Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Oktober 2015

Ngakpas – Mantra-Halter der Magie und Befreiung

Die Ngakpas (sprich: Nakpa) – die tantrischen Haushälter – sind jene Personen im Buddhismus, die die Gelübde des Mantrayana empfangen haben und sich einem Leben als tantrische Spezialisten widmen. Sie sind eine Art tantrische Priester, die verheiratet sind bzw. in Lebensgemeinschaften leben, im Unterschied zur monastischen Sangha, deren Mitglieder das zölibatäre Leben pflegen, aber auch die Praktiken des Vajrayana ausüben können. Ngakpas gibt es sowohl im Buddhismus, wie auch in der Tradition des Bön.
Die Tradition der tantrischen Haushälter hat im Laufe der Zeit eine Reihe herausragender männlicher und weiblicher Praktizierender hervorgebracht. Im Grunde waren sogar die ersten Schüler von Guru Padmasambhava großteils Ngakpas. Aufgrund ihrer großen Verwirklichungen waren sie im Stande, nicht nur das letztendliche Ziel – die Befreiung – zu bewirken, sondern konnten auch für die Wesen hier in diesem Daseinsbereich vorübergehendes Glück und günstige Umstände herstellen.

Menschenbild – grobe, subtile, äußerst subtile Ebenen

Aus der Sicht der Ngakpas besteht der Mensch aus mehreren Ebenen. Der Mensch wird als ganzheitliches und kosmisches Wesen gesehen, in dem sich die Wirbelsäule als der Weltenberg Meru und die vier Gliedmaßen als die Kontinente und die kleineren Gliedmaßen als die Subkontinente abbilden. Neben der grobstofflichen Erscheinung gibt es im Menschen auch ein feinstoffliches System subtiler Kanäle, Winde und Essenztropfen und natürlich die verschiedenen Aspekte der Natur des Geistes. Auf feinstofflicher Ebene ist der Zentralkanal mit dem Element Raum verbunden, die beiden Seitenkanäle sind mit Sonne und Mond verbunden – deshalb werden sie auch Nyima (tib., nyi ma; Sonne) und Dawa (tib., zla ba; Mond) genannt. Weiters gibt es auch noch mehrere primäre und sekundäre Energiezentren (tib., ‘khor lo; Chakras). Diese Energiezentren sind Knoten mit mehreren feinen Seitenkanäle, die vom Zentralkanal ausgehen und sie sind mit Körper, Rede, Geist, Aktivität und Qualität verbunden. In menschlichen Körper zirkulieren Energien, die wiederum mit Geistesgiften verbunden sind. Durch bestimmte yogische Übungen werden diese Energien geläutert, sodass die reine, klar-lichte Natur des Geistes erfahren werden kann. Auch zirkulieren diese Energien in einem bestimmten Rhythmus durch den Körper und bilden somit das biorhythmische System.

Mantra-Kraft

Wie der Name „Ngakpa“ (tib., sngags pa) schon besagt, sind die Ngakpas die Mantra-Halter (tib.; sngags ‘chang) und zeichnen sich durch die Verwendung der Mantra-Praxis aus. Man kann daher auch daraus ableiten, dass es die Aufgabe und Pflicht der Ngakpas ist, Mantras zu rezitieren und die Mantra-Kraft für die fühlenden Wesen einzusetzen.
Durch den Einsatz dieser Mantra-Kraft beseitigen die Ngakpas Krankheiten, widrige Umstände, ungünstige Einflüsse etc. für die fühlenden Wesen auf dieser Erde. Ngakpas sind daher auch in der Lage, mit formlosen Wesen in Kontakt zu treten und so die Lebensumstände zu verändern. Mächtigen Ngakpas wird sogar nachgesagt, dass sie in der Lage sind, Einfluss auf das Wetter zu nehmen. Allerdings ist das eine Fähigkeit, die in der westlichen Welt wohl nur von geringer Bedeutung ist, im Unterschied zu einer Gesellschaft aus Bauern und Nomaden, wie es die tibetische Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg gewesen ist.
Die Ngakpas verstehen also auch die oberen, mittleren und unteren Welten bzw. die verursachenden Kräfte dort zu kontrollieren, mit ihnen in Verbindung zu treten und einen Ausgleich für die Menschen herzustellen. Die Wesen in der oberen Welt sind die Planetengeister und Sternkonstellationen, in der mittleren Welt befinden sich die Tsen, Mamos, Dralha etc. und in der unteren Welt sind die Nagas angesiedelt. Weiters verstehen die Ngakpas auch die Kräfte der Sadags – der Erdherren. Dieses Verständnis gründet nicht nur auf eine Ausbildung im Buddhadharma, sondern auch in den anderen tibetischen Künsten wie Astrologie (tib., rtsis lugs), Medizin etc.
Die Mantra-Kraft, die die Ngakpas ansammeln, wird häufig mit dem Atem übertragen. Dies geschieht bei kleineren Disharmonien, wo die Ngakpas ein bestimmtes Mantra rezitieren – z.B. das Mantra der Vajra-Rüstung – und dann die Mantra-Kraft auf das Wasser oder eine ähnliche Trägersubstanz blasen. Es kann auch vorkommen, dass Salz oder Ton verwenden. Salz wie auch Ton werden durch den Mantra-Atem geweiht. Bei Erkrankungen, die die festen Substanzen im Körper betreffen, wird häufig Salz verwendet und bei Problemen mit der Haut wird der geweihte Ton benutzt.
Weiters führen Ngakpas auch verschiedenste Rauchopfer wie Riwo Sangchö – den Berg voller rauchender Opfergaben – oder ein Surchö – ein Rauchopfer aus verbrannten Nahrungsmitteln – durch. Da Ngakpas über Mantra-Kraft verfügen, führen sie auch Kago-Rituale aus. „Kago“ bedeutet Befehl oder einen Auftrag erteilen. Solch ein Kago-Ritual kann mit dem Phurba – dem Ritualdolch – ausgeführt werden oder auch die Dharma-Schützer und andere Weltlinge können beauftragt werden, ihre Aktivitäten auszuführen.


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