Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Dezember 2015

Vom Ausführen eines Rituals

OpferungWann immer man Gottheitenpraxis oder irgendeine andere Art der Praxis macht, dann ist die hauptsächliche Opferung, sich in liebender Güte und Mitgefühl zu üben und zum Wohle aller fühlenden Wesen zu handeln. Viel wichtiger als die technischen Aspekte der Visualisation ist die Motivation. Sich selbst als Opfergöttin oder als Yidam-Gottheit zu sehen, ohne eine mitfühlende Absicht zu haben, ist keine große Sache. Das Wesentliche ist, wenn man die geschickte Methode des großen Mitgefühls kultiviert und allen fühlenden Wesen dient, dann wird die Praxis zu einer Praxis, die zur Erleuchtung führt!

Motivation

Eltern sorgen sich ganz lieb um ihre Kinder und denken an sie. Wenn ein Kind in ein Feuer fällt, dann wird die Mutter hineinspringen und es retten, ohne einen Gedanken an sich selbst. Oder wenn das Kind von einer Strömung mitgerissen wird, dann wird die Mutter keine Überlegungen über ihr eigenes Leben anstellen, während sie versucht, es zu retten. Diese Art der fürsorglichen Geisteshaltung gleich für alle Wesen ist etwas, das wir so gut wie möglich kultivieren müssen. Zusammen mit dem Entwickeln von Mitgefühl für sie sollten wir nicht kleinlich bei den Fehlern der anderen sein, sondern uns stattdessen darauf konzentrieren, unsere eigenen Fehler zu reduzieren.
Tatsächlich ist Mitgefühl ein sehr großes Gegenmittel. Es macht nichts, ob man Ärger, Stolz, Eifersucht, Begierde oder Unwissenheit hat, Mitgefühl besiegt sie alle. Wenn man irgendeine Art einer störenden Emotion befrieden oder besiegen muss, dann wird Mitgefühl das machen!

Störende Gefühle

Offering_1Wir haben störende Emotionen. Durch den begleitenden Umstand unserer fortgesetzten Ansammlung des Unheilsamen, entstehen störende Emotionen wie Stolz, Eifersucht usw. Sie scheinen für uns sehr mächtig und wunderbar zu sein. Aufgrund unserer Gewöhnung an sie, wuchern aufgrund ihrer Macht zahllose negative Konzepte und Fehler, wenn sie auftauchen und uns völlig beherrschen. Egal welches der fünf Gifte vorherrschend ist, es wird die Person glauben lassen: „Ich bin besonders!“
Wir haben auch das Gegenmittel für alle diese Leidenschaften. Wir haben die Ursache – die Buddha-Natur – dafür, sie zu besiegen und wir haben die Methoden, das auch durchzuführen, beispielsweise die Praktiken von Vajrasattva usw. Im Grunde erscheinen die Gurus, Devas, Dakinis und Dharma-Schützer nur, um den fühlenden Wesen bei diesen Problemen zu helfen. Sie haben sich völlig von den störenden Gefühlen befreit und sie manifestieren sich, um anderen zu helfen, es genauso zu machen.
Wenn man den Dharma richtig praktiziert, sich auf diese Objekte der Zuflucht stützt, dann werden die Störungen im Geistesstrom langsam weniger werden. Langsam wird man mehr Raum haben, mehr Weite, mehr Frieden. Warum? Weil die fünf Gifte zu ihrer wahren Natur werden bzw. sich als diese manifestieren – nämlich den fünf Buddha-Familien.
Wenn man stattdessen bemerkt, dass die fünf Gifte durch die Dharma-Praxis zunehmen, dann ist das wirklich fatal!

Gottheitenpraxis

Wie sollten wir die Gottheitenpraxis ausführen, damit sie auch wirksame Gegenmittel zu unseren Giften ist?
Während der Praxis der Erzeugungsstufe visualisiert man sich selbst als Gottheit, während man praktiziert, egal ob man als Chöpön (Ritualmeister) agiert oder einfach auf dem Sitzkissen praktiziert. Während man eine Opfergabe hält, dann sollte man sich selbst als Opfergöttin sehen, die zahllose Opfergaben hervorbringt. Wenn man das gut visualisiert, dann ist die Opfergabe wirklich gut, stimmt’s? Wenn man stattdessen aber nicht versteht, wofür der Torma gut ist, dann betrachtet man das bloß aus ein kleines Etwas, das aus Teig gemacht ist. Vielleicht mag man das oder mag es nicht. Vielleicht hat man kein Interesse daran oder ignoriert es. Wenn man die Opfergabe ignoriert, dann ignoriert man den Guru, den Yidam und die Dakini und auch den Vajra-Meister ebenfalls. Wenn man sich nicht darum kümmert, dann ist man einfach ein Zombie, der Opfergaben darbringt. Das kann man öfters mal sehen.
Stattdessen muss man den Guru, den Yidam, die Dakini und das gesamte Mandala respektieren. Man muss sowohl die Opferung respektieren, als auch die Objekte, denen man opfert. Sie zu respektieren, erfordert zunächst ein Verständnis ihrer Bedeutung. Wenn man sie besser versteht, dann wird man sehen, warum es so wichtig ist, durch Visualisation und reine Sicht die Opfergaben zu vermehren und zu vervielfältigen. Also versucht das bitte zu kultivieren. Auch weil man die Opfergöttin ist, sollte der Körper nicht steif oder starr sein, sondern flexibel und angenehm. Auf diese Weise kann man mit Körper, Rede und Geist die Opfergabe darbringen.

Opfergöttinnen

OfferingGoddessesViele Leute fragen, was sind die Opfergöttinnen und wie sehen sie aus? […] Um sie zu kennen, muss man auf die Thangkas blicken, wo sie dargestellt sind. Es gibt die Opfergöttinnen der Vajra-Familie, der Padma-Familie, der Ratna-Familie, der Karma-Familie, der Buddha-Familie, der Dakini-Familie und viele andere. Alle erscheinen in unterschiedlichen Farben und Haltungen. Wenn man Opfergaben darbringt, egal ob man als Chöpön agiert oder die Praxis einfach rezitiert, dann muss man zahllose Opfergöttinnen geistig hervorbringen, die friedvoll, vermehren, machtvoll oder zornvoll sind, abhängig von der Praxis, die man macht. Es ist auch in Ordnung, den eigenen Körper als zahllose Körper anzusehen, die den Raum anfüllen und Opfergaben darbringen. Aber es ist jedoch nicht in Ordnung, bloß zu denken, „Ich bin eine Opfergöttin“ und dann das war’s dann! Oder wenn man denkt, „Ich bin eine Opfergöttin“ und dann arrogant über die Ritualgegenstände oder heiligen Texte zu hüpfen, im Hippie-Stil herumvögeln. Das ist nicht gut. Man muss ein Gewahrsein von sich als Opfergöttin mit Demut und Hingabe haben.
Vom eigenen Herzen gehen grenzenlose Wolken wie Samantabhadras Opfergaben aus. Diese Opfergaben sind nicht begrenzt oder einförmig. Sie sind ein unglaubliche Vielzahl wunderbarer Dinge wie schöne Formen, wohltönende Klänge, köstliche Geschmäcker, bezaubernde Düfte und samtweiche Stoffe. Wenn man Opfergaben auf den Schrein legt, dann visualisiert man sie nicht gering oder begrenzt. Man opfert nicht einfach einen Torma als Nahrungsopfergabe, sondern zahllose köstliche Tormas, die den Raum anfüllen. Man opfert nicht einfach eine Butterlampe, sondern zahllose strahlende Lichter. Nebenbei bemerkt, von der Lampe sollte seitlich kein Öl herabrinnen. Sie sollte sauber sein.

Geisteshaltung

OfferingGoddesses_2Um eine Opfergöttin zu sein, muss man sauber sein und man muss auf reine Art und Weise saubere Substanzen opfern. Opfergöttinnen sind nicht schmutzig, sie reden nicht blöd daher usw. und sie sind nicht verärgert, eifersüchtig oder bringen irgendeines der fünf Gifte zum Ausdruck. Sie haben Vertrauen und reine Sicht und zum Wohle der fühlenden Wesen haben sie die geschickte Methode des großen Mitgefühls und der Weisheit (prajna). Sie sind nicht nur weiblich. Es gibt auch unvorstellbar viele Opfergötter oder Dakas. Diese Götter und Göttinnen repräsentieren die Verwandlung der fünf Gifte.
Es ist auch in Ordnung, sich selbst als Yidam-Gottheit zu visualisieren, die Gottheit der Praxis. Der Yidam ist das Objekt der Zuflucht und er ist der primäre Fokus der Praxis. Man sieht sich selbst als Yidam-Gottheit, um eine reine Sicht zu entwickeln, um für sich von Nutzen zu sein und um für andere von Nutzen zu sein.
Schaut in die Praxistexte und Kommentare für die Beschreibung dieser Dinge. Wenn ihr den Büchern folgt, dann wird es keinen Fehler geben. Wenn ihr aber eurem eigenen Trip folgt, dann wird es eine Fülle an Fehlern geben. Indem ihr die Opferung gemäß der Überlieferung macht, werdet ihr Verdienst ansammeln und Verschleierungen bereinigen, anstatt einfach nur Schauspieler zu sein. In den Kommentaren werden viele Dinge darüber gesagt. Seid nicht faul! Bildet euch! Denkt nicht einfach: „Ich bin das! Ich bin dies! Ich bin! Ich bin!“ Ach, leck mich! Wenn wir irgendeines der fünf Gifte körperlich oder geistig habt, dann wird eure Opferung nicht gut sein.
Wenn wir nicht wissen, wie man mit Gewahrsein visualisiert, dann denken wir vielleicht großartig „Ich bin eine Opfergöttin“ und werden dann abgelenkt, steif oder völlig abgefahren. Dann verschütten wir möglicherweise ein paar Dinge oder vermasseln die Aktivität. Stattdessen macht euren Job! Macht ihn sauber, auf nette Weise und richtig. Dann könnt ihr langsam mit der Visualisation beginnen.

Von Gyatrul.

Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015) aus einer Belehrung von Gyatrul Rinpoche (Mai 2014). Möge es von Nutzen sein!


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