Verfasst von: Enrico Kosmus | 7. Juli 2015

Den Dharma studieren

DharmaChakraKostbare menschliche Geburt

Dieses Leben jetzt kann man als kostbar bezeichnen, da es eine menschliche Geburt ist. Als kostbare menschliche Geburt wird nicht einfach eine menschliche Existenz bezeichnet. Erst wenn sie mit den acht Freiheiten, den zehn Ausstattungen und den drei Arten des Vertrauens ausgestattet ist, kann man sie wirklich als kostbar bezeichnen. Denn erst stehen einem Individuum alle Möglichkeiten in einer großen Fülle zur Verfügung, den Geist zu zähmen.
Frei von einer Geburt in den drei niederen Bereichen der großen Qualen, frei von einer Geburt in einem barbarischen Land, frei von einer Geburt in Zuständen überschwänglichem Genuss, frei von körperlichen und geistigen Einschränkungen, frei von falschen Ansichten und frei von einer Zeit, in der keine Buddhas geboren sind, bezeichnet die acht Freiheiten, die es einem erlauben, sich dem Dharma zu widmen. Zwar ist es nicht so, wenn eine dieser Freiheiten nicht gegeben ist, dass Befreiung nicht möglich wäre, aber es ist unvergleichlich schwieriger.
Die zehn Ausstattungen sind etwas, das wir selbst zum Teil mitbringen, das wir aber auch als Bedingung vorfinden. Als menschliches Wesen voll intakt, einem Lehrer anzutreffen, den empfangenen Dharma auch zu praktizieren, nicht von der Praxis abgehalten werden und keine der fünf extrem schädlichen Handlungen begangen zu haben, sind Ausstattungen, die wir selbst mitbringen. Darüber hinaus ist es auch noch wichtig, dass ein Buddha in der Welt erschienen ist, dieser gelehrt hat, die Lehren zugänglich sind, es Lehrer gibt, die diese Lehren verbreiten und diese Lehren auch richtig lehren – das sind die fünf Ausstattungen, die von anderen abhängig sind.
Wenn man dabei bedenkt, dass wir in Mitteleuropa zwar über gute Möglichkeiten verfügen, den Dharma in geschriebener Form aufzunehmen, so haben nicht alle das Glück, auf einen Lehrer zu treffen, der ihnen die Lehren auch entsprechend darlegt. In den traditionellen Schriften heißt es, dass man in einem „zentralen Land geboren“ sein muss. Ein zentrales Land ist im Grunde ein Land, in dem die vierfältige Sangha präsent ist. Berücksichtigt man einmal, wie es so in der eigenen Umgebung aussieht, so findet man vielleicht praktizierende männliche und weiblich Laien, aber wie sieht es mit der monastischen Sangha aus? Wie verbreitet ist sind Mönche und Nonnen? Nachdem diese in Europa nur eine sehr geringe Verbreitung haben, ist es für Praktizierende nicht sehr leicht, jeden Tag auf sie zu treffen. Oder wer ist schon „nahe an einem Tempel geboren“ – wie es in den Schriften auch öfters heißt. Von da her sollten wir uns also glücklich schätzen, jede Gelegenheit zu ergreifen und den Dharma zu praktizieren.

Vertrauen und Eifer

Um den Dharma auch wirklich zu praktizieren, braucht es nicht nur die 18 Freiheiten und Ausstattungen, sondern auch die dreifache Zuversicht oder den dreifachen Glauben. Die erste Art des Glaubens tritt auf, wenn man auf einen Lehrer trifft, an einen Ort gelangt von religiöser Bedeutung oder an Dharma-Unterweisungen teilnimmt und sich sofort inspiriert voller geistiger Klarheit fühlt. Die zweite Art des Glaubens geschieht dann, wenn man die guten Eigenschaften, die man bei anderen Dharma-Praktizierenden beobachtet oder in den Schriften gefunden hat, auch in sich selbst entwickeln will. Dann beginnt man den Dharma auch nach und nach in die Praxis umzusetzen. Die dritte Art des Glaubens stellt sich ein, wenn durch die Praxis ein innere Gewissheit erlangt worden ist und man eine unerschütterliche Erkenntnis über die Qualitäten, Tugenden und Fähigkeiten erlangt hat. Somit ist ein unerschütterliches Vertrauen entstanden, das durch die Praxis immer weiter anwächst.
Schließlich ist auch Eifer – das ehrliche Bemühen um die Lehre – noch wichtig, um auf dem Pfad voranzuschreiten. Je nach Lerneifer werden auch Fortschritte bei der Übung und Verwirklichung gemacht werden.

Fehler beim Hören des Dharma

Der Dharma wird durch Hören aufgenommen, durch Nachdenken beschäftigt man sich mit dem Dharma und durch Meditieren wird der Dharma schließlich verinnerlicht. Da das Aufnehmen des Dharma die Grundlage für das Nachdenken und Verinnerlichen ist, mag ich noch auf einige störende Einflüsse Fehler beim Hören des Dharma hinweisen.
Zunächst einmal muss man beim Aufnehmen des Dharma die drei Fehler des Gefäßes vermeiden. Traditionell soll man die Lehren nicht wie ein umgestülpter Topf, wie ein löchriger Topf oder wie ein verunreinigter Topf aufnehmen. Ein umgestülpter Topf bezeichnet einen Menschen, der zerstreut ist und den Unterweisungen nicht folgen kann. Also können die Lehren nicht in dieses Gefäß gegossen werden. Ein löchriger Topf nimmt zwar auf, aber verliert den Gehalt durch die Löcher sofort wieder. Egal was man hineingießt, es bleibt nichts erhalten. Dies beschreibt einen Menschen, der nicht in der Lage ist, die Lehren aufzunehmen und sie zu behalten. Ein verunreinigter Topf bezeichnet einen Menschen, der von den Geistesgiften so eingenommen ist, dass Verblendung, Hass und Gier das Aufnehmen des Dharma zwar erlauben, aber der Nutzen der Lehre verloren geht. Genauso wie ein mit Gift verunreinigter Topf den in ihn hineingeschütteten Inhalt unbrauchbar macht, ist dieser Mensch mit störenden  Gefühlen, vorgefassten Meinungen und Vorstellungen angefüllt. Obwohl dieser Mensch am Dharma interessiert ist, kann er aus dem Dharma keinen Nutzen ziehen, da er aufgrund seiner Konzepte den Dharma daran misst. Allerdings ist der Dharma aber gerade diese befreiende Botschaft, die über die weltlichen Bezüge und Angelegenheiten, sowie über die extremen Sichtweisen von Ewigkeitsglaube und Nichtigkeitsvorstellung hinausführt.

Verzerrungen des Hörens

Beim Hören des Dharmas sollte man die sechs Verzerrungen des Hörens vermeiden. Zunächst einmal sollte man den Dharma ohne Stolz hören und den Gedanken aufgeben, man könne die Lehre besser als der Lehrer darlegen. Diese Haltung zeigt sich besonders darin, wenn man der Meinung ist, der Lehrer könne einem nichts mehr beibringen oder die Lehre würde einem nichts mehr bringen. Menschen mit hoher geistiger Begabung werden durch den Stolz sehr leicht verführt und sehen aus Selbstgerechtigkeit ihre eigenen Fehler nicht mehr. Dadurch tritt die Person in einen Wettstreit mit anderen, blickt auf jene mit geringeren Fähigkeiten herab und neidet anderen mit gleichen oder höheren Fähigkeiten. Ein tibetisches Sprichwort verdeutlicht dies besonders: „Auf dem Eisenbrocken des Stolzes können sich die Wasser der spirituellen Verwirklichung niemals ansammeln.“
Weitere Verzerrungen können durch mangelndes Vertrauen bzw. Glauben an die Lehre eintreten. Man kann im Eifer schwanken und die Praxis nur gelegentlich ausführen. Auch die Ablenkung durch äußere Objekte kann eine Verzerrung bewirken. Man kann die Sinne zu sehr nach innen kehren und schließlich kann einen Müdigkeit überwältigen.

Gedächtnislücken

Es kann auch geschehen, dass fünf Gedächtnislücken das Studium des Dharma verunmöglichen. Zwar hat man nun den Dharma durch Hören empfangen, aber man hat gerade mal die Worte noch im Gedächtnis, der Sinn ist schon verschwunden. Man hat sich an den Worten der Lehre erfreut, aber den Sinn eben überhaupt nicht erfasst. Dann kann es passieren, dass man sich an den Sinn erinnert, jedoch die Formulierungen verloren gegangen sind. Dies bedeutet, dass man zwar den Sinn verstanden hat, aber keine Idee davon hat, wie das Thema behandelt wurde oder welche unterschiedlichen Aspekte es aufweist.
Dann wiederum behält man den Sinn im Gedächtnis, allerdings ohne diesen Sinn wirklich zu verstehen. Vielleicht kann man den Sinn zwar erfassen, aber man kann diesen Sinn nicht der inneren Struktur der Lehre zuordnen. Nebenbei bemerkt geschieht dies bei vielen, die die Lehre verkürzt darstellen und als Rechtfertigung für ihre Vorstellungen und Lebenskonzepte heranziehen. So kann es vorkommen, dass man mit einer Hinayana-Sicht den Pfad des Mahayana oder des Vajrayana erfassen versucht und nicht begreift, dass jedes einzelne Yana eine bestimmte Stufe der Übung, Reifung und Verwirklichung gemäß der Fähigkeiten darstellt. Und schließlich kann es passieren, dass man sich überhaupt einen falschen Sinn einprägt. Das kann dazu führen, dass man zwar die Worte aufgenommen hat, den Sinn aber dadurch verdreht, indem man die Lehre verdinglicht, in extreme Sichtweise wie Ewigkeitsglaube oder Nichtigkeitsglaube verfällt oder Geist als Grund und illusorische Erscheinung als Ausdruck missversteht.

Den Dharma aufnehmen

Beim Aufnehmen des Dharma soll man wie eine stumme Person sein, die sich nicht durch sinnlose Rede ablenkt, sondern sich auf das gerade Vorhandene konzentriert. Manchmal wird das auch mit einem Yak verglichen, der sich ausschließlich mit dem Bereich beschäftigt, den er gerade abgrast. Dann erst richtet er den Blick auf das nächste. Auf diese Weise wird man die gegebene Lehre auch verstehen beginnen und wenn man diese dann in die Praxis umsetzt und die Früchte davon erlebt, ist man wie eine Sonne – frei von den Wolken des Zweifels.
Wenn man den Dharma aufnimmt, dann sollte man auch die vier richtigen Unterscheidungen über sich selbst, die Lehre, den Lehrer und die Praxis pflegen. Sich selbst soll man als kranke Person sehen, die Lehre als Medizin, den Lehrer als Arzt und die Praxis als die Heilbehandlung.
Die vier falschen Unterscheidungen soll man aufgeben, da diese eben falsche Auffassungen über sich selbst, die Lehre, den Lehrer und die Praxis sind. Denn dabei sieht man sich als Jäger, der mit der Waffe den Moschushirsch wegen seiner Drüsen erlegen will. Diese vier falschen Unterscheidungen sind einfach die Umkehrungen der vier richtigen Unterscheidungen.

Sechs Vollkommenheiten

Ausgestattet mit sechs Vollkommenheiten kann man die Lehren auf die richtige Weise aufnehmen und praktizieren. Diese sechs Vollkommenheiten – Paramitas genannt – sind Freigibigkeit, ethische Disziplin, Geduld, Streben, Sammlung und Weisheit. Freigibigkeit zeigt sich beim Hören der Lehren z.B. im Bereitstellen des Ortes der Unterweisung, ethische Disziplin im sauber halten des Ortes, Geduld im aufgeben von Störungen und Aufnehmen der Lehren, Streben im Vertrauen an Lehrer und Lehre, Sammlung in der einspitzigen Ausrichtung des Geistes auf die Lehre, ohne dass er irgendwohin abschweift und Weisheit im Anwenden der unterscheidenden Weisheit, indem man mit dem Lehrer Unklarheiten und Zweifel erörtert.

Zusammenfassung

Die drei Mängel des Gefäßes nicht besitzend, die sechs Verzerrungen des Hörens vermeidend, ohne die fünf Gedächtnislücken, die vier richtigen Unterscheidungen anwendend, die vier falschen Unterscheidungen aufgebend und ausgestattet mit den sechs Vollkommenheiten verfügt man über eine günstige Ausstattung für das Studium des Dharma. Da man über die kostbare menschliche Geburt verfügt, sollte man diese seltene Gelegenheit unbedingt sinnvoll nützen. Auf diese Weise wird der Dharma zu einem Werkzeug des Zähmens des Geistes.


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