Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. Juni 2016

Wiedergeburt ohne Seele

beyond-602060_1280Buddhismus und die Vorstellung einer Wiedergeburt sind eng miteinander verknüpft. Für manche erscheint die Idee einer Wiedergeburt eine Heilsperspektive zu sein, da sie glauben, in einem zukünftigen Leben alle bisherigen Versäumnisse nachholen zu können, zukünftig die bisherigen Fehler vermeiden zu können und sich in Zukunft mit geliebten Personen wieder treffen zu können. Leider funktioniert das nicht so, wie sich das einfache Gemüter vorstellen.
Auch versuchen manche, dem Dharma gegensätzlich eingestellte Personen, Buddhisten mit der Frage nach dem Bevölkerungswachstum zu fangen. Schließlich nimmt doch die Bevölkerung ständig zu. Wo kommen also alle diese zusätzlichen Menschen her?
Der Buddha lehrte jedoch nichts dergleichen. Er lehrte, dass allen Wesen keine individuelle Seele innewohnt. Diese Lehre wird als Lehre von Anatman (Fehlen einer inhärenten Entität) genannt und stellt einen der Hauptunterschiede zu anderen Religionen dar. Dieses Fehlen einer innewohnenden Seinseinheit und das dennoch Erscheinen wurde im alten Indien in langen Debatten abgehandelt und gipfelte in der siebenfachen Begründung von Chandrakirti in einem Kommentar zum Mittleren Weg (Madhyamaka). Verschiedene Hindu-Traditionen, aber auch die Jains verwendeten den Begriff Atman, um eine individuelle Seele zu bezeichnen, da sie dachten, dass dieses Atman als Essenz des Brahman allen Wesen innewohne. In diesen Traditionen wird Wiedergeburt als Übergang des Atman von einer toten Person in einen neuen Körper angesehen.
Der Buddha hat dennoch gesagt, dass es keine solche individuelle Wesenheit gäbe, die von einem Haus in ein neues umziehen würde. Auf diese Weise hat der Buddha die Sichtweise eines Ewigkeitsglaubens (Eternalismus) abgelehnt. Außerdem hat er auch die Sicht eines Nichtigkeitsglaubens (Nihilismus) zurückgewiesen, da ja offensichtlich etwas erscheint, erfährt, sich wandelt und ein beständiger Strom des Erlebens gegeben ist.

Buddhismus und Wiedergeburt

animal-21649_1920Wenn man die buddhistische Lehre des Wieder-in-Erscheinung-Tretens verstehen will, dann muss man dabei die buddhistische Sicht auf ein Selbst betrachten. Der Buddha lehrte, dass unsere gewöhnliche Wahrnehmung von einzelnen, für sich abgetrennten Individuen eine Täuschung ist und dies die Ursache für unsere Probleme darstellt. Vielmehr treten alle Phänomene, einschließlich der Wesen, wechselseitig bedingt in Erscheinung. Aufgrund der individuellen Ursachen und Bedingungen erleben die Wesen dann ihre Geburt in einer Welt.
Etwas einfach betrachtet glauben machen, dass jedes Wesen wie eine Welle oder ein Tropfen in einem riesigen Ozean sei. Doch auch das stimmt nicht. Denn a) liegt dieser Überlegung auch ein substanzieller Ansatz zugrunde; und b) würden alle Wesen dadurch vermischt sein, was zu einer Erleuchtung schon vor ca. 2.500 Jahren geführt hätte, was aber offensichtlich nicht geschah. Anders als in der westlichen Philosophie fragt man sich im Dharma nicht nach einer Tatsächlichkeit der Welt, sondern erkennt, dass das eigene Erleben das einzige ist, was man tatsächlich erlebt und wie man mittels Wahrnehmung sich und Welt gestaltet.
Das Beispiel von Ozean und Welle wird jedoch immer wieder dazu verwendet, um das Auftauchen der diskursiven Gedanken aus der Natur des Geistes zu veranschaulichen. Jedoch haben alle Wesen die gleiche Natur des Geistes, doch ist bei jedem Wesen dieses Auftauchen klar-deutlich verschieden.
Hier kommen wir zu zwei Aspekten der Lehre Buddhas, und zwar a) zum Aspekt des Leerseins von Eigennatur und b) zum Aspekt des klar-deutlichen Erscheinens, dem Klarheitsaspekt, der sich wiederum in zwei weitere, nämlich der Lichthaftigkeit und der ungehinderten Manifestation, gliedert.
medusa-1253383_1920Im gewöhnlichen, verschleierten Geisteszustand erleben sich also die fühlenden Wesen als von einander getrennte Individuen in ganz bestimmten Erlebniswelten. Diese Erlebniswelten werden im Dharma in die sechs Daseinsbereiche der Götter, Gegengötter, Menschen, Tiere, Hungergeister und Höllenwesen gegliedert. Manchmal wird noch eine siebte Erlebniswelt – der Zustand zwischen Tod und Ergreifen einer neuen Geburt – dazu genommen. Diese Welten erscheinen in ihrem Zustand für die darin befindlichen Wesen absolut zu sein, da sie deren Geisteszustände bestimmte Bedingungen erschaffen und wahrnehmen. Wasser wird von den Göttern als Nektar der Langlebigkeit gesehen, von den Gegengötter als das Streitobjekt mit den Göttern, von den Menschen als Wasser, von Tieren als Lebensraum (oder auch Trinkwasser), von Hungergeistern als ein Fluss einer ekelerregenden Flüssigkeit (z.B. Eiter, Blut, Urin) und von den Höllenwesen je nach Höllenbereich als Feuerwasser, das einem unsägliche körperliche Schmerzen bereitet.
Buddhistische Schulen lehren eine Form des Übergangs. Bei manchen wie im Pali-Kanon der Theravadins folgt auf den Tod unmittelbar die nächste Geburt, bei anderen wiederum wird ein Zwischenzustand postuliert. Wie nun auch immer, es wird ein subtiler Geistesstrom aufgezeigt, der auch „lichthafter Geist“ oder die „lichthafte Natur des Geistes“ genannt wird und der nicht Gegenstand von Geburt und Tod ist. Natürlich ist das nicht dasselbe wie unser gewöhnliches, alltägliches Bewusstsein von uns selbst, das sich anhand von Kontakt, Name und Form etc. konstituiert, sondern es wird in tiefen Versenkungszuständen erfahren. Schließlich ist ja nicht unser alltägliches Bewusstsein, das sich von einem Körper zum nächsten bewegt. Es ist diese lichthafte Natur des Geistes, die im verschleierten Zustand als „fühlendes Wesen“ einen Daseinsbereich erschafft und darin erscheint, während im befreiten Zustand diese Lichthaftigkeit sich ungehindert als erwachte Körper in unzähligen Formen manifestiert.

Weltliche Furcht und spirituelle Führung

VajrasattvaWas lässt nun erscheinen? Wesen, die im gewöhnlichen, verdunkelten Geisteszustand gefangen sind, werden von ihren karmischen Winden, also den instinktiven Impulsen in ihrem Geistesstrom getrieben und ergreifen aufgrund von Furcht und Verlangen eine neue Geburt. Wesen, die aufgrund von spirituellen Einsichten und durch heilige Versprechen und Gelübden geführt werden, erscheinen zum Wohle anderer.
Mit durchdringender Einsicht ausgestattet, erscheint diesen Wesen der Tod dann nicht als die Vernichtung und ist kein angsterfüllter Moment, sondern sie sind transferieren ihr gewöhnliches Bewusstsein in die Weite des Raumes, die nicht verschieden ist von der Natur des Geistes, sehen die im Bardo auftauchenden Gestalten als die lichthaften Erscheinungen dieser Natur des Geistes und ergreifen keine Geburt mehr. Durch die Bodhisattva-Gelübde sind sie jedoch in der Lage, zum Wohle der Wesen, die diesen Zustand noch nicht realisiert haben, zu erscheinen und unvorstellbare Taten auszuführen.
Noch ein Schlusswort: Wiedergeburt – also eigentlich ein Wieder-in-Erscheinung-Treten – beschränkt sich nicht auf das Verständnis von einem Ende des Lebens in diesem Körper und einem Wiedererscheinen. Es umfasst eigentlich jedes Wieder-in-Erscheinung-Treten. Auch jetzt und jetzt und jetzt und… Es ist die Kunst des Gestaltens von Übergängen, damit man nicht den instinktiven Neigungen ausgeliefert sich in immer wieder denselben misslichen Lebenslagen wiederfindet und handelt von der Natur des Geistes und seinem ungehinderten, klar-deutlichen Erscheinen.

Mehr dazu beim Ngakpa-Retreat vom 18. – 28. August, insbesondere beim Geleit von Verstorbenen aus dem Zyklus des Lama Dorsem vom 19. – 22. August. >mehr lesen


Responses

  1. tja – wenn der Buddha das mit der Widergeburt der Seelen nicht gewusst hat, dann war er vielleicht gar nicht so erleuchtet, wie immer geglaubt wird..

    Aber das eigentlich Göttliche ist nicht individuell – das ist schon richtig..

    lg

  2. Lieber Enriko, das ist eine ausgezeichnete Darlegung, hab vielen Dank für Deine tolle Arbeit !


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