shakyamuni sagte im „Do-De Kalpa Zangpo“: „Ich manifestierte auf eine traumgleiche Weise für traumgleiche Wesen und gab einen traumgleichen Dharma, aber in Wirklichkeit lehrte ich niemals und nichts davon geschah.“ Von dieser Sicht aus ist alles bloß Wahrnehmung, die nur in der erscheinenden Sphäre der Soheit existiert. Hinsichtlich der Praxis der Zuflucht ist der relative Aspekt das Objekt der Zuflucht, dem man Hingabe und Niederwerfungen opfert usw. Aber der absolute Aspekt ist ohne Anstrengung. Dies geschieht, wenn man die Visualisation auflöst und im natürlichen mühelosen Zustand des Geistes verweilt, in dem das Konzept der Zuflucht nicht mehr besteht.

Das nächste Mal gibt’s die Unterweisungen zu Bodhicitta. Also dranbleiben!


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