Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. April 2016

Vertrauen und Sicht im Vajrayana

tibet-623784_1920Es gibt so viele Dinge, die man beachten muss – dies sind gerade die wichtigsten. Über all diesen ist es wichtig, das unfehlbare Gesetz von Ursache und Wirkung – Karma – zu beachten. Wenn man selbst durch sorgfältiges Schauen auf Ursache und Ergebnis, dann sind die meisten Verpflichtungen durch diese Berücksichtigung gehalten. Viele Leute glauben, wenn sie ins Vajrayana und speziell ins Dzogchen eintreten, dass alles auf dieser Praxisstufe erlaubt ist, aber das ist sehr, sehr falsch. Es ist ein großer Fehler so zu denken. Selbst die höchsten Praktizierenden achten noch sehr sorgfältig auf das Prinzip von Ursache und Wirkung. Man muss sich selbst beobachten und entsprechend über sich selbst wachen.

Zuversicht

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es heutzutage sehr schwierig ist, Zuversicht in das geheime Mantra zu haben. Es ist sehr schwierig jenem zu vertrauen, was einem gesagt wird und dem, was man sieht. Gemäß der Sicht des geheimen Mantras ist z.B. Kot Buddha Vairocana und Urin ist Buddha Amoghasiddi. Nun wer glaubt schon daran? Es ist schon sehr schwierig zu glauben, dass Scheiße Buddha Vairocana ist, oder? Wie kann denn das sein? Tatsächlich ist die Natur des Phänomens, von dem man glaubt, es sei schmutzig und man Abscheu empfindet, die Natur des Buddha. Aber es ist schwierig für einen jetzt daran zu glauben. Man mag beispielsweise gehört haben, dass die Natur der Erde die Dakini Sangye Chenma und die Natur des Wassers die Dakini Mamaki ist. Was bedeutet das nun? Man versteht die Bedeutung nicht, wenn man die Erde als Erde betrachtet, man erkennt die Dakini nicht, und wenn man Kot als Kot sieht, dann sieht man den Buddha nicht. Wenn man also den Grund dafür nicht kennt, und man die Welt in der Weise wie man sie sieht betrachtet, dann hält man die gewöhnliche Sicht weiter aufrecht.

Beschränkungen überwinden

Durch die Dharma-Praxis im allgemeinen und des geheimen Mantras im speziellen, versucht man die geistigen Beschränkungen, die zu gewohnheitsmäßigem Greifen nach wahrer, inhärenter Existenz führen, in das offene Gewahrsein der innewohnenden Weisheitsnatur zu verwandeln. Um dies zu tun, muss man lernen und den Belehrungen der Lamas, der spirituellen Lehrer, zuhören. Man muss die Texte lesen. Man muss über die Bedeutung der Belehrungen nachdenken und zu einem Verständnis der Bedeutung kommen. Durch Studium muss man das Vertrauen darin entwickeln und vermehren. Und speziell um die eigenen Verdunklungen und Negativitäten zu entfernen, muss man praktizieren. Allmählich wird man dann dies alles zu verstehen beginnen und tatsächlich dies als wahr erkennen. Man wird zu diesem Ergebnis durch das Entwickeln der Weisheit des Hörens, der Weisheit von Studium und Kontemplation, und durch die Weisheit der Meditation kommen, ebenso durch das Erhalten der Segnungen des Lamas, indem man Vertrauen in den Lehrer hat, und indem man dem Geist des Lehrers und seinen Segnungen erlaubt, in den eigenen Geist zu kommen.

Buddhas erkennen

Die Zeit wird kommen, wenn man unreine Dinge als Buddhas und Dakinis erkennen wird. Obwohl man jetzt solche Dinge nicht erkennen kann, soll man die Einstellung haben, dass man dies eines Tages sehen wird, und man muss das Vertrauen haben, dass dies in dieser Sicht wahr ist. Man sollte niemals eine falsche Sicht entwickeln. Eine falsche Sicht lässt einen entsetzlich leiden. Anstatt dass man sich erlaubt in eine falsche Sichtweise aufgrund eines Mangels an Verständnis zu verfallen, soll man denken: „Der Grund, warum ich das nicht verstehe, sind meine Unfähigkeiten, meine Verschleierungen und mein negatives Karma, und ich sollte besser daran arbeiten. Ich habe Vertrauen, dass dies, die höchste Lehre des Buddha, das geheime Mantra, letztendlich wahr ist, und ich werde dies langsam und sorgfältig aufnehmen, und ich werde meinen Fähigkeiten entsprechend fleißig üben. Ich weiß, dass ich zur rechten Zeit die Natur realisieren werde.“ Und wie alle wissen, gibt es am Anfang immer Schwierigkeiten, aber man sollte sich diese Anweisung, wie man mit Problemen umgeht, zu Herzen nehmen.
Eine weiße Muschel erscheint Gelb für eine Person, die Gelbsucht hat, aber sie wird weiß für eine Person ohne Gelbsucht erscheinen. Die Substanz „Wasser“ wird von den verschiedenen Wesen der vielfältigen Arten des Daseinskreislaufs gemäß ihrer jeweiligen karmischen Situation unterschiedlich erfahren. Götter erfahren es als Nektar, während die Wesen in den Höllenbereichen es als feurige Flüssigkeit erleben. Alle Erscheinen werden gemäß der karmischen Wahrnehmung der Betrachter gesehen, etikettiert und ergriffen. Man muss verstehen, dass die Art, wie man die Dinge sieht, benennt und ergreift nicht notwendigerweise wahr ist, aber der Dharma ist wahr. Wenn man den Dharma jetzt nicht verwirklichen kann, dann sollte man auf richtige Art daran arbeiten, sich in die Richtung zu bewegen, dass man fähig wird, ihn eventuell zu realisieren. Man muss das Vertrauen und die korrekte Sicht haben, dass es eines Tages geschehen wird.

Auszug aus Belehrungen von S.E. Yangthang Rinpoche zum Vajrakila aus dem Zyklus des Ratna Lingpa. Übersetzt und zusammengestellt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2009)


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