Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. Mai 2015

Das Ngöndro aus Sicht des Dzogchen – Teil 3

Ein Kommentar von S.H. Dudjom Rinpoche

EndlosKnoten Kopie 2Bodhicitta

Die Entwicklung von Bodhicitta oder dem Erleuchtungsgedanken bedeutet, dass wir, wenn wir nur für uns alleine handeln, dem Dharma-Pfad nicht folgen und unsere Erleuchtung wird behindert sein. Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass wir den Erleuchtungsgedanken für die Befreiung aller Wesen aus Samsara hervorbringen.
Die Wesen sind so zahllos wie der Raum. Sie waren alle unsere Väter und Mütter. Sie haben alle in Samsara gelitten, das aus dem Seinsgrund künstlich hervorgebracht wurde. Daher ist der Gedanke, sie zu aus dem Leiden zu befreien, wirklich sehr mächtig. Ohne diesen haben wir nur das verblendete Konzept, dass wir von allen fühlenden Wesen getrennt sind.
Der Erleuchtungsgedanke ist: „Von jetzt an bis Samsara geleert ist, werde ich für das Wohlergehen aller Wesen, die meine Väter und Mütter waren, wirken.“ Von einem relativen Standpunkt aus gibt es fühlende Wesen, die zu befreien sind, gibt es Mitgefühl, das hervorgebracht werden muss und es gibt ein Ich, welches der Hervorbringer des Mitgefühls ist. Der Weg des Erzeugens und Zeigens von Mitgefühl wurde von Buddha Shakyamuni selbst erklärt. Dies ist der relative Erleuchtungsgedanke.
In der Praxis des relativen Erleuchtungsgedanken visualisiert man alle Wesen und dann erweckt man den Erleuchtungsgedanken. Man rezitiert die Verse so oft wie möglich es die Praxis erfordert. Die Anweisungen gemäß den Belehrungen zum Entwickeln des Erleuchtungsdenkens sind, dass man das eigene Glück mit dem Leid der anderen austauscht. Wenn man ausatmet, gibt man das ganze Glück und die Freude und sogar deren Ursachen allen fühlenden Wesen. Wenn man einatmet, nimmt man all ihre Qual und ihr Leiden, sodass sie frei davon sein können. Dies ist ebenfalls sehr wichtig. Ohne die Entwicklung des Erleuchtungsgedankens können wir uns selbst nicht von unserer Anhaftung an Formen und den Ausdruck der Leerheit befreien, und daher können wir keine Erleuchtung erlangen. Dies ist aufgrund unserer Unfähigkeit, anderen mit Mitgefühl zu begegnen. Und weil wir an Konzepten von uns selbst festhalten, sind wir noch immer nicht frei von Dualismen.

Absolutes Bodhicitta

Hinsichtlich des absoluten Aspekts des Erleuchtungsgedankens sagte Buddha Shakyamuni zu seinem Schüler Rabjor: „Alle Phänomene sind wie eine Illusion und ein Traum.“ Der Grund, warum der Buddha dies sagte ist, weil alles Erscheinende ein Gegenstand von Wandlung und Auflösung ist. Nichts ist inhärent beständig, dauerhaft, getrennt, andauernd oder definiert. Wenn man die Welt als beständig ansieht, hängt man sich selbst am Seil der Verstrickung auf und ist gezwungen und angekettet durch den Zwang wie ein Hund an der Leine. Man ist in Aktivitäten verstrickt, die niemals enden, weshalb Samsara endlos erscheint.
Man mag vielleicht denken, weil Samsara wie ein Traum ist, dass die Erleuchtung solide und dauerhaft wäre. Aber Buddha Shakyamuni sagte, dass Nirvana selbst ebenfalls wie ein Traum ist – eine Illusion. Da gibt es nichts, dass man als Nirvana bezeichnen könnte. Es gibt nichts, was Nirvana genannt und berührbar ist. Buddha Shakyamuni sagte dies sehr direkt: „Form ist Leerheit.“ Beispielsweise kann der Mond sich im Wasser spiegeln, aber es gibt keinen Mond im Wasser und es hat nie einen darin gegeben. Es gibt keinen Mond im Wasser, nach dem man greifen kann. Die Form ist leer.
Dann fuhr Buddha Shakyamuni fort und sagte: „Leerheit selbst ist Form.“ Es ist Leerheit selbst, was in der Art und Weise von Form erschienen ist. Man kann Leerheit nicht getrennt von Form finden. Man kann diese beiden nicht trennen. Man kann nicht nach ihnen als zwei getrennte Entitäten greifen. Der Mond wird vom Wasser reflektiert, aber das Wasser ist nicht der Mond. Der Mond ist nicht das Wasser, dennoch kann man Wasser und Mond nicht voneinander trennen. Sobald man dies auf der Ebene der Erfahrung verstanden hat, gibt es kein Samsara mehr. Im Bereich der Realisation gibt es kein Samsara und Nirvana. Wenn man von Belehrungen des Dzogchen spricht, sind Samsara und Nirvana nur ein dualistisches Konzept. Aber wenn man auf den Mond im Wasser blickt, sagt man vielleicht: „Aber er ist doch da. Ich kann ihn sehen!“ Aber wenn man dann hinlangt und ihn zu berühren versucht, ist er nicht dort!
So ist es auch mit den Gedanken, die im eigenen Geist erscheinen. Wenn man also fragt, warum dies so ist, dann muss man wissen, dass alles nur durch das wechselseitig bedingte Entstehen erscheint. Was ist das wechselseitig bedingte Entstehen? Es ist einfach so, dass Mond und Wasser nicht getrennt bestehen. Das reine Wasser ist die Hauptursache und der Mond ist die zweite oder beitragende Ursache. Wenn diese beiden sich treffen, dann besteht wechselseitig bedingtes Entstehen. Es ist das gleichzeitige Entstehen von primärer Ursache und der mitwirkenden Ursache.

Dualität – Samsaras Wurzel

Um es direkt zu sagen, die Hauptursache oder Basis von Samsara ist Dualität – die künstliche Trennung von Leerheit und Form. Aus dieser heraus werden alle Manifestationen zu mitwirkenden Ursachen im Rahmen der karmischen Vision. So lange wir an dem formhaften Ausdruck von Leerheit als eine Definition des Daseins anhaften, treffen sie sich und bringen die Manifestationen von Samsara hervor. Alles was wir als Samsara erfahren, besteht nur im Rahmen der Wechselseitigkeit. Man muss sich dessen bewusst sein!
Wenn man weitergeht und die Natur des wechselseitig bedingten Entstehens untersucht, dann entdeckt man, dass es nichts anderes als Leerheit gibt. Daher gibt es getrennt von Leerheit keine Phänomene oder Dharmas. Die letztendliche Sicht des Mahayana ist Leerheit, aber diese Sichtweise existiert in den niederen Belehrungen nicht. Wenn die eigene Erfahrung der Existenz mit dem Auge der Meditation wirklich betrachtet, dann beginnt man alles als ein Spiel der Leerheit zu sehen. Die Phänomene als Bezugspunkte sind entleert und schließlich kommt man in ihrer Wesensnatur an, welche die Leerheit ist. Aber wenn man dies sagt, mag man erwidern: „In diesem Fall brauchen wir doch nichts zu tun.“ Ob man nun etwas machen muss oder nicht, liegt an einem selbst. Es hängt einfach vom eigenen Geist ab. Nur trocken über Leerheit zu reden, genügt nicht! Man muss es realisieren und selbst sehen. Wenn der Geist wirklich leer von der Bezug nehmenden Beeinflussung ist, dann gibt es kein Hoffen, keine Furcht, keine Negativität – der Geist ist dann frei davon! Es ist, als ob man die Hand im Himmel bewegt!
Was immer auch erscheint, es ist völlig ungehindert. Der Zweck der Meditation ist das Verweilen in diesem natürlichen Zustand. In diesem Zustand sind alle Phänomene direkt in ihrer essentiellen Leerheit verwirklicht. Dies ist der Grund für unsere Meditationspraxis. Meditation reinigt alles in seine leere Natur. Zuerst müssen wir realisieren, dass der absolute, natürliche Zustand der Dinge Leerheit ist. Was immer sich dann manifestiert, ist das Spiel des Dharmakaya. Aus der Leerheitsnatur des Daseins erscheinen alle relativen Manifestationen, aus denen wir Samsara konstruieren. Man muss sehr klar verstehen, wie die Dinge in Wirklichkeit sind und wie sie hinsichtlich der Dualität erscheinen. Es ist sehr wichtig, diese Sicht zu erlangen, weil ohne die Sicht die Meditation stumpf wird. Dann ist es nur Sitzen und vor sich hinsagen, dass alles leer ist, so als ob man eine kleine Tasse kopfüber hinstellt – dieser kleine leere Raum in der Tasse bleibt dann eine schmale, begrenzte Leerheit. Man kann nicht mal Tee daraus trinken!

Sicht des Absoluten

Es ist wesentlich, dass man das Herz dieser Sache, so wie sie ist, wirklich kennt. Im absoluten Sinne gibt es keine fühlenden Wesen, die Unbefriedigendes erfahren. Diese Unzufriedenheit ist ebenso leer wie der klare Himmel, aber aufgrund von Anhaftung an die Form des Ausdrucks der Leerheit durch das wechselseitig bedingte Entstehen wird die relative Sphäre der Dinge zu einer illusorischen Falle, in der sich die fühlenden Wesen dann befinden, die dann Unbefriedigendes erfahren. Dies ist die Bedeutung von Samsara.
Im Ausdruck der wesentlichen Qualität der Großen Mutter – der Leerheit – wird gesagt: „Obwohl man die Natur des Herz-Sutras ausdrücken möchte, kann man es nicht in Worte fassen.“ Es ist gänzlich jenseits von Äußerung, jenseits von Gedanken, jenseits von Konzepten. Sie wurde nie geboren. Sie starb niemals. Wenn nun fragt, warum dies so ist, dann ist es so wie der Himmel. Man kann niemals die Grenze des Himmels finden. Man kann niemals das Zentrum des Himmels finden. Daher ist diese himmelsgleiche Natur ein Symbol für die Leerheit: sie ist weitläufig, grenzenlos und frei, von unendlicher Tiefe und unendlicher Weite. Wenn man dies hört, sagt man möglicherweise: „Daher ist mein eigenes Rigpa, die Natur meines eigenen Geistes, wie der Himmel, frei von allen Begrenzungen.“ Aber das ist es auch nicht! Es ist nicht einfach leer. Wenn man hinsieht, dann gibt es etwas zu sehen. „Sehen“ ist nur ein Wort, das wir entsprechend der Kommunikation gebrauchen. Aber man kann es erkennen. Man kann darüber meditieren. Man kann darin verweilen, was immer auch in dieser weitläufigen Gegebenheit erscheint.
Wenn man die wahre Natur der Leerheit und Form als ununterscheidbar erkennt – so wie es wirklich ist – dann ist dies die Mutter aller Buddhas. All dieses Geplapper ist eine Ausschmückung des absoluten Erleuchtungsgedanken – Bodhicitta.

Das nächste Mal gibt’s die Unterweisungen zu Vajrasattva, Mandala und Guru-Yoga. Also dranbleiben!


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