Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Mai 2016

Der Eid des Buddha

Gurgon_MahakalaGelübde, Versprechen, Schwüre oder einfach Regeln sind für Praktizierende eine Stütze auf dem Pfad. Da man sich in der Praxis bekanntermaßen auf unbekanntem Gelände bewegt, kann man die Vinaya – das umfangreiche buddhistische Regelwerk – als eine Richtschnur im vernebelten Geist ansehen, die einen sicher leitet. Für Praktizierende des Vajrayana sind die Samayas das Herzblut für die Verwirklichung. Zu glauben, dass man diese missachten könne und „verrücktes Verhalten“ zur Schau stellen solle, ist ein fataler Irrtum.

Grundlegendes

Mit unseren drei Toren von Körper, Rede und Geist können wir zwar eine grenzenlose Anzahl an unheilsamen Handlungen begehen, aber sie lassen sich auf zehn zusammenfassen.

Zunächst die des Körpers:
1) Leben nehmen; 2) Stehlen; 3) sexuelles Fehlverhalten.

Dann die der Rede:
4) Lügen; 5) trennende Rede; 6) harsche Rede; 7) sinnlose Rede.

Und schließlich die des Geistes:
8) Habsucht, Begehrlichkeit; 9) Bösartigkeit, Übelwollen; 10) falsche Ansichten.

Untaten, Vergehen, abwegige Handlungen

Die fünf Untaten, die sofortige Konsequenzen nach sich ziehen, welche ein Resultat einer sofortigen Wiedergeburt in der Hölle unaufhörlicher Qualen ist, ohne einen Übergang (Bardo) zu durchlaufen:
1) die eigene Mutter töten; 2) den eigenen Vater töten; 3) ein Weisheitswesen töten; 4) eine Spaltung der spirituellen Gemeinschaft (Sangha) herbeiführen; und 5) einen Buddha aus Bösartigkeit bluten lassen.
Die fünf Vergehen, die diesen der unmittelbaren Konsequenzen nachfolgen sind: 1) mit einer Nonnen unrein verkehren; 2) einen Bodhisattva töten; 3) jemanden, der sich im Pfad der Erleuchtung übt, zu töten; 4) die Güter der spirituellen Gemeinschaft stehlen; und 5) einen Stupa zerstören.
Die fünf abwegigen Handlungen sind: 1) Gutes kritisieren; 2) Böses preisen; 3) eine tugendhafte Person beim Ansammeln von Verdienst stören; 4) den Geist jener, die Hingabe haben, stören; 5) den eigenen spirituellen Meister aufgeben; 6) die eigene Meditationsgottheit aufgeben; 7) die eigene Vajra-Familie aufgeben; 8) ein Mandala entweihen.

Gelübdekategorien

Die sieben Gelübdekategorien der individuellen Befreiung (Pratimoksha-Gelübde) sind: 1) Mönche; 2) Nonnen; 3) Novizen; 4) Novizinnen; 5) männliche Laien; 6) weibliche Laien; 7) Novizinnen in Ausbildung.

Vollständigkeit

Damit eine Verfehlung auch zu einem vollständigen Bruch wird, müssen vier Aspekte zusammenkommen. Es muss 1) eine Basis geben, 2) die entsprechende Absicht muss vorhanden sein, 3) die Handlung muss ausgeführt werden und 4) sie muss zur Vollendung kommen. Wenn also ein Aspekt davon fehlt, dann gilt eine unheilsame Handlung nicht als vollständig und zieht eben nicht die gesamten Konsequenzen nach sich.

Monastische Sangha

Die vier Niederlagen für Angehörige der monastischen Sangha sind: 1) Geschlechtsverkehr; 2) Diebstahl; 3) Mord; und 4) über den Grad der eigenen spirituellen Errungenschaften lügen.
Die 13 teilweisen Niederlagen für Angehörige der monastischen Sangha sind: 1) Ejakulation; 2) Körperkontakt mit sexuellen Absichten; 3) Gespräche mit sexuellen Absichten mit einer begehrten Person; 4) Geschlechtsverkehr zustimmen als eine Methode der Verehrung; 5) Kuppelei; 6) ein unpassendes Domizil errichten; 7) ein unpassendes Domizil für vier oder mehr Angehörige der monastischen Sangha errichten; 8) grundlose Anschuldigungen anderer Angehöriger der monastischen Sangha; 9) andere Angehörige der monastischen Sangha belanglos zu beschuldigen; 10) eine Spaltung in der Klostergemeinschaft zu bewirken; 11) sich mit anderen zusammentun, um eine Spaltung zu bewirken; 12) veranlassen, dass eine Laienperson ihr Vertrauen verliert; 13) einer wahren Anschuldigung trotzen, indem man ablehnt, ein Vergehen offenzulegen.
Weitere Niederlagen für Angehörige der Klostergemeinschaft sind jene, die das Aufgeben eines Gegenstandes erfordern, der die Grundlage für den Sturz vor dem Bekenntnis ist. Diese werden in drei Gruppen zu je zehn gezählt. Aber da dies zu umfangreich ist, werden sie hier nicht aufgelistet.
Ursachen für den Verfall der Angehörigen der monastischen Sangha sind Niederlagen, die nur ein Bekenntnis erfordern, kein Aufgeben des Gegenstandes, der die Niederlage bewirkt hat. Dies werden in neun Gruppen zu je zehn gezählt und sind für eine Auflistung auch zu umfangreich.
Es gibt aber auch kleinere Vergehen, die als Unterbrechungen gezählt werden, welche Angehörige der monastischen Sangha begehen können. Dies sind insgesamt 112 Unterbrechungen.
Die vier schwarzen Taten, die als Niederlagen angesehen werden sind: 1) den eigenen Lehrer oder andere Wesen, die der Verehrung würdig sind, betrügen; 2) Bedauern darüber empfinden, was nicht zu bedauern ist [bedauernswerte Handlungen sind jene, die eine Niederlage darstellen bzw. die zehn unheilsamen Taten]; 3) aus Zorn bittere Worte jemanden gegenüber verwenden, der den Erleuchtungsgeist entwickelt hat; 4) hinterlistig oder auf irgendeine Weise betrügerisch sein.

Könige, Minister, Volk

Die fünf Niederlagen, die hauptsächlich auf Könige Anwendung finden, die Bodhisattvas im Training sind: 1) in direkter oder anderer Weise den Besitz stehlen, der den Repräsentationen von Körper, Rede und Geist des Buddhas oder der spirituellen Gemeinschaft dargebracht wurde; 2) die Lehren des Hinayana oder Mahayana zurückweisen oder bewirken, dass andere sie ablehnen; 3) einer Person Leiden zufügen, die die Attribute von Klosterzugehörigkeit trägt, ungeachtet ihrer Reinheit; 4) irgendeine der fünf Übeltaten mit sofortigen Konsequenzen begehen; und 5) nihilistische Sichtweisen erklären und sich demgemäß verhalten.
Die fünf Niederlagen, die hauptsächlich auf Minister Anwendung finden, die Bodhisattvas im Training sind: 1) – 4) sind gleich wie bei den Königen; und 5) eine Region durch eine der fünf Arten der Plünderung überfallen und ausrauben [die fünf Arten sind: ein Dorf, eine Stadt, ein Land, eine Provinz oder ein Land].
Die acht Niederlagen, die auf das Volk angewendet werden: 1) den Ungeschulten Leerheit lehren; 2) jemanden veranlassen, den Erleuchtungsgeist aufzugeben; 3) jemanden veranlassen, den Pfad der individuellen Befreiung (Hinayana) als unnötig aufzugeben; 4) unnötigerweise behaupten, dass der Pfad der individuellen Befreiung ein unwirksamer wäre, um Emotionen zu besiegen; 5) sich selbst loben und andere herabsetzen; 6) aus Gründen persönlichen Gewinns fälschlicherweise behaupten, Leerheit realisiert zu haben; 7) einen König veranlassen, ein Kloster zu überfallen und eine Beute, die daraus gestohlen wurde, anzunehmen; 8) die Meditation eines Praktizierenden zu unterbrechen oder den Besitz eines Praktizierenden zu unterbrechen, der nur Schriften rezitiert.

Vajrayana

Die 14 Wurzelverfehlungen der Praktizierenden des Vajrayana sind: 1) den spirituellen Meister missachten; 2) die Lehren des Buddha übertreten; 3) den Vajra-Geschwistern verächtlich begegnen; 4) liebende Güte aufgeben; 5) die Vitalessenz des Bodhicitta verlieren; 6) religiöse Philosophien allgemein herabsetzen; 7) ungeeigneten Empfängern Geheimnisse enthüllen; 8) die Skandhas nicht achten; 9) am Dharma zu zweifeln; 10) Zuneigung zu üblen Wesen empfinden; 11) begriffliche Konzepte auf den Dharma anwenden; 12) bei Gläubigen bewirken, dass sie ihr Vertrauen verlieren; 13) die Substanzen der tantrischen Verpflichtung zurückweisen; und 14) Frauen herabsetzen.
Die acht ernsthaften nebensächlichen Vergehen sind: 1) sich auf eine ungeeignete, ohne tantrische Voraussetzungen stützen; 2) während tantrischer Rituale streiten; 3) Nektar von einer unpassenden Gefährtin annehmen; 4) aufrichtige Schüler nicht zu lehren, obwohl es passend wäre; 5) Fragen absichtlich falsch beantworten; 6) sich länger als eine Woche im Haus eines Hörers aufhalten; 7) damit prahlen, ein tantrischer Praktizierender zu sein, obwohl man die Stufen des Geheimen Mantras nicht kennt; und 8) ungeeigneten Empfängern Geheimnisse offenbaren.
Die 25 ungewöhnlichen Aktivitäten werden in fünf Gruppen zu je fünf erklärt. Diese Gruppen sind fünf Dinge, aufzugeben sind, fünf Dinge, die zu vermeiden sind, fünf Dinge, die zu töten sind, fünf Dinge, denen man keinen Zorn gegenüber haben soll und fünf Dinge, an denen man nicht anhaften soll.

Wer mehr Einzelheiten dazu wissen möchte, empfehle ich das Buch von Dudjom Rinpoche „Perfect Conduct“ oder das Werk von Jamgon Kongtrul „Buddhist Ethics“ aus seinem Zyklus „Schatzhaus des Wissens“.


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