Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. Februar 2016

Geheime Praktizierende

candle-1016442_1920Geheimhaltung ist ja im Vajrayana oft eine Killer-App und führt bei manchen Letuen zu einer Geheimniskrämerei. Ok, man kann auf verschiedene Arten das Gefieder aufplustern. Doch alles im Leben in den Pfad zu bringen und 24/7 die Sicht zu halten, erfordert oft eine große Einfachheit. Hier ein Herzensrat von Chagdud Rinpoche.

Den Geist durch die Praxis im Alltag üben

Buddhismus ist seit 2500 Jahren eine spirituelle und philosophische Tradition, die seine Praktizierenden befähigt, die Geistesgifte und negativen Gewohnheiten zu beseitigen und die reine und absolute Natur des Geistes zu enthüllen.
Die grundlegende Natur unseres Geistes ist wie reines Gold, aber ihre angeborene Reinheit ist nicht offensichtlich, weil sie von einer Kombination aus widerstreitenden Gefühlen, karmischen Umständen, intellektuellen Verschleierungen und Gewohnheiten bedeckt ist. Diese nicht geläuterten Schichten, die wie Erz sind, das Gold enthält, müssen wie beim elementaren Gold verfeinert und geläutert werden, um die reine Essenz unseres Wesens freizulegen.
Unsere menschliche Geburt bietet uns die Gelegenheit, diesen Reinigungsprozess zu unternehmen und die Liebe, das Mitgefühl, den Gleichmut und die Freude zu entdecken, die spontan aus der grundlegenden Natur des Geistes erscheinen.
Wenn wir unser Leben überprüfen, dann werden wir sehen, dass unsere wahre Unzufriedenheit, unsere Angst und unser Unbehagen nicht von äußeren Umständen verursacht ist, sondern von der Art und Weise wie wir innerlich auf diese Bedingungen reagieren. Wir können nicht leugnen, dass schwierige Umstände existieren, aber wir müssen erkennen, dass eine Person, die etwas Kontrolle über die innerlichen Vorgänge des Geistes hat, nicht dieselbe Kraftlosigkeit und das gleiche Leiden angesichts von Verlusten, Ungemach und Krankheit hat, verglichen mit einer Person, deren Geist ungeübt ist.
Ich kenne das aus persönlicher Erfahrung, da mein Land Tibet an die kommunistischen Invasoren verloren ging, die unseren kulturellen und spirituellen Traditionen völlig feindlich gegenüber waren. Viele große Meister wurden gefoltert, zu Tode gehungert und getötet. Ungeachtet dieses Elends konnten die Kommunisten nicht das Vertrauen, das Mitgefühl und den inneren Frieden bei jenen schmälern, den diese durch spirituelle Realisation erlangt hatten. Die Kommunisten konnten bloß die äußerliche Realität beherrschen.

Was ist bedeutsam?

Viele von uns sind in diesem reichhaltigen und gastfreundlichen Ort wie Brasilien[1] nicht mit solch dramatischen Herausforderungen konfrontiert. Stattdessen sind wir gefordert herauszufinden, was wirklich bedeutungsvoll in unserem geschäftigen Leben ist und zu entdecken, was wirklich nützlich in den Beziehungen mit unserer Familie, unseren Lieben und Kollegen am Arbeitsplatz und anderen ist, denen wir begegnen.
Vom buddhistischen Standpunkt aus gibt es nichts Bedeutsameres, als diese kostbare menschliche Geburt zu nutzen, um die unwandelbare absolute Natur des Geistes zu erkennen. Diese Erkenntnis beschleunigt Vertrauen und Kraft angesichts der flüchtigen inneren und äußeren Ereignisse. Jedesmal wenn wir unsere selbstzentrierten Gewohnheiten beiseite lassen, um für den Nutzen anderer zu wirken, reinigen wir einige der gewöhnlichen Verschleierungen des Geistes und wir vermehren unseren Verdienst.

Integration des spirituellen Pfades im Alltag

Reinigung und Erzeugen von Verdienst und Weisheit bilden den Pfad zur Erleuchtung. Und wir können beständig Gelegenheiten entdecken, dies in unsere täglichen Aktivitäten zu integrieren. Die Menschen beschweren sich oft, dass sie keine Zeit für die formale Praxis haben. Jedoch kann jeder Tag in eine ausführliche Meditationssitzung gegliedert werden:

  • Wenn wir am Morgen aufwachen, erfreuen wir uns an der Tatsache, dass wir einen weiteren Tag für das Verwirklichen von spiritueller Praxis haben.
  • Wir erzeugen eine reine, starke Motivation, indem wird davon Abstand nehmen, anderen mit unseren körperlichen, sprachlichen und geistigen Handlungen zu schaden und ihnen in jeder Weise nützlich sein können.
  • Während des Tages prüfen wir unseren Geist – selbst wenn wir reden oder mit anderen Aktivitäten beschäftigt sind – um herauszufinden, ob diese Handlungen aus einer reinen Absicht herrühren oder von Giften wie Selbstbezogenheit, Stolz, Eifersucht und Ärger. Handlungen oder Worte können genau das gleiche sein, aber die positive oder negative Emotionen hinter ihnen werden die karmischen Resultate bestimmen.
  • Vor dem Einschlafen in der Nacht reflektieren wir unseren Tag. Wenn wir Momente finden, in denen wir dabei versagt haben, unseren guten Absichten zu folgen, dann bereinigen wir das. Wir laden ein erleuchtetes Wesen als unseren Zeugen ein, anerkennen und erzeugen Bedauern über unser Vergehen, dann fassen wir den Entschluss, es nicht mehr zu wiederholen und empfangen Reinigung durch das Visualisieren von Licht, das von unserem erleuchteten Zeugen ausstrahlt, uns durchdringt und die Negativität bereinigt.
  • Wir rufen uns auch die Momente in Erinnerung, in denen wir Verdienst durch unsere Handlungen, unsere Rede und positiven Absichten angesammelt haben. Wir stellen uns vor, wie sich dieser Verdienst ausweitet, zu einer gewaltig großen Opfergabe wird, die sich im Geist aller Wesen im gesamten Universum auflöst.

Geheime Praktizierende

Eine Person, die eine einzige Kerze entzündet, bietet Licht für alle in einem Raum. Ebenso vermehrt die Widmung des Verdienstes, den wir erzeugt haben, die positiven Eigenschaften – Wohlstand, Langlebigkeit und Glück – von allen Wesen.
Die Lehren des Buddha befähigen uns, Transformation durch spirituelle Praxis zu verwirklichen, ohne auf einem Kissen zu sitzen, ohne anderen unser Glaubenssystem zu verkünden, ohne äußerliche Religiosität. Innerlich trainieren wir unseren Geist und werden geheime Praktizierende auf dem Pfad der Erleuchtung.

Zum Wohle der Wesen, die nicht des Englischen mächtig sind, vom Ngak’chang Rangdrol Dorje ins Deutsche übersetzt. Möge es inspirieren!

[1] Anm.; Chagdud Rinpoche verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Brasilien.


Responses

  1. wunderbare Worte, vielen vielen Dank, lieber Enrico für diesen Beitrag


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