Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. November 2015

Dzogchen, chinesischer Buddhismus und universeller Geist (Teil 4)

von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds)

Universeller Geist

girl-667936_1280Eine Art, wie Ideen, die man in den Mahayana-Sutras findet, von den einheimischen chinesischen Buddhisten, die nicht in Indien studiert hatten, interpretiert und entwickelt wurden, war die Einführung eines Konzeptes eines universellen Geistes. Die Chinesen hatten die Idee des Karma akzeptiert. Das einzelne fühlende Wesen ist eigentlich eine endlose Kette aus Ursachen und Resultaten. Das gegenwärtige Leben ist nichts als eine Phase in einem anfangslosen ursächlichen Vorgang. Ferner ist der Tod nicht das Ende der Existenz oder dieses ursächlichen Vorgangs. Es ist nur ein weiterer Aspekt der eigenen Erfahrung, die vom individuellen Karma abhängig ist. Was man jetzt in diesem gegenwärtigen Leben ist, ist das Ergebnis von dem, was man in der Vergangenheit getan hat. Was man in diesem Leben macht, bestimmt darüber, was man in zukünftigen Leben ist und dieser ursächliche Vorgang dauert ad infinitum an. Alles Leiden, das im Leben erfahren wird, entsteht aus einer grundlegenden Unwissenheit über die Natur der Dinge. Alle Phänomene des Universums, sozusagen des Universums des individuellen fühlenden Wesens, sind nichts als Manifestationen des eigenen Geistes und daher sind sie illusorisch und unbeständig. Nichtsdestotrotz verlangt das Individuum nach ihnen und versucht beständig, sie nacheinander zu ergreifen. Das ist aufgrund der Unwissenheit (wu ming) oder Nicht-Erleuchtung. Es ist aufgrund der Unwissenheit, dass Verlangen und Anhaftung entstehen und dadurch ist das Individuum an einen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt ohne Anfang gebunden. Die einzige Lösung aus dieser Zwickmühle ist, Unwissenheit durch Erleuchtung zu ersetzen.
Dieser Zustand wird Nirvana genannt. Aber was ist Nirvana? Eine spezielle chinesische Interpretation behauptet, dass sie eine Identifikation des Geistes des individuellen fühlenden Wesens mit einem universellen Geist darstellt oder was in den Sutras als „die Buddha-Natur“ bezeichnet. Oder um es auf andere Weise zu sagen, Nirvana ist die Realisation der ursprünglichen Identifikation und dem untrennbaren Einssein mit dem universellen Geist. Das einzelne fühlende Wesen ist die Essenz dieses universellen Geistes, aber aufgrund von Unwissenheit hat man das vorher nicht erkannt. Die Anhänger dieser Sichtweise wurden als die Hsing Tsung, die „Schule des universellen Geistes“ bekannt. Bei dieser Schule sind Natur (hsing) und Geist (hsin) dasselbe. In ihrer Hermeneutik der Sutras hat diese Schule die Vorstellung des universellen Geistes in das chinesische Denken eingeführt, aber andere Schulen des Mahayana-Buddhismus, wie die Kung Tsung, die „Schule der Leerheit“, die der Tradition des indischen Madhyamaka gefolgt sind, haben Nirvana nicht auf diese Weise beschrieben, sondern es in Begriffen der traditionellen via negativa ausgedrückt. Jedoch haben der Einfluss des Mahaparinirvana-Sutra und der Schriften der Hsing-Tsung-Schule diese Idee des universellen Geistes verbreitet, denn bevor der Ankunft dieser Interpretation existierte keine Vorstellung eines universellen Geistes in der chinesischen Philosophie. Das Dao wurde nicht als „Geist“ verstanden.
Die Ausführung des universellen Geistes in der Hsing-Tsung-Schule ist sehr nah an den Sichtweisen von Evans-Wentz, so wie er sie in seiner Interpretation von Dzogchen-Texten ausgedrückt hat. Jedoch hat Evans-Wentz seine Ideen vielmehr direkt aus der Hindu-Philosophie des Advaita Vedanta abgeleitet, statt von einer Lektüre des chinesischen Buddhismus. Wie wir anderenorts aufgezeigt haben, stimmt es, dass der Dharmakaya, die Dimension der Realität, universell ist, genauso wie der unendliche Raum selbst. Er ist eins in dem Sinne, dass er alle Dualität transzendiert. Er ist omnipräsent und alles durchdringend und alle fühlenden Wesen – ob erleuchtet oder unerleuchtet – haben gleichsam teil an diesem einen Dharmakaya. Aber Dharmakaya bezieht sich nicht auf den Geist (tib., sems), sondern auf die Natur des Geistes (tib., sems nyid) und das ist eine entscheidende Unterscheidung im Dzogchen. Ferner ist der Dharmakaya, wie er im Dzogchen als der Zustand von Shunyata und die Basis von allem (tib., kun gzhi) verstanden wird, nicht ein Geist, geschweige denn der Eine Geist oder der universelle Geist, auch wenn er der Kontext für die Gedankenaktivitäten ist. Aus diesem Grund wird der Dharmakaya mit dem klaren, offenen Raum verglichen, in dem Gedanken verglichen mit den Wolken, die kommen und den Himmel anfüllen. Ferner ist der Rupakaya oder der Formkörper, die Dimension der Form, gleich der Manifestation der Buddhaschaft und dieser Rupakaya ist seiner Natur nach immer individuell. Daher hat die Erleuchtung eines Buddha einen universellen Aspekt, den Dharmakaya und einen speziellen und individuellen Aspekt, den Rupakaya.
Das Hsing Tsung ist insbesondere eine Interpretation bestimmter Mahayana-Sutras, eine Interpretation, die in China als Folge der Bemühungen einiger chinesischer Autoren entstanden ist, diese oftmals unergründlichen indischen Texte zu verstehen. Das Hsing Tsung hat keinen feststellbaren Einfluss auf Tibet gehabt und war nicht die historische Quelle des Dzogchen, dafür liegt diese in Richtung Indien und Uddiyana. Außer für einen kurzen Flirt mit Zen in den frühen Tagen im 8. Jhdt. des Buddhismus in Tibet hatten die Tibeter überhaupt kein Interesse am chinesischen Buddhismus gezeigt, außer bei der Übersetzung einiger weniger Sutras aus dem Chinesischen, bei denen sie nicht die indischen Originale besessen hatten.

Das beschließt nun die vier Teile über „Dzogchen, chinesischer Buddhismus und universeller Geist“. Mehr dazu findet ihr im Buch „Self-Liberation through Seeing with Naked Awarness“ oder ihr besucht einfach einmal ein Seminar von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds).


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