Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Januar 2016

Grundlagen der tantrischen Meditation

nepal-771781_1920Obwohl man durchaus den Eindruck bekommt, dass die Welt in einem argen Zustand ist und auch in den kommenden Jahre in Europa schwierige Zeiten zu erwarten sind, sind unsere Lebensumstände verglichen mit anderen Weltgegenden und Daseinsbereichen ein Götterhimmel mit all seinen Vorzügen. Wie es einem ergeht, hängt ausschließlich von einem selbst ab. Die eigenen Motivationen und Taten müssen auf bestimmte Bedingungen treffen, damit sie zur Reife gelangen und sich als Glück oder Leid manifestieren. Dies wird im Buddhadharma als das „unausweichliche Gesetz von Ursache und Wirkung“ – Karma – bezeichnet. Glück erwächst aus einer Geisteshaltung der liebenden Güte, des Mitgefühls, der Mitfreude usw. Und alles Unheil und alle Qual, der man sich ausgesetzt fühlt, ist das Ergebnis einer Geisteshaltung, die unter dem Einfluss von Hass, Gier, Missgunst, Stolz oder Ignoranz steht. Daher liegt es an uns selbst, darauf zu achten, ob wir unser Herz in eine Mördergrube verwandeln oder ob wir in der Lage sind, leidbringende Geisteszustände aufzugeben und heilsame Zustände zu fördern.

Ein ewig unreifes Ego

Die primäre Ursache dafür, dass wir uns immer wieder mit denselben leidvollen Zuständen herumquälen liegt einfach darin, dass wir ein bestimmtes Selbstbild fixiert halten. Wir halten an einer Ich-Vorstellung fest, die aufgrund der Selbstbezogenheit und dem Verwirklichen der eigennützigen Ziele einfach unreif und selbstmitleidig ist. So erschaffen wir eine endlose Abfolge an mehr oder weniger redundanten Erfahrungen, die bloß ein Ziel verfolgen, ein gleichbleibendes Ich-Erleben zu konstruieren und am Laufen zu halten.
Sind wir in der Lage, die eigenen Vorzüge, geschenkten Freiheiten und Möglichkeiten zu erkennen und als förderliche Qualitäten wertzuschätzen, gelangen wir zu ein wenig mehr Freisein von quälenden Geisteszuständen und den damit verbundenen Handlungen.

Freisein von Qual

Wie kann man nun diese Freiheit erlangen? Buddha Shakyamuni hat ja wiederholt darauf hingewiesen, dass dieses Festhalten an „ich“ und „mein“ die Quelle aller Kränkung ist. Wenn man nun den eigenen Horizont erweitert und von den selbstbezogenen Zielen ablässt und sich dem Nutzen der anderen zuwendet, erleichtert dies bereits vieles. Das Denken kreist nicht mehr so um einen selbst und man sieht, dass andere auch von vielen Lebenserfahrungen betroffen sind. Untersucht man ferner, wie dieses Ich zustande kommt, gelangt man zur Erkenntnis, dass es sich im Grunde um ein kalaidoskopartiges Schauspiel mehrerer Erlebnishaufen handelt. Ein Ich ist niemals vorhanden, sondern entsteht aus einem Greifen nach und Festhalten von geistigen und körperlichen Erlebnissen. Und durch die tantrische Meditationspraxis kann man sich nicht nur von diesem Greifen und Klammern befreien, sondern man kann diesen Vorgang auch noch nutzbringend verwandeln, indem man durch die Praxis eine reine Sicht der Phänomene – der gesamten Manifestation der Erlebnis- und Erscheinungswelt – erlangt.

Ziel einer Einweihung

Dies ist im Grunde auch Ziel und Absicht einer tantrischen Ermächtigung. Man wird in die Lage versetzt, von der gewöhnlichen Vorstellung abzulassen und zu einem reinen Erleben der Manifestation der angeborenen Buddha-Natur zu gelangen. Die alten Sichtweisen auf die körperlichen und geistigen Erlebnishaufen werden bereinigt und man wird in eine neue Sichtweise und in neue Möglichkeiten des Selbst- und Welterlebens ermächtigt. In den Liturgien und Meditationstexten liest sich das dann immer als „alle Erscheinungen sind Gottheit und Mandala, alle Klänge sind Mantra und alle geistigen Vorgänge sind der Ausdruck der Natur des Geistes“. Klar, das ist gleich einmal so dahergeredet, aber man kann es auch durch beständige Praxis als erlebte Wahrheit realisieren.

So, das war’s vorerst als Einstimmung. Das nächste Mal werde ich euch etwas über Buddha-Erscheinungen in der Welt erzählen. Also dranbleiben!


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