Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. August 2015

Shine und Beobachtung

Meditationsweg Was beobachten wir bei Shine nun? Ihr beobachtet das Entstehen von Gedanken. Sobald ihr einen Gedanken als Gedanken erkennt, ist das Spiel vorbei… er wird sich auflösen. Aber dann wird aus der Auflösung dieses Gedankens ein anderer Gedanke gleichzeitig erscheinen. Ihr braucht gar nicht darauf zu warten. Es geschieht augenblicklich. Es gibt nicht so etwas wie Zeit oder eine Kluft zwischen der Auflösung und dem Erscheinen, es geschieht laufend unverzüglich. Es kann eine Zeit brauchen, bis ihr bemerkt, dass dieses Auflösen und Erscheinen gleichzeitig geschieht. Ihr werdet die Gleichzeitigkeit nach einer Weile sehen, aber nun werdet ihr es in Zeitlupe sehen. Ein Gedanke, nachdem er erkannt wurde, nachdem man seiner gewahr wurde, wird sich in Leerheit auflösen und beim Auflösen wird aus dieser selben Natur der Leerheit ein anderer Gedanke erscheinen. Das wird Erscheinen, Ruhe, Auflösung und Leerheit genannt, so wie die Gedanken aus sich selbst arbeiten. Im Tibetischen nennt man das „shiwa“, „nyepa“ und „gyurba“. Das sind die drei Worte, die wir hier verwenden. Nach dem Erscheinen gibt es ein ruhiges Niederlassen, bevor es sich wieder verändert. Das ist genau das, was geschieht. Im Sanskrit wird das Shamatha genannt und bedeutet das ruhige Verweilen. Wenn man auf diese Weise das beobachtet, dann wird man Zuversicht erlangen. Eine sichere Zuversicht wird in euch entstehen. Sie wird erscheinen.

Vertrauen

Was ist diese Zuversicht, die in euch entstehen wird? Ein paar Ebenen werden erscheinen. Zuerst einmal wird ohne Zweifel klar werden, dass ihr Kontrolle über das eigene Schicksal habt. Niemand anderer wird das Schicksal von einem beherrschen. Das ist die eine Sache, die klar werden wird. Also welches Leiden man auch durchmacht, ihr werdet sehen, dass es eure eigene Schöpfung ist. Da war niemand anderer, der das für euch geschaffen hat. Erstmalig werdet ihr eure eigene Verantwortung erkennen. Ihr werdet andere nicht mehr wegen der Situation, in der ihr euch befindet, beschuldigen. Manchmal glaubt ihr, dass die Gesellschaft schlecht zu euch war. Manchmal habt ihr geglaubt, dass ihr grundlos leidet, ihr es nicht verdient hättet… Nein, ihr werdet sehen, dass ihr das verdient, was ihr bekommt und ihr es seid, der/die es erschaffen hat. Es gibt niemand anderen, der glücklich darüber war, es euch geben zu können. Daher werdet ihr erkennen, dass ihr die Macht über euer Schicksal habt. Wenn ihr euch in eine positive Richtung bewegen möchtet, dann seid ihr es, der/die diese Absicht lenkt. Wenn ihr in eine negative Richtung gehen möchtet, dann seid wiederum ihr es. Sicherlich ist das bei eurer Praxis dasselbe. Wer sagt euch, den Dharma zu praktizieren und wer sagt euch, den Dharma nicht zu praktizieren – ihr selbst. Dieser Geist hört nicht auf zu denken. Er denkt an so viele Sachen, er gibt so viele Dinge vor. Seine Phantasien sind grenzenlos. Diese Menge an Gedanken, die euch in den Geist kommen, sind wie Grashalme auf einem Hügel, die im Wind vor und zurück schwanken. Das ist andauernd und ununterbrochen. Wenn ihr lange genug in Shine meditiert, dann wird echter Friede in eurem Geist entstehen. Ein Friede, der frei von Emotionen ist, wird entstehen. Ihr werdet das erkennen, dass ihr verantwortlich für euer Schicksal seid.
Niemand muss beschuldigt werden. Das wird euch bewusst werden und erstmalig werdet ihr einen Hauch von Bodhicitta – Mitgefühl – verspüren, das in euch zu wachsen beginnt. Bodhicitta wird in euch im Gewahrsein dieser Wahrheit wachsen. Ihr werdet aufhören, zu euch verletzend und kritisch zu sein. Die meiste Zeit über gefällt es euch, euch selbst zu verletzen. Ihr denkt: „Ich bin nicht kompetent, ich bin nicht wie andere, ich kann das nicht machen, ich kann dieses nicht machen.“ Und ihr versucht euch so oft ihr könnt herunter zu machen. Aber es gibt keine Notwendigkeit dafür. Wenn ihr ein wenig meditiert, werdet ihr die große Täuschung erkennen, die ihr euch vorgemacht habt. Alle anderen scheinen besser zu sein als ihr. Das ist das Gefühl, das ihr oft habt: „Ich bin nicht wertvoll.“ Auch wenn ihr schon jahrelang Dharma praktiziert, zweifelt ihr daran: „Ach ich, ich habe nichts erhalten, ich bin nirgendwo hingekommen.“ Diese negative Seite an euch wird sich selbst in eine positive entwirren. Ich bin der Meinung, dass das sehr wichtig ist. Was habt ihr schon davon, dass ihr zu euch selbst so grausam seid? Was bringt es euch? Nichts! Ihr werdet nur noch niedergeschlagener, wie ihr mehr Gedanken aufbaut. Es ist an der Zeit, diese Denkgewohnheiten durch die Shine-Praxis auszureißen. Es ist Zeit, dieses Verhalten auszureißen. Seid euch klar darüber, dass euch dabei niemand anderer helfen wird. Ihr verbessert nicht das Leben von jemand anderem, indem ihr eine solche schlechte Ansicht von euch habt. Wenn ihr die Essenz des Tathagatagarbha habt, dann ist das Erleuchtung. Wie also könnt ihr eine solch negative Sichtweise von euch haben. Also durch Shine werdet ihr erkennen, was Karma bedeutet. Es wird euch heraufdämmern, was Karma wirklich ist.

Diese Unterweisungen wurden von Lama Shenphen Dawa, dem Sohn Dudjom Rinpoches gegeben und vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015) ins Deutsche übertragen.


Responses

  1. Dieses Shine ist „sich mit seinen Gedanken abfinden“ und sich damit einen positiven und angenehmen Daseinskreislauf schaffen.
    Nur sich mit dem Fluss der Gedanken abfinden ist keine Ruhe, ist kein Auflösen, denn du hast immernoch Gedanken und du willst etwas schaffen.
    Das hat nichts mit der Lehre Buddhas zu tun. Denn wenn der Fluss der Gedanken noch da ist und ich mir etwas besseres schaffe, handel ich immernoch nach meinen Neigungen. Das bringt Leid.
    Wie will ich mit einem Fluss von Gedanken die Raumgrenzen, das Dasein/Bewusstsein und die Wahrnehmbarkeit auflösen? Denn das ist Auflösen, Erlösen, Erlöschen. Dafür darf ich keinerlei Gedanken haben, die müssen zerstört werden. So wie ein starker Mann den Kopf eines Schwächeren packt, und niederdrückt, niederzerrt und zerstört. Das bringt Ruhe und Klarheit.
    Das lehrt Buddha.

    • nein, stimmt so nicht. gedanken kann man nicht zerstören, sondern man kann sie einfach nicht ergreifen und an ihnen festhalten. gedanken sind nichts anderes als geist in bewegung, im unterschied dazu ist einfach geist in ruhe.

      • Es ist wie bei einem unfähigen Schäfer, seinen Hütehunden und Schafen.
        Der Schäfer legt sich hin und schaut dabei zu wie seine Hunde befehlslos und wild durch die Schafe laufen und springen, bis sie in alle Richtungen zerstreut sind und keine mehr da sind, nur noch ungebändigte Hunde.
        Aber es gibt noch den fähigen Schäfer mit seinen Hunden und Schafen.
        Dieser ist wachsam und weiss seine Hunde zu lenken, so dass alle Schafe beisammen bleiben und sie friedlich grasen können.
        Der Schäfer ist der Mensch, die Hunde sind die Gedanken, die Schafe der Geist.


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