Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Juli 2015

Den Geist zähmen

VajradharaDie Lehren des Buddha werden „Dharma“ genannt. Manchmal wird dieser Begriff auch als Lehre, Pfad oder Wahrheit übersetzt. Aber im Grunde hat „Dharma“ zehn verschiedene Bedeutungen. Im Kontext der Lehre Buddhas ist Dharma etwas, das die Unwissenheit bzw. das Nichtgewahrsein beseitigt und die ursprüngliche Weisheit offenbart. Mit dem Offenbaren von Weisheit sind jedoch keine klugen Sprüche gemeint, sondern die Natur des Geistes wird aufgezeigt. Diese Natur des Geistes liegt jenseits von Worten, deshalb weißt der Dharma den Weg, wie man in diesen natürlichen Zustand gelangt.
Wie alle Wesen in der Welt unterliegen auch wir Problemen und Ängsten. In der allgemeinen, getäuschten Ansicht ist man der Meinung, dass andere Menschen und Dinge die Ursache für das eigene Leiden sind. Das stimmt so jedoch nicht. Diese anderen sind Bedingungen und Umstände, die die Ursache des eigenen Leidens ermöglicht, jedoch nicht verursacht. Die Ursache für die individuelle Qual des Lebens liegt im eigenen Geist. Aus diesem Grund ist es eben notwendig, in sich zu blicken und die Natur des Geistes verstehen zu lernen.

Geist als Grundlage

Alle Erlebnisse, seien sie nun erfreulich oder unerfreulich, haben ihre Ursache in unserem Geisteszustand. Da der Geist alle diese Erfahrungen und Wahrnehmungen erzeugt, ist er es nun, der gezähmt werden muss. Wenn wir den Geist zähmen, indem wir ihn zur Ruhe bringen und klären, dann gehen wir auch mit unserem Erleben offen und entspannt um. Gelangt der Geist zur Ruhe, dann werden auch Körper und Rede ruhig und friedlich. Umgekehrt ist es natürlich auch so, dass bei einem aufgebrachten Geist unsere Handlungen und Äußerungen dementsprechend aufgeregt sind.
Die Menschen unternehmen viele verschiedene Dinge, um berühmt, reich, angesehen zu sein oder ein langes Leben zu führen. Allerdings bietet das nur eine vorübergehende Befriedigung, da die Orientierung auf Äußerlichkeiten gegeben ist. Denn egal wie sehr man auf den eigenen Körper geschaut hat, wie gebildet man ist, welche Beziehungen man hat und welchen Besitz man angehäuft hat, sobald man stirbt, muss man alles unweigerlich zurücklassen. Und obwohl man den Geist als den Kapitän und Steuermann unserer Handlungen bezeichnen kann, so hilft selbst nicht einmal alles angelernte Wissen, da dies auch dann verloren geht. Daher verweist dies wieder auf die große Bedeutung von der Natur des Geistes.

Dharma-Praxis

Manchmal wird „Dharma“ als Pfad, dann wieder als Wahrheit übersetzt. Aber man kann ihn auch als „befreiende Wahrheit“ übersetzen, da er schließlich die vorübergehenden Schleier beseitigt und die Natur des Geistes freilegt. Er befreit eben von den emotionalen Schleiern und Vorstellungen.
Wird der gewöhnliche Geist durch den Dharma gezähmt, dann findet man in diesem Leben Freude und Glück, sowie Führung im Bardo, falls man in diesem Leben nicht die Befreiung erlangt haben sollte. Aber das ganze Unterfangen hängt allein von uns selbst ab. Niemand anderer wird dies für uns machen können. Kein Gott, keine Göttin oder sonst etwas. Da wir die Schöpfer und Erben unseres Tuns sind, kann das niemand anderer für uns bewerkstelligen.
Auch werden durch das Zähmen des Geistes weder äußere Objekte noch innere Gedanken ausgelöscht, sondern es führt einfach zum Erkennen des natürlichen Zustand des Geistes. Dafür muss man jetzt nicht bestimmte Gedanken kultivieren, sondern einfach den Geist in seinem grundlegenden Zustand halten, wodurch er seine Klarheit und uranfängliche Weisheit offenbart. Denn die wahre Natur des Geistes ist – egal ob ruhig oder in Bewegung – klar und voller Mitgefühl und Weisheit.

Buddha – fühlende Wesen

Der tibetische Begriff für Buddha ist Sangye (tib.; sangs rgyas; སངས་རྒྱས་) und dies bedeutet „gereinigt und voll erblüht“ oder detaillierter gesagt, ist „sangs“ gereinigt und „rgyas“ bedeutet voll entfaltet. Dies verweist darauf, dass die vorübergehenden Verschleierungen beseitigt werden müssen, damit die Natur des Geistes vollkommen offenbar wird.
Was sind nun diese vorübergehenden Schleier? Diese Schleier sind unsere emotionalen Trübungen und geistigen Konzepte, die gemeinsam mit dem Grund entstehen und im Grunde nicht verschieden von diesem Grund sind. Genauso wie die Wellen nicht verschieden vom Ozean sind, sich aber dennoch individuell zeigen, ist es auch mit allen Phänomenen. Jedoch halten fühlende Wesen an der gewöhnlichen Auffassung einer dualistischen Erscheinung fest und erkennen eben nicht die wahre Natur der Phänomene. Deshalb erfahren sie die verschiedenen Daseinsbereiche zusammen mit den entsprechenden Leiden.

Zähmen, was zu zähmen ist

Um die vorübergehenden Schleier zu beseitigen, müssen wir zunächst einmal prüfen, ob wir die kostbare menschliche Geburt mit ihren 18 Freiheiten und Ausstattungen erlangt haben. Hier verweise ich einfach auf den vorigen blog-Post „Den Dharma studieren„.
Falls wir diese 18 Freiheiten und Ausstattungen nicht vorzufinden glauben, dann sollten wir diese zu entdecken versuchen. Wenn wir nun erkennen, dass wir aber über entsprechende Freiheiten und Ausstattungen verfügen, dann sollten wir über Tod und Unbeständigkeit und all die Veränderungen des Lebens nachdenken und uns darüber klar werden, dass auch diese Gelegenheit jetzt nur von kurzer Dauer sein wird. Deshalb sollten wir sie nutzen.
Begreifen wir, dass ausnahmslos alles vergänglich ist, und dass aber immer wieder Neues aufgrund von Ursache und Bedingungen in Erscheinung tritt, dann haben wir im Grunde recht viel Gestaltungsmöglichkeit. Belässt man diese Betrachtung jetzt auf einer weltlichen Ebene, dann führt das nicht zu Befreiung, sondern bloß zu einem geschicktern, klügeren Umgang mit den vielfältigen Dingen des Lebens.
Dann sollten wir weiters über die Unzulänglichkeit aller zusammengesetzten Phänomene nachdenken und begreifen, dass diese Dinge einem kein dauerhaftes Glück bescheren. Aus diesem Grund sollten wir uns auf jene Kostbarkeiten ausrichten, die wirklich nachhaltiges Glück bringen – nämlich den erleuchteten Geist, die erleuchtete Rede und den erleuchteten Körper – dargestellt in den Drei Kostbarkeiten von Buddha, Dharma und Sangha.
Aus diesem Grund ist es wichtig, ab diesem Zeitpunkt des Überlegungsstandes Ausschau nach einem spirituellen Freund zu halten und sich diesem nach gründlicher Prüfung anzuvertrauen.

Spiritueller Freund

Der Kalyanamitra – der spirituelle Freund – ist eine Person, die den Dharma in seiner Vielfältigkeit verstanden hat und aus großem Mitgefühl diesen Dharma anderen lehrt. Durch den spirituellen Freund tritt man in den Dharma ein und diese Person geleitet einen auf dem Pfad.
In seiner Güte macht einen dieser spirituelle Freund mit der eigenen Natur des Geistes vertraut. Voller Großzügigkeit lehrt der spirituelle Freund zunächst, was aufzugeben und was anzunehmen ist. Wenn man dann durch geduldiges Üben eine solide Basis darin erlangt hat, fördert man die Meditation durch freudiges Streben und Konzentration. Indem man die äußeren Wissensobjekte durchdringt, fördert man die unterscheidende Weisheit als Basis für die Realisation der Leerheit von einem selbst und aller Phänomene.

Freudige Meditation

Gewöhnt man sich an das Verweilen im natürlichen Zustand des Geistes, so offenbart einen dies die innerste, tiefgründigste Weisheit, die dem Geist angeboren ist. Dieser Weisheitsaspekt des Geistes besteht immer und überall in uns. Und durch diesen natürlichen Zustand des Geistes offenbaren sich Qualitäten wie grenzenloses Mitgefühl, grenzenlose Güte und grenzenlose Weisheit.
Um rasch entsprechende Resultate zu erlangen, ist beständiges, intensives Üben zunächst notwendig. Besonders Retreats sind dafür ratsam. Man kann solche Einkehrtage zunächst in kurzer Form durchführen und sich für 3-5 Tage von den weltlichen Geschäftigkeiten zurückziehen und mittels strukturierter Sitzungen die Tage gestalten. Gelingt es einem, sich für längere Zeit in die Einsamkeit zurückzuziehen und Meditation zu praktizieren, dann ist das natürlich noch besser. Schließlich sollen aber die in der Einkehr gewonnenen Erkenntnisse auch im Alltag Platz finden und die Realisationen ohne den Unterschied zwischen Einkehr und Alltag sich entfalten. Dann sind Sitzung und Zwischensitzung zu „einem Geschmack“ geworden.


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