Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. März 2016

Der Ursprung der Löwenköpfigen

Die Geschichte der Simhamukha in der Nyingma-Tradition

Sengdong-schwarzGemäß Khyentse Rinpoche ist die Originalschriftquelle für Simhamukha das Drwa ba’i sdom pa’i rgyud. Dieses Tantra, in dem Simhamukha mit den acht zornvollen Gauris (tib., ke’u ri ma brgyad) und den acht Tramenmas, d.h. tierköpfigen Zauberinnen (tib., phra men ma brgyad) in Verbindung gebracht wird, scheint mit dem Guhyagarbha Mayajalazyklus (tib., sgyu ‘phrul drwa ba) in Verbindung zu stehen. Im tibetischen Totenbuch (tib., bar do thos grol) erscheinen diese Gaurihexen, die die acht Formen des weltlichen Bewusstseins repräsentieren und diese acht tierköpfigen Zauberinnen, die die acht Objekte des Bewusstseins verkörpern, dem Verstorbenen am 12. und 13. Tag der Bardoerfahrung nach dem Tode. Allerdings ist es hauptsächlich den Termas, den verborgenen Schatztexten, die seit dem 11. Jahrhundert entdeckt wurden zu verdanken, dass Simhamukha von den Nyingmapas praktiziert wird.
Im Sutrasystem nehmen die Praktizierenden Zuflucht in die drei Juwelen Buddha, Dharma und Sangha. Allerdings nimmt man im Tantrasystem auch Zuflucht in die drei Wurzeln Guru, Gottheit und Dakini (tib., bla ma yi dam mkha’ ‘gro gsum). Im Termasystem des Jetsun Nyingpo (tib., ‘ja’-tshon snying-po, 1585-1656), bekannt als das dKon-mchog spyi ‘dus, „Die Vereinigung der Drei Kostbaren“, ist die Hauptvisualisations-Praxis das Zhi drag seng gsum. Hier bedeutet zhi (tib., zhi ba) friedvoll und dies bezieht sich auf die friedvolle Form von Guru Padmasambhava, bekannt als Guru Zhiwa. In dieser Erscheinung ist er in seine üblichen Roben gekleidet, mit seiner rechten Hand hält er einen goldenen Vajra vor sein Herz und in seiner linken Hand hält er eine Schädelschale, in der sich eine Langlebensvase befindet. Drag (tib., drag po) bedeutet wild und bezieht sich auf die grimmige Form von Padmasambhava, genannt Guru Dragpo. In dieser Erscheinung ist er von flammendroter Farbe und erscheint als zornvolle Gottheit, wobei er einen Vajra in seiner rechten und einen schwarzen Skorpion in seiner linken Hand hält. Seng bedeutet Löwe und bezieht sich auf die löwenköpfige Dakini Simhamukha (tib., sen ge’i gdong ma). Als Dreiheit angerufen verkörpern sie die drei Wurzeln Guru, Deva und Dakini. Der berühmte Tertön Ratna Lingpa (tib., ratna gling-pa, 1403-1479) entdeckte auch viele Termas mit Bezug zu Simhamukha. In ähnlicher Weise enthüllte das berühmte Wunderkind Tulku Mingyur Dorje (tib., mi ‘gyur rdo rje, 17. Jhdt.), das die gNam-chos, die Himmelsbelehrungen erhielt, bestimmte verborgene Schatztexte von Senge Dongma. In diesem und in anderen Termas werden verschiedene unterschiedliche Übermittlungen dargelegt, die Padmasambhava direkt von seiner Dakinilehrerin in Uddiyana, von der Guhyajnana Dakini (tib., gsang ba ye shes mkha’ ‘gro ma) erhielt. Eine der acht Manifestationen von Padmasambhava (tib., mtshan brgyad) ist Simharaurava (tib., seng ge sgra sgrogs), das Löwengebrüll. Diese Erscheinungsform ist eng mit Simhamukha verbunden, da Padmasambhava die Übertragung von Guhyajnana erhielt, während er sich in dieser Form manifestierte. Wie bereits erläutert, wird Simhamukha als Emanation dieser Dakini aus Uddiyana betrachtet.

Simhamukha und Padmasambhava

Aufgrund der engen Verbindung von Simhamukha mit Padmasambhava könnte man sagen, dass sie seine Anima repräsentiert. Gemäß der traditionellen Überlieferung des Sieben-Zeilen-Gebetes (tib., tshig bdun gsol ‘debs) von Padmasambhava debattierte einst in der Nalanda Universität eine Versammlung von buddhistischen Gelehrten mit einer Gruppe von Hindugelehrten über bestimmte philosophische Themen. Aber die buddhistischen Gelehrten fanden sich schon bald auf der Verliererstraße wieder, und so brachten sie den Dakinis eine Puja dar und beteten um ihre Hilfe. Die melodiösen Stimmen der Dakinis prophezeiten, dass ihr Bruder Padmasambhava den Buddhisten am nächsten Tag zur Hilfe kommen werde. Tatsächlich betrat am darauffolgenden Tag ein wild aussehender Yogi vom nahegelegenen Verbrennungsplatz die Halle und verwickelte die Hindugelehrten in eine philosophische Debatte. Am Ende des Tages hatte er systematisch all ihre Argumente widerlegt. Aber viele Gelehrte blieben störrisch, warfen dem Yogi Beleidigungen an den Kopf und stolzierten arrogant in der Halle herum. Der Guru saß ruhig inmitten des Sturmes, der um ihn tobte, gestattete einem Anflug von Zorn in ihm aufzusteigen und projizierte dann die feurige Energie dieser Wut in den Raum vor ihm. Sie verschmolz zur erschreckenden Form der feurigen, löwenköpfigen Göttin. Die hochmütigen Gelehrten waren über diese Manifestation zu Tode erschrocken und flohen aus der Halle, aber Simhamukha verfolgte sie und warf sie zu Boden. Verschreckt bettelten sie um ihr Leben und unterwarfen sich dem Guru und seinen Lehren.

Aus dem „Secret Book of Simhamukha“ von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds; 1987); deutsche Übersetzung von Florian Lobsang Dorje (Florian Schnitzer, 2014) dankend übernommen und nachbearbeitet vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015).


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