Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Oktober 2015

Die Gebetsmühle

IMG_0996_Lhasa_BarkhorViele verbinden wahrscheinlich mit Tibet auch gleich mal Gebetsmühlen und Menschen, die solche in der Hand halten und drehen. Die Praxis der Gebetsmühlen stammt aber ursprünglich aus Indien und wurde vom Gelehrten Nagarjuna in unsere Welt gebracht. Der Mythos besagt jedoch, dass bereits Dipankara Buddha in einem früheren Zeitalter die Praxis der Gebetsmühle entwickelt hat und diese dann dem Naga-König anvertraut hat, bis die Zeit später dann reif dafür sei. Nagarjuna hat dann bei seinem Besuch in Reich des Naga-Königs neben den Schriften der Prajnaparamita auch diese Praxis der Gebetsmühle erhalten. Als ein großer Gelehrter seiner Zeit, hat Nagarjuna mit dem Aufkommen des Madhyamaka – des Mittleren Weges – und dem Mahayana eine kulturelle Veränderung eingeleitet, die zur Verbreitung der Sichtweise des Mahayana mit seinen zentralen Anliegen wie universelle Verantwortung und Mitgefühl für alles Leben beitrug.
Eine andere Geschichte erzählt davon, wie Nagarjuna in einer reinen Vision Avalokiteshvara – den Bodhisattva des allumfassenden Mitgefühls – begegnete. Dieser hieß ihn, den König der Nagas aufzusuchen und um eine Gebetsmühle zu bitten, die der Dipankara Buddha diesem vor langer Zeit anvertraut hatte. Der Nutzen für die fühlenden Wesen wäre immens groß, meinte Avalokiteshvara. Die Gebetsmühle ist auch im Mahayana-Buddhismus von großer Bedeutung, da sie beständig das Mani-Mantra – das Mantra Avalokiteshvaras – wiederholt. Doch nicht nur das Mani-Mantra wurde wieder. Nein, ganze Bibliotheken waren in großen, von Wasser angetriebenen Gebetsmühlen enthalten.
Bereits in frühen Jahren bat Nagarjuna einen Dharma-König, eine Gebetsmühle mit den Schriften der Lehrreden Buddhas zu bauen und von Wasser antreiben zu lassen. So würde der Dharma beständig an diesem Ort verkündet werden. Im 8. Jhdt. erlangte dann diese Praxis der Gebetsmühlen unter Padmasambhava eine große Beliebtheit. Aber auch andere berühmte Praktizierende wie Tilopa oder Naropa sollen Gebetsmühlen verwendet haben. Marpa Lotsawa soll dann diese Tradition in Tibet wieder erneuert haben. Hinweise zur Praxis der Gebetsmühle findet man auch in Taranathas Abhandlung über die Tara-Tantras aus dem alten Indien. Die Praxis der Gebetsmühle war zunächst auf Wasser betriebene Mühlen ausgerichtet. Später fanden dann auch kleinere Exemplare ihre Verwendung, sodass heutzutage viele Praktizierende mit einer Gebetsmühle in der Hand zu sehen sind.

prayer-wheel-484512_1920Die Mani-Praxis der Gebetsmühle

In einem Text über des IV. Panchen Lama sagt Buddha Amitabha: „Jeder der die sechs Silben rezitiert und gleichzeitig dazu das Dharma-Rad [der Gebetsmühle] dreht, ist gleich wie die 1000 Buddhas.“ Die Gebetsmühle ist ein sehr machtvolles Feld der Verdienstansammlung.
In alten buddhistischen Texten wird immer wieder auf den tiefgründigen Nutzen der Gebetsmühle hingewiesen. Mittels dieser ist man in der Lage, die Umgebung zu harmonisieren, Mitgefühl zu vermehren, den Geist in einen friedvollen Zustand zu bringen und sie dient den Praktizierenden auf ihrer Reise zur Erleuchtung.
Mantras werden im Vajrayana als Ketten von Silben angesehen, die von erleuchteten Wesen zum Nutzen anderer ermächtigt wurden. Das Wort „Mantra“ bedeutet „Schutz des Geistes“. Es beschützt den Geist von gewöhnlichen Erscheinungen und Auffassungen, die den fortwährenden Kreislauf des Leidens ausmachen. Man sagt, dass unterschiedliche Mantras verschiedenen Nutzen bringen.
Bei der Praxis mit Gebetsmühlen ist es wichtig, dass die Gebetsmühle auch richtig gefüllt ist. Gebetsmühlen, die als Touristenartikel verkauft werden, haben meist Zeitungsschnipsel als Inhalt oder die Mantras sind verkehrt eingelegt usw. Daher sollte man beim Erwerb darauf achten, dass die Gebetsmühle auch von guter Qualität und richtig befüllt ist. Dazu gehören neben der handwerklichen Verarbeitung auch die richtigen Mantras, einschließlich der sog. „Erd- und Himmelsräder“, die am Boden und an der Spitze in der Gebetsmühle befestigt sind. Es gibt auch Anweisungen dafür, wie man selbst eine solche herstellen kann.
Heilige Objekte wie Gebetsmühlen helfen dabei, positive Eigenschaften im Geist zu entwickeln. Buddhistische Lehrer betonen immer wieder, dass alles von Ursachen und Bedingungen abhängt und dass die inneren positiven Qualitäten von vielen Ursachen und Bedingungen, einschließlich der Faktoren aus der Umgebung abhängen. Viele Leute haben festgestellt, dass ihnen einen Gebetsmühle in ihrer Nähe, auf ihrem Schrein oder eine größere auf ihrem Grundstück dabei hilft, besser zu meditieren. Klar haben viele davon zunächst aus bloßem Vertrauen heraus begonnen, mit der Gebetsmühle zu praktizieren, aber dann festgestellt, dass sie dabei friedlichere, freudiger und allgemein heilsamere Geisteszustände entwickeln.

Gebetsmühle_SchirmDas Drehen des Rades

Die traditionelle Praxis mit der Gebetsmühle ist einfach das Drehen der Mühle im Uhrzeigersinn. Dabei rezitiert man das Mani-Mantra – OM MANI PADMA HUM – und visualisiert, wie strahlend weiße Lichtstrahlen vom drehenden Rad ausgehen. Jeder dieser Lichtstrahlen ist nichts anderes als das Mani-Mantra selbst. Und diese Lichtstrahlen gehen in alle sechs Daseinsbereiche und zu allen fühlenden Wesen und reinigen diese, heilen sie, erleuchten sie vollständig. Die Lichtstrahlen breiten sich im gesamten Universum aus und alle Wesen erwachen und verwirklichen die vier unermesslichen Gedanken von liebender Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.


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